„Rußland sollte sich endlich gegen die aggressive Penetration durch den Westen zur Wehr setzen.“INTERVIEW

„Rußland sollte sich endlich gegen die aggressive Penetration durch den Westen zur Wehr setzen.“

„Rußland sollte sich endlich gegen die aggressive Penetration durch den Westen zur Wehr setzen.“

Der britische Publizist John Laughland äußert sich im Gespräch mit dem Eurasischen Magazin zu den aktuellen Ereignissen in der Ukraine. Er untersucht, warum der Westen plötzlich so großen Gefallen an leninistischem Gedankengut findet und sein Herz für orangefarbene und andere „Revolutionen“ entdeckt. Außerdem analysiert er Perspektiven der geopolitischen Situation Rußlands.

Von Nico Lange

 Zur Person: Dr. John Laughland
 
Dr. John Laughland 
Der in London lebende Publizist John Laughland studierte Germanistik, Philosophie und Rußlandstudien in Oxford und München. Er war als Dozent in Paris, Bukarest und Rom tätig.

Die von Laughland veröffentlichten Bücher „The Death of Politics: France under Mitterrand“ und „The Tainted Source: the Undemocratic Origins of the European Idea“ wurden jeweils in ihrem Erscheinungsjahr in den „Büchern des Jahres“ des „Daily Telegraph“ aufgeführt. Letzteres ist mittlerweile in der dritten Auflage sowie in zahlreichen Übersetzungen erschienen.

Laughland veröffentlicht regelmäßig Artikel in der internationalen Presse, wie etwa in „The Times“, „The Wall Street Journal“, „Géopolitique“ und „Die Welt“.

John Laughland ist Mitbegründer und aktives Mitglied der „British Helsinki Human Rights Group“, einer Nichtregierungsorganisation, die Wahlen auf dem Gebiet der OSZE-Mitgliedstaaten beobachtet. Die Berichte der BHHRG zu den Präsidentenwahlen in der Ukraine sowie Informationen zu den Aktivitäten der Organisation finden Sie unter www.bhhrg.org.

Außerdem ist John Laughland der Europäische Direktor der „European Foundation“ (www.europeanfoundation.org).

Eurasisches Magazin: Herr Laughland, verfolgen Sie die aktuellen Ereignisse in der Ukraine? Handelt es sich Ihrer Meinung nach um Proteste, die von der „demokratischen Graswurzel“ der Opposition ausgehen oder übt der Westen hier Einfluß aus?

John Laughland: Ich verfolge die Ereignisse mit größter Aufmerksamkeit. Während der ersten Runde der Wahlen war ich persönlich für die „British Helsinki Human Rights Group“ (BHHRG) als Beobachter vor Ort. Natürlich nimmt der Westen massiven Einfluß auf die Entwicklungen in der Ukraine. Offiziellen Angaben zufolge erhielt Juschtschenko 105 Millionen Dollar aus den USA zur Finanzierung seines Wahlkampfes. Man kann davon ausgehen, daß der tatsächlich an die Oppositionsbewegung geflossene Betrag etwa bei dem Dreifachen dieser Summe liegt. Jedermann kann sehen, daß die Proteste sehr gut finanziert sind. Es gibt Laser-Licht-Shows, große Bühnenaufbauten, eine gigantische Videoleinwand, die auf dem Unabhängigkeitsplatz die Redner zeigt, ein Rockkonzert hat stattgefunden und auch der Transport der vielen Menschen wird offensichtlich organisiert und bezahlt. Ich denke, alle diese Proteste sind bereits vor der zweiten Wahlrunde sorgfältig geplant worden. Zweifellos haben sehr viele Bürger für Juschtschenko gestimmt, wie auch viele Menschen Ihre Stimme Janukowitsch gegeben haben. Es handelt sich vielleicht nicht um vollkommen künstlich erzeugte Proteste, jedoch offensichtlich um sehr stark manipulierte.

„Nicht nur die Regierung kann Wahlen manipulieren“

EM: Wie hat die BHHRG die Wahlen in der Ukraine bewertet?

JL: Im Vergleich zu den vorhergehenden Wahlen konnten wir sehr deutliche Verbesserungen feststellen. Eine wichtige Erkenntnis unserer Wahlbeobachtungen ist aber vor allem, daß man einen großen Fehler macht, wenn man annimmt, daß Versuche der Einflußnahme auf den Verlauf der Wahlen nur von der Staatsmacht ausgehen können. Tatsächlich hat es signifikante Vorfälle der Manipulation durch Juschtschenko-Anhänger im Westen der Ukraine gegeben. Die westlichen Medien berichten jedoch nur pauschal über Verfehlungen im Lager Janukowitschs.

