Russen sind zu dickRUßLAND

Russen sind zu dick

Ein Großteil der erwachsenen Russen achtet zu wenig auf die schlanke Linie. Das Moskauer Institut für Ernährungsforschung lud deshalb zu einer Diskussion, um über die Ursachen der weit verbreiteten Fettleibigkeit in Rußland zu debattieren.

Von Wolf Oschlies

L ebensmittel-Mangel“ (deficit produktov) – der Ausdruck verschwand in postkommunistischen Zeiten aus der lebendigen russischen Sprache. Die Läden sind voll, über Rußland rollt eine „Freßwelle“ hinweg. Mit unübersehbaren Folgen: In den letzten Jahren hat der Durchschnittsrusse zwei Kilo an Gewicht zugelegt. Aber das ist nur ein statistischer Mittelwert, der sich „gewichtig“ differenzie­rt: Derzeit weisen 60 Prozent aller Frau­en und 50 Prozent aller Männer über 30 Jahre das auf, was höfliche Blätter „Übergewicht“ (izbytocnyj ves) nennen, andere beim drastischen Namen nennen – „Verfettung“ (ozirenie). Zu viele Pfunde lassen das allgemeine Gesundheitsniveau sinken: Herz- und Gefäßerkrankungen, Diabetes 2 und viele andere Leiden sind zum Risikofaktor Nr. 1 in Rußland geworden.

„Optimale Ernährung – gesunde Nation“ hieß das Motto eines „Allrussischen Kongresses“, zu dem das Institut für Ernährungsforschung der Russischen Medizinischen Akademie Ende Oktober nach Moskau geladen hat. Kongreßleiter Viktor Tuteljan nannte bei der Eröffnung ein paar Binsenweisheiten: Richtige Ernährung ist das Fundament menschlicher Gesundheit, und sie hängt von drei Faktoren ab – Qualität der Nahrungsmittel, ihre Zugänglichkeit und „das Wissen der Leute, welche Ernährung richtig und gesund ist.“ In Rußland ist nur der zweite Faktor gesichert: Wer will, kann sich nach Bestnormen ernähren, denn es gibt nichts, was es im Verkaufsangebot nicht gäbe.

Fettleibigkeit als Anzeichen der Verarmung

Aber ist das Angebot auch auf die Einkommen der russischen Bevölkerung angepaßt? Über dieses Frage wurde auf dem Kongreß heftig gestritten. Die guten Nahrungsmittel sind zu teuer, sagte etwa Dr. Valerija Iljina, und darum können die einkommensschwachen Bevölkerungsschichten (Rentner, Studenten, kinderreiche Familien) sich Fleisch, Fisch und Milchprodukte nicht leisten und futtern sich mit Brot, Mehlwaren und Hülsenfrüchten eine Wampe an. Die neue russische Fettleibigkeit ist in Wahrheit ein Anzeichen der Verarmung weiter Bevölkerungsteile.

Das mag anderswo so sein, widersprach Aleksandr Baturin, Vize-Direktor des gastgebenden Instituts, „aber nicht in Rußland“, denn „hier tritt Übergewicht meistens bei Menschen aus der sogenannten Mittelschicht auf, die über ein mehr oder minder stabiles Einkommen verfügen.“ Die von Ärzten und Ernährungsberatern empfohlenen Nahrungsmittel sind so preisgünstig, „daß sogar Rentner sie sich leisten können.“

„Das Leben ist leichter und fröhlicher geworden,“ behauptete (fälschlich) vor 70 Jahren Stalin. Aber heute stimmt es, und diese neue Leichtigkeit russischen Seins hat nicht nur entspannende Folgen. Russische Stadtbewohner sind zu etwa 15 Prozent häufiger übergewichtig als ihre ländlichen Mitbürger. Die müssen ihr Vieh versorgen, ihren Garten bestellen und andere Arbeiten erledigen, die fit und schlank halten. Anders ist es in der Stadt, wo man aus einem Haushalt mit vielen Hilfsinstrumenten mit Metro oder Bus in sein Büro fährt und nach Feierabend vor seinem Computer sitzt. Diese bewegungsarme Lebensweise läßt schon die Kinder Fett ansetzen. Von Erwachsenen ganz zu schweigen: Der „Moskauer Klub der Dicken“ beschwert sich laufend, daß die Drehkreuze in hauptstädtischen Bahnhöfen viel zu eng seien und sie vom Moskauer Personenverkehr ausschlössen.

Beschwerden haben auch andere, etwa die „Gesamtnationale Vereinigung gegen die Gefährdung durch genmanipulierte Nahrungsmittel“. Ihr Präsident Aleksandr Baranov wird nicht müde, die seit zehn Jahren in Rußland wuchernden Fastfood-Ket­ten anzuklagen, weil sie in seinen Augen die Russen durch transgene Nahrungsbeimengungen gefährden. Auch die russische Nahrungsmittelindustrie mit ihren neuerlichen Geschmacksverstärkern, Konservierungsstoffen etc. muß sich viele Vorwürfe gefallen lassen.

30 Prozent der Wehrpflichtigen leiden an Untergewicht

Russische Eßgewohnheiten haben sich geändert. In Sowjetzeiten gab es im Arbeitsalltag drei obligatorische Eßpausen – heute ißt jeder, wann er will, am Abend sogar zweimal. Und das ist schädlich, rügen die Wissenschaftler. Noch heftiger kritisieren sie, daß sich russische Eßgewohnheiten nicht geändert haben. Wie früher, als leere Läden zu billiger Einheitskost zwangen, werden vor allem Brot, Kartoffeln und Wurst verspeist, was dann (wie medizinische Untersuchungen belegten) zu gravierenden Mangelerscheinungen an Vitaminen, Mineralien und anderen Elementen führt. Solche Ernährung läßt russische Leiber anschwellen – oder verdorren. Die russische Armee hat jüngst festgestellt, daß 30 Prozent (!) der Wehrpflichtigen an Untergewicht leiden. Dabei dürfte es sich um ca. 100.000 junge Männer handeln, und wenn man diese Zahl hochrechnet (da die Armee nur einen kleinen Teil derer einzieht, die im Prinzip wehrpflichtig sind), kommt man auf erschreckende Befunde zur Gesundheit der russischen Jugend.

„Frühstücke selber, teile das Mittagessen mit einem Feinde und das Abendessen mit einem Freunde,“rät ein altrussisches Sprichwort. Im Klartext wird also Mäßigung und Selbstbeherrschung beim Essen empfohlen. Also just die Eigenschaften, die Russen derzeit kollektiv vermissen lassen.

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Der Autor: Prof. Dr. Dr. h.c. Wolf Oschlies (geb. 1941) ist Osteuropa- und Balkanexperte und lehrt an der Universität Gießen.

Ernährung Russland

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