Russland führt militärische Ausbildung für Kinder und Jugendliche einRUSSLAND

Putins Junge Armee

Russland führt militärische Ausbildung für Kinder und Jugendliche ein

In einer landesweiten Kampagne mobilisiert der Präsident die russische Jugend fürs Vaterland.

Von Hans-Joachim Hoppe | 30.08.2016

Vor dem Hintergrund großrussischer Pläne, der Spannungen mit dem Westen, Machtkämpfen und sozialen Spannungen im Innern will Präsident Putin offenbar die Einheit Russlands stärken und seine Bevölkerung mobilisieren. Auf Putins Geheiß überzieht Russland eine Welle des Patriotismus und des nationalen, religiös verbrämten Sendungsbewusstseins. Im Mittelpunkt der Kampagne steht die Jugend: diese wurde zunächst von Putins Allrussischer gesellschaftlich-staatlicher Kinder- und Jugendorganisation „Russischer Schülerbewegung“ umworben. 

Es folgte die paramilitärische Organisation „Junarmija“ (gleichbedeutend mit „Jugend-Armee“ und „Junge Armee“), die nach mehrmonatigen Vorbereitungen und einer Werbekampagne in ganz Russland am 1. September 2016 offiziell aus der Taufe gehoben wird. Auf der Webseite das Motto „Wer mit dem Schwert zu uns kommt, wird durch das Schwert umkommen.“

„Junge Armee“: ein Lieblingskind des Verteidigungsministers

Es heißt die „Junarmija“ sei ein „Lieblingskind“ von Verteidigungsminister Sergej Schojgu, der offenbar unter den jugendlichen Massen Nachwuchs für seine Armee zu rekrutieren beabsichtigt. Die Initiative zur Gründung der „Junarmija“ sei von ihm ausgegangen und von Präsident Wladimir Putin als Oberkommandierenden der Streitkräfte unterstützt worden. Das Ziel, so Schojgu, sei die „Einrichtung von Hunderten und Aberhunderten von Zentren patriotischer Erziehung mit den „Jungarmisten“ (Begriff in Analogie zu den früheren „Rotarmisten“) in ganz Russland“.

Laut Vizeverteidigungsminister Nikolaj Pankow wird die “Junarmija” mit den Militäreinheiten im ganzen Lande, den Veteranen vom DOSAAF und den ZSKA-Klubs eng kooperieren. Diese Organisationen standen schon bei der Gründung Pate und werden auch ihre Infrastruktur in Form von Kasernen, Übungsplätzen, Ausstattung und versierten Trainern zur Verfügung stellen. (Video: Junge Armee in 3 Minuten).

Initiierung mit Putin-Erlass vom Oktober 2015

Die Gründung der neuen Jugendorganisationen, der neuen „Russischen Schülerbewegung“ und „Junarmija“ erfolgt auf der Basis von Putins Erlass vom 29. Oktober 2015 über die Schaffung einer einheitlichen gesellschaftlich-staatlichen, landesweiten Jugendorganisation, rekrutiert aus Schuleinrichtungen, Mittelschulen und Gymnasien, Sport- und Jugendverbänden und lokalen Einrichtungen. Die neue Massenorganisation soll die Persönlichkeitsbildung der Heranwachsenden, von Kindern und Jugendlichen ab zehn Jahren, auf der Basis des spezifischen Wertesystems der russischen Gesellschaft fördern. Die „Schülerbewegung“ füllt zusammen mit der „Jungen Armee“ offenbar ein Vakuum, das durch den „Untergang“ der Putin-Jugend „Naschi“ etwa um 2012 entstanden ist.

Anfang Januar 2016 hatte Premierminister Dmitrij Medwedjew eine Verordnung im Rahmen des Staatsprogramms zur „Patriotischen Erziehung der Bürger der Russischen Föderation (RF) für die Jahre 2016-2020“ unterzeichnet, und Ende Mai des Jahres bezeichnete Präsident Putin auf einer ersten Allrussischen Jugendkonferenz den Patriotismus „als die Russland vereinende nationale Idee.“

Die „Jungarmisten-Bewegung“ ist nicht neu

Die „Jungarmisten-Bewegung“ entstand schon 1990 auf Basis der Freiwilligen gesellschaftlichen Kinder- und Jugendorganisation „Bewegung der jungen Patrioten“, die durch Fusion mehrerer militärsportlicher Organisationen, Klubs und Ehrenwachen unter der Devise „Zum Ruhme des Vaterlands“ geschaffen wurde.

Laut Verteidigungsminister Schojgu geht die Bewegung auf noch weiter zurückliegende Traditionen zurück: auf die Jugendregimenter Peters des Großen, die Garden der nachfolgenden Zaren und Kaiser Russlands, die weltweite Pfadfinderbewegung, nach der Revolution von 1917 in der UdSSR, auf die Bewegungen der Jungen Pioniere und der Lenin-Jugend KOMSOMOL sowie auf die Veteranen und Förderer der sowjetischen Armee. In den 1990er Jahren entstand eine erste Jungarmistenbewegung unter dem zweifachen Helden der Sowjetunion Georgij Timofejewitsch Beregowoj.

Zurzeit gibt es laut Schojgu über 5000 patriotische Organisationen, davon 2000 militärischer Richtung, Zehntausende militärsportliche Klubs und militärpolitische Vereine. In den Regionen bestehen über 7000 Kadetten- und Kosakenklassen. Diese Vielzahl an Strukturen zu koordinieren und ihre Tätigkeit auf eine gemeinsame Richtung zu bringen, sei die Hauptaufgabe der Schülerbewegung und der Jungen Armee, so Schojgu.

