Rußland wird ein eurasischer IntegrationsknotenSTRATEGIEDEBATTE

Rußland wird ein eurasischer Integrationsknoten

Das Interview mit Alexander Rahr ist hochinteressant - nicht zuletzt deswegen, weil es einige Fragen aufwirft, über die man sich entschieden auseinandersetzen muß …

Von Kai Ehlers

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> EM 05-05: "Putin ist kein Diktator" Interview mit Alexander Rahr  

Uas Interview mit Alexander Rahr ist hochinteressant - nicht zuletzt deswegen, weil es einige Fragen aufwirft, über die man sich entschieden auseinandersetzen muß. Ich stimme Rahrs Einschätzungen zu, was die Position Wladimir Putins betrifft, der selbstverständlich „kein Diktator“ ist, sondern jemand, der den Weg der autoritären Modernisierung gern in Richtung einer demokratischen Restauration russischer Größe gehen möchte - und sich dabei in Widersprüche verstrickt. Jede andere Sicht ist Propaganda von interessierter Seite.

Sehr streiten muß man jedoch über einige Grundannahmen, die dem Eingangsstatement Alexander Rahrs, Rußland habe langfristig keine andere Chance, als sich mit „Europa zu einer Einheit zu verschmelzen“, stillschweigend unterliegen. Mit ihrer Gültigkeit oder Nicht-Gültigkeit steht oder fällt jedoch sein Statement.

Diese Grundannahmen sind in Kürze:

1. Die Erwartung einer islamischen Gefahr, die in Alexander Rahrs Aussage liegt, es werde zu einer Auseinandersetzung mit „dem“ Islam kommen, die Rußland nur durch eine Hinwendung nach Europa bestehen könne. Doch worin begründet sich die Annahme einer solchen Entwicklung? Wird hier nicht das amerikanische Feindbild unhinterfragt weitergegeben, das „den“ Islam zum globalen Angstgegner macht? Muß hier nicht entschieden differenziert werden? - Rußland hat zweifellos eine jahrhundertealte Geschichte der Auseinandersetzung mit dem Islam. Rußland hat aber eine ebenso lange Geschichte der Integration des Islams und der Kooperation mit ihm in und außerhalb des russischen Staatsgebietes, aus dem Rußland sogar besondere Kräfte erwachsen. Statt der befürchteten Auseinandersetzungen ist es ebenso möglich, daß Rußland eine integrierende Rolle in den von den USA angezettelten Konflikten mit den islamischen Strömungen und Ländern spielt. Und keinesfalls ist schließlich ausgemacht, daß gerade aus Europa Hilfe für ein bedrängtes Rußland kommen würde, wenn sie denn nötig wäre. Im Moment sieht es ja eher so aus, als ob Europa die antirussischen Strömungen und Stimmungen im kaukasisch-zentralasiatischen Korridor fördere.

2. Die Annahme einer „gelben Gefahr“: Sie schimmert aus der Antwort Alexander Rahrs hervor, im Osten Rußlands siedelten sich Chinesen „bereits zu Hunderttausenden“ an, bildeten dort schon „eigene Strukturen“, China werde morgen Rußland als Juniorpartner ansehen usf.. Solche Angaben verlieren jedoch in dem Maße an Realität, wie man sich den konkreten Geschehnissen vor Ort nähert: Die Migrationsforschung entlang der chinesisch-russischen Grenze weist solche Szenarien hunderttausendfacher“ (oder in anderen Angaben gar millionenfacher) chinesischer Einwanderer als von den Tatsachen nicht gedeckt zurück. Auch die Annahme, das gegenwärtige industrielle Wachstum Chinas werde sich in einer Weise entwickeln, die Rußland zum Juniorpartner machen werde, ist zunächst nicht mehr als eine lineare Hochrechnung des jetzigen Wachstums Chinas. Die Möglichkeit einer krisenhaften Entwicklung dieses Wachstums wird dabei gar nicht in Betracht gezogen.

3. Die Annahme, die EU werde sich ungebrochen ausdehnen - bis hin zur Einbeziehung Rußlands - ist wohl eine schlichte Illusion. Tatsache ist, daß sich schon jetzt Risse in einer überdehnten EU zeigen, insbesondere zwischen Deutschland und Frankreich auf der einen Seite, die eine strategische Partnerschaft mit Rußland wünschen, und den neuen östlichen Partnern auf der anderen Seite, die sich von Rußland abwenden und sich eher erdrückt fühlen zwischen Moskau und den westlichen Partnern der EU. Rußland, als Teil der EU - das provoziert das Bild eines Schwanzes, der mit dem Hunde wackelt, es sei denn, man meint mit „EU“ die immer wieder vorgebrachten „europäischen Werte“. Aber selbst da kann ich nicht folgen, denn erstens ist keineswegs sicher, daß die EU ihre eigenen Werte verwirklicht und zweitens ist nicht absehbar, daß Rußland diese Werte einfach übernimmt.

Vor dem Hintergrund der von 1 - 3 genannten Aspekte scheint es mir rationaler, Rußland - wie Putin es tut - als eurasischen Integrationsknoten zu begreifen, der in Wechselwirkung mit anderen Räumen Euro-Asiens - EU, China und Japan, die indische und arabische Welt - und darüber hinaus mit den USA und anderen globalen Partnern steht. Putin hat – entgegen allem Anschein - nicht aufgehört das Konzept einer multipolaren globalen Ordnung zu verfolgen. Andererseits ist sich die EU keineswegs einig, ob sie Rußland einbeziehen oder - der US-Strategie folgend - isolieren möchte.

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Kai Ehlers Publizist, Transformationsforscher und Initiator von Projekten der interkulturellen Kooperation. Mehr über seine Arbeit unter www.kai-ehlers.de.

Außenpolitik EU Russland

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