Rußland begeht den 85. Jahrestag der Oktoberrevolution

Rußland begeht den 85. Jahrestag der Oktoberrevolution

Am 7. November wurde in Rußland der 85. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ begangen. Oktoberrevolution im November?

Von Hartmut Wagner

EM Kaliningrad/Königsberg – Am 7. November wurde in Rußland der 85. Jahrestag der „Großen Sozialistischen Oktoberrevolution“ begangen. Oktoberrevolution im November? Dieser Widersinn erklärt sich dadurch, daß die Umstellung vom julianischen auf den gregorianischen Kalender in Rußland erst Anfang 1918 erfolgte. Und nach alter Zeitrechnung fand die Revolution von 1917 am 25. Oktober statt. Durch Erlaß Boris Jelzins wurde der Feiertag 1997 offiziell in „Tag der Eintracht und Versöhnung“ umbenannt. Wirklich durchsetzen konnte sich dieser Etikettentausch bis heute jedoch nicht.

Am Morgen dieses frostigen Novembertages trafen sich die Anhänger der „Kommunistischen Allunionspartei der Bolschewiki“ im Herzen des Kaliningrader Stadtzentrums, dort, wo nach Entwürfen sowjetischer Stadtplaner einst das gewaltige Zentralgebäude der hiesigen Parteiapparatschiks in den Himmel ragen sollte. Dieses Ziel wurde ohne Zweifel erreicht. Mehr aber nicht. Das „Haus der Räte“, wegen seiner furchterregenden Ausmaße im Volksmund auch „Monster“ genannt, wurde niemals fertiggestellt. Die knapp 20 Stockwerke der verwitterten Betonruine dienen heute den vielen Obdachlosen der Stadt als Sommerquartier. Winters fegt allein der Ostseewind durch die menschenlosen Gänge und Büroräume.

„Unsere Stadt heißt Kaliningrad!"

Als sich der feierliche Umzug zum „Platz des Sieges“ in Marsch setzt, haben sich etwa siebzig Menschen am vereinbarten Ort eingefunden. Das Durchschnittsalter der Versammelten dürfte bei wenigstens fünfzig Jahren liegen.

Etwas abseits taucht eine Gruppe von Jugendlichen auf. Sofort löst sich eine ältere Dame aus den Reihen der Bolschewiken und spricht die Gruppe an. „Unsere Stadt heißt Kaliningrad! Königsberg brauchen wir hier nicht! Das haben wir mitsamt den Faschisten besiegt!“, wettert sie, nachdem sie erfahren hatte, daß die Jungs und Mädels allesamt an der hiesigen Universität Politikwissenschaft oder Geschichte studieren. Hoffnungsvollen Blickes drückt sie den Studenten, deren Reaktionen zwischen nachdenklichem Nicken und heiterem Gelächter schwanken, eine Ausgabe der Zeitschrift „Hammer und Sichel“ (Serp i Molot, 11/02) in die Hand und hastet ihren Parteigenossen nach.

Auf der Titelseite des kommunistischen Kampfblattes prangt in roten Lettern die Glückwunschbotschaft des Zentralkomitees der Kommunistischen Allunionspartei der Bolschewiki. Den Kommunisten Rußlands und des ganzen Planeten wird zum 85. Jubiläum der Oktoberevolution gratuliert und dazu aufgefordert die „Reihen enger zu schließen, denn unsere Kraft ist die Einheit!“. Im Leitartikel widmet sich das Parteiorgan der russischen Geschichte seit dem Revolutionsjahr 1917. Die Sowjetära teilt sich nach dem Verständnis der Parteiführung in zwei große Phasen. Die Jahre bis zum Tode des „Führers aller Völker“ Josef Stalin im Jahre 1953 werden als beispiellose Erfolgsgeschichte geschildert. „Freundschaft und Brüderlichkeit unter den sowjetischen Völkern, Rückhalt und gegenseitige Unterstützung, ein in der Geschichte nie da gewesener Enthusiasmus in Folge der Befreiung von der Arbeitsausbeutung, eine Atmosphäre des sozialen Optimismus und der Zukunftsgewißheit“ charakterisiere demnach die sowjetische Gesellschaft Mitte der 30er Jahre. Also genau die Zeit der Stalinistischen Säuberungen, der Millionen von Menschen zum Opfer fielen.
Mit der von Chruschtschow eingeleiteten Entstalinisierung hätte der politische Niedergang der KPdSU begonnen, der schlußendlich zum Zerfall der Sowjetunion und zur Renaissance des Kapitalismus in Rußland führte.