Eine weitere Erfahrung der Wahlbeobachtungen war, daß wir in Gesprächen mit den einfachen Bürgern herausfanden, daß die Medien in der Ukraine keinesfalls völlig gleichgeschaltet und einseitig für Janukowitsch Stimmung machten. Sogar Unterstützer Juschtschenkos, die wir befragten, äußerten keinerlei Unzufriedenheit mit der Berichterstattung im Vorfeld der Wahlen. Die im Westen überall zu vernehmenden Vorwürfe, die Medien in der Ukraine stünden völlig unter der Kontrolle der Regierung, entsprechen schlicht und einfach nicht den Tatsachen. Es gibt nicht eine einzige Zeitung in der Ukraine, die Janukowitsch vorbehaltlos unterstützt. Stattdessen werden im Staatsfernsehen sogar Reportagen der „Voice of America“ über in den USA lebende Exil-Ukrainer ausgestrahlt, die die Regierung als mafiöse und korrupte Vereinigung bezeichnen. Meine Kollegen und ich haben Janukowitsch während der Tage unseres Aufenthalts in der Ukraine nicht ein einziges Mal im Programm des Staatsfernsehens gesehen.

EM: Welche Auswirkungen hat eine „orange Revolution“ in der Ukraine – sollte sie tatsächlich stattfinden – auf Rußland und die Machtkonstellation in Eurasien?

JL: Natürlich wäre es eine entscheidende geopolitische Niederlage für Rußland, sollte Juschtschenko gewinnen. Nebenbei gesagt, bin ich davon überzeugt, daß er noch vor der Publikation dieses Interviews an die Macht gelangen wird. Ein Wechsel der Ukraine in das westliche Lager würde allerdings die Machtposition Rußlands in dramatischer Weise schwächen. Das gesamte Schwarze Meer wäre fortan unter amerikanischer Kontrolle. Die Ausweitung des amerikanischen Einflusses auf das Schwarze Meer ist Teil einer großangelegten Strategie, die nicht nur dazu dienen soll, die Macht Rußlands zu schwächen sondern auch innenpolitische Veränderungen in der Russischen Föderation auszulösen.

„Putin arbeitet für George Bush“

EM: Ist der Eindruck falsch, daß Moskau momentan rein gar nichts unternimmt, um gegen die gravierenden geopolitischen Schachzüge der USA vorzugehen? Ist Rußland zu schwach dafür oder verfolgt der Kreml eine besondere Strategie? Will Rußland vielleicht von den USA als Junior-Partner akzeptiert werden?

JL: Ihr Eindruck täuscht nicht. Ich war bereits vor einem Jahr sehr erstaunt über die Tatsache, daß Rußland beim Sturz Schewardnadses in Georgien sogar aktive Hilfe geleistet hat. Ähnliches gilt jetzt für die Ukraine. Uns wird zwar ständig erzählt, daß Rußland Janukowitsch unterstützt, aber in der Realität ist dies alles andere als klar. Außerdem zeichnet sich nicht ab, in welcher Form diese Unterstützung geleistet wird, wenn man einmal von Rhetorik absieht. Daß die USA mehr als 100 Millionen Dollar an Juschtschenko gezahlt haben, ist bekannt. Ich habe jedoch nichts von auch nur einer einzigen Kopeke gehört, die Rußland Janokuwitsch und seinen Unterstützern hat zukommen lassen.

Um ehrlich zu sein: es ist mir mittlerweile unmöglich zu verstehen, welche Absichten die Regierung Putin verfolgt. Ich gewinne mehr und mehr den Eindruck, daß Putin für George Bush arbeitet. Er gibt zwar vor, ein großer Verfechter der nationalen Interessen Rußlands zu sein, in der Realität gibt es dafür aber nur wenige Anhaltspunkte. Putin schickte einst seinen Außenminister Iwanow nach Belgrad, um Milosevic loszuwerden. Er schickte Iwanow nach Georgien, um Schewardnadse loszuwerden. Und vielleicht unternimmt Herr Iwanow ja in den nächsten Tagen eine Reise nach Kiew.

„Die USA greifen nach der Weltmacht“

EM: Sie sprachen von einer großangelegten Strategie der USA. Warum versucht Washington, immer größere Teile Eurasiens unter seine Kontrolle zu bekommen?

JL: Es ist der Griff nach der Weltmacht. Es gibt keinerlei Zweifel daran, daß die USA nach dem Ende des Kalten Krieges versuchen, ein unipolares Weltsystem zu stabilisieren. Vor diesem Hintergrund gibt es für die Amerikaner nur zwei Alternativen: dominieren oder untergehen. Wenn es die Möglichkeit dafür gibt, werden sich die Amerikaner jeglichen Einfluß sichern. Damit suchen sie zu verhindern, daß eine andere Macht möglicherweise zur Konkurrenz aufsteigen könnte.