Russlands Helden an der Spitze der Bewegung

In den Bewegungen stehen Spitzensportler und Raumfahrer an vorderster Front. Vorsitzender der „Russischen Schüler-Bewegung“ ist der ehemalige Kosmonaut Sergej Rjasanskij. Vorsitzender der „Jungen Armee“ ist der 32 Jahre junge Olympia-Sieger im Bobfahren Dmitrij Trunenkow.

Dmitrij Trunenkow, Vorsitzender der „Junarmija“, Jahrgang 1984, aus dem Gebiet Krasnojarsk, ist von Hause aus Bauingenieur, Gewinner der Silbermedaille bei den Bob-Weltmeisterschaften 2008 in Altenberg und 2010 in St. Moritz. Schlagzeilen machte er bei den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver, als ihm das Ruder aus der Hand glitt und der Viererbob sich überschlug. Er wollte eigentlich nie wieder bei einem Wettbewerb antreten, jedoch erlangte er bei den Olympischen Spielen 2014 in Sotschi im Vierer die Goldmedaille und erreichte hier den Höhepunkt seiner Karriere.  

Am 28. Mai 2016 fand das erste allrussische Treffen der „Junarmija“ auf dem Gelände des Kultur- und Freizeitpark der russischen Streitkräfte „Patriot“ nahe der Kaserne Kubinka bei Moskau, statt. (Reportage über den Ersten Kongress der „Junarmija“ mit vielen Fotos, Meduza, 30.5.2016).

Auf dem Kongress, an dem 500 Delegierte aus 85 Regionen Russlands teilnahmen, wurde Trunenkow zum Vorsitzenden des Hauptstabs der „Junarmija“ gewählt. Der Hauptstab wird laut Verteidigungsminister Schojgu in einem historischen Gebäude im Zentrum Moskaus untergebracht. Um welches Gebäude es sich handelt, verriet er nicht.

Zielgruppe der Bewegung sind Jungen und Mädchen im Schulalter zwischen 10 und 17 Jahren. Sie werden russlandweit in Schulen, Sportklubs und Verbänden rekrutiert. Mit großem Medienaufwand und der Präsenz prominenter Politik, Sportler und Astronauten werden in verschiedenen Städten Russlands die Beitritte von Schule und Jugendgruppen zur „Junarmija“-Bewegung gefeiert. Laut Schojgu kann jeder beliebige Schüler, jede militärpatriotische Organisation, jeder Klub oder jeder Forschungstrupp der Bewegung beitreten.

Die Bewegung bringt ab September 2016 auch eigene Publikationen heraus: Tageszeitung „Junarmija“ (Junge Armee) und der Wochenzeitschrift „Junarmejez“ (Jungarmist) in Druckausgaben und im Internet.

Patriotische Erziehung und paramilitärische Praxis

Das Bildungsministerium fordert in seiner Erziehungsstrategie die Propagierung traditioneller Familienwerte an den Schulen (im Gegensatz zur westlichen liberalen Vielfalt), die Anleitung zum positiven Umgang mit den Medien und dem Internet, die Erziehung im Geiste des Patriotismus und des „Stolzes, Bürger Russlands zu sein“.

Bei der „Jungen Armee“ kommen speziell militärpatriotische Ziele hinzu. Verteidigungsminister Schojgu betonte zwar, die Hauptaufgabe der „Junarmija“ sei die Erziehung der Jugend zu Patrioten und nicht etwa die Heranbildung von Kadern für die russischen Streitkräfte. In der Praxis sieht das aber ganz anders aus.

Vorsitzender Trunenkow erläuterte die Hauptbetätigungsformen der Bewegung

Die Teilnahme sei freiwillig, wenn auch in ganz Russland mit den jüngsten Kampagnen durchaus Druck auf die Jugend ausgeübt wird. Die Veranstaltungen sollen allerdings den regulären Unterricht nicht stören und deshalb in der Freizeit stattfinden.

Jungen und Mädchen im Schulalter werden von erfahrenen Mentoren, Offizieren und patriotischen Aktivisten, geschult. Sie tragen Uniformen nach Rängen und Gattungen militärsportlicher Zugehörigkeit.

Die Webseite der Jungarmisten ist zugleich ein Online-Shop für schicke „Uniformen“ für Kinder und Jugendliche.  Die Jungarmisten leisten einen Eid auf Russland, in dem sie sich verpflichten, „die Schwachen zu schützen, das Gedenken an die Helden Russlands zu wahren, Mut zu zeigen und die traditionellen Werte zu beachten“.

Als Vorbilder der Jugend werden nicht nur vergangene Gestalten, sondern auch „leibhaftige“ Helden: möglichst „skandalfreie“ Olympiasieger und vor allem Astronauten wie Valentina Tereschkowa und die Mannschaft der ISS-Raumstation genannt

Vizeverteidigungsminister Nikolaj Pankow fügte noch spezifisch militärische Ziele hinzu:

Die besten Einheiten der Jungarmisten dürfen zur Belohnung an Militärparaden und anderen Veranstaltungen der russischen Armee teilnehmen, darunter an den Internationalen Armeespielen, am Militärtechnik-Forum, an Innovationstagen, Festivals und Wettbewerben sowie Treffen mit echten Soldaten, die für Russland im Einsatz sind.

Wiederaufnahme der Tradition der Pionierorganisationen?

Experten meinen, die Schüler- und Jugendorganisation und noch mehr die „Junge Armee“ seien eine Wiederaufnahme der Pionierorganisationen und des KOMSOMOL der Sowjetära mit Betonung der militärpatriotischen Erziehung und der Werte der kirchlichen Orthodoxie darstellt.

Foto: Junge Armee/Russisches Verteidigungsministerium

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