Scheherazade im FlüchtlingslagerGELESEN

Scheherazade im Flüchtlingslager

„Das Tor zur Sonne“: Der libanesische Romancier Elias Khoury verknüpft 1001 Geschichten rund um Vertreibung, Kampf und Resignation zu einem Epos des palästinensischen Volkes.

Von Walter M. Weiss

„Das Tor zur Sonne“ von Elias Khoury  
„Das Tor zur Sonne“ von Elias Khoury  

Allein ihre schiere Zahl ist bis heute wenig bekannt: Man schätzt, daß etwa 800.000 Palästinenser 1948 im Zuge der Staatsgründung Israels aus Galilaea, ihrer Heimat, vertrieben wurden. Und daß aus ihnen, die damals nach langen Irrfahrten mehrheitlich in libanesischen Flüchtlingslagern landeten, mittlerweile rund fünf Millionen geworden sind. Fünfzig Jahre mußten vergehen, bis „Al Nakba“, die Katastrophe, wie die Betroffenen dieses Schlüsselereignis ihrer Leidensgeschichte nennen, erstmals in einem Roman umfassend thematisiert wurde.

Man mag es Zufall nennen, daß dessen deutsche Ausgabe just in jenem Herbst erschienen ist, da der Übervater des palästinensischen Volkes starb und nach Jahren des Blutvergießens erstmals wieder wenigstens mittelfristig eine Lösung dieser „Mutter aller Konflikte“ nicht gänzlich unmöglich scheint. Gewiß kein Zufall ist, daß sein Schöpfer, Elias Khoury, aus dem Libanon stammt. Denn kein anderes arabisches Land - mit Ausnahme Jordaniens vielleicht - war und ist direkter und tiefer in das palästinensische Drama verstrickt.

Khourys Lebenslauf liest sich denn auch in gewissem Sinne wie der eines seiner Protagonisten - eines Mannes, der sich stets zwischen den Fronten, den Kriegen, den Kulturen bewegte: Geboren in eine Christenfamilie von Beirut, studierte er dort und in Paris Soziologie. Vom Elend der Flüchtlinge zutiefst berührt, kämpfte er als junger Mann mit dem Gewehr in der Hand für die „Unterdrückten“, schrieb später in seiner Heimatstadt für linke Zeitungen, arbeitete im dortigen PLO-Forschungszentrum, leitete ein Theater. In den Neunzigern lehrte er an New Yorker Universitäten arabische Literatur. Heute betreut er, mit seinen 56 Jahren immer noch ein so unabhängiger wie bissiger Kritiker libanesischer und internationaler Politik, die Kulturbeilage der Tageszeitung „An-Nahar.“

Beifall in Orient und Okzident

Khourys jüngster, insgesamt bereits achter Roman „Das Tor zur Sonne“ wurde mit Begeisterung aufgenommen. In der arabischen Welt, aber auch für seine französische und englische Übersetzung erntete er exzellente Kritiken, wurde in Israel auf Hebräisch publiziert und von Yousry Nasrallah, einem Schüler des ägyptischen Regie-Altmeisters Youssef Chahine mit großem Aufwand und Erfolg verfilmt. 740 Seiten stark, erinnert er in seiner Struktur an die Erzählungen aus 1001 Nacht. Doch statt Scheherazade, die dank ihrer Geschichten bekanntlich Nacht für Nacht ihr Leben verlängert, steht hier Khalil im Mittelpunkt. Er verdingt sich als Behelfsarzt, der in der stickigen Atmosphäre eines Behelfsspitals in einer Behelfsheimat, nämlich dem durch das Massaker von 1982 zu trauriger Berühmtheit gelangten libanesischen Flüchtlingslager Schatila, seinen Ziehvater und Freund Yunus mittels „talking cure“ aus dem Koma zu retten versucht. Über etliche Monate wölbt sich der innere Monolog, in dessen Verlauf Khalil die bewegte Biographie seines Pfleglings, eines Veteranen des Widerstandskampfes, Revue passieren läßt. Parallel verleiht er einer Vielzahl von Schicksalsgenossen Gedächtnis und Stimme, so daß sich uns nach und nach die Geschichte des ganzen Volkes und seines Exodus erschließt.

Im Zentrum stehen zwei Liebesgeschichten: zum einen jene tragische des Ich-Erzählers mit Schams, einer aus Sicht ihrer Umgebung skandalös selbstbestimmten Frau, die den archaischen Gesetzen von Ehre und Rache zum Opfer fällt. Zum anderen jene von Yunus und dessen Frau Nahila, die, mitsamt den gemeinsamen Kindern im israelisch besetzten Dorf lebend, ihren Mann, der als Fedayin-Kämpfer im Südlibanon untergetaucht ist, stets nur wenige Tage und Nächte im Jahr sieht. Der geheime Treffpunkt der beiden, eine Höhle in den Bergen Galilaeas, ist jenes titelgebende „Tor zur Sonne“, das vom romantischen Rückzugsraum für die Eheleute zur symbolträchtigen Stätte der begrabenen Hoffnungen wird - zum, wie jemand gegen Ende des Buches mit bitterer Ironie bemerkt, „einzigen Stück befreiten Palästina.“