EM: Lassen Sie uns noch auf einen anderen Aspekt zu sprechen kommen. Sie selbst sind in einer Nichtregierungsorganisation (NRO) aktiv. Wie bewerten die die Aktivitäten der NROs auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und im besonderen innerhalb der Ukraine?

JL: Tatsächlich gibt es nur verschwindend wenige echte NROs auf diesem Gebiet. Um ehrlich zu sein, ist mir keine außer unserer eigenen Organisation bekannt. Die große Mehrheit dieser sogenannten „Nichtregierungsorganisationen“ wird in Wahrheit von westlichen Regierungen finanziert. Beispielsweise trafen wir in Kiew auf das „Komitee der ukrainischen Wähler“. Im Büro des Vorsitzenden dieser Organisation hängt ein großes Bild, das ihn zusammen mit der ehemaligen US-amerikanischen Außenministerin Madeleine Albright zeigt, die derzeit dem „National Endowment for Democracy“ vorsteht. Dies ist eine zu 100 Prozent von der amerikanischen Regierung finanzierte Institution. Auf unsere Nachfragen stellte sich heraus, daß die tatsächlichen ukrainischen Wähler nicht eine einzige Kopeke für das „Komitee der ukrainischen Wähler“ aufgebracht hatten. Stattdessen wird das Komitee komplett vom „National Endownment for Democracy“, der „Open Society Foundation“ und anderen westlichen Organisationen finanziert. Vor diesem Hintergrund ist es geradezu unglaublich, daß die Befragung dieser sogenannten Nichtregierungsorganisation zum Ausgang der zweiten Runde der Präsidentenwahlen in der Ukraine als wesentlich verläßlicher hingestellt wird als die Ergebnisse der offiziellen Wahlleitung.

„Der Westen liebt Revolutionen“

EM: Hier in Rußland sind viele Menschen der Meinung, daß die Opposition in der Ukraine unter aktiver Unterstützung des Westens sich die zum Wahlsieg fehlenden Prozente auf der Straße holen will.

JL: Es ist eine Ironie der Geschichte, daß im Westen mittlerweile das kommunistische Konzept der Revolution vollständig in das politische Denken übernommen wurde. Der Westen liebt Revolutionen. Sowohl auf den heutigen Titelseiten des linken „Independent“ als auch auf denen des konservativen „Daily Telegraph“ wird hier in Großbritannien angesichts der Demonstrationen auf dem Unabhängigkeitsplatz in Kiew in großen Lettern die Revolution in der Ukraine verkündet. Eine ähnlich große Versammlung auf dem Trafalgar Square oder vor dem Brandenburger Tor würde dagegen als politisch vollkommen irrelevant angesehen werden. In Kiew befinden sich derzeit 40.000 Menschen auf der Straße. Wir hatten vor kurzem hier in den Straßen Londons mehr als zwei Millionen Demonstranten, die den Irakkrieg verhindern wollten. Darüber wurde zwar berichtet; es wurde jedoch weder der Irak-Krieg verhindert noch die britische Regierung gestürzt. Die Überzeugung des Westens, daß die Versammlung einiger Aktivisten auf der Straße den Sturz der Regierung zufolge haben wird, macht die Akzeptanz des Mythos der Revolution deutlich. Zweifellos waren die Ereignisse in Serbien und Georgien so etwas wie Revolutionen, die revolutionäre Situation wurde jedoch vorher deliberativ erzeugt. Die Förderung von Revolutionen durch den Westen ist eine abstruse Wiederkehr kommunistischer Methodologie. Wie Lenin hat man verstanden, daß sich die Kontrolle über das politische System und die Gesellschaft bei einer Revolution wesentlich umfassender herstellen läßt, als bei einem konventionellen Wahlsieg.

EM: Hat Rußland im Angesicht dieser einschneidenden Veränderungen der eurasischen Konstellation Verbündete innerhalb der Europäischen Union?

JL: Nein. Es ist offensichtlich, daß alle europäischen Regierungen in dieser Hinsicht die USA unterstützen.

„Rußland sollte sein Öl zukünftig in Euro handeln“

EM: Sie erwähnten gerade Lenin. Ein berühmtes Zitat von ihm lautet „Was tun?“ Was sollte Putin ihrer Meinung nach unternehmen?

JL: Ich denke, Putin und andere Akteure in der Region sollten sich endlich stärker gegen die aggressive Penetration ihres Landes durch den Westen zur Wehr setzen. Ein Anfang dafür könnte sein, daß Rußland zukünftig sein Öl in Euro handelt. Das würde eine massive geopolitische Verschiebung auslösen, da die gegenwärtige Funktionsweise des internationalen Finanzsystems mit der starken Bevorzugung des Dollars durch die Bindung an den Ölhandel eine der elementarsten Machtressourcen für die USA darstellt.

EM: Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Nico Lange telefonisch aus St. Petersburg.

Interview Russland

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