„Rußlands Rolle als Rohstoffschleuder ist tragisch.“STRATEGIEDEBATTE

„Rußlands Rolle als Rohstoffschleuder ist tragisch.“

Der Beitrag von Herrn Prof. Dr. Oschlies im Eurasischen Magazin 07-05 kann nicht unwidersprochen bleiben. In zwei Punkten möchte ich mich damit kritisch auseinandersetzen.

Von Detlef Bimboes

E rstens schreibt Prof. Oschlies: „Wir behandeln Putin zum Glück so, wie es unsere Vorfahren mit Peter dem Großen taten - als russischen Nationalpolitker, als lernfähiges, lernwilliges Subjekt und als verläßlichen, berechenbaren Partner des Westens. Wann hat es so einen in den letzten 300 Jahren in Rußland gegeben?“

Dieser Vergleich Putins mit Peter dem Großen ist fragwürdig und sollte besser nicht gezogen werden. Es mag sein, daß damals  Deutsche, Holländer, Franzosen oder Engländer von  Peter dem Großen  angetan waren und er für sie ein verläßlicher Partner war, doch die gegenseitige Wertschätzung bestand nicht überall, teilweise nicht allzu lange und sie war trügerisch. Tiefere Ursachen dafür sind vor allem in der Ökonomie zu suchen. Es sind Verwerfungen, die auch heute noch in gleichen und ähnlichen Formen, weithin den Welthandel bestimmen und für Spannungen und weitreichende Probleme sorgen. Verläßlicher Partner war Peter der Große vor allem für Sachsen und Dänemark, später auch für Mecklenburg, Preußen, Hannover. Und das allemal, als es gegen Schweden und später dann darum ging, nach dem Sieg in Poltawa die Beute aufzuteilen, nämlich die von Schweden eroberten Besitzungen diesem wieder abzunehmen.

Peter der Große führte einen 25 Jahre dauernden Krieg gegen Schweden

Was waren die Hintergründe? Die Antriebskräfte für Peter den Großen lassen sich in der Wirtschaftsgeschichte aufspüren. Bereits lange vor Antritt von Peter dem Großen war den Moskowitern klar, daß das einheimische Handelskapital sich erst von dem in Rußland tätigen ausländischen Handelskapital emanzipieren würde können, wenn es Rußland gelänge, eine Respekt einflößende Seemacht zu werden. Den Löwenanteil des damaligen russischen Außenhandels rissen sich die Holländer neben anderen ausländischen Handelsgesellschaften unter den Nagel. Sie verhinderten zudem, daß die Russen gleichberechtigt - zum Beispiel in Holland Handel - betreiben durften. Der russische Kaufmann erhob deshalb die Forderung, den Warenaustausch mit Westeuropa selbst organisieren zu dürfen. Doch das bereitete Probleme. Durch den Frieden von Stolbowo von 1617 hatten die Russen Gebiete abtreten müssen (Ingermanland) und waren dadurch ganz von der Ostsee abgedrängt worden.  Einen Krieg mit der mächtigen Türkei wollte Peter nicht riskieren, um freie Ausfahrt nach Europa über Schwarzes Meer und Bosporus durchzusetzen. Zumal sich auch der Schwerpunkt des internationalen Handels vom Mittelmeer nach dem atlantischen Ozean, nach Nord- und Ostsee verschoben hatte. Hierfür brauchte es ein Fenster nach Westen, das offen stand. Das hieß Zugang zur Ostsee. Der Aufbau einer russischen Kriegsflotte wurde entscheidend. Die Lösung fiel in seine Regierungszeit. Sie hieß Krieg gegen das damals hochgerüstete und militärisch gefürchtete Schweden, das die Ostsee militärisch beherrschte.

Der opferreiche Krieg Rußlands gegen Schweden, der als (Dritter) Nordischer Krieg in die Geschichte einging, dauerte 25 Jahre (1700- 1725). Zwar war Schwedens Großmachtrolle beendet und Rußland zur Großmacht aufgestiegen, doch ökonomisch waren die Resultate mager. Rußland verfügte nun über den Zugang zur Ostsee und damit über ein Fenster nach Europa, aber das russische Handelskapital konnte sich dennoch nicht von der drückenden Vormachtstellung des Auslandes befreien. Lediglich im Inland  wurde es mit dem fremden Handelskapital gleichgestellt. Eine eigene Handelsflotte kam nicht zustande, da die Westeuropäer, insbesondere die Engländer drohten, dann alle Handelsbeziehungen mit Rußland abzubrechen und der russischen Seefahrt alle Seehäfen zu sperren. Auf einen Kampf mit England konnte sich Rußland aber aufgrund dessen Stärke nicht einlassen. Zwar gewann der russische Außenhandel dank des Zugangs zur Ostsee beträchtlich an Umfang, blieb aber immer unter der Vorherrschaft des Auslands. Die durch den Warenaustausch erzielten Gewinne flossen vornehmlich ins Ausland und bereicherten das westeuropäische, nicht das russische Bürgertum. Im übrigen drückte Peter der Große all seine Reformen mit despotischer Grausamkeit durch. Als er starb, war Rußland am Ende seiner Kraft. Auch dieser Hintergrund verbietet einen direkten Vergleich mit Putin.

