„Schwarze Sonne“ von Rüdiger SünnerGELESEN

„Schwarze Sonne“ von Rüdiger Sünner

„Ich bin auf Reisen immer wieder gerne in keltische Länder wie Irland oder Schottland gefahren“, sagt Rüdiger Sünner im Eingangstext zu seiner dem Buch beiliegenden DVD. Dort hätte ihn nicht nur die Landschaft angezogen, sondern auch das unverkrampfte Verhältnis der Menschen zu ihren Mythen, Sagen und Kultstätten. Sünner analysiert, wovon die Verkrampfung gegenüber den Mythen in germanischen Ländern herrührt. Er kommt zu dem Ergebnis: „Vom Missbrauch in Nationalsozialismus und rechter Esoterik“.

Von Eberhart Wagenknecht

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„Schwarze Sonne – die Macht der Mythen und ihr Missbrauch in Nationalsozialismus und rechter Esoterik“ von Rüdiger Sünner  

E s sind große und rätselhafte Bilder [...], aus denen Mythen bestehen: suggestive Szenarien von dramatischer und hochemotionaler Kraft, vieldeutige Erzählungen vom Anfang aller Zeiten und von heroischen Urahnen, die göttlichen Geschlechtern entstammten und die Schöpfungsordnung in erbitterten Kämpfen immer wieder gegen Riesenschlangen, Drachen und Dämonen bewahren mussten.“ Der Filmemacher, Autor und Musiker Dr. Rüdiger Sünner, Jahrgang 1953, ist von seinem Thema auch selbst emotional gefesselt, wie er in vielen Szenen und Zitaten bekennt. Nur so ist ja auch glaubhaft, was er über Mythologie äußert. Er hat ihre Kraft selbst gespürt. Und er weiß: „Mythologie ist faszinierend und gefährlich zugleich. Ohne sie gäbe es keine Religion, keine Kunst und kein modernes Kino, aber ohne sie wäre auch weniger Blut in der Geschichte der Menschheit vergossen worden.“

Das Hakenkreuz in den Tempelräumen des Dalai Lamas

Menschen sind ohne Mythen kaum vorstellbar. Warum wir in der Mitte Europas ihren Zauber nicht mehr unbefangen empfinden können, hat Sünner in seinem Buch untersucht. Während an den Rändern des westlichen Eurasiens - und im asiatischen Osten sowieso - der Zauber von Mythen bis heute fortwirkt, ist es in den germanischen Ländern zum Bruch gekommen. Denn: „Im Kraftstrom ihrer Bilder gedeihen sowohl Selbsterkenntnis und Läuterung, als auch Psychose, Größenwahn und ‚ethnische Säuberung’. Das Hakenkreuz, mythologisches Symbol für zyklische Bewegungen und kosmische Regeneration ziert die Tempelräume des Dalai Lamas – und war das wichtigste Emblem unter Hitler, der darin ein ‚heiliges Zeichen der Germanen’ sah und in seinem Schatten millionenfachen Mord beging.“ - Das Ende ist bekannt.

Damit beschreibt Sünner im Grunde bereits die zweite Vertreibung aus der germanischen Mythologie. Bis zum Nationalsozialismus und seinen Vorläufern war das Hakenkreuz - wie in Tibet - per se gar kein „böses“ Symbol gewesen. Es war über Jahrhunderte eher selbst Zeichen einer verfolgten Naturreligion. Denn zur Zeit der Christianisierung wurde es zunächst als ein heidnisches Sinnbild gebrandmarkt. Alles, was aus der germanischen Welt stammte, wurde durch das römische Christentum überlagert und unterdrückt. Die Menschen im germanischen Kulturraum mussten die Blutgerichte und Halseisen der Römer ertragen und das Abschlachten ihres Adels unter Karl dem Großen. Auf ihren heiligen Stätten, an uralten „Kraftorten“ hat man Kirchen errichtet und Kreuze aufgestellt.

Die neuheidnische Renaissance ging im Nationalsozialismus unter

Und als es denn viele hundert Jahre später, um die Wende zum 20. Jahrhundert, zu einer neuheidnischen Renaissance kam, geriet diese und mit ihr auch das Hakenkreuz in den Strudel des nationalsozialistischen Aufbruchs und Untergangs. Jahrzehnte vor Hitler waren völkische Bewegungen entstanden, Gruppen und Bünde zur Wiederentdeckung  nichtchristlicher Mythen und Symbole. Das Christentum geriet in dieser Zeit gegenüber einer heidnisch-mythologischen Glaubenswelt möglicherweise sogar ins Hintertreffen, wie Sünner schreibt. Doch mit dem Nationalsozialismus sind diese wiedererweckten Riten, Gebräuche und Zeichen zu Staub zerfallen und im Feuer verbrannt.

