Sibirische Kulturwochen in KasselAUSSTELLUNG

Sibirien kommt

Sibirische Kulturwochen in Kassel

Sibirien ist das größte Land der Erde und bei uns im Westen noch immer weitgehend unbekannt. Eine „Sibirische Kulturwoche“ in der nordhessischen Großstadt Kassel soll nun den Schleier ein wenig lüften, der die riesigen Weiten im Osten Russlands und dessen Spiritualität bis heute umgibt.

Von Michael Troitski

Vom 24. bis 29. Juni wird es in Kassel sibirisch. Bei sommerlichen Temperaturen wollen die Veranstalter der Volkshochschule der Region Kassel den Besuchern ihrer Ausstellung  ein Land vorführen, das weit mehr aufzuweisen hat als arktische Kälte, Permafrostböden und eisige Tundren.

Die sibirische Kulturwoche der VHS Region Kassel findet zum ersten Mal statt. Ziel der Veranstaltungen ist es, ein Bild von der Vielfalt der Menschen, ihrer Kultur und natürlich auch von der eindrucksvollen Natur Sibiriens zu bieten. „Denkt man an das Land, dann sind es oft Bilder von der wilden und zugleich schönen Natur: Flüsse, Seen, Wälder und Tiere, Beeren, Pilze und seltene Pflanzen“, heißt es im Einladungstext. Die Fotoausstellung zeigt aber u.a. auch sakrale buddhistische Orte Sibiriens und die Natur Transbaikaliens im Osten des weiten Landes.

Kampf für die deutsche Sprache in Ostsibirien

Ich selbst komme aus Sibirien und lebe nun seit zehn Jahren in Kassel, wo ich mein zweites Zuhause gefunden habe. Seit einigen Jahren engagiere ich mich für meine Heimatstadt Tschita in Ostsibirien, wo ich für den Fortbestand der deutschen Sprache kämpfe. Tschita ist die Hauptstadt der Region Transbaikalien, es liegt an der Transsibirischen Eisenbahn und hat etwa 320.000 Einwohner.

Mir ist es gelungen, bereits einige deutsch-sibirische kulturelle und Bildungsvorhaben zu verwirklichen. Rund 60 junge Leute aus Tschita bekamen die Möglichkeit, sich in Deutschland in verschiedenen Projekten kurzfristig aufzuhalten: als Teilnehmer von Sommerkursen, Austauschprojekten, etc. Vor einem Jahr kam ich auf die Idee, nun Sibirische Kulturtage in Kassel zu veranstalten. Da ich als Russischdozent in Kassel tätig bin und die VHS als wichtigen Lern- und Begegnungsort ansehe, habe ich der Leitung meine Idee vorgeschlagen, die auch sofort aufgegriffen wurde.  

Wir möchten Menschen aus Kassel bzw. aus ganz Hessen und aus Sibirien einander ein Stück näherbringen. Dazu sprechen wir Lerner der russischen Sprache an, Schüler, aber auch Sibirier und russische Migranten. In dem Sinne sollte die Veranstaltung auch zur Integration der Migranten in Kassel beitragen. 

Programm der Sibirischen Kulturwoche
VHS Kassel Wilhelmshöher Allee 19-21
www.vhs-Region-Kassel.de
24. bis 29. Juni 2013

Montag, 24. Juni
, 19 Uhr: Eröffnung der Fotoausstellung aus Sibirien mit Sergej Tsapar, im Treppenhaus.

Dienstag, 25. Juni, 18 Uhr, Raum 304: Vortrag zur sibirischen Literatur „Sibirien - Raum der Verbannung, Raum der Freiheit“ von Dr. Yvonne Pörzgen, Universität Bremen.

Mittwoch,  26. Juni, ab 17 Uhr: Birkenrinde und Zedernnüsse – Wunder der sibirischen Natur mit Irina Kepper, im Treppenhaus. 18 bis 21 Uhr Raum 304: Psychodramatische Begegnung mit Sibirien und seinen Menschen von Fred Dorn, Psychodrama-Institut für Europa,.  (Anmeldung erwünscht unter 0174 981 26 96, mtroitski@yahoo.com).

Freitag, 28. Juni, 19 bis 22 Uhr Raum 304: Russischer Film mit Diskussion von Michael Troitski.

Samstag, 29. Juni, Saal Volkshochschule: 11 Uhr Fest der sibirischen Kulturwoche in Kassel, Diskussion mit Gästen. Musikalische Begleitung mit Gitarre und Gesang, mit Anna Strukova, Bratsk/Dresden.  Ab 11 Uhr „Sie wollten schon immer mal Russisch schreiben lernen?“ - das bietet Ihnen die Schreibwerkstatt Russisch mit Anna Morozova, Universität Kassel. 12 Uhr und 13 Uhr Schnupperstunde: Russisch mit Spaß und Ljubov Zufall-Korsakova, Kassel. Ab 12 Uhr Sprachanimation der Stiftung Deutsch- Russischer Jugendaustausch. 13 bis 14 Uhr Konzert der russischen Samstagsschule „A-Elita“ aus Kassel. 14-16 Uhr  Fortbildung für Russischlehrkräfte.  Workshop: „Interessantes, Spannendes und Wissenswertes für Ihren Russischunterricht“ mit Natalie Bruch, VHS Leverkusen. 16- 18 Uhr Workshop: „Lehrwerke und der Unterricht: Ansätze, Tipps, Erfahrungsaustausch“. Bringen Sie bitte Ihre Lehrwerke mit zur Sitzung! Es wird außerdem eine Ausstellung der Zeichnungen behinderter Kinder aus Barnaul präsentiert, der Hauptstadt der Region Altai.

