„Russische Reise“ von John Steinbeck und Robert Capa, herausgegeben von Ilija TrojanowGELESEN

„Russische Reise“ von John Steinbeck und Robert Capa, herausgegeben von Ilija Trojanow

„Russische Reise“ von John Steinbeck und Robert Capa, herausgegeben von Ilija Trojanow

Ilija Trojanow, Schriftsteller und Herausgeber der Buchreihe „Weltlese – Lesereisen ins Unbekannte“, stellt in der vorliegenden Edition zwei berühmte amerikanische Journalisten vor ? den Schriftsteller John Steinbeck und den Fotografen Robert Capa, die wenige Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, im Jahr 1947 für die „New York Herald Tribune“ in die Sowjetunion reisten. Ihr Reisebericht will jenseits der durch die Propaganda des Kalten Krieges produzierten Stereotype einen vorurteilslosen Blick in den Alltag der Sowjetbürger werfen. - Ein zeithistorisches Dokument über den Spätstalinismus.

Von Eva-Maria Stolberg

„Russische Reise“ von John Steinbeck und Robert Capa (Fotos), herausgegeben von Ilija Trojanow  
„Russische Reise“ von John Steinbeck und Robert Capa (Fotos), herausgegeben von Ilija Trojanow  

E s ist ein wichtiges zeithistorisches Dokument, das hier dem Leser präsentiert wird: Zwei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges, der gerade für die Sowjetunion verheerende Folgen hatte, bereisten zwei amerikanische Journalisten das Land, das vom Spätstalinismus gekennzeichnet war. Der von Ilija Trojanow herausgegebene Reisebericht erschien unter dem Originaltitel „A Russian Journal“ im Jahr 1948. Das Jahr 1948 war ein Epochenjahr: Es markierte mit dem Konflikt der Supermächte USA und Sowjetunion in der Berlin-Blockade, dem kommunistischen Coup d’État in der Tschechoslowakei, dem Ausschluss Jugoslawiens aus der Kominform den Kalten Krieg ‒ insgesamt eine hoch explosive Atmosphäre, zusätzlich aufgeladen durch Feindbilder.  Zwei Jahre zuvor, 1946, hatte Andrej Ždanov die „Zwei-Lager-Theorie“ formuliert. Genau hier setzen die beiden amerikanischen Journalisten ein. Sie wollen mit ihrem Reisebericht, mentale Mauern des Kalten Krieges in seiner Frühphase wenn nicht überwinden, so doch durchlässiger machen.

Blick ins Alltagsleben: Der „Sowjetmensch“ lebt nicht viel anders

Erfrischend an der Reportage von Steinbeck und Capa ist nicht der abgehobene Diskurs der Ideologen, sondern die Beobachtung der „normalen“ Bürger und Bürgerinnen der Sowjetunion, mit ihren alltäglichen Beschäftigungen, Sorgen und Nöten. Die Reportage wendet sich an ein breites amerikanisches Publikum, ist in ihrem Stil daher seicht dahin fließend, ihr fehlt eine akademische Tiefe. Steinbecks und Capas Bericht gibt ein gutes Abbild der Stimmungen der sowjetischen Bevölkerung, eine tiefgreifende politische Analyse vermisst der Leser. Dies verwundert nicht, da beide Journalisten aufgrund fehlender Sprachkenntnisse keinen direkten Zugang zu den Menschen bekamen, sondern hier auf Dolmetscher angewiesen waren. So hinterlässt die Reportage den Eindruck des Oberflächlichen; politische, soziale und kulturelle Hintergründe für die getroffenen Beobachtungen werden nicht offen gelegt.

Politik und heikle Themen werden vermieden

Mit der Betonung des Unpolitischen entgehen die beiden Journalisten der stalinistischen Zensur, doch mit der Vermeidung heikler Themen ‒ wobei sich Steinbeck und Capa ausschweigen, worum es dabei geht ‒ verband sich eine bestimmte Intention: Die Autoren wollen einen unpolitischen, d.h. unverstellten Blick auf den sowjetischen Alltag geben. Das Ansinnen der Journalisten, die Sowjetunion zu bereisen, stieß in den USA auf Misstrauen, das die gängigen Stereotypen über den Kommunismus offen legte: „Ab dem Augenblick, als bekannt wurde, dass wir in die Sowjetunion reisen würden, wurden wir mit Ratschlägen, mit Mahnungen und Warnungen bombardiert, hauptsächlich von Leuten, die nie dort gewesen waren. Eine ältere Frau teilte uns in ängstlichem Tonfall mit: Sie werden verschwinden, Sie werden verschwinden, sobald sie die Grenze passiert haben.“

Andere verdächtigten die Journalisten wegen „guter Kontakte“ zum Kreml. Zu Recht beschreiben Steinbeck und Capa, dass die Sowjetunion der Nachkriegszeit für die meisten Amerikaner eine „Terra incognita“ darstellte: „Nachdem wir uns all diese Informationen angehört hatten, kamen wir zum Schluss, dass die Welt des Sir John Mandeville keineswegs versunken, die Welt der zweiköpfigen Menschen und fliegenden Schlangen nicht verschwunden sei.“

Spuren des vergangenen Krieges, bescheidener Wohlstand 

Steinbeck und Capa bereisten vor allem die Ukraine sowie Moskau und beschreiben eingängig die schweren Zerstörungen der Landwirtschaft und Infrastruktur, den Kraftakt der Menschen, den wirtschaftlichen Wiederaufbau zu bewerkstelligen. Dabei stellen die amerikanischen Journalisten ein Entwicklungsgefälle zwischen den ländlichen Gebieten der Ukraine und Moskau fest.

