„Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht“ von Alexander RahrGELESEN

„Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht“ von Alexander Rahr

Unbemerkt von den europazentrierten und amerikahörigen Nationen im Westen entsteht das neue Eurasien. Die Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit SOZ könnte schon bald mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung repräsentieren. Nach Meinung des Autors Alexander Rahr kann die SOZ zum wichtigsten regionalen Staatenbund der Welt aufsteigen, das einzige zukunftsträchtige Integrationsmodell für die vereinigungswilligen früheren Sowjetrepubliken sein. – „Was alle diese Länder eint, ist der Faktor Energie.“ Ein Buch von bestechender Aktualität, auch angesichts des bevorstehenden Machtwechsels in Russland. – Erstverkaufstag ist der 07. Februar 2008.

Von Hans Wagner

„Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht“ von Alexander Rahr  
„Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht“ von Alexander Rahr  

D er überdurchschnittliche Wert dieses Buches liegt darin, dass es in die Zukunft weist und auf Entwicklungen aufmerksam macht, die hierzulande bisher weitgehend unbeachtet geblieben sind. In welch rasantem Tempo Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion als Weltmacht zurückkehrt, ist dabei nur der griffigste Aspekt und deshalb titelträchtig. Darüber hinaus zeigt Alexander Rahr, dass dadurch „in Eurasien ein neues Spannungsfeld globaler Energiepolitik“ entstanden ist. Mehr noch. Es bilden sich regelrechte eurasische Strukturen heraus, die im Westen noch kaum zur Kenntnis genommen werden.

Die mächtige Energiemacht Russland hat dadurch die Möglichkeit bekommen, sich von Europa freizuschwimmen. Zumindest theoretisch. Wie wahrscheinlich dies ist und welche Bedeutung eine solche Entwicklung hätte, hat das EURASISCHE MAGAZIN in dieser Ausgabe in einem Interview mit dem Autor ausgelotet: „EM-Interview zum Machtwechsel in Russland. Der Liberale Medwedjew ist vielleicht der letzte Versuch Russlands, nach Europa zu gelangen!“

Verschläft Europa seine Zukunft?

Die „Wertedebatte“ beschäftigt Europa so sehr, dass es sich augenscheinlich weigert, die großen Veränderungen überhaupt zur Kenntnis zu nehmen. Russland und China werden regelmäßig vor den Kopf gestoßen. Dabei lassen sich diese eurasischen Kolosse durch das diplomatische Gestichel, zum Beispiel aus Berlin, überhaupt nicht mehr beirren. „Europa ist zu arrogant geworden“, sagt Alexander Rahr.

„Während auf dem europäischen Markt die Konsumenten gerade ihren Einfluss gegenüber den Produzenten verlieren, zwingt China Russland und die zentralasiatischen Staaten zu einer Konkurrenz um den chinesischen Konsummarkt. Peking ist in der einzigartigen Lage, den Gaspreis zu bestimmen. Russland kann China in der Energiepolitik nicht respektlos als ‚kleinen Bruder’ behandeln. Um nicht aus dem großen Spiel gedrängt zu werden, möchte sich Gasprom jetzt selbst am Bau alternativer Pipelines aus Turkmenistan und Kasachstan nach China beteiligen.“

Russland ist also längst nicht mehr der einzige Spieler auf dem eurasischen Schachbrett. Kasachstans Präsident Nasarbajew zeigt „großes Interesse am indischen Energiemarkt. Bei den Überlegungen, Pipelines aus Zentralasien ans Indische Meer zu legen, spielt die geostrategische Lage Kasachstans eine Schlüsselrolle“, schreibt Rahr. Noch sei völlig unklar, wohin sich Zentralasien in den nächsten Jahrzehnten orientiere, „ob in der Region englisch, russisch, chinesisch oder arabisch gesprochen wird.“

Das sind Beobachtungen, Analysen und Prognosen, die in keinem politischen Zirkel von Parteien oder Regierungen im Westen ernsthaft diskutiert werden. Außer in den USA.

Aufbruchstimmung in Eurasien und der augenscheinliche Wille zur Kooperation

Die eurasischen Mächte außerhalb Europas haben auch längst begriffen, dass einer allein das große Spiel nicht gewinnen kann. Sie sind willens und in der Lage zur Kooperation großen Stils.

Über die Bedeutung der bereits angeführten neuen eurasischen Strukturen schreibt Rahr: „Das neu entstehende Eurasien wird seinerseits zum Nukleus der emporsteigenden Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ), die unter russischer und chinesischer Führung steht. Bald könnte sie neben Kasachstan auch Indien, Pakistan und den Iran aufnehmen.“

Dem Autor zufolge kann „die seit gut einem Jahrzehnt bestehende Schanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) zu einem Vehikel für die neue Gas-OPEC werden.“ Mehr noch: „Die SOZ kann zum wichtigsten regionalen Staatenbund der Welt aufsteigen.“

