Russland will im Gashandel vor allem Gewinne erzielenENERGIE

Russland will im Gashandel vor allem Gewinne erzielen

Russland will im Gashandel vor allem Gewinne erzielen

Die „Energiewaffe“ ist eine reine Fiktion, die auf Vorurteilen gegenüber Russland beruht. Einen Plan, Europa den Hahn zuzudrehen, gibt es nicht. Russland selbst würde wirtschaftlich am meisten verlieren – und es würde weltweit sein Vertrauenskapital aufs Spiel setzen.

Von Kaweh Sadegh-Zadeh

  Zur Person: Kaweh Sadegh-Zadeh
  Kaweh Sadegh-Zadeh Kaweh Sadegh-Zadeh (26) arbeitet in Edinburgh für die Energie-Beraterfirma Wood Mackenzie als Analyst für die Regionen Russland, Zentralasien und den Kaukasus.

Er studierte Staatswissenschaften sowie Sicherheits- und Entwicklungspolitik in Erfurt, Moskau und London. Seine MA-Abschlussarbeit, die er am Oxford Institute for Energy Studies unter der Betreuung von Prof. Jonathan Stern schrieb, befasste sich mit dem Gashandel zwischen Russland und Europa. Sie wurde veröffentlicht unter dem Titel „Russia: a threat to the European Gas security?" (Security Special, OGEL Volume 5, issue #04, November 2007).

Sadegh-Zadeh spricht fließend Deutsch, Englisch, Farsi und Russisch.

D ie Debatte über die europäische Energiesicherheit ist deutlich von einer wachsenden Skepsis gegenüber dem Kreml und seiner Politik gekennzeichnet. Die ukrainische Politikerin Julia Timoschenko hat dazu allerdings zu Recht angeführt, dass Russland generell auf Grundlage von Spekulationen über seine Intentionen, anstatt auf Grundlage seiner Handlungen beurteilt wird. Zu Russlands Unglück kommen Spekulationen über die Intentionen Moskaus selten zu einem positiven Ergebnis. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass diese negative Wahrnehmung Russlands zunehmend den russisch-europäischen Gashandel beeinflusst.

Im Kontext des russisch-europäischen Gashandels wird Russland die Verfolgung von böswilligen Zielen unterstellt, nämlich die Ambition, eine maßgebliche Stellung in der europäischen Gasversorgung einzunehmen, um dann in einem zweiten Schritt Einfluss auf die Europäische Politik zu gewinnen. Russlands Bestrebungen Gasexportrouten nach Europa zu diversifizieren, Gaspreise in der GUS zu erhöhen oder Gasproms Beteiligungen im europäischen Gasmarkt zu erweitern, werden selten auf wirtschaftliche Motive zurückgeführt. Stets unterstellt man Russland eine Art „teuflischer politischer Strategie“. Infolgedessen ist die Anschuldigung Russland benutze seine Energieressourcen als „Energiewaffe“, weithin akzeptiert.

Russland will von einem rentablen europäischen Gashandel profitieren

Die übergroße Skepsis gegenüber der Politik des Kremls führt oft zu Fehlurteilen über die treibende Kraft hinter der russischen Gaspolitik. Russlands Energiereichtum, so wird unterstellt, könnte einer ominösen politischen Zielsetzung dienen. Dabei wird der wahre Beweggrund des Kremls ignoriert, welcher hauptsächlich in der wirtschaftlichen Rentabilität des Verkaufs seiner Ressourcen liegt. Wenn man diese Charakteristika des russisch-europäischen Gashandels zur Kenntnis nimmt, wird die Behauptung, Russland könne dazu geneigt sein, Europa zu politischen Eingeständnissen durch die Einstellung von Gaslieferungen zu zwingen, schwerlich mehr aufrecht zu erhalten sein.

