„Schlesiens Wilder Westen“GESEHEN

„Schlesiens Wilder Westen“

Ein Heimatfilm von Ute Badura.

Von Sven Schumann

EM - Seit die Mitte Deutschlands zum Osten erklärt wurde, blüht still die wirkliche Ostalgie. Mit dem Ende sozialistischer Geschichtsmanipulation folgte in Polen und Deutschland eine neue, meist private Suche nach den eigenen Wurzeln und der historischen Wahrheit. Eines der Merkmale: Vertriebene in klimatisierten Vier-Sterne-Bussen, die in immer weiter auseinanderliegenden Schüben den Verlust der Heimat vor Ort betrauern.

Heimat? Ute Badura (1) sagt nach eigenem Bekunden dieser Begriff nicht viel. Ihre Kamera gerät so eher zum Mittel der Selbsterfahrung und der eigenen Neugier – Zweck des Filmes ist nicht ein Dokument, sondern vielmehr der bildliche Beweis für alle Selbstvergessenen (sie selbst eingeschlossen), daß es Heimat wirklich gibt.

Ute Badura wählte Seifershau nahe Hirschberg, ein kleines Dorf am Fuße des Riesengebirges. Den Grund kennt man nach dem Film. Hier traf sie die Personen, die eine möglichst ausgeglichene Stimmungslage ihres Films garantierten: Vertriebene aus Ostpolen, Zugezogene und die übliche Busladung ehemaliger Einwohner – eine fast harmonische Versammlung von Opfern der Geschichte. Dazu Nachgeborene beider Länder, die das Bild volkspädagogisch wertvoll in Richtung „Neue Heimat in Europa“ abrunden.

Auf der Schwelle zur biologischen Lösung der „Vertriebenenfrage“ gelang ihr so eine zeitgeistgerechte, konfliktarme Momentaufnahme, die geradezu mit Versöhnung untertitelt scheint. Die nach Sibirien verschleppte und später verjagte Ostpolin, die verarmten Stadtmenschen aus Krakau und die sentimentalen deutschen Vertriebenen sind quitt, hört man den Film leise sagen.

Ab und zu zeigen sich Risse im Konsens: Eine geradlinige, burschikose Polin erzählt kurz von der Furcht, die sie vor einer Rückkehr der Deutschen in diese „Ruine Schlesien“ empfand. Auch die „Schönheit und Ordnung“ bei der Ankunft 1946 ist noch nicht vergessen. Und die Vertreiber jenseits Lemberg waren diesmal nicht Deutsche, sondern die nationalistischen Ukrainer. Merkwürdig ist es, wenn bei der Schilderung der Entrechtung und Vertreibung der Deutschen ein alter Pole versonnen lächelt. Und während bei den einen die alte Heimat in der Ukraine längst abgeschrieben wirkt, fließen die Tränen der Heimkehrer auf Zeit umso reichlicher.

Der Film beantwortet die Frage nach seinem merkwürdigen Titel nicht direkt. Die Analogie erschließt sich jedoch schnell: Ab 1945 war Schlesien ein rechtsfreier Raum, in dem polnische und sowjetische Kuhjungen während der Totalaustreibung der deutschen Indianer in einen Gold- und Zerstörungsrausch verfielen. Entdeutschung bedeutete das Ende einer 700-jährigen Geschichte und Kultur. Übrig blieb eine Landschaft, die die Regisseurin gekonnt mit Heimat verwechselt.

Fast dankbar muß man Ute Badura dafür sein, daß sie erst gar nicht versucht hat, Ursachen und Hintergründe zu erforschen. So kann sich z.B. der „Tagesspiegel“ für eine wirkliche Versöhnung wünschen, daß bei den nächsten, unabwendbaren Filmprojekten dieser Art „irgendwann auch ein paar richtig bösartige dabei sind“(2). Dem ist nichts hinzuzufügen.

(1) http://www.badurafilm.de/index.html
(2) http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/14.11.2002/303245.asp

Film Osteuropa

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