„Man hat uns ein Aufblühen der Wirtschaft versprochen, die uns der freie Markt brächte und stürzte uns dabei in Armut.“

Auf derartige Verklärungen der sowjetischen Vergangenheit verzichtet Gennadi Sjuganow, Vorsitzender des Zentralkomitees der russischen KP, weitgehend. In einem Beitrag der „Prawda“ vom 5. November unterzieht er die Politik Jelzins und Putins seit dem Zerfall der Sowjetunion 1991 scharfer Kritik. Dabei gibt er sich als Bewahrer des Erbes des „tausendjährigen Russischen Reiches“ und als Sprachrohr des Volkes. „Man hat uns ein Aufblühen der Wirtschaft versprochen, die uns der freie Markt brächte und stürzte uns dabei in Armut,“ schreibt Sjuganow. Unter dem Vorwand der angeblich alternativlosen Globalisierung würde von den „reaktionären Staaten“ und deren Führungsmacht, den USA, ein „grausamer Krieg“ gegen Rußland geführt. Die Reformpolitik in Rußland hätte bereits 15 Millionen Menschen das Leben gekostet, bald ebensoviele wie im „Großen Vaterländischen Krieg“ (1941-45).

„Unser Vaterland ist die UdSSR!“

Langsam marschiert die Menschentraube den Leninprospekt entlang. Vereinzelt ertönen Parolen wie „Unser Vaterland ist die UdSSR!“ oder „Die liberalen Reformen sind Genozid am russischen Volk!“. Und natürlich: „Die Regierung Putin – Kasjanow: In den Ruhestand!“ Meist begnügt man sich aber damit, die rote Sowjetflagge gen Himmel zu strecken. Einzelne klammern sich auch an die mitgeführten Porträts der beiden Großen von damals: Lenin und Stalin. Hätte die Bläsergruppe an der Spitze des Umzuges nicht hin und wieder einen fetzigen Marsch geschmettert, die ausgelassene Stimmung der Altkommunisten wäre wohl unterwegs verebbt.

Bald erscheint linkerhand die mächtige Statue der „Mutter Rußland“. Ihr Blick ist unverrückbar Richtung Osten gerichtet, nach Moskau. In ihrer kräftigen linken Hand trägt sie das Wappen der Sowjetunion. Das Denkmal erinnert an die Gründung des Kaliningrader Gebietes und dessen Eingliederung in die UdSSR im Jahr 1946.

Nur wenige Kaliningrader erwarten den Menschenumzug am „Platz des Sieges“ (bis 1945 „Adolf-Hitler-Platz“). Zwar müssen die meisten an diesem Tag nicht zur Arbeit, die traditionelle Manifestation in der Innenstadt aber scheint sie nicht zu interessieren. Zwischenzeitlich trifft ein zweiter Demonstrationszug ein. Zwar ist er erheblich größer als der erste, mehr als drei- bis vierhundert Menschen sind aber auch jetzt nicht versammelt.

„Liebe Towarischtschi, liebe progressisven Menschen dieser Erde…“

Eine Gruppe betagter Herren besteigt die kleine Tribüne zu Füßen der kämpferischen Leninstatue. In den nächsten drei Stunden folgt ein Redebeitrag dem anderen. Mitglieder aller größeren kommunistischen Parteien kommen zu Wort. „Liebe Towarischtschi, liebe progressisven Menschen dieser Erde…“, wird das Publikum meist begrüßt. Die wesentlichen Forderungen der Redner sind: Russischer Grund und Boden darf nicht verkauft werden; keine Privatisierung von Eisenbahn, Waffen- und Energiesektor; Entmachtung der Oligarchen, insbesondere die Wiederherstellung der staatlichen Monopole über die russischen Bodenschätze; kostenlose Ausbildung und medizinische Versorgung.

Die Fahnen und Staatssymbole, die an diesem Vormittag auf dem Siegesplatz zu sehen sind, erzählen von der wechselvollen Geschichte Rußlands im vergangenen Jahrhundert. Die Besucher der Kundgebung schwenken ihre sowjetischen Flaggen. Im Rücken der gußeisernen Leninstatue wehen weiß-blau-rote Trikoloren im Wind, im Blickfeld Lenins, an der Fassade der Kaliningrader Stadtverwaltung, hängt der goldene russische Doppelkopfadler. Beides sind Symbole des im Jahre 1917 untergegangenen Russischen Kaiserreiches, auf die die junge Russische Föderation Anfang der 90er Jahre zurückgriff.

Am Rande der Menschenmenge aber steht eine Gruppe mit einem Flaggenmix, der sich gesundem Menschenverstand nicht erschließt. Die Symphatisanten der sogenannten Nationalbolschewistischen Partei führen die schwarz-gelb-weiße Trikolore mit sich, die Mitte des 19. Jahrhunderts für das Russische Reich stand. Gleichzeitig aber haben sie auch die Fahne der untergegangenen Sowjetunion dabei. Noch hirnverbrannter indes ist die nationalbolschewistische Parteiflagge selbst: Hammer und Sichel in Schwarz, inmitten eines kreisrunden weißen Feldes auf rotem Hintergrund. Sprich die Flagge des nationalsozialistischen Dritten Reiches, in der das Hakenkreuz durch Hammer und Sichel ersetzt wurde.

Der letzte Redner des Tages reckt zum Abschiedsgruß die kommunistische Faust, die von den Zuhörern nur allzu gerne erwidert wird. Dann erklingt die Internationale…

Russland

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