Rußland – ein Entwicklungsland neuen TypsSTRATEGIEDEBATTE

Rußland – ein Entwicklungsland neuen Typs

„Professor Oschlies bewegt sich leider auf der Ebene politischer Spekulationen“, kritisiert Kai Ehlers dessen Diskussionsbeitrag im EM 07-05. Der Transformationsforscher führt die Debatte über die Beziehungen zwischen Europa und Rußland fort und kommt zu der Erkenntnis, daß das riesige eurasische Land einen eigenen, neuen Weg beschreitet.

Von Kai Ehlers

  Veröffentlichungen von Kai Ehlers
  „Erotik des Informellen, Impulse für eine andere Globalisierung aus der russischen Welt jenseits des Kapitalismus. Von der Not der Selbstversorgung zur Tugend der Selbstorganisation“, edition 8, 2004.

„Aufbruch oder Umbruch?“ Verlag Pforte, Frühjahr 2005.

W ohin geht Rußland? Aus der Sicht von Alexander Rahr ist Rußland gezwungen, sein Heil in Europa zu suchen, während ich argumentiere, Rußland suche seinen Platz als eurasischer Integrationsknoten in einer multipolar geordneten Welt. Unsere Debatte hat nun auch Prof. Dr. Wolf Oschlies, Osteuropa- und Balkanexperte an der Universität Gießen auf den Plan gerufen. Sein polemischer Artikel enthält einen interessanten Aspekt: „Damals kamen Russen und deutsche Kaufleute der Hanse bestens miteinander aus, weil sie gemeinsame ökonomische Interessen hatten, sich aber in ihren regionalen Interessensphären nicht in die Quere kamen. Wenn sich Geschichte so positiv wiederholt, wird sich auch der Nutzen für alle Beteiligten einstellen.“ Klingt gut, fast als hätte der Professor einen dritten Weg gefunden zwischen der Position von Herrn Rahr und meiner Position.

Aber wo sind die Begründungen? Was Prof. Oschlies dazu aus der russischen Publizistik vorbringt, ist interessant, bewegt sich aber leider nur auf der Ebene politischer Spekulationen. Er zitiert vier  mögliche Szenarien der EU-Entwicklung, zu denen man sich in Rußland Gedanken mache: Zerfall der EU, Fortsetzung der Einigungspolitik, zwei Europas, Föderative Vereinigte Staaten von Europa. Die Russen sähen unter diesen Umständen zur Zeit keinen „vakanten Platz“ für sich in der EU, gingen davon aus, Zeit zu haben, sich allmählich an die europäischen Werte und Standards gewöhnen zu können. Am Ende werde die EU doch auf die Russische Föderation zugehen, weil ohne das Land kein stabiles, demokratisches Europa aufgebaut werden könne. Aus dieser Sicht folge, so Oschlies, „daß Rußland von Europa (vielleicht) ein paar Kommunikationsstörungen erwarte“, sich im übrigen aber als Führungsmacht im postsowjetischen Raum akzeptiert sehe, so habe sich „Rahrs Perspektive, die EU werde aus Sicherheitserwägungen Russland dereinst aufnehmen müssen, bereits umgekehrt: Die EU hat einen Teil ihrer (zentral)asia­ti­schen Befürchtungen Rußland überlassen – vermutlich sogar aufatmend.“ Jetzt seien die Russen dabei, schließt Oschlies, aus ihrer Lage das Beste zu machen. Das Beste ist dann eben, wenn ich den Professor richtig verstehe, daß man sich, wie oben zitiert, nicht in die Quere komme und daß man Putin zum Glück so behandele, wie es unsere Vorfahren mit Peter dem Großen taten.

Tiefer zum Problem in den Beziehungen zwischen der EU und Rußland vordringen

Was aber taten unsere Vorfahren mit dem russischen Zaren nach Aussagen von Herrn Oschlies? Sie behandelten ihn als „russischen Nationalpolitiker“, schreibt Oschlies, „als lernfähiges, lernwilliges Subjekt und als verläßlichen, berechenbaren Partner des Westens.“ Glücklicherweise fügt er noch die Frage hinzu, wann es „so einen in den letzten 300 Jahren in Rußland gegeben“ habe. Glücklicherweise, sage ich, weil sich hier jenseits billiger Polemik über Oschlies’ Sicht auf Peter den Großen und Wladimir Putin als „lernfähige, lernbereite Subjekte“ und „berechenbare Partner des Westens“ eine Möglichkeit auftut, tiefer zum Problem in den Beziehungen zwischen der EU und Rußland vorzudringen und nicht nur mehr oder weniger diplomatisch orientierte Szenarien auszutauschen, in denen die Begründungen für die eine oder für die andere Sicht fehlen.