Bei der Analyse der russisch-europäischen Energiebeziehungen muss die starke Abhängigkeit Russlands von Erlösen aus dem Energiehandel berücksichtigt werden. 90 Prozent der russischen Energielieferungen gehen nach Europa. Bereits seit der Sowjetära liegt die Bedeutung des europäischen Energiemarktes dabei für Moskau in ihrer Rentabilität.  Russlands Wirtschaft wird heute maßgeblich von Einkommen aus der Öl- und Gasindustrie bestimmt, die Exporterlöse daraus haben eine signifikante Bedeutung für das Staatsbudget.

Der russische Energiesektor ist verantwortlich für vierzig Prozent der russischen Industrieproduktion sowie vierzig Prozent der Steuereinnahmen.  Zudem sind viele damit zusammenhängende Bereiche, wie das Transportwesen und der Pipelinebau, abhängig vom Wohlergehen des Energiehandels.
 
Beim bilateralen Gashandel nimmt auf der russischen Seite der Staatskonzern Gasprom eine bedeutende Stellung ein. Er steuert allein knapp elf Prozent zum russischen Bruttosozialprodukt bei. Die Einnahmen per Kubikmeter aus dem europäischen Gashandel sind um ein Mehrfaches größer als Einnahmen im GUS-Baltischen oder russischen Markt. Die Tabelle zeigt, dass Einnahmen durch Gasexporte nach Europa 2005 und 2006 etwa zwei Drittel der jährlichen Gesamteinnahmen Gasproms ausmachten, während sie nur etwa einem Drittel des Gesamtexportvolumens entsprachen. Die ersichtliche Rentabilität des europäischen Gasmarktes erzeugt starke Interessen auf der russischen Seite diese ergiebige Einkommensquelle beizubehalten.

Tabelle 1: Gasproms Markteinnahmen der Jahre 2005-2006

  2005 2006
  Volumen
Mrd. m3
Einnahmen
Mrd. Rub.
Durchschnittspreis
$/1000 m3
Volumen
Mrd. m3
Einnahmen
Mrd. Rub.
Durchschnittspreis
$/1000 m3
Russland 307 310 38* 316.5 356 45*
GUS/Baltikum 76.6 108.4 64** 101 209.7 127**
Europa 156.1 619.1 192 161.5 845.9 257

* Maximaler regulierter industrieller Preis.
** Zwischen den einzelnen Ländern dieses Marktes besteht ein weites Gaspreisspektrum.
Quelle: Gasprom

 
Es wird deutlich, dass im Falle des Einsatzes der „Energiewaffe“ und der Einstellung von Gaslieferungen an Europa zur Durchsetzung von politischen Zielen, Russland eine maßgebliche Devisenquelle torpedieren würde, die dann nur noch sehr schwierig wiederherzustellen wäre.

Russland ist auf seine Gaskunden in der EU angewiesen

Ein realistisches Bedrohungsszenario für die europäische Versorgungssicherheit würde es erfordern, dass europäische Netback-Preise (die in Konkurrenz zu anderen Energieträgern ermittelt werden) sowohl im russischen Binnenmarkt wie auch im GUS/Baltischen Markt etabliert würden, damit ihre Rentabilität der des europäischen Marktes gleichkäme. Zudem wäre es für Moskau erforderlich, sich mit asiatischen Kunden über europäische Netback-Preise zu einigen und dann zusätzlich ausreichende Pipelinekapazitäten zu schaffen, um europäische Gaslieferungen, im Falle des Einsatzes der „Energiewaffe“, nach Asien umleiten zu können. Desweiteren wäre es erforderlich langfristige Gasverträge mit asiatischen Ländern, wie auch mit Ländern des GUS/Baltischen Marktes zu schließen. Nur so könnten die im vorwiegend pipelinegebundenen und kostenintensiven Gashandel so wichtigen langfristigen Nachfragestrukturen hergestellt werden, wie sie zurzeit im europäischen Markt vorhanden sind. Russland müsste auch bereit sein, sowohl das existierende als auch das zurzeit im Bau befindliche Pipelinenetzwerk aufzugeben. Gegenwärtig investiert es jedoch gerade hier Milliarden von Euros. Stichwort Ostseepipeline.