Noch wird die SOZ im Westen je nach Kenntnisstand und analytischem Vermögen meist belächelt oder als nicht funktionsfähig abgetan. Rahr schreibt: „Ihre Vollmitglieder China, Russland und die zentralasiatischen Staaten repräsentieren schon jetzt mehr als ein Viertel der sechseinhalb Milliarden Menschen auf dieser Welt. Indien, Pakistan und der Iran sind derzeit nur Beobachter der SOZ. Nach einer Vollmitgliedschaft würde die SOZ eine Organisation sein, die mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung repräsentiert.“

„Im Fall eines Konflikts mit dem Westen hätte auch die Supermacht USA der Schanghaier Organisation nicht viel entgegenzusetzen.“

Allein der Teil des Buches, der sich mit den neuen Kooperationen in Asien befasst, macht das Buch zu einer aufregenden Lektüre. Sie ist durchaus in der Lage, die typische Ostsicht des schlecht informierten Westeurasiers zwischen Paris und Warschau auf den Kopf zu stellen.

Der europazentrierte Blick, der als Weltmacht immer noch allein die USA zur Kenntnis nimmt, sollte durch Passagen wie die folgende, endlich eine neue Scharfeinstellung bekommen: „Der Energieklub der SOZ plant auch gemeinsame Projekte in der Atomenergie. Die Staaten wollen ein internationales Zentrum für Kernbrennstoffzyklen errichten, gemeinsam Atomkraftwerke bauen und eine einheitliche Stromversorgung garantieren. Die Wasservorräte der zentralasiatischen Staaten wie Tadschikistan und Kirgisien würden hier Verwendung finden. Damit wäre die asiatische Energieallianz institutionalisiert! Japan möchte in die Pläne eingeweiht werden und liebäugelt mit einem Beobachterstatus in der SOZ. Letztere könnte bald zu einem globalen Akteur auf der weltpolitischen Bühne aufsteigen. Im Fall eines Konflikts mit dem Westen hätte auch die Supermacht USA nicht viel entgegenzusetzen.“

Rahr macht nicht zuletzt darauf aufmerksam, wie viel sich in Richtung auf eine neuen Staatenbund in Asien bereits getan hat: „Die Schließung der US-Basen in Zentralasien durch die SOZ verdeutlichte die Machtverschiebung in diesem Teil der Welt. Für den Westen wird es immer schwieriger, Russland und die zentralasiatischen Staaten auseinanderzudividieren. Die bunten Revolutionen in Kiew oder in Georgien haben die Despoten in diesem Teil der Welt nachdenklich gemacht. Als sich die zentralasiatischen Autokraten vom westlichen Demokratietransfer bedroht fühlten, rückten sie innerhalb der SOZ-Strukturen enger zusammen.“

Wird die heutige Energieallianz und Waffenbrüderschaft zwischen Moskau und Peking wirklich halten?

Das alles steckt noch in den Anfängen. Darauf weist Rahr auch hin. Aber die Möglichkeiten, die sich auftun, sind gigantisch. Und das alles geschieht, ohne dass es der Westen richtig gemerkt hat. Für Rahr steht fest: „Die SOZ ist als Resultat der Verschlechterung der Beziehungen zwischen Russland und dem Westen entstanden.“ Als einen Kronzeugen für die Ernsthaftigkeit der SOZ führt er ziemlich aktuell den russischen Außenminister Sergej Lawrow ins Feld, der auf der Jahreskonferenz des Rates für Außen- und Verteidigungspolitik SWOP im März 2007 festgestellt hat, „dass Russland und China zusammen die künftige sichere Weltordnung garantieren müssten, auch durch das Festhalten am UN-Völkerrecht. Das westliche Konzept der globalisierten Welt sei gescheitert.“

Rahr stellt sich auch die Frage, wie zuverlässig die angebahnte Entwicklung in der SOZ verlaufen könnte: „Ob die heutige Energieallianz und Waffenbrüderschaft zwischen Moskau und Peking wirklich hält, wird wesentlich davon abhängen, wie weit der Westen Russland nach Asien abdrängt. Was für ein markanter Unterschied zu den 90er-Jahren, als russische Experten noch das Szenario entwarfen, Russland müsse seine Rohstoffvorräte in Sibirien mit Unterstützung der NATO gegen chinesische Begehrlichkeiten schützen.“

Das neue Buch des Russlandexperten Alexander Rahr gliedert sich in drei große Abschnitte. Teil I – Russland als Gegner. Teil II – Russland als Konkurrent. Teil III – Russland als Partner. Es enthält ein ausführliches Register und liefert die Hintergrundinformationen, die angesichts des bevorstehenden Machtwechsels Putin-Medwedjew unverzichtbar sind.

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Rezension zu: „Russland gibt Gas – die Rückkehr einer Weltmacht“ von Alexander Rahr, Hanser Verlag 2008, 250 Seiten, gebundene Ausgabe ISBN: 3-446-41395-2, 19,90 Euro.

Siehe auch das EM-Interview mit dem Autor Alexander Rahr in dieser Ausgabe: „Der Liberale Medwedjew ist vielleicht der letzte Versuch Russlands, nach Europa zu gelangen!“

Rezension Russland

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