Schiitische Staatsräson und die Rolle des Irans als RegionalmachtNAHER OSTEN

Schiitische Staatsräson und die Rolle des Irans als Regionalmacht

Das Schiitentum als regionaler und globaler Faktor der internationalen Politik wird untersucht von einem jungen Wissenschaftler, der selbst Schiite ist. Er arbeitet an der FU in Berlin und legt hier eine Analyse zur Bedeutung seiner Religion im geopolitischen Spiel der Weltmächte und der Mächte des Nahen Ostens vor - den Versuch einer islamischen, einer schiitischen Geopolitik, mit Ausblick auf ein „schiitisches Imperium“.

Von Ahmad Naderi

Ahmad Naderi
Zur Person: Ahmad Naderi
Ahmad Naderi, geboren 1981 im Iran, promoviert zurzeit an der Freien Universität Berlin im Fachbereich Politikwissenschaften. Er ist Autor verschiedener Artikel über Islam und Schiitentum. 2008 veröffentlichte er ein Buch „Consideration of the Shiite Movement Discourse in Iraq“ in persischer Sprache.

K ann das Schiitentum den Machtanspruch des Iran ideologisch erklären? Weshalb wird dieser Aspekt bewusst oder unbewusst von der Wissenschaft und den Medien ignoriert? Wie denkt ein Schiite? Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?

Auf der Grundlage klassischer und moderner Ansätze aus der Geopolitik – wie zum Beispiel der von Nicholas Spykman (Rimlandansatz) und Zbigniew Brzezinskis geopolitischen  Theorien und Strategievorstellungen – soll hier der Einfluss des Schiitentums im Nahen Osten und den Nachbarregionen untersucht werden.

Das von Spykman definierte „Schiitische Rimland“ („Rim“ aus dem Englischen für Rand, Außenzone) ist heute eine Region, die hauptsächlich von Muslimen kontrolliert wird und die aus folgenden Gründen von strategischer Bedeutung ist: Sie verfügt über beträchtliche Mengen an fossilen Energieressourcen (Erdöl, Erdgas). Sie ist die Geburtsstätte der monotheistischen Religionen. Sie ist die wichtigste Verbindungstrasse und der Energietransportweg zwischen Europa, Asien und Afrika. Aus diesen Gründen ist die Region in den letzten Dekaden zum „Schlachtfeld“ von Großmächten geworden.

Das Herz dieses „Rimlandes“ ist besiedelt von schiitischen Gesellschaften. Nicht zuletzt die iranische Revolution, die auf der schiitischen Glaubenslehre beruhte, war es, die den Iran zur Heimat aller Schiiten machte (Umm a-Oura) und die schiitischen Gesellschaften in der Region erwachen ließ. Die Schiiten in der Region, die größtenteils unter sunnitischer Herrschaft leben, haben, aufgrund jahrzehntelanger Diskriminierungen und Unterdrückung, versucht, sich gegen diese „Fremdherrschaft“ zu wehren und der Iranischen Revolution nachzueifern.

Die amerikanische Hegemonie als einzige mögliche Form der künftigen Weltordnung ?

Die Geopolitik als theoretischer Ansatz, der in der Tradition des Realismus Interessen ins Zentrum nationaler und internationaler Politik setzt, hat eine wechselhafte Geschichte durchlaufen. Nachdem die geopolitische Grundordnung auf einem Pluralismus der Nationen beruhte, entwickelte sie sich im Kalten Krieg zu einem Dualismus, welcher die Welt in Ost und West teilte. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem damit verbundenen Untergang des Traums eines globalen kommunistischen Kollektivs, versuchten amerikanische Vordenker, Forscher, Gelehrte und Politiker mittels unterschiedlicher theoretischer Ansätze, die amerikanische Hegemonie als einzige mögliche Form der künftigen Weltordnung zu etablieren.

In den letzten Jahren hat sich das globale Umfeld allerdings geändert und tendiert wieder in Richtung der „traditionellen“ pluralistischen Weltordnung. Das bedeutet, dass neue regionale Mächte auftauchen, welche die amerikanische Vormachtstellung  grundsätzlich in Frage stellen. Daher ist es notwendig diese Entwicklung mittels eines geopolitischen und geokulturellen Ansatzes für den Nahen Osten zu untersuchen, um die neue Grundordnung in der Region zu erklären.

Einer der bekanntesten Vertreter der Theorie des geopolitischen Pluralismus ist der englische Geopolitiker Sir Halford Mackinder (1861-1943). In den 1980er und 1990er Jahren inspirierte der Ansatz Mackinders geopolitische Strategen wie Zbigniew Brzezinski, der ihn auf die US-Strategie zum Ausbau der eigenen Hegemonie anwendete. Damit fand Mackinder Eingang in die amerikanische Sicherheitsdoktrin. Wie können nun die klassischen geopolitischen Ansätze unter Berücksichtigung der Rolle der Schiiten und der amerikanischen Politik im Nahen Osten neu betrachtet werden?

Herzland und Rimland bei Mackinder und Spykman

Im Zentrum der Heartland-Theorie von Halford Mackinder, die er zwischen 1904 und 1943 entwickelte, steht die Annahme, dass die Beherrschung der eurafrikanischen Insel, des sogenannten Herzlandes bestehend aus Europa, Asien und Nordostafrika (Naher Osten), den Schlüssel zur globalen Vorherrschaft darstellt.

Das Herzland ist ein demnach Gebiet von besonderer Bedeutung für die Stabilität in der Welt, welches –umrandet von Landfläche – durch Seemächte nicht bedroht werden kann. Der innere Teil des Herzlandes besteht aus Europa und Asien (Eurasien) und zum äußeren Teil gehören Inseln und Regionen Nordafrikas.

Die Bedeutung dieser Region fasste Mackinder selbst wie folgt zusammen: „Everyone who has Eastern Europe in control, has control over Heartland, and the control on Heartland, will lead to the control of the world island, and everyone who governs the world island, He rules over the world.” – Kurz: Wer das Herzland beherrscht, beherrscht die Welt.