Ein Bedrohungsszenario, welches Europa für eine Erpressung durch den Kreml anfällig machen könnte, ist weithin nicht zu sehen. Fraglich ist ebenfalls, ob die nicht weniger auf ihre Energiesicherheit bedachten asiatischen Länder wie China oder Japan, im Falle einer Erpressung Europas bereit wären, mit dem Kreml weiter Energiehandel zu betreiben.

Der Einsatz der „Energiewaffe“ würde Russlands Wirtschaft empfindlich treffen

Im Rahmen der heutigen Marktgegebenheiten muss festgestellt werden, dass der Einsatz der „Energiewaffe“ einen herben Rückschlag für die russische Wirtschaft nach sich ziehen würde. Es gibt keinen realistischen Hinweis darauf, dass die russische Regierung bereit wäre, mit einer energiepolitsichen Erpressung Europas sich den Boden unter den eigenen Füßen wegzuziehen.

In der europäischen Energiedebatte ist es von besonderer Bedeutung, zwischen realen Bedrohungen des russisch-europäischen Gashandels sowie fiktiven Bedrohungsszenarien, die einer grundsätzlich negativen politischen Einschätzung Russlands entspringen, unterscheiden zu können. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, die Natur des bilateralen Gashandels und seiner gegenseitigen Abhängigkeit zu verstehen.

Die Besonderheiten des Gashandels ziehen bestimmte sicherheitspolitische Implikationen nach sich, die sich von denen anderer Energieträger unterscheiden. Die wohl wichtigste ist dabei die gegenseitige Abhängigkeit von gasproduzierenden und gasimportierenden Ländern. Im Gegensatz zu Öl, welches nicht nur mithilfe von Pipelines, sondern auch auf Tankern und mit Eisenbahnzügen transportiert werden kann, ist der Transport von Gas noch immer abhängig von einer Pipelineinfrastruktur. Sie muss über große Distanzen hinweg den Produzenten mit dem Konsumenten verbinden. Als Konsequenz aus dieser Besonderheit existiert kein globaler Gasmarkt, sondern es gibt nur regionale voneinander getrennte Märkte, wie etwa in Nordamerika, Lateinamerika und Europa. Zwar wird der Handel mit verflüssigtem Erdgas (liquefied natural gas, LNG) die Gasindustrie revolutionieren und zu einem wahren globalen Gasmarkt führen, jedoch wird der LNG-Handel erst gegen 2020 bedeutsame Volumina annehmen.

Wegen hoher Investitionen sind langfristige Verträge nötig

Zudem sind die Entwicklung von Gasfeldern und die Konstruktion von Pipelineinfrastruktur relativ kostspielig. Eine errichtete Pipelineinfrastuktur ist ihrer Natur nach geographisch festgelegt und ordnet somit dem Produzenten einen bestimmten Markt und dem Konsumenten einen bestimmten Anbieter zu. Die wirtschaftlichen Risiken, die bei solchen langfristigen sowie kostspieligen Investitionen entstehen, zwingen gasproduzierende Länder dazu sicherzustellen, dass auf der Konsumentenseite eine langfristige Gasnachfrage vorhanden ist. Gasimporteure auf der anderen Seite müssen gewährleisten, dass ausreichende Vorkommen beim Produzenten vorhanden sind, um ihre Nachfrage über Jahre hinweg decken zu können.

Damit die Investitionen wirtschaftlich tragbar und die verbundenen Risiken minimiert werden, müssen Konsumenten sowie Produzenten ihren Handel auf eine langfristige Basis stellen. Als direkte Konsequenz entsteht somit eine wirtschaftliche sowie infrastrukturelle Abhängigkeit zwischen den beiden Handelspartnern. Hierbei wird der Gasproduzent abhängig von einer langfristig gesicherten Nachfrage beim Abnehmer (Nachfragesicherheit) und der Gaskonsument von langfristig gesicherten Lieferungen (Versorgungssicherheit). Versorgungssicherheit wird gebräuchlich als das Vorhandensein von ausreichenden Vorkommen zu finanziell tragbaren Preisen definiert.