Zunächst ist daran zu erinnern, daß die Beziehungen zwischen den europäischen Mächten und dem Rußland Peters des Großen keineswegs so harmonisch waren, wie Prof. Oschlies sie darstellt, wenn er behauptet, daß sich die „regionalen Interessensphären nicht in die Quere“ gekommen seien. Im Gegenteil! Die Regierungszeit Peters des Großen ist gerade dadurch gekennzeichnet, daß er Rußland mit Gewalt einen Zugang zu den Weltmeeren schaffen wollte, den es aufgrund seiner Lage im Zentrum der eurasischen Landmasse damals nicht hatte. Es sei nur an den fast fünfundzwanzig Jahre dauernden Nordischen Krieg erinnert, mit dem Zar Peter sich den Zugang zur Ostsee erzwang. Aber auch nach dem Sieg über die Schweden stand Rußland weiter unter dem Druck der Europäer, in Sonderheit der Engländer, die Rußland den Aufbau einer eigenen Handelsflotte verweigerten.

Was Prof. Oschlies als „pleonastische Leerformel“ abtut, Putins Sichtweise vom „Eurasischen Integrationsknoten“ nämlich, ist, wie sich auch an dem Rußland von Peter dem Großen zeigt, nicht nur erklärter und praktizierter Kern Putinscher Politik. Die „Leerformel“ entspricht auch nicht nur, wie Oschlies es nennt, „vergeblichen, wiewohl uralten Bemühungen, die eigene geographische Lage auf zwei Kontinenten philosophisch und als kulturelle Mission zu deuten.“ Sie entspricht vor allem der tatsächlichen Lage Rußlands zwischen Europa und China, zwischen abendländischer, asiatischer wie auch islamischer Welt. Diese Tatsachen sind durch keine noch so radikale Westanbindung aus der Welt zu schaffen. Das gelang weder in der Gegenwart noch in der Vergangenheit, wie Oschlies richtig bemerkt, wenn er in der Geschichte Rußlands vergeblich nach Figuren wie Wladimir Putin sucht. Kein russischer Herrscher, daran kann es keinen Zweifel geben, hat sich der historisch gewachsenen Tatsache entziehen können, daß Rußland im Grenzraum zwischen Europa und Asien liegt. Rußland als eurasischer Staat ist ein Bindeglied zischen Ost und West in geographischer, sozioökonomischer, kultureller und politischer Hinsicht.

Rußlands doppeltes Gesicht

Wenn Prof. Oschlies Peter den Großen bemüht, muß auch an das Elend erinnert werden, das dem gewaltsamen Westkurs des Zaren folgte – speziell die sozialen und ethnischen Verwerfungen. Diese konnten erst fünfzig Jahre später von Katharina II. ebenso gewaltsam „befriedet“, besser gesagt unterdrückt werden. Ob aus der geopolitischen Lage Rußlands eine Mission gemacht wird, wie das in der russischen Geschichte immer wieder geschah und wie es heute durch Nationalisten wie Alexander Dugin und seine mystizierende Version des „Eurasismus“ wieder geschieht, ist eine andere Frage. Solche konservativen bis nationalistischen und neoimperialen Wendungen sind ein höchst unerfreulicher Reflex auf den Verlust der sowjetischen Größe. Sie sind aber auch eine Reaktion auf eine einseitige Westbindung, die – speziell unter Jelzins Führung - über die gewachsene russische Wirklichkeit hinwegzugehen versuchte. Wladimir Putin ist sich dessen vollkommen bewußt. Er hat daher bei seinem Amtsantritt erklärt, daß eine einseitige Westbindung für Rußland nicht in Frage komme, sondern Rußland sich in seiner traditionellen Rolle zwischen Asien und Europa neu finden müsse. Er scheut dabei auch nicht vor Überschneidungen mit der politischen Agitation Dugins zurück, die er auf diese Weise in den Wiederaufbau Rußlands zu integrieren versucht.

Dennoch ist Putin kein Mystiker, sondern Pragmatiker. Die Linie, die er verfolgt, ist die der multipolaren Orientierung. Die von Prof. Oschlies konstatierte relative Gelassenheit der Russen gegenüber der heutigen EU-Entwicklung resultiert eben aus dieser Tatsache: Zwar ist Oschlies unbedingt zuzustimmen, daß eine alleinige Orientierung der EU auf China nicht zukunftsfähig ist, allein schon deshalb, weil Chinas derzeitiges Wachstum nicht einfach hochgerechnet werden kann, sondern bereits jetzt mit krisenhaften Problemen der Überproduktion zu kämpfen hat und in größerem Maße noch zu kämpfen haben wird. Trotzdem ist China für Rußland neben der EU und den USA selbstverständlich ein strategischer Partner, und zwar nicht irgendeiner, sondern einer von vorrangiger und wachsender Bedeutung. In dem Geflecht zwischen Europa, Rußland, islamischer Welt, China und Indien befindet sich Rußland gegenüber allen anderen Akteuren in der besonderen Situation. es liegt nicht am Rande des eurasischen Kontinentes, sondern zwischen Asien und Europa. Wer dies übersieht, übersieht sowohl die Potenzen, aus denen Rußland schöpft und immer geschöpft hat, wie auch die Gefahren, die aus dieser Rolle Rußlands für Rußland selbst wie auch für seine Nachbarn resultieren. Die Potenzen liegen in einer weitgehenden Autonomie Rußlands als Selbstversorger. Die Gefahren liegen in einer Rückwendung zu einer imperialen Großmachtpolitik und einseitiger Blockbildung – mit welchem Partner auch immer.