Die Welt wurde in Ost und West geteilt

Die Sowjetische Kontrolle über das Herzland war eine Folge der Konferenz von Jalta und der darauf folgenden Potsdam-Konferenz 1945. Churchill und Roosevelt machten Stalin ein Zugeständnis, das die Weltordnung für die kommenden 45 Jahre prägen und zur Bipolarität und Balance of Power des Kalten Krieges führen sollte. Die Welt wurde in Ost und West geteilt.

Der amerikanische Theoretiker Spykman unternahm nach dem Zweiten Weltkrieg den Versuch, die Theorie Mackinders zu erneuern und von ihm erkannte Schwächen des Ansatzes zu beseitigen. Er wollte Mackinders Theorie weiterentwickeln, um die neue Weltordnung erklären und ein theoretisches Gerüst für die Abschreckungspolitik gegen die Sowjetunion liefern zu können. Das Ergebnis war seine „Rimland-Theorie“, die sich der „Außenzone“ widmete, den „Rändern“ des Herzlandes.

Spykman definierte die Randgebiete des Herzlandes Mackinders als „Rimland“. Dieses Rimland hatte bei Spykman eine geographische bzw. geopolitische Bedeutung, die Mackinders Herzland entspricht. Das Rimland stellt eine zentrale Hürde für Großmachtambitionen der Mächte innerhalb des Herzlandes dar. Der Ansatz betont die Rolle der Seemächte und zeigt auf, dass das Rimland von der United States Navy kontrolliert wird. In Spykmans theoretischem Ansatz wird die Kontinentalmacht Sowjetunion mit der Seemacht Vereinigte Staaten konfrontiert, wobei beide Mächte durch eine „Pufferregion“ voneinander getrennt sind. Generell revidierte Spyckmans die Theorie Machinders indem er feststellte, dass die Gefahr für eine Seemacht – im konkreten Fall die USA - im Zugriff einer eurasischen Landmacht auf die Randzonen liege. Spykman änderte daher Mackinders Formel entsprechend. Seine Doktrin hieß:  „Who controls the Rimland rules Eurasia, who rules Eurasia controls the destiny of the world.”

Brzezinskis Eurasischer Balkan

Mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zerfall der Sowjetunion Ende der 1980er bzw. Anfang der 1990er Jahre schien das Rimland zunächst seine Bedeutung zu verlieren, da weite Teile des Herzlandes nun in den Einflussbereich der Vereinigten Staaten fielen. Dies betonte auch George Bush in seiner berühmten Rede zur „New World Order“.

In den 1990er Jahren griff Brzezinski die klassischen geopolitischen Ansätze auf und präsentierte eine neue geopolitische Sichtweise. Sie betonte wiederum die Bedeutung des Rimlandes und welchen Einfluss dessen geostrategische Doktrin auf die handelnde politische Klasse in Amerika hatte.

Brzezinskis theoretische Ansätze gehen eindeutig auf Mackinder zurück, so dass er selbst ohne Übertreibung als Neo-Mackinderist und seine Theorie des „Eurasischen Balkans“ als „Neo-Mackinderismus“ bezeichnet werden kann.

In seinem Buch „The Grand Chessboard“ von 1997 macht Brzezinski auf dem von ihm so betitelten „eurasischen Schachbrett“ fünf „geostrategische Akteure“ und fünf „geostrategische Angelpunkte“ aus, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Zeiten der amerikanischen Hegemonie von entscheidender Bedeutung seien. Die Akteure sind demnach Frankreich, Deutschland, Russland, China und Indien. Zu den strategisch wichtigen geostrategischen Angelpunkten zählt er die Türkei, den Iran, Aserbaidschan, die Ukraine und Süd-Korea.

Die starke Betonung der geographischen Angelpunkte Iran, Aserbaidschan, Türkei und zu einem gewissen Grad der Ukraine, die Brzezinski als Regionen des Hasses, der Gewalt, der Konflikte und Unruhen definiert, beleuchtet wiederum die Bedeutung des Rimlands. Da dieses Rimland gleichzeitig reich an Energieressourcen, vor allem an Erdöl und Erdgas ist, könne die USA, laut Brzezinski, durch die Kontrolle dieses Gebietes einerseits ökonomische Ziele bedienen, andererseits geopolitische Ziele, wie beispielsweise die Verhinderung eines russischen Wiederaufstiegs bzw.  des Aufkommens neuer Mächte in der Region.

Die Nordachse des „eurasischen Schachbretts“ erstreckt sich nach Brzezinski von der Nordsee in den Süden Russlands, die Ostachse reicht bis nach Xinjiang in China, im Süden erstreckt es sich bis zum Indischen Ozean und die Westachse reicht vom Mittelmeer bis zum Roten Meer. In diesem Gebiet, das von Instabilität gekennzeichnet ist, leben 400 Millionen Menschen in 25 unterschiedlichen Nationalstaaten, die eine sehr hohe ethnische und religiöse Diversität aufweisen.

Brzezinski, der auf Spykmans Rimland-Theorie Bezug nimmt, betitelt dieses Gebiet als „Eurasischen Balkan“. Das Herz dieser Region wiederum ist der Iran, ein schiitischer Nationalstaat. An den Rändern des Eurasischen Balkans finden sich enorme Mengen an fossilen Energieressourcen, nicht zuletzt im Persischen Golf. In zahlreichen Nationalstaaten in der Region findet sich eine schiitische Diaspora. Die Schiiten in diesen Ländern weisen –trotz einer räumlichen Trennung durch Staatsgrenzen - sehr große Gemeinsamkeiten hinsichtlich ihres Lebensstils, Glaubens und ihrer politischer Ansichten auf und unterscheiden sich deutlich von den mehrheitlich sunnitischen Bewohnern der Region.

