„Schau mich an!“GESEHEN

„Schau mich an!“

„Schau mich an!“

Die Sängerin Lolita ist unzufrieden – mit ihren überschüssigen Pfunden und ihrem selbstsüchtigen Vater. Und auch ihre Mitmenschen hadern mit dem Schicksal.

Von Friedrich Mannstein

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Agnès Jaoui (r.) führt Regie und spielt die Tanzlehrerin von Lolita 

Kennen Sie das? Der Film ist schon zur Hälfte abgelaufen und Sie rätseln noch immer wohin die Reise gehen soll. Wieder und wieder verhedderte sich Ihre Suche nach dem roten Faden in einem dichten Knäuel von Erzählsträngen. Sie kennen das? Dann wissen Sie, was Sie in „Schau mich an!“ erwartet.

Alles Quatsch! – schallt es zurück. Nicht immer muß die Handlung aus dem klassischen Dreierlei (Einleitung, Hauptteil, Schluß) bestehen und dabei auch noch stetig an Spannung zulegen. „Schau mich an!“ spielt mitten im Leben, folgt dem Lauf der Zeit. Und der ist eben nicht zwingend geradlinig oder gar stringent. Der Film besticht durch seine subtile Erzählweise, die Konflikte häufig nur andeutet, ihre erschaudernden Tiefen aber erahnen läßt.

Nicht Fisch, nicht Fleisch

Gegensätzliche Meinungen wie diese wären nach einem gemeinsamen Kinoabend nicht überraschend. Die Regiearbeit von Agnès Jaouis spaltet die Gemüter – tobender Beifall hier, Gleichgültigkeit oder Mißfallen dort. Allein mit diesem Befund möchte sich der Kritiker jedoch nicht aus der Affäre stehlen. Er ist bekennender Anhänger der Fraktion der Unzufriedenen und will sagen weshalb.

Der Film versucht den Spagat, will Fisch und Fleisch zugleich sein – ein bißchen Gesellschaftsdrama, ein bißchen Komödie. Ihm fehlt die notwendige Konsequenz, der Mut zur Charakterstudie. Statt dessen drängt sich eine Vielzahl von schwach belichteten Personen um die Protagonistin Lolita: ihr Freund Sébastien , ihr Rabenvater nebst Gattin und ihre Gesangslehrerin zusammen mit ihrem Ehemann. Alle durchleben sie Beziehungskrisen, kämpfen um berufliche Erfolge und merken dabei nicht, wie fremd sie sich eigentlich geblieben sind – sie schauen sich nicht (wirklich) an.

Kraftlos und überlang

Im Aufbau ähnlich wie eine Seifenoper erzählt der Film mehrere parallel ablaufende Beziehungsgeschichten, die alle irgendwie miteinander zusammenhängen. Er plätschert unentschlossen vor sich hin, ohne das Verhalten der Personen tatsächlich ergründen zu können. Die zentrale Frage, warum sich Lolitas Vater gegenüber seiner Tochter derart indifferent verhält, wird nur vage gelöst. Stellenweise ist der Film sehr amüsant – immerhin. So z. B., als die vollschlanke Lolita sich beim Einkaufsbummel dazu überreden läßt ein figurbetontes Oberteil anzuprobieren. „Wahrscheinlich paß ich noch nicht mal in die Umkleidekabine!“ grantelt sie.

Der französische Kinostreifen wirkt unstrukturiert und entwickelt zu wenig Dynamik, um die fast zwei Stunden Spielzeit ausfüllen zu können. Das Ende wirkt daher willkürlich gesetzt, der geneigte Zuschauer spräche wohl von einem offenen Schluß. Die Jury der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes war anderer Ansicht und bedachte den Film mit dem Preis für das beste Drehbuch. Auch die Lolita-Darstellerin Marilou Berry würde selbstredend alle vorgebrachte Kritik zurückweisen. „Ich fand, daß die Geschichte sich sehr logisch las, daß eines notwendigerweise zum anderen führt,“ bekundete sie in einem Interview und packte sogar noch einen drauf: „Im fertigen Film bekam dann alles noch mehr Gewicht.“ Wie gesagt, an „Schau mich an!“ scheiden sich die Geister.

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„Schau mich an!“

(Originaltitel: „Comme une Image“)
Frankreich 2004
110 Minuten
Regie: Agnès Jaoui
Darsteller: Marilou Berry, Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri, Laurent Grevill, Virginie Desarnauts, Keine Bouhiza
Der Film im Netz.

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