Seminare und psychotherapeutische Begegnungen

Zu den vielfältigen Angeboten der Sibirischen Kulturwoche gehört auch eine psychodramatische Begegnung, also eine gruppentherapeutische Methode die in den Bereich des Seelischen entführt. Sibirier und Deutsche treffen sich in dieser spannenden Veranstaltung.  Fred Dorn, Psychodramaleiter vom Psychodrama-Institut für Europa, wird das Seminar leiten. Er hat schon in Tschita ein ähnliches Seminar abgehalten. Solche psychodramatischen Begegnungen ermöglichen einen tieferen Einblick in die sibirische Kultur und deren Traditionen.

Ein wichtiger Akteur der Veranstaltung ist Fotograf Sergej Tsapar aus Tschita.  Er leitet in seiner Heimatstadt eine Fotoschule. Bei den Kulturtagen in Kassel zeigt er Bilder, die vor allem in Alchanaj entstanden sind, einem Nationalpark, der mit der Spitze des 1662 Meter hohen Berges Alchanaj eines der wichtigsten buddhistischen Sakralheiligtümer beherbergt.   Vor kurzem hat Sergej zu Hause eine Ausstellung zu den sakralen buddhistischen Orten Transbaikaliens  - das ist die Region um Tschita -  gemacht. Teile dieser Fotosession werden nun in Kassel ausgestellt. Übrigens findet genau am 29. Juni auch ein großes Gebet der Lama-Priester in Alchanaj statt, dem Ort, wo die Fotos herkommen. Darin sieht Sergej ein „besonderes Zeichen“. 

Birkenrinde und Zedernüsse

In Sibirien ist man stolz auf die eigene Literatur. Die Literaturwissenschaftlerin Yvonne Pörzgen aus Bremen, kommt zu einem Vortrag über diese geistigen Schätze des Landes. Sie wird davon berichten, was sibirische Literatur genau ist, welche Autoren dort welche Ideen aufgreifen. Sie wird auch sibirische Autoren vorstellen, deren Werke ins Deutsche übersetzt sind. Ein Film mit einer anschließenden Diskussion ergänzt das Programm.  

Anna Strukova Studentin und Musikerin aus der 250.000 Einwohner zählenden Stadt Bratsk im sibirischen Bezirk Irkutsk, die in Dresden studiert, wird sibirische Lieder vorsingen. Unter dem Publikum werden die Texte verteilt, damit man nach guter sibirischer Tradition zusammen singen kann.

Irina Kepper aus dem Altai stellt Erzeugnisse aus Birkenrinde und Zedernüssen aus. Zedernüsse sind den Pinienkernen ähnliche Samen aus den Zapfen der sibirischen Zirbelkiefer, die man im Russischen als „Kedr“ bezeichnet, worauf die deutsche Benennung  „Zeder“ zurückzuführen ist. Man nennt die sibirische Zeder auch „Königin der Taiga“. Die mit den besten Samen wachsen im Altaigebirge und sind ein wichtiger Bestandteil der sibirischen Volksheilkunde.

Anna Morozova von der Uni Kassel fasziniert die Besucher mit ihren Kenntnissen und Beispielen der russischen Schrift. Als Andenken und als Inspiration werden Buttons mit Namen auf Russisch gestaltet.   

Ljubov Zufall-Korsakova von der VHS Region Kassel bereitet einen Schnupperkurs Russisch vor. Mit Liedern, Reimen, Spielen macht sie die „schwierige“ russische Sprache leichter und motiviert zum Russischlernen.  

Eine Kasseler Samstagsschule präsentiert ein Konzert: typische russische Tänze und Lieder werden vorgestellt. Somit würdigt man die Arbeit der Samstagsschule A-Elita für die russischsprachige Gemeinde in Kassel. Auch an Russischlehrer ist gedacht: seit vielen Jahren wurde keine Fortbildung in Kassel angeboten. Zwei praxisnahe Kolleginnen – Olga Stelter aus Hamburg und Natalie Bruch aus Leverkusen – sprechen über ihre Unterrichtspraxis und tauschen Ideen aus.  Zwei Verlage für Russisch als Fremdsprache werden ihre Lehrwerke ausstellen.

Die Stiftung Deutsch-Russischer Jugendaustausch wird eine Sprachanimation mit der „Russisch-kommt!“-Box veranstalten. Diese Aktion soll helfen, auch Russisch an den Schulen in Kassel stärker zu verbreiten. Hierzu werden Lehrer und Schüler in die VHS eingeladen.

Schließlich wird am 29. Juni, das ist ein Samstag, ein Fest diese erste Sibirische Kulturwoche abrunden. Zum Programm zählen u.a. ein musikalischer Beitrag, Sprachanimation und Probeunterricht in Russisch, ein kleines Konzert der russischen Samstagsschule in Kassel und der eine oder andere „Masterklass“, wie Workshop auf Russisch heißt.

Sibirien kommt – es lädt ein sich inspirieren zu lassen, es kommt nach Kassel und heißt alle weit und breit willkommen.

Michael Troitski
Zur Person: Michael Troitski
Michael Troitski (33), Autor dieses Beitrags, ist Germanist und Slawist aus Tschita. Er hat dort Deutsch als Fremdsprache studiert und ist Russischlehrkraft an der VHS Region Kassel und am Sprachenzentrum der Universität Kassel. Troitski fungiert als Multiplikator der Bildungseinrichtungen aus Sibirien (Tschita, Irkutsk, Barnaul, Nowosibirsk). Er hat im Oktober 2011 bereits Deutsche Tage in Tschita mit organisiert. Der Autor unterstützt auch weiterhin die deutschsprachige Schule in Tschita, die er 1996 erfolgreich absolviert hat. Mittlerweile erwarb die Schule den Status der DSD 1-Schule.   

Ausstellung Russland Sibirien

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