Bestandteile des schiitischen Rimlands

Unterteilt man die islamische Welt in vier Teile, den Nahen Osten, die westafrikanischen Staaten, den Nordkaukasus und Zentralasien sowie den Osten, der sich von der Ostgrenze des Irans bis zum Pazifik ausdehnt, so liegt das Schiitentum mitten im Herzen der islamischen Welt und ist damit ein nicht außer Acht zu lassender Akteur. Das Rimland ist schiitisch und deshalb der zentrale Faktor der islamischen Geopolitik. Dies findet in Brzezinskis Theorie auch entsprechende Beachtung.

Entscheidende Einflussfaktoren in der Geopolitik – und insbesondere auch im Falle der schiitischen Geopolitik – können in zwei Gruppen eingeteilt werden. Erstens fixe Faktoren, wie Geographie, Raum, Grenzverläufe, Lage, Größe und topographische Struktur. Zweitens sich wandelnde Faktoren, wie Bevölkerungsgröße, natürliche Ressourcen, politische und soziale Institutionen. Die wichtigsten Faktoren aus beiden Gruppen sind die geographische Lage und die Bevölkerungsgröße. Daher soll die Rolle der Schiiten im Nahen Osten anhand dieser Faktoren untersucht werden.

Die Region, die hier als schiitisches Rimland bezeichnet wird, umfasst einen großen Teil der islamischen Welt und wird manchmal als Greater-Middle-East bezeichnet. Der Motor und das Herz dieses Gebietes sind – sowohl konzeptionell als auch geographisch und geopolitisch – die von den Schiiten kontrollierten Gebiete. Bereits in der Vergangenheit wurden Theorien des „Schiitischen Halbmondes“ diskutiert. Dieser Halbmond erstreckt sich von den schiitischen Bevölkerungsgruppen im Mittelmeerraum über den Irak bis zum Iran. Die hier beschriebene Theorie des schiitischen Rimlandes geht über diese Konzeption hinaus, da sie sowohl Afghanistan als auch Pakistan und Indien mit einbezieht.

Seit der islamischen Revolution im Iran ist das Schiitentum ein einflussreicher Faktor der Innen- und Außenpolitik der Länder in der Region. Mit Ausnahme des Iran, Aserbaidschans und Bahrains, Syriens und nach Saddam Hussein teils auch des Irak, sind die Schiitien in diesen Ländern in der Minderheit. Die Mehrheit wird von sunnitischen Arabern gestellt. Diese prägen die politische Landschaft und bestimmen die Regierungsarbeit. In ihrer Geschichte waren die Schiiten immer mit Entbehrungen und Unterdrückung durch sunnitische Mehrheiten konfrontiert, so dass sie teilweise sogar als „vergessene Muslime“ bezeichnet wurden.

Die Revolution im Iran, die eine Regierung basierend auf der schiitischen Glaubensrichtung zur Folge hatte, politisierte die schiitische Bevölkerung im Nahen Osten und führte in der Region zu einer Wiederbelebung des schiitischen Bewusstseins sowie der Schia. Die Schiiten wurden zu einem wichtigen politischen Akteur und das wiederentdeckte schiitische Selbstbewusstsein führte dazu, dass die sunnitischen Machthaber in den arabischen Ländern auf die Forderungen der Schiiten nach sozialen Rechten, Zugang  zu Ressourcen, Macht und Kapital eingehen mussten.

Die Größe der schiitischen Bevölkerung, ihre geographische Verteilung und geostrategische Position im Persischen Golf ließ die Schiiten zudem zu einem internationalen Akteur werden. Die Schiiten sind ein wichtiger Akteur in einer Region, die von herausragender politischer und strategischer Bedeutung in der Welt ist. In den letzten 50 Jahren war die Region durchgehend  von Konflikten geprägt. Gleichzeitig benötigt die industrialisierte Welt die großen Energiereserven des Nahen Ostens mehr denn je. Im Folgenden werden die zwei zentralen Machtquellen der Schiiten aufgezeigt. Diese sind einerseits die geographische Verteilung bzw. Lage der Schiiten und andererseits ihre schnell anwachsende Anzahl.

Die geostrategische Position der Schiiten im Rimland

Das Herz des schiitischen Rimlandes sind der Iran und der Persische Golf. Die Schiiten im Nahen Osten bilden einen Gürtel um den Persischen Golf herum und stellen 70 Prozent der Bevölkerung in der Region. Demnach kann der Persische Golf, eine Region, die über 75Prozent der globalen Ölreserven verfügt, als schiitische Bucht bezeichnet werden. Geopolitisch machen drei Faktoren die Region bedeutend: Der kulturell-ideologische Faktor, der natürliche geographische Faktor sowie der wirtschaftliche Faktor:

Kulturell und ideologisch bedeutsam ist diese Region schon allein wegen ihrer alten zivilisatorischen Wurzeln. Große monotheistische Religionen finden hier ihren Ursprung, von denen der Islam die einflussreichste im Nahen Osten ist. Für die Muslime ist das mehrheitlich schiitische Rimland aus zwei Gründen sehr wichtig. Erstens: Die Kaaba – das Haus Gottes und zentrales Heiligtum des Islam, zu der jeder Muslim einmal im Leben eine Reise unternehmen soll – liegt in der Region. Zweitens: Insgesamt elf Gräber schiitischer Imame liegen in der Region (in Saudi-arabien, Irak und Iran). Die Wallfahrt zu diesen Gräbern wird von den Schiiten ebenso hoch eingeschätzt wie die Pilgerreise zur Kaaba, oder vielleicht sogar noch höher.

Die Bedeutung der Straße von Hormuz

Die geographische Lage der Region macht sie geopolitisch bedeutsam. Der Nahe Osten ist die Verbindungsachse zwischen Europa, Afrika und Asien. Der Persische Golf ist ein zentraler geopolitischer Angelpunkt. Er ist Verbindungsweg zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer sowie zwischen Atlantik und Pazifik. Die Straße von Hormuz ist das Eingangstor zum Persischen Golf. Die Tatsache, dass täglich 40Prozent des globalen Tageserdölverbrauchs diesen Seeweg passieren, steigert die Bedeutung dieser Region, die von Schiiten kontrolliert wird, noch weiter.

