Sarajewo – Wie ein Phönix aus der AscheBOSNIEN-HERZEGOWINA

Sarajewo – Wie ein Phönix aus der Asche

Sarajewo – Wie ein Phönix aus der Asche

Die bosnische Hauptstadt entwickelt sich zehn Jahre nach dem Ende des Krieges wieder zum Touristenziel. Jetzt lebt die geschundene Stadt als Kulturmetropole und Touristenmagnet wieder auf. Türken und Habsburger, katholische und orthodoxe Christen, Juden und Muslime haben im Stadtzentrum ihre Spuren hinterlassen und ein reizvolles kulturelles Gemisch erzeugt. Die Spuren des jüngsten Krieges sind natürlich präsent, sollten aber niemanden vom Entdecken einer der spannendsten Metropolen Europas abhalten.

Von Saša Gavric

  Information
  Einreise:
Für EU-Staatsbürger ist kein Visum erforderlich. Weitere Infos bei der deutschen Botschaft in Sarajewo: www.sarajewo.diplo.de

Anreise:
Lufthansa und Austrian Airlines fliegen zweimal täglich nach Sarajewo. Die Air Bosna (www.airbosna.ba) fliegt fast alle deutschen Flughäfen und Zürich mehrmals wöchentlich an.

Information:
Tourism Association of Sarajevo Canton, Ulica Branilaca Sarajeva 22
www.sarajevo-tourism.com/eng/

Literatur:
Marko Plesnik: »Bosnien-Herzegowina entdecken«, Trescher Verlag, 2005; 16,95 Euro
In der Altstadt von Sarajevo dominieren die Fußgänger  
In der Altstadt von Sarajevo dominieren die Fußgänger  

B ei der Erwähnung des Namens Sarajewo fallen einem unwillkürlich Bilder von Krieg und Zerstörung ein. Zwischen 1992 und 1996 wurde die Hauptstadt Bosniens 1000 Tage lang von serbischen Truppen belagert. Dabei gab es über 10.000 Tote und Verletzte. Bis heute erinnern die Minenfelder hoch in den Bergen und - weithin sichtbar - die weißen Stelen der Massengräber rund um die Stadt an die blutigen Kämpfe. Doch zehn Jahre nach der „Befreiung“ der Stadt aus der tödlichen Umklammerung erhebt sich Sarajewo dank internationaler Hilfe wie der mythische Vogel Phönix aus der Asche. Ähnlich sehenswert wie heute war die Balkanmetropole zuletzt zu Zeiten der Olympischen Winterspiele 1984.

Vier Religionen in 15 Minuten

Ein Muss für jeden Besucher ist die unter den Osmanen erbaute Altstadt „Bašcaršija“, die sich in einem engen Tal ans Ufer des Flüsschens Miljacka schmiegt. Vom Bahnhof aus fährt man mit der Straßenbahnlinie 3 bis zur Haltestelle „Caršija“. Sie liegt direkt am Taubenplatz, der seinem Namen alle Ehre macht. Hunderte von Tauben wollen hier gefüttert werden. Ihren Durst löschen sie mit Hilfe des uralten „Sebilj-Brunnens“, der einen markanten Turmaufbau hat. Wer von dem Wasser des Brunnens trinkt, wird wieder nach Sarajewo zurückkehren, so besagt die Legende.

Am Taubenplatz wartet der junge Stadtführer Dino Lemeš, er holt zu einem Bummel durch die engen Gassen des Basars ab. Die Hauptgasse Saraci wird seit 500 Jahren von kleinen Handwerkergeschäften gesäumt. Es gibt billige Souvenirs, aber auch hochwertigen Schmuck direkt vom Goldschmied. Und in die Nase steigt der Duft von Zwiebeln und frisch gegrillten Cevapcici oder Pljeskavica, beides sind landesübliche Köstlichkeiten aus Hackfleisch. Für den Nachtisch sind Eiscafés nicht weit.

