Schlacht um russische HolzhäuserMOSKAU

Schlacht um russische Holzhäuser

Schlacht um russische Holzhäuser

Am südlichen Stadtrand von Moskau bauen Bürger Barrikaden, um den geplanten Abriss von Holzhäusern zu verhindern, in denen sie seit Jahrzehnten wohnen. Hier sollen neue Wohnblocks entstehen, für Bürger aus dem Stadtzentrum, denn dort müssen viele Wohnungen den Errungenschaften des modernen Moskaus weichen: Glaspalästen, Einkaufsstraßen, Nobelrestaurants.

Von Ulrich Heyden

Die Menschen in der Moskauer Vorstadtsiedlung Butowo verteidigen ihre Holzhäuser gegen den Abriss.  
Die Menschen in der Moskauer Vorstadtsiedlung Butowo verteidigen ihre Holzhäuser gegen den Abriss.  

J ulia Prokofjewa guckte fassungslos, als Polizisten der Polizei-Sondereinheit OMON anrückten. Mit brutaler Gewalt vertrieben sie die Anwohner, die sich vor dem Haus der alten Dame versammelt hatten, um eine Räumung zu verhindern.

Die wackere Russin Prokofjewa wehrt sich zusammen mit ihrem Sohn Igor und den Bewohnern der Siedlung Butowo, am südlichen Stadtrand von Moskau, gegen die von der Stadtverwaltung beschlossene und vom Gericht abgesegnete Räumung der Holzhaussiedlung. Seit Anfang Juni verweigern die Bewohner den Gerichtsvollziehern den Zutritt zu ihren Häusern. Die Stadtverwaltung will die grüne Siedlung schleifen, um mehrgeschossige Wohnhäuser zu bauen.

Bürger gegen Bürgermeister Luschkow

Die russischen Medien berichten über die Auseinandersetzung unter den Schlagworten „Bürger gegen Luschkow“. Die staatlichen Fernsehkanäle geben dem Konflikt in ihrer Berichterstattung ungewöhnlich viel Raum. Offenbar gefällt es bestimmten Kräften im Kreml, wenn jemand am Image von Bürgermeister Luschkow kratzt. Juri Luschkow ist mit dem Kreml-Kurs nicht immer einverstanden. Zuletzt kritisierte er die Abschaffung der sozialen Vergünstigungen für Rentner und Invaliden. Putin hofft offenbar, dass er den Posten des Bürgermeisters nach dem Ablauf von Luschkows-Amtszeit mit einer ihm ergebenen Person besetzen kann.

Doch wie der Bürgermeister in Zukunft auch heißen wird. Das Problem ist für alle das gleiche. Die Stadt platzt aus allen Nähten. Um im Zentrum Raum für neue Geschäftshäuser, Elitewohnungen und Luxushotels zu schaffen, werden Häuser in der Innenstadt – obwohl sie oft historischen und kulturellen Wert darstellen – abgerissen und die Bewohner an den Stadtrand umgesiedelt. Dort sollen deshalb neue mehrgeschossige Wohnhäuser errichtet werden. Manchmal bricht vor einer geplanten Modernisierung auch ein Feuer aus, wie etwa bei der bekannten Ausstellungshalle Manege, sie liegt direkt am Kreml. Am Abend des 14. März 2004 - die Russen hatten gerade ihren Präsidenten gewählt - brannte die fast 200 Jahre alte, historisch äußerst wertvolle Halle lichterloh ab. Inzwischen ist das Gebäude wieder in Betrieb, jetzt voll modernisiert und mit Tiefgarage.

Sturm der OMON-Polizisten

In der Siedlung Butowo spitzte sich der Konflikt immer weiter zu. Nun erschienen die Gerichtsvollzieher in Begleitung von 150 Polizisten der OMON. Doch die Bewohner hatten sich gut vorbereitet. Das Haus von Julia und Igor in der Bogutscharskaja-Straße Nr. 19 war mit Ikonen, russischen Flaggen und Strophen aus der russischen Nationalhymne behängt. In dem Haus hatte sich eine Gruppe ältere Damen verbarrikadiert. „Wir sind hier 12 Frauen“, schrie eine von ihnen durchs Fenster. „Allen geht es schlecht. Die eine hat Bluthochdruck, die andere ist Asthmatikerin. Beide haben einen Blutdruck von 200. Rettet uns!“, so die verzweifelte Rufe. Die Tageszeitung  „Kommersant“ berichtete darüber.