Im Kontext des russisch-eruropäischen Gashandels muss noch ein zusätzlicher sicherheitspolitischer Aspekt in Betracht gezogen werden: die Transitsicherheit. Nach dem Ende des Kalten Krieges waren russische Gaslieferungen nach Europa insbesondere durch Russlands Konflikte mit seinem größten Gastransitland, der Ukraine, sowie kürzlich auch von Weißrussland bedroht. Somit muss eine Betrachtung des russisch-europäischen Gashandels auch die politische Strategie von Transitländern mit berücksichtigen. Transitsicherheit kann hier als der ungestörte Transfer von Gaslieferungen über das Territorium von Transitländern vom Produzenten zum Konsumenten definiert werden.

Die Ängste gegenüber Russland entspringen vor allem Vorurteilen

Es ist ratsam, bei der sicherheitspolitischen Erörterung des bilateralen Gashandels mit Russland sich auf die oben definierten Brennpunkte zu konzentrieren um konstruktiv zur europäischen Gasversorgungssicherheit beizutragen:

Transitsicherheit: Um den ungestörten Transfer von Gaslieferungen über das Territorium von Transitländern zu gewährleisten, sollte die europäische Seite eine ausgeglichenere Position zu Russlands Transitkonflikten einnehmen. Das bedeutet, dass Europa sich bei derartigen Konflikten diplomatisch einbringen sollte, ohne einseitig Russland für aufkommende Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Dabei sollten die politischen Handlungen der Transitländer mit berücksichtigt werden, ohne ihnen gegenüber beide Augen zuzudrücken und sie voreilig von jeglicher Schuld für aufkommende Transitschwierigkeiten freizusprechen.

Versorgungssicherheit: Um das ausreichende Vorhandensein von Gasvorkommen zu tragbaren Preisen zu sichern, sollte Europa sich in einem ersten Schritt bewusst werden, wie viel Gas es von Russland in Zukunft erhalten möchte. In einem zweiten Schritt sollte dann Russland einbezogen werden, um einer bevorstehenden knappen Versorgungslage, ausgelöst durch ausstehende Investitionen sowie technische Schwierigkeiten bei der Entwicklung von neuen russischen Gasfeldern, entgegenzuwirken.

Nachfragesicherheit: Europa sollte sich der Position Russlands als Gasproduzent und seinem Interesse nach Absatzmärkten mit ausreichender Nachfrage zu profitablen Preisen bei zukünftigen politischen Weichenstellungen bewusst sein. Somit darf nicht jeder Versuch Gasproms, im europäischen Markt stärker Fuß zu fassen, als politisch motiviert betrachtet werden. Für Gasprom gibt es hinlänglich wirtschaftliche Gründe, seinen Absatz in Europa durch Investitionen auf lange Zeit zu sichern.

In der europäischen Energiedebatte ist es nötig, einen kühlen Kopf zu bewahren

Es ist bedauerlich, dass die europäische Energiedebatte von politischen Entwicklungen zur Geisel genommen wurde, die mit den Herausforderungen des bilateralen Gashandels wenig gemein haben. Die Debatte ist viel stärker von imaginären Ängsten vor Russland geleitet als von eingehender Analyse seiner Handlungen und Motivationen. Obwohl diese Ängste mehrheitlich unbegründet sind, formen sie nichtsdestotrotz die europäische Politik: Wie der amerikanische Soziologe William I. Thomas treffend feststellte „if men define situations as real, they are real in their consequences.

Ängste und Vorurteile gegenüber Russland werden jetzt zudem durch aktuelle Entwicklungen auf der internationalen Arena verstärkt.  Mit der Wiederaufnahme von politischer Rhetorik, die sehr stark an die des Kalten Krieges erinnert, wird es schwierig aber nichtsdestoweniger von Nöten sein, bei der europäischen Energiedebatte einen kühlen Kopf zu bewahren. Schließlich wird die nachhaltige Sicherheit der europäischen Energieversorgung nur dann gewährleistet werden können, wenn die angesprochenen Herausforderungen des russisch-europäischen Gashandels explizit angesprochen und nicht von Entwicklungen überholt werden, die gar nichts mit dem Gashandel zu tun haben.

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