Die ökonomische Bedeutung der Region ergibt sich einerseits aus den enormen Reserven an fossilen Energieträgern und andererseits aus den potentiell großen Verbrauchermärkten. Energieressourcen stellen in der heutigen Welt eine lebenswichtige Arterie für die industrialisierten Länder dar. Das Rimland hat durch seine Energieressourcen das Schicksal der Welt in der Hand. Die Kontrolle über diese Region ist demnach von außerordentlicher Bedeutung. Die Öl- und Gasressourcen stehen im Zentrum aller geoökonomischen Überlegungen.

Andererseits ergibt sich die wirtschaftliche Bedeutung der Region daraus, dass sich in den letzten Dekaden in den ölproduzierenden Staaten konsumorientierte Märkte entwickelt haben. Ölproduzierende Staaten (ausgenommen der Iran) verfügen in der Regel über keine ausdifferenzierte Industrie. Sie fokussieren und verlassen sich größtenteils auf die Einnahmen aus der Ölindustrie. Durch die Investition dieser Einnahmen in Konsumgüter wiederum, fließt ein Großteil der Einnahmen aus dem Energiegeschäft zurück in die Ölverbraucherländer, die ein breites Spektrum an Produkten anbieten, von Haushaltsgeräten bis zu modernen Waffensystemen sowie Kulturgüter und Waren aus der Massenproduktion.

Die schiitische Diaspora im Rimland

Bevölkerungszusammensetzung, Bevölkerungsanzahl und geographische Verteilung der Schiiten sind der zentrale Faktor für die beispiellose Bedeutung der Schiiten. Im hier vorgestellten theoretischen Ansatz des schiitischen Rimlands lassen sich die Länder mit schiitischen Bevölkerungsteilen nach ihrer strategischen Bedeutung in zwei Gruppen unterteilen. Betrachtet man die Entfernung dieser Länder zum Iran als Zentrum des Schiitentums sowie den jeweiligen Bevölkerungsanteil der Schiiten, lassen sich zentrale und periphere Länder ausmachen.

Schiiten in strategisch zentralen Ländern

Der schiitische Bevölkerungsanteil in Saudi-Arabien beträgt 10-15Prozent. Die Schiiten Saudi-Arabiens leben hauptsächlich in den zwei Regionen Mekka, und Medina (nakhaveleh Schiiten) sowie in der Jeddah Region. Außerdem gibt es Schiiten im Osten des Landes (Al-Sharghiye-Region). Die saudi-arabischen Schiiten verteilen sich über das ganze Land, von der Grenze zu Katar bis zur Grenze mit Kuwait am Rande des Persischen Golfs, von der Provinz Al-Ahsa bis hin zur Provinz Ghatif. Viele Schiiten leben in den ölreichen Gegenden Saudi-Arabiens.

Aufgrund des in Saudi-Arabien vorherrschenden Wahhabismus verfügen die Schiiten im Land kaum über soziale Rechte und Bürgerrechte. Sie werden vom System, das nicht zuletzt auch über die Ölreserven des Landes herrscht, als ketzerisch und gottlos angesehen.
Wesentlich höher ist der Anteil der Schiiten an der Bevölkerung im Irak. Im 20. Jahrhundert wurden vor allem die irakischen Schiiten mit Unterdrückung und Missachtung ihrer Grundrechte konfrontiert. Dabei sind, bei einer Bevölkerung, die zu 93Prozent aus Muslimen besteht, zwei Drittel der irakischen Muslime Schiiten. Geographisch verteilen sie sich hauptsächlich auf den Norden und Süden sowie auf die ölreichen Regionen des Landes. In keinem anderen Land, in dem sie einen vergleichbaren Bevölkerungsanteil hatten, wurden die Schiiten derart unterdrückt wie im Irak zu Zeiten der Baath-Partei. Die Unterdrückung der Schiiten fand erst mit dem Sturz Saddam Husseins ein Ende.

Neben dem Irak, ist Bahrain das Land im Persischen Golf, das den größten Bevölkerungsanteil an Schiiten aufweist. Etwa 75Prozent der Menschen in Bahrain sind Schiiten. Auch hier stehen die Schiiten allerdings unter der Herrschaft von sunnitischen Regierenden und werden als Bürger zweiter Klasse angesehen.

Anders verhält es sich in Kuwait, wo 40-50Prozent der Einwohner Schiiten sind. Das kleine Land, das zwischen dem schiitischen Iran, dem Irak und dem wahhabitischen Saudi-Arabien liegt, verfügt über zehn Prozent der globalen Ölvorkommen . Die kuwaitische Regierung ist sunnitisch, aber die Gesellschaft in Kuwait ist komplex, so dass die Schiiten des Landes einen Baustein innerhalb eines heterogenen Systems aus Stämmen, Politik, Wirtschaft und ideologischen Disputen darstellen.

Dies steht im Gegensatz zur Situation der Schiiten in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Schiiten der Emirate leben größtenteils im Emirat Dubai, welches das Zentrum der wirtschaftlichen Aktivitäten und wichtigstes Ölemirat ist. Etwa 16-20 Prozent der Bevölkerung sind Schiiten, allerdings spielen sie keine Rolle in der politischen Machstruktur der Emirate.

Auch im Emirat Qatar sind etwa 20 Prozent der Bevölkerung Schiiten. Auch hier spielen die Schiiten im politischen Leben keine Rolle. Sie halten keine hohen offiziellen Positionen oder Regierungsämter.
Im Oman spielen die Schiiten ebenfalls keine politische Rolle. Die Regierung ist sunnitisch. Im Sultanat sind etwa 23Prozent der Einwohner Schiiten. Geographisch ist der Oman bedeutend, da er an die Straße von Hormuz angrenzt.

