Rückkehr ohne HeimkehrBOSNIEN-HERZEGOWINA

Rückkehr ohne Heimkehr

Rückkehr ohne Heimkehr

15 Jahre nach dem Massaker von Srebrenica sind nur wenige der damals Vertriebenen in die ostbosnische Kleinstadt zurückgekehrt. Die Muslimin Dika Sirucic wagte den Neubeginn in einer Heimat, in der nichts mehr ist wie früher.

Von Nicholas Brautlecht

Wieder in der Heimat: Dika Sirucic genießt den Blick auf Srebrenica. (Foto: Eran Yardeni)  
Wieder in der Heimat: Dika Sirucic genießt den Blick auf Srebrenica. (Foto: Eran Yardeni)  

E s war eine Rückkehr in eine vernarbte Stadt. Dika Sirucic lief durch die Straßen Srebrenicas, vorbei an Fassaden, in denen Einschlusslöcher klafften, deren Fenster zerbrochen und Wände verrußt waren. Die Spuren des Bosnienkrieges waren allgegenwärtig. Trotzdem spürte Dika Sirucic Freude, denn in den Jahren als Flüchtling in Österreich war eine Rückkehr in ihre Heimatstadt ihr sehnlichster Wunsch gewesen. Seit 500 Jahren lebt ihre Familie in Srebrenica, ihre Eltern liegen hier begraben. Doch als sie an diesem Tag im Jahr 1996 zu ihrem Elternhaus kam, begann die Verzweiflung. Eine serbische Familie hatte sich dort eingerichtet. Sirucic kannte die Familie von früher, aber die verweigerte ihr die Rückgabe. Der Krieg hatte Srebrenica verlassen. Das Unrecht war geblieben.

14 Jahre später erzählt Sirucic ihre Geschichte. Die 64-jährige mittelgroße Frau mit den blondierten Haaren sitzt auf einer bunt gescheckten Couch, über ihr hängt ein Landschaftsbild in vergoldetem Rahmen. Man könnte das Ambiente kitschig nennen, wären da nicht der Krieg, die Vertreibung und die schwierige Rückkehr. Und wäre Sirucics Heimatstadt nicht Schauplatz des größten Massenmordes in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen. Die systematische Tötung von etwa 8.000 muslimischen Männern in Srebrenica vor 15 Jahren hat sich in das öffentliche Bewusstsein gegraben wie keine zweite Gräueltat des Bosnienkrieges. Es ist nicht verwunderlich, dass sich Sirucic nach Idylle sehnt.

Die Flucht rettete das Leben

Anfang der 1990er Jahre, als Srebrenica noch ein bekannter Kurort war, arbeitete Sirucic als Abteilungsleiterin in einem Kaufhaus. „Mir ging es gut damals“, sagt sie. Doch am 17. April 1992 erfassten die Folgen des Zerfalls Jugoslawiens auch den schmalen Talkessel, in dem Srebrenica gebettet ist. Aus den Hügeln feuerten serbische Paramilitärs mit schwerer Artillerie auf die muslimische Enklave und plünderten Häuser. Sirucics Peiniger kamen nicht aus den Bergen, sondern aus der Stadt. „Es waren zwei junge bosnische Serben, Studenten meines Bruders, der als Professor arbeitete.“ Die bewaffneten Männer kamen zu ihr nach Hause. Sie erlaubten ihr nur noch, die Handtasche mit dem Pass mit zunehmen. „Ich bin in Jogginganzug und Latschen geflohen.“ Doch die Flucht rettete ihr das Leben.

Im Sommer 1992 begannen die Einheiten der bosnischen Serben, die Gemeinde für drei Jahre zu belagern. In dieser Zeit suchten etwa 40.000 muslimische Flüchtlinge aus der Umgebung Schutz in der Stadt. Es herrschten Hunger und Elend. Die UN erklärte das Gebiet zur Schutzzone, doch die internationale Gemeinschaft versagte. Die 750 niederländischen Blauhelme sahen tatenlos zu, wie die Einheiten von General Ratko Mladic im Juli 1995 Familien auseinanderrissen und Väter und Söhne abtransportierten. Sie erschossen sie in den Wäldern wegen ihrer bosniakischen, muslimischen Volkszugehörigkeit. Sie verscharrten die Leichen in Massengräbern.