Rußland ist Selbstversorger

Es wäre gut, sich dieser Tatsachen bewußt zu werden, deren Vernachlässigung bereits mehrmals in der Geschichte zu folgenschweren Irrtümern westlicher Mächte in der Beziehung mit Rußland geführt hat. Ich darf an Napoleon und auch an Hitler erinnern, die beide an einer Unterschätzung der russischen Potenzen gescheitert sind. Es ist zu hoffen, daß der EU heute, auf anderem historischen Niveau und in anderer Form versteht sich, nicht noch einmal das Gleiche passiert: Rußland ist kein Teil Europas und auch nicht Asiens, ebenso wenig wie es, trotz innerer und äußerer Bindungen, ein Teil der islamischen Welt ist. Auch wirtschaftlich ist Rußland weder von Europa abhängig, noch von China oder der arabischen Welt. Rußland ist Selbstversorger, der notfalls – zwar sicher auf niedrigerem Niveau, aber sehr lange – auch aus eigenen Kräften existieren kann. Die Gründe dafür sind vielfältig, zwei wesentliche seien genannt: Erstens sind das die immensen natürlichen Ressourcen des russischen Raumes, etwa Öl und Gas, die Kohle und alle erdenklichen, lebensnotwendigen anderen Metalle. Darüber hinaus stehen den Russen gewaltige lebende Ressourcen zur Verfügung: vom Wald bis zur kontinentalen Sonneneinstrahlung, die für die Entwicklung alternativer Energien nötig sind.

Zweitens ist Rußland ein Selbstversorger ob seiner umfangreichen Selbstversorgungsstrukturen, die ein wichtiger Teil seiner nationalen Kultur sind. Auf ihrer Grundlage – Datschen und Hofgärten – hat das Land bereits die Transformationskrise der letzten zwanzig Jahre überstanden. Die Selbstversorgungsstrukturen haben sich in dieser Zeit nicht etwa zurückentwickelt, sie haben sich rasant ausgebreitet und sind zur Existenzgrundlage für die Masse der krisengeschüttelten Bevölkerung geworden. Hier offenbart sich ein sozioökonomischer Entwicklungsweg, der nicht mehr nach sowjetisch-sozialistischen, aber auch nicht kapitalistischen Kriterien allein funktioniert. In diesem Sinne spreche ich von Rußland als einem Entwicklungsland neuen Typs, das nicht mehr, wie dem bisherigen Verständnis von Entwicklungsländern entsprechend den sogenannten entwickelten Industriestaaten hinterherläuft, um sie zu kopieren und nach Möglichkeit zu überholen. Vielmehr geht Rußland einen eigenen, einen neuen Weg jenseits der bisherigen Systempolaritäten von Sowjet-Sozialismus und Kapitalismus, der auch für die „entwickelten Industriestaaten“ Ansätze zukünftiger Entwicklungsmöglichkeiten aufzeigt. Ich schlage vor, hier genau hinzuschauen, was sich in Rußland heute entwickelt, statt von einer einfachen Übernahme westlicher Wirtschafts- und Lebensmodelle auszugehen. Hierzu darf ich auf meine letzten Veröffentlichungen verweisen, in denen ich dieser Frage nachgehe (siehe Kasten).

Das „Große Spiel“: Europa und die USA als Kontrahenten Rußlands 

Bleibt schließlich zur Frage der „strategischen Partnerschaft“ zwischen EU und Rußland noch nachzutragen, daß die Widersprüche der EU-Politik in der Diskussion über die europäisch-russischen Beziehungen schärfer herausgearbeitet werden müssen, als es Prof. Oschlies in seinem Beitrag getan hat. Tatsache ist nämlich, daß die EU zwar einerseits die strategische Partnerschaft mit Rußland beschwört bis hin zu den Verträgen über eine neue Gasleitung durch die Ostsee. Andererseits wird aber mit Hilfe der europäischen Entwicklungsprogramme INOGATE, TACIS, TRACECA im Verein mit den USA daran gearbeitet, Rußland im neu aufgelegten „Großen Spiel“ um die zentralasiatischen Ressourcen von seinen traditionellen Einflußgebieten abzuschneiden. Das steht einem friedlichen Nebeneinander „regionaler Interessensphären“, wie es Oschlies als Wiederholung der Geschichte des 17. Jahrhunderts vorschwebt, leider diametral entgegen. Eine offene Debatte über diese doppelbödige Politik der EU wäre sicher sehr hilfreich.

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Kai Ehlers ist Publizist, Transformationsforscher und Initiator von Projekten zur interkulturellen Kooperation. Mehr über seine Arbeit finden Sie unter www.kai-ehlers.de.

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