Als ebenso gebildeter wie routinierter Romancier beherrscht Khoury die Palette moderner Schreibtechniken. Er hat aber auch die uralten Neigungen orientalischer Erzähler zur Abschweifung, Wiederholung, Variation verinnerlicht. Es mag an diesem Erbe liegen, daß sein Opus magnum dem abendländischen Leser anfangs einiges an Geduld abverlangt. Die Vielfalt der Orte und Episoden, das Labyrinth aus Personen, Clans und noms de guerre wirken auf Nicht-Eingeweihte zunächst verwirrend. Erst allmählich wird hinter dem vermeintlich kunterbunten Knüpfwerk aus Handlungs- und Schicksalsfäden ein Gesamtbild sichtbar - ein Panorama des Leidens und Liebens, Lebens und Sterbens in den Flüchtlingslagern. Und wie bei alten, authentischen Teppichen leuchtet das Werk am kräftigsten, wenn gegen den Strich gebürstet wird.

„Ist das etwa Heldentum?“

Gewiß, Khoury ist ein politischer Schriftsteller, der auf Arabisch schreibt, und entsprechend zornig. Die Ruchlosigkeiten der Besatzer finden sich ausführlich geschildert - die Zerstörung palästinensischer Häuser, Felder, Olivenhaine, die Massaker an Alten und Frauen, die menschenverachtenden Verhör- und Foltermethoden, der verheerende Libanon-Feldzug und die jegliche Chance auf Dialog verbauende Siedlungspolitik. Doch nimmt er kaum minder vehement die Missetaten und politischen Irrwege der Gegenseite aufs Korn: die Legitimationsmythen der palästinensischen politischen Elite und den moralischen Bankrott ihrer offiziellen Rhetorik, die den Widerstand stets von neuem beschwor, ohne die Nachbarstaaten und die Welt daran zu hindern, die Flüchtlinge in politische Geiselhaft zu nehmen. „Unser Problem besteht darin“, ätzt er, „daß unsere Revolution reich, das Volk aber arm ist.“ Den Selbstmordattentätern schreibt er ins Stammbuch, daß, wer das Leben anderer nicht achte, nicht das Recht habe, sein eigenes zu verteidigen. Besonders heftig schreibt er gegen Selbstbetrug und Mythenbildung an: „Ich kann die immer gleiche Leier vom Verrat der arabischen Armee im Krieg von 1948 nicht mehr hören.“ Und an anderer Stelle: „Die eigenen Kinder in Angst und Verzweiflung zu stoßen und selbst zu sterben. Ist das etwa Heldentum?“

Der Grundton des Romans ist bestimmt von kritischer Empathie sowie Trauer und Bitternis. Gleich auf der ersten Seite stirbt eine Hebamme. Doch immer wieder schimmern hinter all dem Schmerz auch Ironie, Wortwitz und - etwa in der Beschreibung der raren Liebesnächte im Sonnentor oder beim Schwärmen über die legendären Lieder Abd al-Wahabs und Umm Kulthums - eine heitere Sinnlichkeit durch. Deutlich wird dabei die besondere Sympathie des Autors für die Frauen. „Ich hasse diese dummdreiste Männlichkeit“, läßt er an einer Stelle sein Alter-Ego sagen. Dahinter verberge sich bei vielen Männern tief verwurzelte Unfähigkeit. Gegen Ende ist es denn auch Nahila, die an der Schwelle zum Alter ihrem Yunus stellvertretend das Scheitern des Kampfes an den Kopf wirft. „Ich bin erschöpft von Armut und Schmach! Mein ganzes Leben“, bäumt sie sich für einmal auf, „bestand aus Tagträumen. Jetzt aber will ich die Zukunft meiner Kinder sichern. Möchte, daß sie Arbeit finden, ihr Haus bauen, heiraten, leben; daß die Illusionen ein Ende haben.“ Einige der stärksten Passagen gelingen Khoury, wenn er über die gewalttätige Politik hinaus die innere Verfaßtheit der Gesellschaft beschreibt, etwa das Unwesen der Zwangsverheiratung und des Jungfräulichkeitskults, das unselige Gemisch aus Aberglaube, Ehre, Rache und Machismo. „Er hat mit seinen Kindern nie gesprochen“, vermerkt Nahila lakonisch, „aber unablässig welche in die Welt gesetzt.“

Der Zwiebelknolle Kern

Als kürzlich - eine merkwürdige Koinzidenz – der israelische Großmeister des Historienromans, Amos Oz, sein Familienepos („Eine Geschichte von Liebe und Finsternis“) vorlegte, zitierte eine kluge Kritikerin nach der Lektüre die Worte des Psychologen Bruno Bettelheim: Verborgen unter den Schalen der Zwiebel liege die Trauer. „Man schält und schält, bis die Tränen kommen.“ Treffender könnte man auch Elias Khourys literarische Vorgehensweise kaum beschreiben. Unter der ersten Schale kommen die – auf unzähligen selbst geführten Interviews basierenden Einzelschicksale in all ihrer Tragik zum Vorschein: die unzähligen Fluchtgeschichten, Orgien der Angst, Odysseen durch verlassene Dörfer und über Grenzen, und schließlich das karge Lagerleben. Dessen zunehmenden „Normalisierungsgrad“ macht Khoury etwa am verwendeten Baumaterial ablesbar, von den anfänglichen Bananenblättern über Wolldecken und Wellblech bis zum Beton.

