„Rußlands Streben nach Multipolarität“GELESEN

„Rußlands Streben nach Multipolarität“

Vom Schwanken der russischen Außenpolitik zwischen „Gegenmachtbildung“ und „auf die Seite des Stärkeren schlagen“. Eine gelungene Analyse der Jahre von 1991 bis 2005.

Von Nico Lange

Rezension zu „Challenging America’s Global Preeminence. Russia’s Quest for Multipolarity“ von Thomas Ambrosio  
„Challenging America’s Global Preeminence. Russia’s Quest for Multipolarity“ von Thomas Ambrosio  

Die russische Außenpolitik seit dem Ende der Sowjetunion gab und gibt interessierten Beobachtern immer wieder Rätsel auf. Moskau schlingerte fortgesetzt zwischen der Betonung der zentralen Bedeutung der Beziehungen zu den USA, der Förderung einer festen Bindung an die Europäische Union und der engen Kooperation mit Peking und Delhi zur Entwicklung eines Gegenpols zum übermächtigen Washington. Zeitweise legte die russische Administration im Verlauf der letzten Jahre hohen Wert auf die Möglichkeit zum alleinigen Handeln. Zu einem anderen Zeitpunkt unternahm die Moskauer Regierung dagegen aber intensive Anstrengungen zur Stärkung internationaler Organisationen.

Thomas Ambrosio von der Universität in Süd-Dakota analysiert im Buch „Challenging America’s Global Preeminence“ diese unsteten Entwicklungen der russischen Außenbeziehungen vor dem Hintergrund einer Theorie des „Balancing“ und „Bandwagoning“. Man kann diese Konzepte, die aus der neorealistischen Außenpolitiktheorie von Wissenschaftlern wie Kenneth Waltz und Stephen Walt stammen, wohl am ehesten mit „Gegenmachtbildung“ und „auf die Seite des Stärkeren schlagen“ ins Deutsche übertragen.

Russische Außenpolitik orientiert sich an den USA

Im Zentrum von Ambrosios Untersuchungen steht die These, daß die internationalen Strategien Moskaus sich vorrangig an der relativen Machtposition Rußlands gegenüber den Vereinigten Staaten orientieren. Dabei tritt das fundamentale Dilemma der russischen Außenpolitik deutlich zu Tage: In Moskau betreibt man internationale Politik noch immer mit dem Selbstverständnis einer Großmacht, während das heutige Rußland faktisch jedoch mehr und mehr an Macht verliert.

Mit Hilfe seines analytischen Rasters zeichnet Ambrosio die wesentlichen Entwicklungen der russischen Außenpolitik von 1991 bis 2005 nach. Er konzentriert sich in seinen Darstellungen auf historische Fixpunkte, an deren Untersuchung der Wechsel der Politik zwischen „Gegenmachtbildung“ und „auf die Seite des Stärkeren schlagen“ besonders deutlich wird. Beginnend mit der klaren Westbindung in den Anfangstagen der Jelzin-Regierung zeigt Ambrosio in der Folge eine klare Tendenz Richtung „Gegenmachtbildung“ auf. Im Verlauf der Entwicklung versuchte Rußland sowohl die Beziehungen zu China als auch die Aktivitäten in Internationalen Organisationen für die Stärkung von Multipolarität zu instrumentalisieren.

Die Überwindung der Hegemonie der USA ist nur eine Frage der Zeit

Die stetige Herausbildung einer signifikanten „Gegenmacht“ wurde dann jedoch von den Ereignissen des 11. September 2001 unterbrochen, in dessen Folge Rußland sich außenpolitisch klar auf die Seite der USA stellte. Für Ambrosio ist diese Phase aktuell jedoch bereits abgeklungen und der Trend zur „Gegenmachtbildung“ wieder deutlich erkennbar. Er resümiert, daß es letztlich nur noch eine Frage der Zeit sei, bis die Hegemonie der USA substantiell in Frage gestellt würde

Glücklicherweise verliert sich Thomas Ambrosio nicht in den mitunter schwer zu entwirrenden Details der internen russischen Entscheidungsprozesse und behält seine analytische Perspektive mit der nötigen Disziplin bei. Der theoretische Rahmen hilft, die wesentlichen Entscheidungen und konzeptionellen Ansätze der russischen Außenpolitik nachzuvollziehen und zu verstehen. Das Buch ist sorgfältig recherchiert, präzise formuliert und auch für Nicht-Politikwissenschaftler klar und verständlich geschrieben. Noch dazu gibt der ausgesprochen lesenswerte theoretische Teil am Anfang des Buches eine prägnante Einführung in strukturelle Ansätze zur Außenpolitikanalyse.

Insgesamt legt Ambrosio eine sehr gelungene theoriegeleitete Studie vor, die Interessierten an russischer Außenpolitik und am russisch-amerikanischen Verhältnis vorbehaltlos empfohlen werden kann.

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Rezension zu „Challenging America’s Global Preeminence. Russia’s Quest for Multipolarity“ von Thomas Ambrosio, Aldershot 2005, Ashgate, 196 Seiten, $94,95.

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