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Russlands Hauptstadt platzt aus allen Nähten

Zehn Millionen Menschen drängen sich im Moskauer Stadtgebiet, und noch einmal vier Millionen wohnen in den aufstrebenden Randbezirken. Dort entstehen Subzentren – so auch in der einstigen Schlafstadt „Jugo Zapadnaja“. Eingezwängt zwischen moderne Moskauer Architektur und zu Füßen nichts als Stau: die alte Dorfkirche, das einzige Relikt aus vergangenen Zeiten.

Von Juliane Inozemtsev
31.10.2007 Drucken Senden Kommentieren

V Viel voller als hier, kann es in Tokio eigentlich auch nicht sein, denkt man unwillkürlich im frühabendlichen Moskauer Berufsverkehr. Nicht enden wollende Menschenströme gleiten die langen, in Dämmerlicht getauchten Rolltreppen zur Untergrundbahn hinab und schieben sich durch die Tunnelgänge auf die Bahnsteige. Man muss Schritt halten und darf zugleich nur kleine Schritte machen, um nicht zu stolpern – man muss sich dem Rhythmus der Masse anpassen und dabei geschickt dem Gegenstrom ausweichen. Das ist beim ersten Mal gar nicht so leicht und sicherlich nichts für Menschen mit Platzangst.

Kaum ist man auf dem Bahnsteig, donnern auch schon die silber-grauen Wagons heran: Zu den Hauptverkehrszeiten kommt alle 90 Sekunden ein Zug. Er bremst schwungvoll, und die Türen gleiten blitzschnell auf. Am besten bleibt man jetzt ganz dicht hinter jemandem, der auch einsteigen will und zwängt sich dann mit ihm gleichzeitig hinein. Und schon sind die Türen wieder zu: „Sledujuschaja stantsija – Park kulturyj“ (nächste Station – Park der Kultur), kommt es aus dem Lautsprecher. 

Vier Millionen Menschen allein in den Randgebieten

Zurzeit leben im Moskauer Stadtgebiet nach Angaben des Auswärtigen Amtes mehr als zehn Millionen Menschen auf einer Fläche von knapp 1.100 Quadratkilometern. Dazu kommen in den Randgebieten noch einmal etwa vier Millionen Menschen. Zum Vergleich: In Berlin sind es gerade einmal 3,4 Millionen Menschen auf einer Fläche von knapp 900 Quadratkilometern.

Mit den Verhältnissen in Japans Hauptstadt lässt sich Moskau dennoch nicht vergleichen: Während sich in Moskau etwa 9.500 Menschen einen Quadratkilometer teilen, sind es in Tokio City etwa 13.500.

Die nächste Station: wieder ein Schieben und Drängen. Es ist die rote Linie, die in den Südwesten Moskaus fährt – nach „Jugo-Zapadnaja“. Sicher wird es bald leerer:
„Sledujuschaja stantsija – Sportiwnaja“ (nächste Station – Sportstation).

Die russische Hauptstadt gliedert sich in zehn Bezirke (rajony), die nach den Himmelsrichtungen benannt sind, in denen sie vom Zentrum aus liegen. Diese Bezirke bestehen wiederum aus 123 Stadtteilen (mikrorajony). Im Bezirk „Jugo-Zapadnaja“ leben zurzeit rund 1,2 Millionen Menschen – fast so viele wie in München.

Nur die kleine Kirche erinnert an das einstige Dorf Jugo-Zapadnaja

Die Metro hält noch an den „Vorobjovy Gory“, den „Sperlingsbergen“, die zu Sowjetzeiten „Leninberge“ hießen. Von hier aus hat man einen wunderschönen Blick auf die schimmernde Moskwa. Danach sind es nur noch drei Haltestellen bis zur Endstation. Doch leerer wird es nicht – noch ist jeder Stehplatz besetzt.

Noch vor 50 Jahren war „Jugo-Zapadnaja“ ein richtiges Dorf. Man kann es sich heute kaum noch vorstellen, nur eine kleine Kirche erinnert noch an diese Zeiten.
Der Bezirk wurde in den 60er Jahren der Sowjetunion am Reißbrett entworfen, weil es immer mehr Menschen nach Moskau zog und der Wohnraum im Zentrum knapp wurde.
Während die Kinder direkt im Wohngebiet in Kindergärten und Schulen gingen, arbeiteten die Erwachsenen überwiegend im Zentrum und kehrten erst abends – zum Schlafen – in ihre Wohnungen am Stadtrand zurück. Deshalb bürgerte sich auch die Bezeichnung Schlafstadt ein.

In dem Buch „Pozhivjom- uvidim“ (Kommt Zeit, kommt Rat), das 1992 von Valerij Alekseev veröffentlicht wurde, hat sich der sechzehnjährige Hauptheld Igor Semjonow, einmal die Mühe gemacht, die Dimensionen des staatlichen Wohnungsbaus genauer zu betrachten: „Die Hochhäuser sind sechzehn Etagen hoch und in Ringen gebaut, so dass sich innen ein großer Hof befindet, indem die Kinder spielen können. Zu jedem Häuserblock (Häuserring) gehören vier Häuser mit jeweils drei separaten Aufgängen. Und in jedem dieser Aufgänge gibt es 64 Wohnungen.“  

Endstation: „Jugo-Zapadnaja“. „Bitte vergessen Sie ihre Sachen nicht!“, erinnert die Lautsprecher-Stimme in der Metro freundlich. Eigentlich würde man erwarten, dass es nun, am vermeintlich äußersten Rand von Moskau, entspannter zuginge, dass sich die wenigen letzten Passagiere langsam zerstreuen. Doch weit gefehlt: Aus den Wagons kommen immer noch dicke Menschentrauben heraus, die dann die Treppen nach oben hasten. Am Ausgang muss man acht geben, nicht von einer der schweren Flügeltüren niedergestreckt zu werden. Auch hier tut man gut daran, sich dem Strom anzupassen.

