Saddam als LiteratIRAK

Saddam als Literat

Saddam als Literat

Die Invasionstruppen der USA und Großbritanniens gaben vor, daß die Massenvernichtungswaffen des irakischen Diktators Saddam Hussein fur die Welt ein inakzeptables Sicherheitsrisiko darstellten. Auch elf Monate nach Kriegsbeginn wurden keine Massenvernichtungswaffen gefunden. Jetzt erschien allerdings in Russland ein Roman, als dessen Autor Saddam Hussein gilt. Der vermeintliche Weltenfeind scheint vom Diktator zum Literaten zu avancieren.

Von Thomas Keith

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Der Titel des Saddam-Buches  

Politische Korrektheit ist in Rußland weitgehend ein Fremdwort. Rassismus und Antisemitismus mögen nicht ausgeprägter als in Westeuropa sein, doch sind entsprechende Äußerungen dort auch jenseits der Stammtische integrale Bestandteile politischer Stellungnahmen und Diskussionen. Andererseits verdanken wir der russischen Gleichgültigkeit gegenüber politischer Korrektheit die literarische Neuerscheinung, von der im Folgenden die Rede sein soll.

Es ist schwer vorstellbar, daß ein westeuropäischer Verlag (von US-amerikanischen ganz zu schweigen) die Übersetzung eines Romans veröffentlichen würde, als dessen Autor Saddam Hussein angegeben ist. Vor einiger Zeit hat der Sankt-Petersburger Verlag „Amfora“ genau das unternommen: „Sabiba i zar“, „Sabiba und der König“ heißt das in einer großen Schrifttype gedruckte, 250 Seiten umfassende Werk im Taschenbuchformat. Motiviert ist die Veröffentlichung sicherlich durch die Spekulation auf sensationslustige Käufer/innen. Im Amfora-Verlag erschienen in letzter Zeit durchaus ernst zu nehmende Werke, so Romane einer Gruppe von Schriftstellern in den Vierzigern (Dmitrij Grigorev, Pavel Krusanov, Vadim Nazarov, Aleksandr Sekackij), die zur gegenwärtigen Elite des literarischen Petersburg gezählt werden. Die Aufmachung ihrer Bücher ähnelt der von „Sabiba und der König“: die Buchdeckel sind knallbunt und jeweils mit einer überdimensionalen plakativen, fast kitschig anmutenden Illustration versehen – die Ikonographie der Massenkultur dringt in Rußland zunehmend auch zu seriösen Buchausgaben vor.

Auf der Rückseite von „Sabiba und der König“ wird konstatiert, das Schicksal Saddam Husseins sei bereits ein Mythos. Er habe den Siegern keine Chance gegeben, als er selbst in diesem Roman seinen Tod voraussagte. „Helden haben immer viele Feinde. Derjenige, der sich aus der Masse hervorhebt, ruft immer Neid hervor, “ wird aus dem Roman zitiert. Die Sieger haben den irakischen Exdiktator dennoch lebendig gefaßt, der Mythos ist verblaßt.

Hadschi Gujura – ein Pseudonym für Sadam Hussein?

Die zitierten Sätze offenbaren, daß die Veröffentlichung nicht frei von Parteinahme für den gestürzten Diktator ist. Das Nachwort von „Sabiba und der König“ schlägt außerdem deutlich antiamerikanische Töne an. Am Schluß steht eine Warnung an Rußland: Auf alle, die den Amerikanern nicht gefallen, kämen in nächster Zeit eine Menge Probleme zu – und das Verfallsdatum der russischen Atomsprengköpfe laufe 2012 aus. In der Einleitung des Buchs heißt es, im Jahr 2000 habe Saddam Hussein die Schriftsteller des Iraks aufgefordert, Romane zu schreiben, die alle Aspekte des menschlichen Lebens umfassen. Hadschi Gujura habe das verinnerlicht und den vorliegenden Roman verfaßt. In einer editorischen Fußnote teilt der Verlag aber mit, er habe es für unentbehrlich gehalten, den Roman unter dem wirklichen Autorennamen – also Saddam Hussein – zu publizieren. Wie die Verlagsredaktion zu der Erkenntnis gekommen ist, daß es sich bei dem Namen Hadschi Gujura um ein Pseudonym handelt, hinter dem sich in Wahrheit Saddam Hussein verbirgt, erfahren die Leserinnen und Leser nicht.