Eine trostlose Zeit in Flüchtlingsheimen

Jeder in Srebrenica hat Familie oder Freunde, die dem Massaker oder Krieg zum Opfer fielen. Dika Sirucic verlor ihren Schwager, der Rest der Familie konnte fliehen, ihre Eltern waren schon vor Ausbruch des Krieges gestorben. Sirucic floh nach Österreich. Sie lebte in Flüchtlingsheimen – eine trostlose Zeit fernab der Heimat: „Essen, schlafen, ab und zu ein Besuch beim Arzt, dreieinhalb Jahre lang“. Im Sommer 1996 lernte sie auf einer Wiener Parkbank ihren heutigen Mann Erwin kennen, einen Österreicher, Jahrgang 1933. Sie war 1945 geboren. Beide waren nicht mehr die Jüngsten, aber sie verliebten sich und heirateten. Auf die österreichische Staatsbürgerschaft verzichtete Sirucic. Zu groß war die Sorge, dass sie deswegen den Anspruch auf ihr Haus in Srebrenica verlieren könnte.

Fünf Jahre kämpfte Sirucic nach ihrer gescheiterten Heimkehr 1996 um ihr Haus. Am Ende bekam sie Recht. Ein Gericht legte den Übergabetermin auf den 4. Juli 2001. Doch die serbische Familie wollte das Haus noch immer nicht verlassen. „Sie behaupteten, nie über das Urteil informiert worden zu sein.“ Sirucic setzte eine Frist. Als sie das Haus im Frühjahr 2002 erstmalig wieder betrat, war es komplett leer geräumt. „Sogar die Kloschüssel und die Steckdosen hatten sie abmontiert.“ Sirucic und ihr Mann waren kaum eingezogen, da rief jemand an und drohte, einen Brandsatz ins Fenster zu werfen. Wenig später erhielten sie einen Drohbrief. „Sie wollten uns wieder loswerden.“ Die Polizei ermittelt. Es war ein serbischer Nachbar, der sie nötigte.

Die Wut ist der Resignation gewichen

Es sind Geschichten wie diese, die viele der Vertriebenen von einer Rückkehr abhalten. Sie fürchten, ihren Peinigern auf der Straße zu begegnen. „Die Leute, die mich aus dem Haus geschmissen haben, fahren jetzt hier ihr Auto spazieren“, sagt Sirucic. Ihre Wut über die Straflosigkeit der Täter scheint der Resignation gewichen zu sein. Als Sirucic das heutige Verhältnis der Volksgruppen beschreibt, klingt sie abgeklärt: „Wir streiten und wir provozieren nicht. Wir leben nebeneinander her, nicht mehr miteinander.“ Zu tief sitze das Misstrauen.

Spricht man mit den europäischen Soldaten vor Ort, ist auch von Neid die Rede. Neid auf die neuen Dächer auf den Häusern der Muslime und die Kühlschränke in ihren Küchen. In den Augen vieler Serben kam die internationale Hilfe für Srebrenica nur den muslimischen Opfern zugute. Dabei mordeten in der Region zu Kriegsbeginn auch bosniakische Einheiten in serbischen Dörfern. Doch berichtet wurde darüber kaum. Zu groß ist der Schatten, den das Massaker von Srebrenica über die Gegend wirft.

Es ist früh am Nachmittag, als der Gebetsruf des Muezzins ins Wohnzimmer in Dika Sirucics dringt. Als die Stimme verklungen ist, dröhnt lautes Hupen von der Straße. Sie tritt auf den Balkon und stützt ihre Arme auf das Holzgeländer. Mehrere Autos sausen vorbei. Junge Männer recken die Köpfe, sie halten serbische Flaggen aus den Wagenfenstern. Als sie Sirucics Haus passieren, zeigt ein Beifahrer ihr den Drei-Finger-Gruß – ein Symbol für die Dreifaltigkeit der serbisch-orthodoxen Kirche. Sirucic schüttelt den Kopf. „Diese Leute waren noch nicht geboren, als es passierte“, sagt sie. „Oder sie sind zu jung, um alles zu verstehen.“ Dann tritt sie über die Schwelle zurück ins Wohnzimmer, dorthin, wo die Vergangenheit vor der Tür bleibt.

*

Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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