Ein Geruch von Bratfett und süßen Backwaren

Oben dann frische Luft – endlich. Doch zum Verschnaufen bleibt keine Zeit. Von hier aus fahren mindestens 20 verschiedene Buslinien in die 12 Stadtteile. Zwischen den Haltestellen und all den wartenden und vorbeieilenden Menschen stehen bunte Zeitungskioske, Imbissbuden, aus denen der Geruch von Bratfett und süßen Backwaren strömt, und Blumenstände. Mittendrin bieten noch Straßenhändler ihre Ware feil.

An der Haltestelle für die „Marschrutka“ 707, die in Richtung des Nachbarbezirks „Nowo-Peredelkino“ fährt, ist eine Schlange, deren Ende man nicht auf Anhieb sehen kann, weil sie sich mehrfach windet. Ungläubig wandert man an den wartenden Menschen entlang, die in großer Gelassenheit auf ihren Bus warten und sich derweil mit Handygesprächen oder dem Lesen von Taschenbüchern die Zeit vertreiben.

Etwa 170 Menschen warten hier auf den nächsten Bus mit der Nummer 707. Wenn dieser alle zehn Minuten kommt und jeweils 50 Leute mitnimmt, wartet man also mindestens vierzig Minuten und kommt erst mit dem vierten Bus mit. Das ist noch optimistisch gerechnet, denn die Straße ist derweil so verstopft, dass auch die vollen Busse nicht gleich abfahren können. Die Menschen hier haben sich aber ganz offensichtlich an den Stress gewöhnt. Jedenfalls hört man keine Klagen.

Moskau ohne Stau kann man sich nicht vorstellen

Nach knapp 50 Minuten ist der vierte Bus dann tatsächlich da. Er nimmt so viele Menschen auf, wie er tragen kann und fährt dann los. Die Straßen sind immer noch verstopft und auf dem großen „Prospekt Vernadskogo“ geht es nur im Schritttempo voran. „Moskwu bez probki ne vozmozhno predstavit’.“ (Moskau ohne Stau kann man sich nicht vorstellen.), murmelt der Fahrer. Das merkt man leider auch an der Luftqualität. Dann beginnt der Verkehr doch noch zu fließen und erst jetzt bekommt man eine richtige Vorstellung von der Größe des Moskauer Randgebietes. Mit der letzten Metro Station „Jugo-Zapadnaja“ hört die Stadt im Südwesten noch lange nicht auf.

Die „Moskwitschi“ (Moskauer) aus den Randbezirken lieben zwar ihr historisches Stadtzentrum mit dem Kreml, dem Roten Platz und dem prachtvollen Kaufhaus GUM, aber wer nicht zur Arbeit oder aus anderen Gründen dorthin muss, bleibt lieber hier draußen. Auch am „Den’ goroda“, dem Geburtstag der Stadt, der immer am ersten Septemberwochenende gefeiert wird, nahmen viele Menschen aus „Jugo-Zapadnaja“ lieber an den Festen im Wohngebiet teil als in die überfüllte City zu fahren.

Igor Semjonow, der Junge aus dem Buch, würde wahrscheinlich sagen, dass sich „nascha Juschka“ – so nennen die Leute ihren Bezirk vertraulich – seit Anfang der neunziger Jahre sehr verändert hat. Heute gibt es neben den in die Jahre gekommenen, angegrauten Plattenbauten schicke Büro- und Wohnkomplexe mit geschmackvollen farblichen Applikationen und viel Glas, das in der Sonne glänzt. Man sieht auch rote Backsteinbauten, die ein wenig an nordeuropäische Bauweisen erinnern. All dies ist hübsch anzusehen, jedoch auch entsprechend gesichert. Für westliche Besucher wirkt das Aufgebot an hohen Zäunen, Sicherheitspersonal und Überwachungskameras ein wenig übertrieben.
 
Zwischen diesen modernen Baukomplexen und der sowjetischen Massenarchitektur steht in „Jugo-Zapadnaja“ eine bezaubernde kleine Kirche, die noch von den ganz alten Dorfzeiten vor der Oktoberrevolution erzählt. Sie wurde nach der Perestroika liebevoll restauriert. Alles zusammen bildet ein Ensemble aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das symbolisch für die Wandlungsfähigkeit dieses Bezirkes steht.

Das fehlende Grün findet man im weitläufigen Bitzewskij Park

Heutzutage findet man in „Jugo-Zapadnaja“ eigentlich alles, was man zum Leben braucht: In den letzten Jahren sind zahlreiche Einkaufsmöglichkeiten und Freizeiteinrichtungen entstanden. Cafés und Restaurants kommen nach und nach dazu. Etwas mehr Grün zwischen den Wohnhäusern wäre zwar schön, aber dafür gibt es nicht weit entfernt im Süden den weitläufigen Bitzewskij Park, der dem industriearmen Bezirk schon zu Sowjetzeiten den Ruf einbrachte, einer der ökologischsten und saubersten von allen zu sein. Das kulturelle Angebot in „Jugo-Zapadnaja“ kann dem im Zentrum natürlich keine Konkurrenz machen. Aber Museumsbesuche und klassische Konzerte gehören bei den meisten Moskauern, wie auch bei den meisten Deutschen, nicht unbedingt zum Alltag. Zu besonderen Anlässen freut man sich dann auch wieder einmal auf eine Fahrt ins Herz der Stadt.

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