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„Schauplatz Iran. Ein Report“ von Katajun Amirpur und Reinhard Witzke

Infolge der Verbalentgleisungen Ahmadi-Nedschads, steht der Iran erneut im Rampenlicht der internationalen Politik. Das Buch „Schauplatz Iran“ versorgt den Leser mit solidem Basiswissen über das Land am Persischen Golf.

Von Friedrich Mannstein
21.12.2005 Drucken Senden Kommentieren
Rezension zu: „Schauplatz Iran. Ein Report“ von Katajun Amirpur und Reinhard Witzke  
„Schauplatz Iran. Ein Report“ von Katajun Amirpur und Reinhard Witzke  

Seit Wochen und Monaten dominiert ein Mann die Berichterstattung zum Iran: Mahmud Ahmadi-Nedschad. Der iranische Präsident hat in den ersten vier Monaten seiner Amtszeit unmißverständlich deutlich gemacht, daß er auf eine Zusammenarbeit mit dem Westen keinen Wert legt. Seine Haßtiraden gegen die Juden und seine an Geschmacklosigkeit nicht zu überbietende Behauptung, der Holocaust sei ein Märchen, haben ihm im Westen zur Persona non grata gemacht. Der Präsident macht auch keinen Hehl daraus, daß er mit den westlichen Vorstellungen einer liberalen Demokratie nichts anfangen kann. Eine seiner besonders vielsagenden programmatischen Aussagen lautet: „Wir haben (1979) nicht Revolution gemacht, um eine Demokratie zu bekommen.“ Ein Volk mit einem solchen Präsidenten – so könnte man meinen – ist tief im islamischen Glauben verwurzelt und will von westlichen Demokratiestandards nichts wissen.

Ein ganz anderes Iran-Bild entwirft das Autorenduo Katajun Amirpur und Reinhard Witzke. Ihrer Ansicht nach wollen die Iraner mehrheitlich die Demokratie westlichen Zuschnitts. „Inzwischen gibt es in der iranischen Gesellschaft einen Konsens darüber, daß es keine Alternative zu einer demokratischen Staatsform gibt.“ Auch von ihrem islamischen Glauben haben sich die Iraner mehrheitlich losgesagt, konstatieren die Autoren. Empirische Untersuchungen ließen vermuten, daß es „in keinem anderen islamischen Land so viele säkular und areligiös eingestellte Menschen gibt wie im Iran“. Nur noch 25 Prozent der Iraner und 14 Prozent der iranischen Studenten befolgten die islamischen Gebote wie das Fasten oder das Beten.

Die Iraner – ein „areligiöses“ Volk

Mithin bringen die Iraner aus Sicht der Autoren weder dem islamischen Glauben noch dem theokratischen System ihres Staates Wertschätzung entgegen. Sie resümieren daher, die Entfremdung zwischen Volk und politischem Regime im Iran sei heute „kaum mehr zu überbieten“. Zwar hätten die Reformer den politischen Machtkampf im Iran vorerst verloren – eine Einschätzung, die durch die Wahl Ahmadi-Nedschads zum Staatspräsidenten bestätigt wurde. Doch der eigentliche Reformprozeß vollziehe sich nicht in der Politik, sondern in der Gesellschaft. Und dieser Reformprozeß sei in vollem Gange. Es gibt also Hoffnung auf eine demokratische Islamische Republik Iran, so die Autoren.

Katajun Amirpur, Islamwissenschaftlerin und Iranistin, liefert gemeinsam mit dem Ethnographen Reinhard Witzke einen gelungenen Überblick über die geschichtliche Entwicklung des neuzeitlichen Irans – von der Begründung der Kadscharen-Dynastie im 18. Jahrhundert bis zur Parlamentswahl im Jahr 2004. Die Autoren argumentieren nachvollziehbar, wenngleich sie auf detaillierte Quellenangaben verzichten. Wer sich über das 65-Millionen-Volk des Irans informieren möchte, dem sei das Buch empfohlen.

*

Rezension zu: „Schauplatz Iran. Ein Report“ von Katajun Amirpur und Reinhard Witzke, Herder Verlag 2004, 2. Aufl., 157 Seiten, ISBN 3-451-05535-X, 8,90 Euro.

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