Die berühmten Arabesken der Beg-Moschee

Die berühmte Beg-Moschee von Sarajewo  
Die berühmte Beg-Moschee von Sarajewo  

Rund um die Altstadt springen die Türme von Moscheen ins Auge. Über 200 gibt es in ganz Sarajewo. Fünfmal am Tag rufen die Muezzine zum Gebet. Am markantesten ist die Beg-Moschee. Dieser große Bau im Herzen der Altstadt ist nach einem osmanischen Herrscher aus dem 15. Jahrhundert benannt. Um sie von innen zu sehen, muss man warten, bis die Gläubigen ihr Mittagsgebet beendet haben. Frauen müssen am Eingang ein Kopftuch überziehen, alle Besucher die Schuhe ausziehen. Für Allah und seinen Propheten Mohammed gibt es ein Abbildungsverbot, wie seit dem Karikaturenstreit allgemein bekannt ist. Deshalb haben sich islamische Künstler auf die prächtige Darstellung der arabischen Schrift konzentriert. Das Innere der Beg-Moschee ist mit solchen Arabesken ausgemalt, wunderschöne Teppiche bedecken den Boden, weshalb man die Schuhe auch nicht vermisst. Mitten in Europa befindet man sich urplötzlich in einer bezaubernden, fremden, orientalischen Welt.

Wenn Stadtführer Dino dann in die Ferhadija-Straße abbiegt, wandelt sich urplötzlich die Architektur: nichts ist mehr von der osmanischen Altstadt zu sehen. Es öffnet sich eine barock-verspielte, in der Ära der österreichisch-ungarischen Herrschaft erbaute Fußgängerzone voller Cafés und teurer Geschäfte. Mittendrin befinden sich die katholische Kathedrale und die orthodoxe Metropolitenkirche. Am Horizont sind von hier aus auch die Dächer der jüdischen Synagoge zu sehen. Vier Weltreligionen innerhalb von 15 Minuten. Die verschiedenen Kirchen beweisen, dass Kulturen friedlich und fruchtbar miteinander leben können. Unbegreifbar erscheint angesichts dessen die andere Seite der Stadtgeschichte, die Seite des Krieges.

Viele Touristen werden an der Lateiner-Brücke über das Flüsschen Miljacka nach einem historischen Fußabdruck suchen. Er stammt vom Bosnier Gavrilo Princip, der hier am 28. Juni 1914 Weltgeschichte schrieb. Denn mit der Ermordung des österreichisch-ungarischen Thronfolgers Franz Ferdinand löste er letztlich den Ersten Weltkrieg aus, der dann mit dem Zusammenbruch des Habsburger Reiches endete. Später entstand Jugoslawien, das in den 1990er Jahren wieder auseinanderfiel. Der Krieg kehrte nach Sarajewo zurück. Während der vierjährigen Belagerung der Stadt machten die 300.000 Einwohner Unbeschreibliches durch. Unter Beschuss von Heckenschützen auf den umliegenden Bergen kämpften sie täglich ums Überleben.

Alkohol gehört trotz Islam zum Alltagsleben

  Bosnien-Herzegowina: Zahlen und Fakten
  Grenzstaaten:                        Kroatien (im Norden,Westen und Süden), Serbien-Montenegro (im Osten)

Fläche:

51 129 km²

Hauptstadt:
                           Sarajewo

Andere große Städte
:
Banja Luka, Mostar, Tuzla

Amtssprachen:
                      Bosnisch, Kroatisch, Serbisch

Ethnische Gruppen
:               Bosniaken (44 %, bosnische Muslime),
Serben (33 %, Orthodoxe) und Kroaten (17 %, Katholiken)

Staatsform
:                             Föderale Republik

Administrativer Aufbau
:       
das Land ist in zwei Entitäten aufgeteilt: Föderation von
Bosnien-Herzegowina und die Republika Srpska

Zeit:
                                       CET (GMT + 1h)

Währung:
                              Konvertible Mark BAM (1,95583 BAM = 1 €)

Telefonvorwahl:

+387
Malerische Altstadtgasse von Sarajewo mit dem Minarett im Hintergrund  
Malerische Altstadtgasse von Sarajewo mit dem Minarett im Hintergrund  