Wenn schon ein Vergleich, dann mit Katharina der Großen

Zweitens schreibt Prof. Oschlies: „In Rußland hält man es sogar für denkbar, den zahllosen arbeitslosen Facharbeitern aus der EU russische Arbeitsplätze zu geben und damit einen Entwicklungsschub zu bekommen. Und viele ähnliche Vorschläge mehr, die an die Zeit von vor 800 Jahren erinnern: damals kamen Russen und deutsche Kaufleute der Hanse bestens mit einander aus, weil sie gemeinsame ökonomische Interessen hatten, sich aber in ihren regionalen Interessensphären nicht ,in die Quere‘ kamen. Wenn sich die Geschichte so positiv wiederholt, wird sich auch der Nutzen für alle Beteiligten einstellen“.

Meine Antwort: Wenn es um die Anwerbung von Facharbeitern geht, dann sollte man Rußland oder Putin doch besser mit Katharina der II. vergleichen. Sie setzte den entscheidenden Impuls zur Ansiedelung, wenn auch bereits zuvor seit langem Spezialisten – so gerade durch Peter den Großen – angeworben worden waren. Der Vergleich mit der Hanse greift hier nicht oder nur sehr begrenzt. Er trägt außerdem nur zur allgegenwärtigen Verklärung dieser Handelsveranstaltung bei. Teilweise wird die Hanse bereits zu einer der Vorläuferinnen der EU hochstilisiert. Es wird Zeit, sich mit der Hanse auch einmal kritisch zu befassen.

Warum dies nötig ist: Die gemeinsamen Interessenlagen der deutschen und russischen Kaufleute können die unterschiedlichen „terms of trade“ nicht verbergen, die zum Nachteil Rußlands bestanden. Die hanseatischen Kaufleute verstanden es ausgezeichnet, Nowgorod beim Abschluß von Handelsverträgen zu benachteiligen und als Partner minderen Rechts zu behandeln. Beharrlich wurde den Russen vorenthalten, sich mit dem Export ihrer Waren nach Westeuropa selbständig zu befassen. Nowgorodsche Kaufleute durften nur beschränkt Hafenstädte in der östlichen Ostsee anlaufen, keinesfalls von wenigen Ausnahmen abgesehen Lübeck und andere im Westen gelegene Städte. Das Recht der freien Schiffahrt auf der Ostsee wurde nicht gewährt, Amsterdam oder gar London durften schon gar nicht besucht werden. Nowgorod konnte sich trotz dieser Schwierigkeiten mehr als 300 Jahre auf einem hohen Wohlstandsniveau und kultureller Blüte halten.

Wie waren die Terms of trade beschaffen? Der Warenaustausch zwischen Rußland und Westeuropa unterlag einem unterschiedlichen Preisniveau. Russische Naturprodukte waren billig und konnten mit recht hohem Gewinn im Westen verkauft werden. Umgekehrt konnten westeuropäische Industriewaren von der Hanse relativ billig eingekauft und mit hohem Gewinn in Rußland verkauft werden. Da ist dann natürlich doch einiges Geld in und an Nowgorod geflossen, der Glanz überdeckt aber nur die Probleme.

Diese Schieflage, ja „stumm“ wirkende Gewalttätigkeit in den Handelsbeziehungen und fehlenden Zugängen zu Märkten - die weit und dauerhaft über die Hansezeit hinausreichten - lieferte langfristig die Begründung für Rußland, dies mit militärischer Gewalt zu ändern. Der Nordische Krieg bildete dafür einen der Höhepunkte. Wenn man das historisch so vergleicht mit dem heutigen Geschehen auf dem Globus, dann kommt einem doch vieles bekannt vor. Damit sich zwischen Europa und Rußland nicht wieder Probleme aufstauen und eines Tages erneut gewalttätig entladen, brauchen wir einfach eine andere Welt der Zusammenarbeit und der guten Nachbarschaft. Das hilft auch mit, daß sich hier wie in Rußland auch in Zukunft keine gefährlichen außenpolitischen Entwicklungen breit machen können. Verblüffend ist immer wieder für mich, daß Rußland in seiner langen Geschichte immer nur eine Rohstoffschleuder geblieben ist. Standen gestern Holz, Felle und Honig im Mittelpunkt, so sind es heute energetische Rohstoffe. Aus meiner Sicht ist das für Rußland tragisch.

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Dr. rer. nat Detlef Bimboes ist Verfasser von zahlreichen Veröffentlichungen zur Umwelt- und Friedenspolitik.

EU Russland

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