Wesentlich höher ist die Zahl der Schiiten in Aserbaidschan. Dort bilden die Schiiten einen Bevölkerungsanteil von 75Prozent und stellen damit die deutliche Mehrheit. Durch den unter russischem Druck unterschriebenen „Vertrag von Turkmanschai“ musste der Iran 1828 Territorium an Aserbaidschan abtreten. Dies ist bis heute nicht vergessen und gilt noch immer als Symbol für die Unterdrückung der Schiiten durch das imperiale Russland. Die Schiiten in Aserbaidschan sind heute unter der Kontrolle einer säkularen Regierung. Zusätzlich eingeschränkt werden sie durch russische und türkische Versuche der Einflussnahme in Aserbaidschan.

Schiiten in der Peripherie

Im Libanon verfügen die Schiiten über eine relative Mehrheit. Infolge des „Taif-Abkommens“ aus dem Jahre 1989 wurden auch die libanesischen Schiiten diskriminiert und lebten in Armut. Die Schiiten organisierten sich in der Amal-Bewegung und der Hisbollah, die infolge einer veränderten Machtbalance in den letzten Jahren an Einfluss gewannen. Beide schiitischen Organisationen haben, neben Gemeinsamkeiten, wie bspw. dem Kampf gegen Israel, auch starke Differenzen. So wird z. B. das Taif-Abkommen von der Amal akzeptiert, während die Hisbollah es ablehnt. Die Hisbollah vertritt den Standpunkt, dass den Schiiten aufgrund ihrer Anstrengungen im Bürgerkrieg sowie ihrer Bevölkerungszahl eine größere Machtbeteiligung zustehe. Im Libanon ist ein institutionalisiertes Sektierertum fast schon politische Tradition. Durch den Krieg der Hisbollah mit Israel von 2006 wurde die politische Situation im Libanon weiter destabilisiert. Es drohte der politische Zerfall des Landes, wovon die Schiiten am meisten profitiert hätten. Durch einen solchen Zerfall hätten sie ihre Mehrheit in der Bevölkerung politisch institutionalisieren können.

Auch in Afghanistan gibt es eine bedeutende schiitische Minderheit. Die Hezaras-Schiiten in Afghanistan stellen 15 Prozent der Bevölkerung des Landes. Afghanistan ist durch das Fehlen einer nationalen Identität, durch Sicherheitsprobleme und eine hohe ethnische Diversität geprägt. In dieser Konstellation profitieren die Hezaras davon, dass sie sehr gut ausgebildet sind und daher wichtige Posten in der Regierung übernehmen.

Im Nachbarland Pakistan stellen die Schiiten 10 bis 25Prozent der Bevölkerung. Sie sind damit die zweitgrößte Religionsgruppe des Landes. Der religiöse Fanatismus der Wahhabi-Sunniten und das Aufkommen von extremistischen Gruppierungen und separatistischem Terrorismus, wie bspw. der „Sahaba Army“, setzen die Schiiten, die im ganzen Land verteilt sind, unter Druck.

Anders verhält es sich mit den Schiiten in Syrien. Die alevitischen Schiiten Syriens sind in der klaren Minderheit in dem von Sunniten dominierten Land. Nichtsdestotrotz haben die Schiiten die politische Macht zu 100 Prozent in der Hand. Damit stellen sie eine Ausnahme in der „schiitischen Welt“ dar. Mit Ausnahme des Iran, zum Teil auch des Libanons sowie in den letzten Jahren des Irak, verfügen die Schiiten in der Regel über keine politische Macht und sind teilweise ihrer Bürgerrechte beraubt. Durch die instabile Situation in Folge des arabischen Frühlings ist der Machterhalt aber derzeit die größte Sorge der syrischen Schiiten.

Auch in der Türkei gibt es alevitische Schiiten. Dort unterscheidet man zwischen türkischen und kurdischen Aleviten. Insgesamt sind die Schiiten in der Türkei mit einem Bevölkerungsanteil von 25Prozent eine Minderheit, die sich geographisch im ganzen Land verteilt. Die Mehrheit der Bevölkerung im Land ist sunnitisch. Während der sunnitischen Herrschaft der Ottomanen wurden die Schiiten aufgrund ihres Glaubens auch in der Türkei unterdrückt. Dem konnten sie sich teilweise durch die Unterstützung Atatürks entziehen. In den letzten Jahren sind allerdings ein gesteigerter Einfluss islamistischer Parteien sowie eine Restrukturierung des sunnitischen Islam in der Türkei zu beobachten. Diese Entwicklung erscheint vielen Schiiten bedrohlich.

Im Jemen haben die Schiiten einen höheren Bevölkerungsanteil von 40Prozent. Sie leben vorrangig in den nördlichen Provinzen sowie in den bergigen und unzugänglichen Gebieten des Landes. Seit 2004 erhoben sich schiitische Gruppierungen insgesamt sechs Mal, so dass es regelmäßig zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit der Zentralregierung kam. Eine Koalition bestehend aus der Zentralregierung, Saudi-Arabien und den USA konnte die Aufstände bislang aber jedes Mal niederschlagen.

Eine geringere Anzahl von Schiiten leben in Indien. Dort gibt es insgesamt etwa eine Million Schiiten. Damit stellen sie ca. drei Prozent der Bevölkerung. Sie leben vorrangig in Lakheno und Haiderabad. Die Mehrheit der indischen Schiiten lebt in Armut und sozialer Rückständigkeit. Eine aktive politische Partizipation der Schiiten gibt es in Indien so gut wie nicht.