Der eigentliche Romantext beginnt mit einer blumigen Hymne auf den Irak als uraltes Kulturland, verbunden mit einem Ausfall gegen den Zionismus und dessen Bündnis mit den Amerikanern, das die arabische Nation schwäche. Danach wird eine lebenserfahrene Großmutter als Erzählerin eingeführt. Der Wert solcher Erzählungen, die die guten und weisen Traditionen der Vorfahren weitergeben, sei, so heißt es im Text, um ein Vielfaches höher als der des Fernsehens. Die Großmutter erzählt Kindern und Erwachsenen von einem mächtigen König, der vor langer Zeit im Irak lebte. Ihr ausladender und oft in orientalischer Manier poetisch gefärbter Vortrag sei hier knapp zusammengefaßt: Der König verliebte sich in eine Frau aus dem Volk namens Sabiba. In langen Gesprächen überzeugt die außerordentlich verständige, couragierte und zugleich tiefgläubige Frau den König davon, daß er sich seinem Volk öffnen, auf es hören, für es regieren und sich von ihm legitimieren lassen müsse. Er dürfe sich nicht länger mit seinen Hofschranzen in seinem Palast abschotten. Als es zu einer Adelsverschwörung gegen den König kommt, tritt Sabiba dieser in der Art einer irakischen Jeanne d'Arc entgegen und setzt sich an die Spitze eines Volksheeres. Das Heer siegt, Sabiba aber fällt und wird zur Heldin. Danach nimmt das Volk auf einer einberufenen Versammlung seine Geschicke selbst in die Hand. Am Ende des Romans stirbt der König und wird vom Volk in würdiger Weise bestattet.

Sabiba, die Frau aus dem Volk, entwirft eine politisch-soziale Utopie

Aufgrund seiner literarischen Qualität wäre das Buch sicher nicht in Übersetzung erschienen. Dem Inhalt, der an die europäische Aufklärung anschließt, kann man jedoch einiges abgewinnen:

Im Namen der Freiheit wird – zuerst theoretisch von der Protagonistin, dann praktisch in der Volksversammlung – eine politisch-soziale Utopie entworfen, die sich gegen die bestehende, lediglich durch Erbfolge legitimierte Macht richtet. (Juden allerdings haben keinen Platz in diesem Gemeinwesen: ein „Geldjude“, wird aus der Volksversammlung verjagt.) In ihren staatstheoretischen Erörterungen skizziert Sabiba das Leitbild eines volksnahen Herrschers und einer Gesellschaft, in der Klassenunterschiede keine Bedeutung haben. Für orientalische Verhältnisse höchst bemerkenswert ist die emanzipierte Rolle der Frau, die die Protagonistin verkörpert und einfordert. Die gesamte Erzählung ist tief verwurzelt in geistigen Überlieferungen Arabiens und durchdrungen von einer Jahrtausende alten Kultur. Einer Kultur – diese Anmerkung muß erlaubt sein, ohne sofort den Stempel „Antiamerikanismus“ aufgedrückt zu bekommen – , der die US-amerikanischen Eroberer und Besatzer des Iraks nichts Ebenbürtiges entgegenzusetzen haben und die sie offensichtlich auch gar nicht interessiert.

Laut Spiegel-Online berichtete der frühere irakische Außenminister Tarik Asis in Verhören, daß Saddam Hussein während seiner beiden letzten Regierungsjahre zunehmend den Bezug zur Realität verloren habe. So habe er noch Roman-Manuskripte verfaßt, selbst als Briten und Amerikaner bereits zum Krieg rüsteten. Im „Spiegel“ vom 20.12.03 war zu lesen, daß in Saddams letztem Versteck nicht nur klassische arabische Dichtkunst, sondern auch Dostojevskijs „Schuld und Sühne“ gefunden wurden.

Das Psychogramm des Diktators bekommt neue Facetten

Gewiß offenbart das Buch der Welt eine bisher unbekannte Seite Saddam Husseins – wenn er denn der Autor ist. Die Möglichkeit allerdings, die der Klappentext aufwirft, nämlich daß nach der Lektüre des Buches die Taten des Diktators verständlicher würden, besteht sicher nicht. Falls der einstige irakische Staatschef wirklich der Verfasser ist, wäre dies wieder einmal ein Beispiel dafür, daß Brutalität und Kultiviertheit in einer Person vereint sein können. Das Psychogramm eines Diktators gewänne eine wichtige Facette hinzu. Die Vorstellung, daß Saddam Hussein in „Sabiba und der König“ gerade seine Gesellschafts- und Staatsutopie entwirft, während US-Außenminister Colin Powell mit fadenscheinigen Argumenten und angeblichen Beweisen vor den Vereinten Nationen versucht, Kriegsstimmung zu entfachen, hat etwas Bizarres, ja Tragisches – fast kann es einen für den gefangenen irakischen Staatschef einnehmen. Das absolut Böse – sollte es das überhaupt geben – tritt eben nicht in Menschengestalt auf.

Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Korrespondenten-Netz besteht aus 35 Autoren in ganz Osteuropa, die regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand berichten. Weitere Informationen finden Sie unter www.n-ost.de.

Irak Rezension

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