Die zweite Zwiebelschale birgt die Polit-Historie der Palästinenser, vom ersten Krieg 1948 bis zur zweiten Intifada, vom Schwarzen September in Jordanien (1970) und dem Attentat bei der Olympiade in München (1972) über den libanesischen Bürgerkrieg, den Gang der PLO-Führung ins tunesische Exil bis nach Oslo und zum Autonomieabkommen in Washington. Die große Überraschung (und Qualität) steckt freilich im Kern: dort nämlich, wo der Roman Neuland betritt. Das Verständnis für die Dimension des palästinensischen Leidens zu vertiefen und Mitgefühl zu reklamieren, ist angebracht. Selbstverständlich. Was Khoury darüber hinaus gelingt, ist der Versuch einer Antwort auf die Frage, wie sich dem kollektiven Trauma mit literarischen Mitteln vielleicht beikommen läßt. Gleich zu Beginn erklärt er die Dichter des alten Arabiens zu seinen Vorbildern, begannen sie ihre Erzählungen doch statt mit den Worten „Es war einmal!“ mit „Es war, oder es war nicht!“ Die Inexistenz einer historischen Wahrheit anzuerkennen, schreibt er, ermögliche der Geschichte erst, dem wirklichen Leben zu gleichen. Denn: „Es gibt tausend Möglichkeiten, unser Schicksal zu erzählen.“

„Der wahre Krieg fängt erst an, wenn dein Feind zu deinem Spiegelbild wird.“

Die Geschichte interessiere ihn nicht mehr, gesteht Khalil seinem komatösen Gegenüber. „Meine Beziehung zu dir, mein Lieber, ist nicht der Versuch, Geschichte wiederzubeleben. Nein, ich möchte vielmehr verstehen, wieso wir beide wie Gefangene sind in diesem Krankenhaus, wieso ich mich von dir und meinem Gedächtnis nicht befreien kann.“ Und ein andermal läßt ihn Khoury fragen: „Was ist das für ein Spiel? Ich sehe zu, wie du stirbst, und entführe dich in eine imaginäre Heimat.“ Die Antwort findet er, indem er sich der konkreten Geschichte stellt. Die Mythen von Opfer und Widerstand verwandeln sich in Schicksale lebendiger Menschen. Yunus wird vom einsamen Helden zum Liebenden und kann letztlich in Frieden sterben. Zur Schlüsselmetapher wird der Blick in den Spiegel. Nach einem Treffen mit seinen Gegnern aus der Zeit des libanesischen Bürgerkriegs glaubt Khalil erkannt zu haben, „daß der wahre Krieg erst anfängt, wenn dein Feind zu deinem Spiegelbild wird. Dann tötest du ihn nämlich, um dich selbst zu töten.“ Die erwähnte Hebamme weiß: „Gottes Welt ist eng. Und die Schicksale der Menschen kreuzen sich.“

Als Grundidee des Buches hat Khoury in einem Interview anläßlich seiner Veröffentlichung in Israel bezeichnet, „daß der palästinensische wie der israelische Schmerz ein Spiegel für die jeweils andere Seite sein muß, weil sonst die moralische Bedeutung des Schmerzes verloren geht.“ Er wolle das Trauma der europäischen Geschichte in einen neuen Kontext stellen, auf daß Israels Juden ihre eigene Tragödie im Spiegel jener der Palästinenser wieder erkennen und so der Tatsache gewahr werden, daß der Nahostkonflikt ein grundsätzliches Menschheitsproblem widerspiegelt und das Wohlergehen ihres Staates allein dieses nicht einfach zum Verschwinden bringt. Eine revolutionäre Erkenntnis, nicht nur für einen libanesischen Christen, der in seiner Jugend noch glaubte, dieses Problems mit dem Gewehr in der Hand Herr werden zu können.

„Das Tor zur Sonne“ von Elias Khoury, Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2004, 742 Seiten, ISBN: 3-608-93645-9.

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Walter M. Weiss arbeitet seit vielen Jahren von Wien aus als freier Autor mit dem Schwerpunkt „Islamische Welt.“ Er hat zahlreiche Bücher publiziert, kürzlich u.a. die Bände „Im Labyrinth der Träume und Basare. Marokkanische Mosaiksteine“ und „Zwischen Babylon und Heiligem Land. Syrische Aussichten“; beide erschienen 2004 im Wiener Picus Verlag. Nähere Informationen zum Werk des Autors unter: www.wmweiss.com

Orient Rezension

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