Bei Betrachtung der Situation der Schiiten in den strategisch zentralen Ländern des Rimlandes sowie in der schiitischen Peripherie, lassen sich grenzüberschreitende Gemeinsamkeiten ausmachen. In den meisten Ländern sind die Schiiten ihrer sozialen und Bürgerrechte beraubt und offensichtlicher oder versteckter Diskriminierung aufgrund ihrer religiösen Ansichten ausgesetzt. In der Regel sind die schiitischen Gruppen nicht an der Macht beteiligt. Ihre politische Partizipation ist begrenzt bzw. nicht vorhanden und sie besetzen demnach auch keine wichtigen politischen Ämter. Die herrschenden Regierungen betrachten die Schiiten mit Misstrauen und versuchen die Religionsausübung sowie die Meinungsäußerung der Schiiten einzuschränken, da der schiitische Glaube nicht dem sunnitischen „Mainstream“ des Islams entspricht. Der Dualismus zwischen Schiiten und Sunniten ist so alt wie der Islam selbst. Durch eine lange Geschichte sunnitischer Vorherrschaft wurden die Schiiten zu einer Art Unterschicht mit eingeschränkten Rechten in politischen und religiösen Fragen.

Iran: Land im Zentrum des Schiitentums und inmitten des Rimlands

Die iranische Revolution inmitten des schiitischen Rimlandes und die Loslösung des Landes vom Westen durch das klerikale Regime, das in Teheran auf dem Schiitentum basiert, hatte weitreichende internationale Folgen. Die geopolitische Struktur des Nahen Ostens und die Bedeutung der Schiiten änderten sich grundlegend. Das Aufgreifen und die Weiterentwicklung des geostrategischen Ansatzes Spykmans durch Brzezinski Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre sowie das Aufkommen der Greater-Middle-East-Initiative der Regierung Bush setzten sich mit der Kontrolle der Region auseinander, die wir als schiitisches Rimland bezeichnen. Brzezinskis Ansatz und die amerikanische Politik im Nahen Osten können als Reaktion auf die Veränderte Machtbalance in der Region betrachtet werden, die wiederum Folge der veränderten Rolle des Schiitentums unter Führung des Irans ist.

Der Iran ist, bedingt durch seine geographische Lage zwischen dem Kaspischen Meer und dem Persischen Golf, Mittelpunkt des strategischen Zentrums von Brzezinskis Theorie. Die iranische Revolution hatte dadurch zur Folge, dass die Schiiten zu einem Akteur der internationalen Politik wurden. Im schiitischen Iran leben mehr als ein Drittel der gesamten Schiiten, das Land verfügt über große Öl- und Gasreserven sowie Mineralressourcen, erstreckt sich über unterschiedliche Klimazonen, hat eine junge Bevölkerung und ist Zentrum einer strategisch hoch bedeutenden Region. Dies und die potentielle Einflussnahme des Iran auf die Schiiten in anderen Ländern der Region machten das Land zu einem bedeutenden internationalen Akteur.

Die iranische Revolution veränderte den geopolitischen Zugang zur Region und die Rolle der Schiiten des Rimlandes. Einerseits wurden die Schiiten durch die Revolution „wiederbelebt“, sie förderte das schiitische Selbstbewusstsein und den Zusammenhalt der Schiiten über Grenzen hinweg. Andererseits wurden in der gesamten Region neue schiitische politische Organisationen gegründet und bestehende Gruppierungen wurden gestärkt. Schließlich nahm die Bedeutung der Schiiten für die politische Struktur in ihren jeweiligen Ländern deutlich zu.

Diese Veränderungen stellten die Schiiten in den letzten 30 Jahren ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit, was daraus ersichtlich wird, dass große Mengen politischer und geopolitischer Literatur zur Rolle der Schiiten veröffentlicht wurde.

Drei Handlungsebenen

Der Iran als schiitisches Modell agiert auf drei Handlungsebenen: auf Regierungsebene (Staatsräson), auf Religionsebene (Om-Al-Qura) und auf ideologischer bzw. revolutionärer Ebene (Anti-Imperialismus).

Als „schiitischer Nationalstaat“ agiert die iranische Regierung innerhalb eines geographischen Raumes basierend auf der schiitischen Ideologie mittels einer schiitischen Staatsräson. Im islamischen Raum wird das Phänomen des Nationalstaates oft negativ betrachtet und als Instrument zur Wiederherstellung des Kolonialismus interpretiert. In Anbetracht der Tatsache, dass das aktuelle System der Internationalen Beziehungen von Nationalstaaten dominiert wird, führt aber kein Weg daran vorbei, dass sich die Schiiten innerhalb spezifischer Grenzen und mit einem politischen Zentrum organisieren. Aus schiitischer Sicht ist der Iran den ersten Schritt in diese Richtung gegangen und dadurch Zentrum des Schiitentums.

Gleichzeitig ist der Iran das religiöse Zentrum des Schiitentums. Fast die gesamte religionswissenschaftliche Literatur, die sich ausführlich mit dem schiitischen Glauben beschäftigt, entsteht im Iran. Durch die in den 1970er Jahren im Irak einsetzende Unterdrückung des Schiitentums hat sich das Zentrum der schiitischen Forschung und Erziehung von Najaf im Irak in die Provinz Qom im Iran verlagert. Für die Wiederbelebung des Schiitentums in einer weitläufigen Region ist dies von elementarer Bedeutung. Heute ist Qom das Zentrum für die religiösen Autoritäten des Schiitentums. Nimmt man Ayatollah Sistani aus Najaf im Irak und Ayatollah Fazlahllah im Libanon aus, so lässt sich sagen, dass fast alle bedeutenden schiitischen Kleriker aus Qom hervorgegangen sind.

Die dritte Ebene, die das Bild des Schiitentums prägt, geht zurück auf die intellektuelle Wiedergeburt des Schiitentums durch Ayatollah Khomeini. Die Theorie des Obersten Rechtsgelehrten (Velayat-e Fagih) Khomeni war und ist Grundlage der iranischen Revolution und führte zur aktiven Rolle der Religion in der iranischen Gesellschaft und Politik (Naderi 2008: 26). Aus schiitischer Sicht ist der Iran daher Symbol für die schiitische Ideologie, die sich den Kampf gegen den US-Imperialismus zur Aufgabe gemacht hat.