In der Hauptstadt hatte der Wiederaufbau schon ansehnliche Formen erreicht, sollte Moskau doch Stalin der Präsentation seiner Macht dienen: „Ich (John Steinbeck) war 1936 für ein paar Tage in Moskau gewesen, und die Veränderungen seitdem waren gewaltig. Die ehemals schlammigen und dreckigen Straßen waren sauber und gepflastert. (…) Hier und da waren Spuren von Bombenschäden zu sehen, aber nicht viele. Offensichtlich waren die Deutschen mit ihren Flugzeugen in Moskau wenig erfolgreich gewesen. (…) Uns fiel auch auf, dass an den Fassaden der Stadt gewerkelt wurde. Alle Gebäude waren eingerüstet und wurden gestrichen, beschädigte Bauwerke wurden instandgesetzt, denn in wenigen Wochen wurde die Stadt achthundert Jahre alt, und das sollte voller Feierlichkeit und Prunk begangen werden. Und einige Monate später stand der dreißigste Jahrestag der Oktoberrevolution an.“

Amerikanische Stereotype: Schlechter Jazz und Ukraine als „mittlerer Westen“

Obwohl Steinbeck und Capa sich für die Überwindung gängiger Klischees aussprechen, sind sie diesen in ihrem Reisebericht selbst aufgesessen. Abfällig fällt ihr Urteil über den sowjetischen Jazz aus, der in ihren Augen lediglich eine schlechte Imitation des amerikanischen darstellt. Warum der Jazz aber gerade in der stalinistischen Sowjetunion so beliebt war, und dies ungeachtet des Kalten Krieges, darüber schweigen sich die beiden Journalisten aus. Klischeehaft fällt auch der Vergleich der ukrainischen Kornfelder mit denen des mittleren Westen aus ‒ es ist der Blick durch die „amerikanische Brille“.

Die Beschreibung der Mangelwirtschaft in den sowjetischen Städten ist für den Mitteleuropäer nicht so frappierend, denkt man an die unmittelbare Nachkriegszeit in Deutschland und im übrigen Europa, doch für die wohlstandsverwöhnten Amerikanern durchaus. Fragwürdig ist zudem, dass die Journalisten auf die Fragen ukrainischer Bauern nach der Landwirtschaft in den USA und dem Alltag amerikanischer Farmer lapidar antworten: „Es gibt vieles, was wir selbst nicht verstehen.“ Offensichtlich haben Steinbeck und Capa sich kaum auf ihre Reise in die Sowjetunion vorbereitet ‒ im Unterschied zu den ukrainischen Kolchosbauern, die den hohen technischen Standard der amerikanischen Landwirtschaft sowie die Entwicklung neuer, robuster Getreidearten bewunderten.

Mythos Sowjetfrau

Interessant ist die Beschreibung der sowjetischen Frau in der Nachkriegssowjetunion. Da viele Männer im Krieg gefallen oder versehrt zurückkehrt sind, müssen Frauen in Beruf, Alltag und Familie eine Doppelrolle übernehmen, dem entsprechend geben sie sich sehr selbstbewusst. So meinte eine ukrainische Bäuerin: „Ich bin nicht nur eine großartige Arbeiterin, ich bin auch zweifache Witwe, und viele Männer fürchten sich nun vor mir.“ Die sowjetische Frau gibt sich tatkräftig, selbstbewusst, aber auch sittsam, Mädchen mit lackierten Fingernägeln und jeder Hauch von Mode werden nicht gern gesehen. Trotz offiziell propagierter Emanzipation erweist sich die Dorftradition als sehr langlebig. Klischeehaft wirkt an Steinbecks und Capas Reisebericht der wiederholte Hinweis auf die „Reize“ russischer Frauen im Straßenbild von Moskau und Kiev.

Stalingrad – eine Stadt voller Narben

Dagegen gelingt es den Journalisten ausgezeichnet, die bedrückende Atmosphäre in der nahezu dem Erdboden gleichgemachten Stadt Stalingrad zu schildern. Hier herrschen Hunger und Obdachlosigkeit, vor allem Kinder sind davon betroffen. Stalingrad ist ein Trauma für die dort lebenden Menschen: „Wir fragten uns, wie viele dieser Menschen es geben mochte, Seelen, die es nicht länger ertrugen, im 20. Jahrhundert zu leben und die sich zurückgezogen hatten, nicht in die Hügel der Umgebung, sondern in die uralten Berge der Menschenzeit, in die alte Wildnis von Freud und Schmerz und Selbsterhaltung.“ Zwei Jahre nach Kriegsende herrscht in Stalingrad immer noch kein wirklicher Friede; die Menschen kämpfen um ihr nacktes Überleben. Anders als in Kiev gestaltet sich hier der Wiederaufbau von Wohnungen und Industrieanlagen als besonders schwerfällig ‒ ausgerechnet in der Stadt, die nach dem Diktator benannt ist.