Überlebt hat die Stadt dank eines 800 Meter langen und 1,50 Meter niedrigen Tunnels zum internationalen Flughafen. Ihn durchquerten täglich durchschnittlich 4.000 Personen und brachten auf ihrem Weg jeweils bis zu 50 Kilogramm Lebensmittel und Ausrüstung in die belagerte Stadt. Zusätzlich wurden ein Starkstromkabel, eine Treibstoffpipeline und eine Telefonleitung durch den Tunnel geführt. Vor allem nachts wurden mit Hilfe eines Schienensystems mit 25 kleinen Wagen bis zu 20 Tonnen Material in die Stadt transportiert. Der Tunnel, den eine Familie in Privatinitiative zum Museum ausgebaut hat, ist heute eine wichtige Sehenswürdigkeit von Sarajevo.

Die Kriegsjahre haben die Bevölkerungsstruktur der Stadt völlig verändert. Von der alten Multikulturalität ist wenig geblieben. 90 Prozent der Einwohner sind mittlerweile Bosniaken (muslimische Bosnier). Die meisten Kroaten und Serben haben die Stadt verlassen. Die Kroaten gingen Richtung Zagreb, während die Serben aus dem Stadtzentrum an den Stadtrand zogen. Es entstand das so genannte „serbische Ost-Sarajewo“, eine selbständige Gemeinde, die gleich hinter dem Sarajewoer Flughafen beginnt und in der kyrillische Straßenschilder vorherrschend sind.

Vildan Efendic, ein 22-jähriger Student und Freund von Stadtführer Dino, lehnt es ab, Sarajewo auf die Zeit des Krieges zu reduzieren. „Besonders wir jungen Menschen wollen nicht mehr in der Geschichte leben. Der Krieg war schrecklich, doch wollen wir wirklich unser ganzes Leben darauf reduzieren und die ewigen Opfer spielen? Nein!“, sagt Vildan bestimmt, „wir haben neue Wünsche und Ziele“.

Die Einwohner von Sarajewo geben sich größte Mühe, die Stadt als aufgeklärte orientalische Metropole zu präsentieren, in der niemand auf seine westlichen Gewohnheiten verzichten muss. So gehört auch der Alkohol zum Alltagsleben. „So sehr wir auch muslimisch sind, ohne die westlichen Lebensgewohnheiten kommen wir nicht aus“, sagt Dino, der seine Wochenenden gerne in den Nobeldiskotheken „The Club“ oder „The Bar“ verbringt. Trotz Islam achtet kaum jemand auf das strikte Alkohol- und Tabakverbot. Nur an Schweinefleisch mangelt es. „Irgendwo müssen wir uns ja schon zum Islam bekennen“, lächelt Vildan.

Lebenslust gegen Depression

Zum Hoffnungsträger für die Jugend ist insbesondere die Kultur geworden. Vildan schwärmt vom Sarajevo Filmfestival in der zweiten Augusthälfte. Was 1995 noch als kleines Kriegsprojekt mit 15.000 Besuchern und 37 Filmen begann, hat sich zum wichtigsten Kulturereignis in Südosteuropa entwickelt. So besuchen mittlerweile über 100.000 Besucher jährlich das Festival. Der Bosnische Film konnte davon profitieren: 2006 gewann die aus Sarajewo stammende Regisseurin Jasmila Žbanic mit ihrem Film „Grbavica“ bei der Berlinale den „Goldenen Bären“. Neben dem Filmfest machen das Musikfestival „Sarajewo Winter“, die „Altstadtnächte“, ein Jazzfest und zwei Theaterfestivals Sarajewo zur Kulturmetropole Südosteuropas.

So wie Vildan setzen gerade die jungen Einwohner der Stadt ihre Lebenslust der Zeit der Depression entgegen. Die Cafés in der Strossmayer-Promenade sind voller Leben. „Es gibt angeblich kein Geld, aber die Cafés sind voll, und zumindest im Zentrum kleiden sich die Menschen eleganter als in mancher westlichen Großstadt. Wir nennen dies auch gerne das ´bosnische´ Wirtschaftswunder: kein Geld, aber weggehen und sich kleiden wie die Weltmeister“, lacht Vildan.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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