Dennoch traten die Polizisten in Aktion. Ein aufgebrachter Mann mit Goldkette schrie einen Polizisten an: „Was machst Du. Dort drin sitzt meine Mutter, die hat eine Herzklappe.“ Der Mann war außer sich und drohte die Familie des Polizisten umzubringen, wenn seiner Mutter auch  nur ein Haar gekrümmt werde. Um 16 Uhr war der Widerstand der Frauen gebrochen. Ein Arzt begleitete sie an die frische Luft. Arbeiter trugen Möbel aus der Wohnung. Sohn Igor verbrachte die Nacht im Zeltlager. Am Dienstag weigerten sich die Arbeiter das Haus abzureißen. Nun will die Stadtverwaltung Soldaten zum Abriss einsetzen, wie die Internetzeitung newsru.com berichtete.

Umstrittene Eigentumsverhältnisse

Die Eigentumsverhältnisse der Butowo-Immobilien sind umstritten. Viele Unterlagen bestehen nur aus Fotokopien, die auch gefälscht sein können, und werden von den Bewohnern mit Misstrauen betrachtet.  
Die Eigentumsverhältnisse der Butowo-Immobilien sind umstritten. Viele Unterlagen bestehen nur aus Fotokopien, die auch gefälscht sein können, und werden von den Bewohnern mit Misstrauen betrachtet.  

Die 1930 gebauten Holzhäuser von Butowo gehörten früher einer Kolchose. Die Bewohner haben den moorigen Boden urbar gemacht, Sand herbeigeschafft und Gärten angelegt. So einfach will man das Land nicht hergeben. Die Rechtslage ist günstig. Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurden alle in einer Wohnung registrierten Bürger automatisch Eigentümer der Wohnung.

Doch die Stadtverwaltung erklärt, die Häuser gehörten ihr. Ein Vertreter der Behörde konnte am Dienstag aber nur Photokopien der entsprechenden Dokumente vorlegen. Der bekannte Moskauer Anwalt Anatoli Kutscherjon, der auch der von Putin geschaffenen neuen Bürgerkammer angehört, hielt die Photokopien vor die Fernsehkameras und sprach von „Zynismus höchsten Grades“. Natürlich müsse man die Gerichtsentscheidung zur Schleifung der Häuser akzeptieren, aber viele Dokumente über die Gerichtsentscheidung fehlten. Der ganze Vorgang müsse überprüft werden.

Die Art und Weise wie die Stadt gegen die Menschen in Butowo vorgeht, ist eine Lehrstunde in russischer Demokratie. Die Richter, welche die Schleifung der Siedlung abgesegnet haben, stehen unter Kontrolle der Stadtverwaltung, erklärte der Duma-Abgeordnete Aleksandr Lebedew, der die Siedlung am Dienstag besuchte. Das ganze Vorgehen verstoße gegen die Verfassung.

Explodierende Wohnungspreise

Julia Prokofjewa fühlt sich wohl in ihrem Häuschen, umgeben von Büschen und Obstbäumen. Warum soll sie mit ihrem Sohn in eine Ein-Zimmer-Wohnung in einen mehrgeschossigen Plattenbau – wie von der Stadtverwaltung gefordert – umziehen? Von der Behörde bekam sie weder Dokumente noch einen Schlüssel für die neue Wohnung. Familie Prokofjew wandte sich ans Gericht. „Stellen sie sich vor, sie haben mein Haus auf 500 Dollar geschätzt“, berichtete sie Reportern. Frau Prokofjewa weiß, dass der Wohnungsmarkt in Moskau boomt und hohe Preise gezahlt werden. (Siehe auch: „Moskau ist die teuerste Stadt der Welt“). Warum also soll sie ein Haus gegen eine Ein-Zimmer-Wohnung tauschen?

Inzwischen beschuldigte Pressesprecher des Moskauer Bürgermeisters, Sergej Zoj, die Protestierenden, sie wollten mit ihren Aktionen nur bessere Bedingungen bei der Umsiedlung durchsetzen. Anatoli Kutscharjon und anderen Mitgliedern der Bürgerkammer warf der Sprecher des Bürgermeisters vor, sie würden die Bewohner in Butowo aufwiegeln. Das Tauziehen wird noch eine Weile anhalten.

Medien Russland Wirtschaft

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