Georgien  ‒ ein orientalischer Garten der Genüsse

Ganz anders repräsentiert sich das vom Krieg verschonte Georgien. Hier ist mehr Lebensfreude anzutreffen. Die georgischen Gastgeber sind stolz auf ihre alte, nichtrussische Tradition, besonders auf ihren alten Dichter Rustaweli und das berühmte Epos „Der Recke im Tigerfell“. Die Georgier sind ein kulturbeflissenes Volk und dementsprechend werden Fragen zur amerikanischen Gegenwartsliteratur gestellt und hier gibt John Steinbeck ehrlich zu, wieder einmal nicht vorbereitet zu sein. Der Leser erfährt jedoch interessante Details aus der Nachkriegsgeschichte, so z.B. über die Teeproduktion, die eine weibliche Domäne darstellt, und über die „Kinderlandverschickung“. So wurden viele Kinder aus dem europäischen Teil der Sowjetunion während des Krieges und unmittelbar danach von georgischen Familien aufgenommen. Interessant ist auch, dass Georgien mitten im Kalten Krieg für Touristen aus der Türkei zugänglich war.

Reisereportage oder Streifzug?

Von einer tiefgründigen journalistischen Reportage kann bei diesem Bericht nicht die Rede sein, vielmehr handelt es sich um einen allerdings interessanten Streifzug. Vieles an der Beschreibung bleibt an der Oberfläche, bemerkenswert ist vor allem, dass die beiden Journalisten sich dabei selbst gängiger Klischees bedienen, was wohl auch ihrer mangelnden Vorbereitung und nicht allein der Zensur des stalinistischen Regimes geschuldet ist. So kommen John Steinbeck und Robert Capa selbst zu dem Schluss: „Die Sprachschwierigkeiten waren äußerst ärgerlich. Wir hatten mit vielen Russen (was ist mit Ukrainern und Georgiern? E.S.) Kontakt gehabt, aber waren die Fragen, die wir beantwortet haben wollten, auch wirklich beantwortet worden?“

Ein Urteil zum Abschluss

In der Gesamtschau ist der Reisebericht eher enttäuschend, zudem hat der Herausgeber Ilija Trojanow es versäumt, ihn kritisch zu kommentieren. Über Entstehung, Ablauf und Rezeption in den USA erfahren die Leser nichts. Es stellt sich hier die Frage, ob die „Russische Reise“ überhaupt als repräsentativ für die amerikanische Berichterstattung zur Sowjetunion in der unmittelbaren Nachkriegszeit ist.

Die naive Herangehensweise John Steinbecks ist so frappierend, dass hier noch weitere Fragen aufkommen, die Trojanow bei der Edition nicht gestellt hat. John Steinbeck war ein erfahrener Kriegsberichterstatter im Zweiten Weltkrieg gewesen, zudem ein in den USA namhafter Schriftsteller. So hatte er 1940 den Pulitzer-Preis für seinen Roman „Früchte des Zorns“ (The Grapes of Wrath) erhalten. Darin hatte er sozialkritisch das Schicksal verarmter amerikanischer Farmer im mittleren Westen während der Great Depression und dem Dust Bowl beschrieben.

Dass John Steinbeck seinen sowjetischen Gastgebern weder Auskunft über die amerikanische Gegenwartsliteratur noch über die Landwirtschaft geben konnte, verblüfft, zumal er damit aufgrund seiner familiären Herkunft durchaus vertraut war. Nun könnte man Steinbeck eine Affinität zur Sowjetunion unterstellen, dem ist aber keineswegs so. Vielmehr war er ein überzeugter Anhänger des „New Deal“ von Präsident Franklin D. Roosevelt. Eher vor dem Hintergrund der Politik Roosevelts, der auf den Kriegskonferenzen von Teheran und Jalta zu Kompromissen, d.h. zur Verständigung mit der Sowjetunion über die Nachkriegsordnung bereit war, ist Steinbecks Blick auf die Sowjetunion einzuordnen.  Steinbecks und Capas Reisereportage wird daher  dem 1947/1948 in den USA unter Präsident Harry S. Truman herrschenden anti-kommunistischen Zeitgeist wohl nicht mehr entsprochen haben.  In der berüchtigten Mc-Carthy-Ära wurde John Steinbeck gar als „Kommunistenfreund“ diffamiert.

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Rezension zu: „Russische Reise“ von John Steinbeck und Robert Capa (Fotos), herausgegeben von Ilija Trojanow, Edition Büchergilde 2011, 297 Seiten, 19,90 Euro, ISBN-13: 978-3940111845.

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