„Sie bauten die ersten Tempel“ von Klaus SchmidtGELESEN

„Sie bauten die ersten Tempel“ von Klaus Schmidt

Das Buch von Dr. Klaus Schmidt ist der sensationelle Forschungsbericht über eines der größten Menschheitsrätsel. Der Autor schildert in packenden Worten und Bildern das riesige Bergheiligtum eiszeitlicher Jäger auf dem Göbekli Tepe in Anatolien. Bei dem, was er gefunden hat, handelt es sich mit hoher Wahrscheinlichkeit um die Darstellung der ersten Götter der Menschheitsgeschichte. Und der Autor selbst, Prähistoriker vom Deutschen Archäologischen Institut (DAI), ist von Ehrfurcht, Erstaunen und Respekt erfüllt, wie er bekennt.

Von Hans Wagner

„Sie bauten die ersten Tempel – das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger – die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe“ von Klaus Schmidt  
„Sie bauten die ersten Tempel – das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger – die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe“  von Klaus Schmidt  

E s war im Oktober 1994, das Land war in die kräftigen Farben der herbstlichen Abendsonne getaucht, und unser Weg führte durch ein leicht ansteigendes, sehr unübersichtliches Gelände, übersät mit großen, oft übereinander getürmten Basaltblöcken. Spuren einstiger Anwesenheit prähistorischer Menschen waren nicht auszumachen – keine Mauerreste, keine Gefäßscherben, keine Steingeräte. Zweifel am Sinn dieser Wanderung, die wie schon viele vorangegangene der Erkundung prähistorischer, besonders steinzeitlicher Plätze galt, stiegen allmählich aber unabweislich auf.“ – So beginnt der deutsche Archäologe Dr. Klaus Schmidt seinen Bericht über den Sensationsfund des rätselhaften Heiligtums am Göbekli Tepe im Südosten Anatoliens.  

Die Zweifel hinderten Schmidt und seine Begleiter nicht daran, weiterzusuchen. Dass sie so rasch verfliegen würden, und eigentlich schon gar nicht mehr angebracht gewesen wären, konnte das Archäologenteam  allerdings zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen. 

Sie fragten sich durch. Wer in den umliegenden Orten wusste etwas von ungewöhnlichen Bodenformationen in der Gegend? Es gab einen. „Im Dorf hatte ein Alter auf die Frage, ob es hier irgendwo einen Berg mit Namen Göbekli Tepe und ob es dort Çakmaktaþý, also Feuerstein, gebe, unerwartet konkret mit „Ja“ geantwortet und uns auch gleich einen Halbwüchsigen als unseren Führer bestimmt, da der genannte Ort vom Dorf aus nicht zu sehen sei. Der Alte war Þavak Yýldýz. Heute ist er der Wächter des Göbekli Tepe.“

Die Entdeckung des Heiligtums ähnelt zeitweise einem Krimi

Die Männer marschieren flott voran durch eine ziemlich öde Landschaft, der Wind heult um die niedrigen Hügel, so beginnen sie ihre Reise in die Vergangenheit. Was die abenteuerlustigen Wissenschaftler erleben, ähnelt zeitweise einem Krimi. Sie stolpern über knirschende Steine durch ein wüstenähnliches Steinfeld, klettern über Geröll und durchqueren eine bizarre Landschaft aus schwarz-grauen Basaltblöcken. Immer wieder tun sich fantastische Ausblicke über die Ebene vor ihnen auf.

Dann sahen sie ihn. Schon von weitem erkannten sie, dass das, was sie erblickten, sich mit keinem der ihnen bis dato bekannten Fundorte vergleichen ließ. „Auf dem höchsten Punkt des Plateaus markierte der aufragende Göbekli Tepe wie ein erratischer Block die Landschaft.
Und selbst aus der Ferne war sofort klar, dass dies keinesfalls ein natürlicher Hügel sein konnte. Welche Kraft der Natur sollte diesen Erdhaufen auf dem höchsten Punkt des Kalkrückens aufgetürmt haben? - Wir waren uns sicher, wir hatten den Göbekli Tepe gefunden.“ – Die örtlichen Bauern nennen ihn "gebauchter Berg" – zu türkisch „Göbekli Tepe“.

Euphorie kam auf: „In der Gewißheit, einen riesigen archäologisch bedeutenden Ort vor uns zu haben, wechselte unser Gemütszustand von Lethargie mit einem Mal in Aufregung, und wir näherten uns mit großer, stetig steigender Spannung und in immer höherem Marschtempo. Als wir in die Nähe der Hügelflanken gelangten, begann die bisher graue und kahle Plateauoberfläche wie von Kristallen überzuckert zu glitzern. Es war ein Teppich aus Abertausenden von Feuersteinen, der jetzt die Felsflächen überzog. Im Licht der spätnachmittäglichen Sonne entfaltete er ein Glitzern, wie es eine Schneefläche in winterlicher Sonne vermag.“

Feuersteine wiesen ihnen den Weg

Und die Steinzeitforscher erkannten sofort: „Es waren keine natürlichen Absprengungen von Feuersteinknollen, es waren Abschläge, Klingen, Bruchstücke von Kernsteinen, kurz, Artefakte, von Menschen hergestellte Objekte, die diesen Teppich bildeten. Andere Funde, besonders Scherben von Tongefäßen, fehlten vollständig.“

Die Feuersteine in so großer Zahl verrieten den Archäologen, dass steinzeitliche Menschen sich an dem Ort aufgehalten und zu schaffen gemacht hatten. Es war der gesuchte „Heilige Berg der Jäger“, wie er inzwischen genannt wird.