„In kaum einer Zeit ist aus der vieldeutigen Bilderwelt der Mythen wohl soviel vermeintlich Eindeutiges herausgepresst worden wie im Nationalsozialismus, was vor allem die nordisch-germanische Überlieferung bis heute mit einem Schatten belegt hat“, schreibt Sünner. Und die ältesten Mythen sind diesen Schatten bislang nicht mehr losgeworden. „Allein Worte wie ‚Wotan’ oder ‚Runen’ genügen, um im In- und Ausland einen Schauer des Unbehagens zu erzeugen, der keine unbefangene Beschäftigung mit diesem Thema zulässt, das jedoch genauso zu unserer kulturellen Vergangenheit gehört, wie die ‚Deutschen Heldensagen’ oder das Nibelungenlied.“

Mit seinem Makel wirkt das „Dritte Reich“ tausend Jahre zurück

DVD-Rom mit 90-Minuten-Film zu SCHWARZE SONNE liegt beim Buch bei.  
DVD-Rom mit 90-Minuten-Film zu SCHWARZE SONNE liegt dem Buch bei.  

Da die Germanen nicht das Glück hatten, durch Typen wie die Kelten Asterix und Obelix modern zu werden, ist ihr Sympathiewert bis heute tief im Keller. Anlässlich der Gedenkfeiern zu 2000 Jahren Germanenaufstand gegen die Römer wurde es wieder deutlich: Man gedachte der „Varusschlacht“, nahm also Anteil am Schicksal des Unterdrückers in Gestalt des römischen Statthalters Varus, weniger an dem des Arminius oder Hermann, den der römische Geschichtsschreiber Tacitus noch den „Befreier Germaniens“ nannte. – Mit seinem Makel ist das Dritte Reich wirklich tausendjährig – es trifft mit seinem Schatten noch die, die lange vor ihm waren, die Helden seiner ältesten Geschichte.

Sünner möchte mit seinem Buch aufklären. Er spricht mutig an, was das Thema germanische Mythologie an heiklen Fragen aufwirft. Die „Ariosophie“ kommt dabei ebenso zur Sprache wie die „Artamanen“ und die „Thule-Gesellschaft“. Es wird dem Wesen von Hitlers „Arier-Glauben“ nachgegangen und was Sünner hier an „germanischer Kriegsethik“ und dem Kampf der nordischen Seele vorstellt, gipfelt schließlich in einem Kapitel über den „Missbrauch und Gebrauch der Mythen“.

Vergangenheitsverdrängung statt Aufklärung

Aber gerade hier liegen sechs Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus die großen Defizite. Schule, Elternhaus und Medien versagen, wenn es um Germanen, Hakenkreuzsymbolik, Runen, Kultstätten und Mythen geht. „In ihrem Hang, all dies eher zu verdrängen, oder mit 'politisch korrekter' Ächtung zu überziehen, befördern sie sogar noch die Abwanderung der entsprechenden Themen in unkontrollierbare Dunkelzonen, wo sie von charismatischen Ideologen und Künstlern mit neuer Faszinationskraft aufgeladen werden.“  Hier legt Sünner einmal mehr den Finger in die Wunde der so genannten Vergangenheitsbewältigung, die doch vor allem eine Vergangenheitsverdrängung ist.

Er selbst hat in dem im Buch beiliegenden Film eindrucksvoll historische Schauplätze lebendig werden lassen, und er ist auch der heutigen Praxis obskurer Gruppen gefolgt, die sich dort ein Stelldichein geben. Gerade an ihnen wird deutlich, wie kaputt das meiste ist, was an Resten vermeintlich germanischer Mythen noch herumgeistert.   

Der Filmemacher und Autor Rüdiger Sünner hat an vielen Stellen mediales Neuland betreten. Allerdings zeigt sich auch, dass ein Einzelner nicht ohne weiteres nachholen kann, was jahrzehntelang nicht zuletzt aus Furcht und Feigheit wissenschaftlich liegen geblieben ist. Sünners Beschäftigung mit der Macht der Mythen und ihrem Missbrauch kann aber ohne weiteres als eine populärwissenschaftliche Pionierleistung bezeichnet werden. Denn dem breiten Publikum war dieses Thema bisher fast unzugänglich.

Wewelsburg und Schwarze Sonne

Die Wewelsburg liegt in der Nähe von Paderborn. 1934 hat man sie dem Reichsführer SS, Heinrich Himmler übergeben. Sie befindet sich, wie Sünner anmerkt, in der Nähe der Externsteine und des Schauplatzes der Cheruskerschlacht, in der die Germanen Geschichte geschrieben haben. Siehe EM 08-2009 „Vom Limes zur Mauer“.