Irans Einfluss auf die Schiiten

Der Sieg der iranischen Revolutionäre und die Abkehr des Iran von Amerika und dem Westen, war ein Wendepunkt für islamische Bewegungen und den Blick der Schiiten und Sunniten auf den Iran.

Die drei oben beschriebenen Handlungsebenen des Iran führen dazu, dass das Land heute Dreh- und Angelpunkt für die Zukunft des schiitischen Rimlandes ist. Der Iran als Zentrum des Schiitentums kann als Koordinator von und Vermittler innerhalb der Schiiten auftreten, um die schiitische Peripherie wieder aufzubauen und zu stärken. Der erste und der zweite schiitische Ring um den Iran herum koordinieren ihre Handlungen mit dem Zentrum in Teheran. Der erste Ring besteht aus dem Irak, Saudi-Arabien, Kuwait, Bahrain, den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Norden des Oman, Teilen des östlichen Afghanistan sowie Pakistan, Aserbaidschan und Teilen des Ostens der Türkei. Der zweite Ring besteht aus Ländern bzw. Regionen, die nicht direkt an den Iran angrenzen. Dazu gehören der Libanon, Syrien, westliche Teile der Türkei, nord-östliche Regionen Afghanistans, östliche Regionen Pakistans, der Jemen, Indien sowie südliche Regionen des Oman.

Gemeinsame schiitische Identität

Seit der iranischen Revolution ist es zentrales Anliegen der iranischen Führung, eine gemeinsame schiitische Identität zu etablieren und zu festigen. Das Ziel ist es, den Einfluss der Schiiten in der Region zu steigern. Die religiöse Identität ist die einzige Identität, die in der Geschichte des Islams eine Rolle spielte. Die Unterscheidung zwischen Heide und Gläubigem bzw. Muslim und Nichtmuslim prägten die soziale Identität der Muslime zu jeder Zeit mehr als irgendetwas anderes. Heute scheinen sich Muslime mit dem Wort „Nation“ zu versöhnen.

Dies aber ist vermutlich eine Laune der Muslime in der modernen Welt. Die Hoffnungen beruhen darauf, dass eine islamische Nation bzw. eine schiitische Nation etabliert wird. Angesichts der Unterdrückung der Schiiten im Laufe der Geschichte sowie noch heute bestehender Benachteiligung könnte eine solche Nation eine Identität bieten, welche die schiitischen sozialen Netzwerke über nationale Grenzen hinweg verbindet. Deshalb ist die Betonung des Religiösen durch den Iran als Ausdruck der Solidarität innerhalb der großen Gruppe der Schiiten zu bewerten. Nationalismus und ethnische Identitäten aber haben prinzipiell das Potential die schiitische Identität, also den grenzüberschreitenden und „Ethnien-überschreitenden“ Zusammenhalt der Schiiten untereinander zu schwächen.
 
Neben den drei beschriebenen Handlungsebenen, die das Bild des schiitischen Irans prägen, ist das Land im schiitischen Rimland politisch, ökonomisch und soziokulturell einflussreich. Im religiösen Bereich hat Teheran Universitäten und Bildungszentren im In- und Ausland gegründet und ausgebaut, um möglichst vielen Schiiten Zugang zu solchen schiitischen Zentren zu ermöglichen. Die antiimperialistische und ideologische Basis des Landes führte dazu, dass es Organisationen, wie bspw. die „Islamic Culture and Communication Organization“ oder die „Islamic Assembly of Ahl-Al-Beyt“ gründete. Zudem etablierte Teheran internationale Medien, wie etwa die TV-Sender „Al-Alam“ oder „Press-TV“. Darüber hinaus hat der Iran zahlreiche Radiosender in verschiedenen Sprachen, einschließlich Arabisch, Urdu, Englisch, Deutsch und Türkisch vorzuweisen. Alle diese Aktivitäten dienen dazu, das Konzept einer schiitischen Nation und das Bild vom Iran unter den Schiiten zu fördern, um aus geopolitischer Sicht das politische Sendungsbewusstsein des Iran zu forcieren. Der Iran möchte für die Schiiten ein Zentrum der Hoffnung und des Vertrauens sein.

Die Rolle der persischen Sprache und Kultur

Gleichzeitig versucht der Iran mit Unterstützung von islamischen Bewegungen, wie der Hamas und der Muslimbruderschaft, eine größere Rolle bei der Förderung und Schaffung einer islamischen Nation zu übernehmen. So übt der Iran über die Grenzen des Schiitentums hinaus Einfluss in der Region aus.

Ein weiterer hierbei zu beachtender Faktor ist die persische Sprache und Kultur, die in den Ländern Zentralasiens und Afghanistan eine lange Tradition hat. Diese Tradition der persischen Kultur gereicht der schiitischen Regierung im Iran zum Vorteil und vergrößert ihren regionalen Einfluss sowie die neue geopolitische und künftige Gestaltungsmacht der Schiiten noch weiter.

Wie bereits erwähnt, wurden die Schiiten durch ihre geographische Verteilung innerhalb des strategischen Herzens des Nahen Ostens, durch die Kontrolle über Öl- und Gasreserven sowie durch ihre hohe Bevölkerungszahl zum Dreh- und Angelpunkt des Spykmanschen Rimlands. Dieser schiitische Einfluss trifft auf Länder zu, in denen die Schiiten die absolute Mehrheit haben (Iran, Irak, Bahrain, Aserbaidschan), auf Länder in denen die Schiiten eine bedeutende Minderheit darstellen (Libanon, Saudi-arabien, Kuwait) und auf andere Länder des Rimlandes, in denen die Schiiten einen nennenswerten Bevölkerungsanteil stellen.
Die Folgen der iranischen Revolution sind demnach tiefgreifend und beeindruckend. Sie führte dazu, dass die Schiiten heute, in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts, als eine zentrale Macht im Rimland gelten.

