Schiffe auf SchienenMASUREN

Schiffe auf Schienen

Schiffe auf Schienen

Der Osterode – Elbing – Kanal, auch Oberländischer oder Elbinger Kanal genannt, bildet ein einzigartiges Wassersystem, das die Seen Westmasurens mit dem Frischen Haff verbindet. Das Besondere ist, dass der Wasserspiegel hier um 100 Meter differiert. Es gibt viele Schleusen und Rampen. Teilweise müssen die Schiffe zur Überbrückung auf Schienen über Land gezogen werden. Dieser einzigartige Zugmechanismus wird nur mit Wasserkraft angetrieben. Bis heute ist die Kanalschiffahrt eine der größten touristischen Attraktion in Masuren geblieben.

Von Katarzyna Tuszynska

Umsteigen auf die Schiene – bei der Fahrt auf dem Elbinger Kanal geht es zur Höhenüberbrückung teilweise über Land – eine tolle Touristenattraktion.  
Umsteigen auf die Schiene – bei der Fahrt auf dem Elbinger Kanal geht es zur Höhenüberbrückung teilweise über Land – eine tolle Touristenattraktion.
(Foto: Tuszynska)
 

M orgenstund hat Gold im Mund. Im Hafen der alten Hansestadt Elbing (polnisch: Elblag), 80 Kilometer von Danzig entfernt, beginnt ein warmer Frühsommermorgen. Wer eine der größten Attraktionen der Landschaft Masuren genießen will, muss früh aufstehen. Schon lange vor der Abfahrt gibt es keine freien Plätze mehr auf dem Schiff „Schwan“. Die „Schwan“ fährt im Sommer jeden Morgen um 8.00 Uhr von hier aus bis nach Osterode, das den Beinamen „Perle Masurens“ trägt. Die meisten Passagiere sitzen auf den Holzbänken auf dem Oberdeck und genießen die ersten Strahlen der Sommersonne.

Nach ein paar Minuten Fahrt auf dem hier noch ziemlich breiten Kanal ist die Silhouette der Stadt Elbing verschwunden. Das Schiff biegt in einen riesigen See ein, den Drausensee (poln. Druzno). In diesem Vogelschutzgebiet kann man über 200 Arten von Wasservögeln beobachten. Kapitän Zbigniew Pawlak weist die Touristen auf wilde Gänse hin. „Es gibt hier auch sehr viele Kormorane und Schwäne“, erzählt er. Der 47-jährige Kapitän fährt seit über 20 Jahren auf dem Oberländischen Kanal zwischen Elbing und Osterode. Und immer wieder entdeckt er gemeinsam mit den Touristen neue Vogelarten. Gretel Gottkamp aus Lübbecke in Ost-Westfalen ist schon zum zweiten Mal auf dem Kanal unterwegs. „Die Natur ist faszinierend. Und die ganze Vogelwelt. Die Tiere bleiben hier ungestört. Und diese Weite kommt noch dazu“, schwärmt die Deutsche.

Die „Schwan“ wird auf einen Schienenwagen gehievt und fährt über Land

Kurz darauf wird der Kanal immer schmaler. Insgesamt ist er mit allen Abzweigungen 130 Kilometer lang, aber von geneigten Ebenen mit einer Gesamthöhe von 99 Metern unterbrochen. An jeder dieser Stufen wird das Schiff aus dem Wasser über Land nach oben gezogen bzw. nach unten abgelassen – je nach Fahrtrichtung.  Nach einer Stunde Fahrt hat die „Schwan“ die erste Stufe durchlaufen. Das Schiff wird auf einen Schienenwagen gehievt und mit Hilfe einer Standseilbahn zum nächsten Gewässer weiterbefördert. Die Seile werden mit Hilfe von Wasserrädern, Drahtseilen und Turbinen angetrieben. All dies geschieht ganz ohne elektrische Energie, sehr umweltfreundlich.

Ingeborg Metzinger aus Berlin schaut sich das alles ganz genau an. „Wenn mir ein Berliner gesagt hätte, Du fährst mit dem Schiff über Land, hätte ich gesagt, und Du spinnst“, wundert sich die 47-jährige Berlinerin. Von der Technik aus dem 19. Jahrhundert ist sie total begeistert. „Man muss das einfach gesehen haben. Es ist ganz toll“. Die deutschen Touristen an Bord vergleichen das Schiff mit einer Straßenbahn und lassen sich vom Bordpersonal alles ganz genau erklären.

Das Wunderwerk des preußischen Baurats Steenke aus Königsberg

Die Technik hatte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Ingenieur Jakob Georg Steenke ausgedacht. Allerdings musste der preußische Baurat aus Königsberg 20 Jahre lang warten, bis sein Plan einer Schiffsverbindung des Oberlandes mit der Ostsee umgesetzt wurde. Der Bau selbst dauerte insgesamt 14 Jahre von 1844-1858. Der erste Dampfer befuhr im Jahre 1852 die Strecke zwischen Deutsch Eylau (Ilawa) und Elbing. Die Strecke Liebemühl (poln. Milomlyn) bis Osterode (Ostroda) kam später dazu. Die 82 Kilometer lange Hauptstrecke führt heute von Elbing bis Osterode. Es gibt dazu die Abzweigungen Osterode – Deutsch Eylau (50 Kilometer), Osterode - Stare Jablonki (15 Kilometer) und Liebemühl – Deutsch Eylau (30 Kilometer).

Die Schiffe auf dem Oberländischen Kanal verkehren vom Anfang Mai bis Ende September. Insgesamt 65 Passagiere passen auf das Unter- und Oberdeck eines Ausflugsschiffes. Die meisten Touristen stammen aus Deutschland und Frankreich. 85 Zloty, umgerechnet circa 20 Euro, muss man für das Ticket investieren. Die Nachfrage ist riesig. Denn fürs Geld wird einiges geboten. Erst gegen 19 Uhr erreicht die „Schwan“ ihren Zielhafen Osterode. Dazwischen liegen elf kurzweilige Stunden in der herrlichen Natur Masurens.

Informationen über die Fahrten auf dem Oberländischen Kanal: inf@zegluga.com.pl

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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