1939 habe man den Nordturm der Burg erweitert. Die Architekten hätten ihn als den „Mittelpunkt der Welt“ bezeichnet. Sünner schreibt, dass man unter Mithilfe von KZ-Häftlingen dort zwei Kulträume hineingebaut habe, „über deren Funktion bis heute nichts bekannt ist.“

Unter der Erde liegt eine dieser Stätten, ein düster, geheimnisvoller Raum, der von zwölf Säulenpodesten umstanden ist. Man schlug laut Sünner „aus dem Granitfelsen einen runden, kuppelförmigen Raum heraus, der ‚Krypta’ genannt wurde und in dem wahrscheinlich Kultfeiern zelebriert werden sollten. Genau kalkulierte Lichtschächte hüllen diese noch heute begehbare Gruft in eine geheimnisvolle, unheimliche Stimmung.“

Oberirdisch gelegen  ist jener Ort, der die Phantasie von Freund und Feind der NS-Herrschaft und ihrer Ideologie besonders erregt: „Genau über der Krypta befindet sich der so genannte ‚Obergruppenführersaal’, der ebenfalls von zwölf Säulen umrundet wird und ein aus zwölf Sig-Runen bestehendes Bodenornament enthält, das in der heutigen rechten Szene ‚Schwarze Sonne’ genannt wird“. Sie hat für Sünners Buch schließlich den Titel geliefert.

Wie „politische Korrektheit“ heuchelt

Hoch anzurechnen ist Rüdiger Sünner, dass er es nicht bei der Darstellung des Missbrauchs germanischer Mythen durch den Nationalsozialismus belässt, sondern auch die Heuchelei unserer Zeit und deren Vermarktung von Pseudohelden und Heroen aufs Korn nimmt. Die leicht entflammbaren Sinne der Jugend werden heute sehr gezielt angesprochen. „Man entrüstet sich über das 'Kokettieren mit faschistischen Images', aber kein Wort der Kritik fällt zum Kult des Heroischen und der Erotisierung des Krieges, wie sie in Kinofilmen, Fantasyheften, Computerspielen und Videos gang und gäbe sind“, kritisiert der Autor sehr zu recht.

„Unsere heimliche voyeuristische Lust an den allabendlichen 'Fernsehkriegen' wird genauso ausgeklammert wie die Begeisterung für gestählte Kino-'Terminatoren', die mit patriotischer Gesinnung 'westliche Werte' gegen 'Dunkelmänner' verteidigen. Wenn jemand von 'Schwarzer Sonne' oder vom 'Sturmgott' Wotan singt, wittert man schnell und ohne jede Differenzierung nazistisches Gedankengut, während sich niemand darüber aufregt, wie raffiniert gerade US-Regisseure in Filmen wie 'Top Gun' oder 'Independence Day' Vaterlandsliebe, Heldenverehrung und die Erotik von Kriegsmaschinen in Szene setzen. Spielen einige 'Riefenstahl'-Musiker mit Wagnerklängen, stehen sie im Verdacht 'faschistischer Ästhetisierung', aber wenn die Piloten in Coppolas 'Apocalypse Now' zur gleichen Musik vietnamesische Dörfer zerbomben, gilt das als 'Kultereignis' eines genialen Regisseurs, dessen tiefe Faszination für diese Dinge gerne übersehen wird."

Die Wiederkehr der alten Götter

Die letzten knapp hundert Seiten seines Buches widmet Rüdiger Sünner neuheidnischen Glaubensgemeinschaften (z. B. www.rabenclan.de) , aber auch Phänomenen wie dem „Nordischen Nietzscheanismus“ und dem Neuheidentum in der Popmusik. Diese Abschnitte geben einen Einblick in die „Szene“. Auch in die rechten Verzweigungen in die USA. Man erfährt, was es mit der Band „Blood Axis“ (wörtlich übersetzt „Blut-Achse“) des amerikanischen Musikers und Verlegers Michael Moynihan auf sich hat. In seinen Songs sind Texte von Nietzsche, Ezra Pound und Charles Manson zu hören. Das dem Hakenkreuz nicht unähnliche „Kruckenkreuz“ ziert Plattencover und ist das Hauptsymbol für seine Band.

Auch die „Nordland-Blues“-Sängerin Mari Boine kommt „zu Wort“. Und der 1950 in der ehemaligen DDR geborene Dichter Rolf Schilling, der heute im Südharz lebt. Es gibt ein neues Kapitel zur Wirkungsgeschichte von „Schwarze Sonne“ und einen Absatz „Aktuelles zur ‚Schwarzen Sonne’“. Dazu einen wissenschaftlichen Apparat mit 650 Anmerkungen und ein umfangreiches Literaturverzeichnis. Leider kein Stichwortregister.

Von dem bereits genannten Dichter Rudolf Schilling stammt das gekürzte Zitat auf Seite 164 des Buches, das ohne weiteres als Motto von Sünners Arbeit gedient haben könnte: „Wir erweisen Adolf Hitler zuviel Ehre ..., wenn wir ihn zum Universal-Erben und Allein-Eigentümer des deutschen Mythos... erklären. Der Adler, die Schlange, der Gral, Wotans Speer und Siegfrieds Schwert, die Queste und der Echsen-Stein kommen von weit her und bleiben fruchtbar für künftige Zeiten...“.

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Rezension zu: „Schwarze Sonne – die Macht der Mythen und ihr Missbrauch in Nationalsozialismus und rechter Esoterik“ von Rüdiger Sünner, Drachen Verlag, Klein Jaselow, Dezember 2009, 230 Seiten, gebunden, mit Film-Dokumentation auf DVD-ROM, 38,00 Euro, ISBN-13: 978-3927369443.

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