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Schrei nach Freiheit – Rockmusik in Weißrussland

Keine Revolution in Minsk. Die Gegner des Lukaschenko-Regimes waren zu schwach, um die politische Macht zu übernehmen. Die demokratische Opposition in Weißrussland ist damit aber nicht am Ende. Besonders viele Anhänger hat sie in der einheimischen Rockmusikszene. Das kostenlose CD-Album „Belarusian Red Book“ präsentiert jetzt erstmals die zensierten und verbotenen Bands aus Weißrussland. 

Von Friedrich Mannstein
31.03.2006 Drucken Senden Kommentieren
CD „Belarusian Red Book – Music of Belarus“  
CD „Belarusian Red Book – Music of Belarus“  

W Weißrussischsprachige Rockmusik ist ein relativ junges Phänomen. Bis Ende der Achtziger war sie nahezu nicht existent. Anders als in Russland, wo sich bereits zu Zeiten der Sowjetunion eine breite Rockbewegung etabliert hatte - mit Bands wie Aquarium, DDT oder Maschina Vremeni.

Erst im Zuge der weißrussischen National- und Unabhängigkeitsbewegung nach dem GAU von Tschernobyl 1986 konnte das Weißrussische als Kultursprache seine Attraktivität steigern. Der Glaube an das Russische als dominierende Über-Kultur hatte Risse bekommen. Bis dato war das Weißrussische als minderwertiger Bauerndialekt verpönt, der wie die weißrussische Kultur höchstens als museales Folklorestück Platz in der sowjetischen Gesellschaft hatte.

Für ein freies, demokratisches und europäisches Weißrussland

Diese Sprach-Entwicklungen kamen auch der weißrussischen Rockmusik zu Gute. In der Euphorie der nationalen Wiedergeburt erlebten Gruppen wie Krama, Ulis oder Mroja, die heute als Legenden der weißrussischen Rockmusik gelten, erste große Erfolge. Sie legten das Fundament, auf dem sich nach Aleksandr Lukaschenkos Wahl zum Präsidenten im April 1994 eine selbstbewusste Untergrund-Bewegung entwickelte, die sich ein freies, demokratisches und europäisches Weißrussland auf die Fahnen geschrieben hat und damit als Orientierungshilfe für die Jugend fungierte. Diese Szene widersetzt sich seitdem trotz heftiger neosowjetischer Repressionen der „weißrussischen Ordnung und Stabilität“ – mit großem Erfolg. Längst ist eine neue Generation an Musikern entstanden. Neue, jüngere Bands im Rock, Pop, HipHop oder Hardcore sind gegründet worden.

Doch viele der weißrussischen Rock-Pioniere unterliegen heute einem inoffiziellen Verbot durch das Regime Lukaschenko. Damit wird ihnen die wirtschaftliche Existenz ihrer wertvollen Arbeit entzogen. Sie sollen buchstäblich ausgehungert und vielleicht zur Flucht aus ihrem Heimatland gezwungen werden.

Einen Querschnitt durch die Musik der verbotenen Rockgruppen bietet jetzt ein neues CD-Projekt, das von der Robert Bosch Stiftung und der deutsch-belarussischen Gesellschaft unterstützt wird. Das „Belarusian Red Book – Music of Belarus“ versammelt 13 der bekanntesten weißrussischen Bands der vergangenen 15 Jahre. Viele der 14 Lieder wie „Maja Kraina/ Mein Land“ der Gruppe Kasia Kamockaja oder „Majo Pakalenne/ Meine Generation“ von N.R.M. sind längst zu Hymnen der oppositionellen Jugend avanciert. Das „Belarusian Red Book“ ist die weltweit erste CD außerhalb Weißrusslands, die sich der Rock- und Pop-Musik des Landes widmet.

„Weißrussland hat eine lebendige und kreative Alternative-Szene.“

„Die CD soll auf die katastrophale Situation aufmerksam machen, in der viele weißrussische Künstler arbeiten müssen“, sagt Ingo Petz. Er hat das CD-Projekt initiiert, gemeinsam mit Maxim Grouchevoi, dem Betreiber des Nachrichtenportals belarusnews.de. „Weißrussland hat eine lebendige und kreative Alternative-Szene, die seit Jahren hervorragende Musik macht. Das wollen wir zeigen. Gemeinhin kennt man Weißrussland ja nur als vermeintlich ,letzte Diktatur Europas´“, so Petz.

Auf der CD finden sich auch Bands, die besonders durch ihre originelle und eigenwillige Ästhetik bekannt geworden sind: Etwa die Ethno-Pop-Formation „Krambambulja“, die in ihren Liedern die Marotten der postsowjetischen Gesellschaft persifliert. Oder das sehr erfolgreiche Comedy-Duo „Sasha i Sirozha“, das traditionelle Rhythmen und Melodien mit bissig-ironischen Texten verbindet. 

„Die CD sollte auch ein weißrussisches Projekt sein“, erklärt Petz. „Deswegen überließen wir die Liederauswahl den Bands, die zudem eigene Texte für das CD-Booklet beisteuerten.“ Vor Ort wurde das CD-Projekt von der Künstlerin Hanna Volskaja unterstützt. Sie ist die Managerin der auch in Polen und in der Ukraine populären weißrussischen Band „Krambambulja“. Verheiratet ist sie mit Ljavon Volski, dem Texter und Kopf der Band N.R.M.. Er schrieb das Vorwort für das umfangreiche Begleitheftchen der CD.

Die CD ist ein nicht-kommerzielles Projekt und wird kostenlos an alle Interessierten abgegeben. Das Album kann direkt bei Ingo Petz (ingopetz@hotmail.com) bestellt werden. Es sind lediglich 2,50 Euro Porto- und Versandkosten zu bezahlen. Die Auflage ist auf 1.000 Stück limitiert, deshalb kann pro Kopf nur eine CD verschickt werden.

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