Fundamentale Änderungen schiitischer Geopolitik

Die Ausbildung des ersten schiitisch-arabischen Staates durch die Besetzung des Irak sowie der Krieg der Hisbollah gegen Israel 2006 waren zwei wichtige Faktoren, die zu fundamentalen Änderungen in der schiitischen Geopolitik im Speziellen und der Geopolitik im Rimland im  Allgemeinen führten.
 
Die aktive Rolle und Machtbeteiligung der Schiiten in den politischen Prozessen im Irak, die politische Rolle der Hisbollah und der Amal-Schiiten im Libanon, der Widerstand der Hisbollah gegen Israel und Irans Wachstum auf vielen Ebenen stellen einen Ausblick dar für die künftige Rolle der Schiiten in anderen Ländern der Region.

Betrachtet man die Entwicklung der Schiiten im Irak, Libanon und Iran, so kristallisieren sich zwei Wege heraus, wie die Schiiten auch in anderen Ländern zu politischer Macht kommen können. Zum einen können bestehende Strukturen durch Revolte beseitigt werden. Zum anderen kann strategisches Vorgehen zu Reformen führen.

Die Erfahrungen im Iran, Libanon und dem Irak, die jeweils zur Beseitigung der alten Regierung und zur Machtsteigerung der Schiiten führten, sprechen für den ersten Weg. Im Iran gab es die Revolution, im Libanon einen Bürgerkrieg und im Irak Verwüstung durch die amerikanische Invasion. Ähnliches gilt für Kuwait, wo es ebenfalls eine Invasion durch ausländische Truppen gab.

Saudi-Arabien: Großer Rivale des Schiitentums

Eine Reformbewegung hingegen ist sehr stark abhängig von der Gesellschaftsstruktur und den sozialen Gegebenheiten im jeweiligen Land. In Bahrain ist die Reformierung des Systems beispielsweise keine Option, da sich dadurch das Grundproblem der Beherrschung der schiitischen Mehrheit durch eine sunnitische Minderheit nicht lösen ließe. Außerdem erlaubt es Saudi-Arabien bzw. der Wahhabismus nicht, dass sunnitische Herrscher die politischen Strukturen in ihren Ländern verändern. Das wahhabitische Saudi-Arabien beansprucht die Souveränität über die gesamte sunnitische Welt für sich und ist der große Rivale des Schiitentums. Die Unterdrückung der Schiiten – je nach sozialen und politischen Gegebenheiten im jeweiligen Land – kann evtl. durch eine Kombination der beiden Wege beendet werden. In diesem Kontext spielt der Iran als „Om-Al-Oura“ und Zentrum des Schiitentums eine sehr sensible Rolle.

Das schiitische Rimland und seine Einflusssphären

Bezug nehmend auf die Rimland-Theorie Spykmans und die geopolitische Analyse Brzezinski, lässt sich heute in der so genannten Greater-Middle-East Region von einem „schiitischen Rimland“ sprechen. Sowohl bei Betrachtung der Geographie als auch der Einflusssphären des Rimlands wird ersichtlich, dass der Iran in dieser Region der zentrale Faktor ist.

Heute sind die Schiiten ein geopolitischer Faktor. Sie spielen eine zentrale Rolle als internationaler Akteur und genießen bereits seit 30 Jahren die Aufmerksamkeit politischer Analysten und Sozialwissenschaftler. Der Grund dafür ist ihre Rolle im Rimland.
Die Schiiten haben trotz einer großen geographischen und ideologischen Streuung ein sehr großes Rebellionspotential. Der Grund dafür liegt in ihrer Geschichte, die geprägt ist von Unterdrückung durch Sunniten oder Nichtmuslimen. Man könnte die Schiiten als Gegenmacht bezeichnen, die nun der Macht entgegen strebt.

Die iranische Revolution hatte als antiimperialistische schiitische Revolution den größten Anteil an der Wiederbelebung des schiitischen Selbstbewusstseins im Rimland. Dies wurde seit 1979 nicht zuletzt durch ihre Organisierung und ihren Widerstand gegen unterdrückende Regime ersichtlich.

Schicksal des Schiitentums mit dem Schicksal des Iran verbunden

Heute sind schiitische Bewegungen in der Innenpolitik der Länder des Rimlands zu Akteuren geworden. In Verbindung mit dem Iran, der als Zentrum des Schiitentums fungiert, sind sie zudem Akteure der internationalen Beziehungen. Angesichts der geoökonomischen und geopolitischen Bedeutung des Nahen Ostens, ist diese prominente Rolle des Irans in der Region als schiitisches Zentrum von großer Bedeutung. Das Schicksal des Schiitentums ist eng mit dem Schicksal des Iran verbunden.

Der Iran bietet einerseits die Rahmenbedingungen eines Nationalstaates. Andererseits strebt er die supranationale schiitische Einheit an, die Schiitisch-Islamische-Nation. Aufgrund des Widerspruches, der diesen beiden Konzepten innewohnt, betrachtet der Iran den Nationalstaat als Übergangsstatus und vertieft die Verbindung zwischen sich und dem Schiitentum bewußt.
Der einzige Weg zu Wiedererrichtung und Stärkung des Schiitentums führt über den Iran. Der Iran kann aufgrund seiner Beliebtheit unter Schiiten als Vertreter des Schiitentums auftreten und ihre politischen und religiösen Ziele im gesamten Rimland vorantreiben.

Schiitisches Imperium?

Das Beispiel der Entwicklungen im Libanon und Irak zeigen dies. Der Iran möchte die Schiiten des Rimlands vor weiterer politischer, ökonomischer und sozialer Unterdrückung durch die Sunniten bewahren und ihre Position stärken. Mit anderen Worten: Das Zentrum des Schiitentums muss verteidigt und die schiitische Peripherie in eine Herrschaftsstruktur eingebunden werden, damit das Schiitentum in der Übergangsphase gestärkt und vorbereitet wird auf den grenzüberschreitenden Post-Nationalstaat (schiitisches Imperium). Eben dieser schiitische Postnationalstaat ist mittelfristig das zentrale Ziel des Irans.

Iran

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