Dr. Klaus Schmidt und seine Begleiter hatten die älteste Kultstätte der Menschheit entdeckt. Sie entstand vor fast 12.000 Jahren und gilt als Wiege der Zivilisation. Ihr Fundort im südöstlichen Anatolien liegt ein paar Kilometer von der Provinzhauptstadt Urfa in Obermesopotamien. Weithin sichtbar erhebt sich hier, auf dem höchsten Punkt eines rundherum nackten Kalksteinplateaus, ein rund 15 Meter hoher Erdhügel mit einem Durchmesser von etwa 300 Metern. Hier liegt das frühneolithische Bergheiligtum, die älteste Tempelanlage der Welt.

Monumentalarchitektur, 6000 Jahre älter als die Pyramiden

Dicht unter der Gerölloberfläche stießen die Steinzeitforscher auf T-förmige Steinpfeiler, über drei Meter groß und an einem Stück aus dem Kalkstein des Bergkammes gemeißelt. Die C14-Datierung von „Beifunden“ erbrachte das schier unglaubliche Alter von 11.500 Jahren. Über 40 dieser Giganten hat Schmidt bislang freigelegt. Die geomagnetischen Messungen lassen insgesamt 200 erwarten. - Eine Tempelanlage von gigantischen Ausmaßen. Monumentalarchitektur, 6000 Jahre vor der Errichtung der Pyramiden.

Der spannende Erzählton in Klaus Schmidts Buch über die sensationelle archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe, gleitet allmählich über in einen Forschungsbericht voller Zahlen, Daten und Fakten. Das Forscherherz gewinnt die Oberhand über den Schriftsteller. Aber immer bleibt der Autor anschaulich und für jeden verständlich. Er hat ein spannendes Sachbuch geschrieben, über die frühesten Tage der Menschheitskultur. Ihm ist das Wissen darüber zu verdanken, dass sie Jahrtausende früher begonnen hat als bislang angenommen.

Das größte Rätsel für Forscher und Leser ist, wie diese Kultur zu Ende ging. 7.500 Jahre v. Chr. verwaiste das Bergheiligtum. Es wurde nicht mehr genutzt. Nicht mehr gebraucht. Aber es wurde weder zerstört noch unter Vulkanasche begraben, weder von den ewigen Winden Anatoliens zugeweht noch umgestaltet. Es wurde beerdigt. Regelrecht eingegraben. Daher dieser Erdhügel auf dem Steinplateau, den Schmidt sofort als Werk von Menschen erkannt hatte. Die steinzeitlichen Menschen selbst schütteten ihre Kultanlage mit Geröll und Erde zu. Die Fläche war danach offenbar tabu, jedenfalls wurde sie nicht wieder bebaut.

Der Beginn des Ackerbaus war zunächst ein kultureller Rückschritt

Aber warum? Im Interview mit dem Eurasischen Magazin 04-06 versucht Schmidt das Rätsel zu erklären. Die steinzeitlichen Jäger wurden sesshaft, Ackerbauern, Viehhalter. In ihren meist in den Ebenen, möglichst an einem Fluss gelegenen Ortschaften plagten sie sich mit der täglichen Arbeit, bauten Getreide an und hüteten ihr Vieh. Das Heiligtum auf dem Hochplateau des Göbekli Tepe war Vergangenheit.

Klaus Schmidt erklärt im Interview, warum der Beginn des Ackerbaus, der das Ende der Kultur am Göbekli Tepe bedeutete, die Menschen so sehr verändert und sie sogar ihrer eigenen Kultur entfremdet hat: „Ein großer Irrtum ist es, zu glauben, erst als der Ackerbau begann, als die Menschen sesshaft wurden, habe die Kultur begonnen. Das ist falsch. Der Beginn des Ackerbaus war zunächst sogar ein Rückschritt. Menschen, die vorher in ganz Eurasien unterwegs waren, hinter den Mammuts her, die blieben plötzlich in einem Tal sitzen und hatten auf einmal nur noch den engen bäuerlichen Horizont. Die Großwildjagd in Eurasien war ja kein Zeitvertreib und auch keine Betätigung für Primitive, die über geringe Fähigkeiten verfügten. Sondern dafür war eine hochentwickelte Technik vonnöten, die diese Menschen auch beherrscht haben, sonst hätten sie verhungern müssen. Ihre Verbäuerlichung ist eine kulturelle Verarmung. Und im Rahmen dieses Rückschritts hat man solche Heiligtümer wie den Göbekli Tepe aufgegeben. Sie waren von der jägerischen Bevölkerung betrieben worden. Es konnten auch keine neuen mehr errichtet werden, weil dafür die nötigen Strukturen fehlten.“

Die eiszeitlichen Jäger haben Einmaliges geschaffen

Der Göbekli Tepe ist eine Schnittstelle zwischen der hochentwickelten Jägerkultur und dem Beginn eines primitiven Ackerbaus -  ein Bindeglied der Menschheitsgeschichte oder wie es in der Forschung genannt wird: ein „missing link“.

Vielleicht hatten die neuen Ackerbauern eine gewisse Scheu davor, das alte Heiligtum ihrer Ahnen einfach verfallen zu lassen. Möglicherweise konnten sie schon bald mit den Göttern der Jäger nichts mehr anfangen. Denn dass es Götter waren, die in den T-Kopf-Pfeilern von bis zu sieben Metern Höhe und 50 Tonnen Gewicht dargestellt wurden, dessen ist sich der Archäologe Schmidt ziemlich sicher. „Es könnte sich hier um die ersten Götter handeln…es waren meiner Ansicht nach Wesen aus einer anderen Welt – mythische Gestalten, Götter oder Dämonen. Sehr wahrscheinlich tanzte am Göbekli Tepe auch der Schamane“, sagt er im Interview mit dem EM. Schmidt berichtet, dass ihm diese einmalige Anlage zunächst regelrechte Ehrfurcht und einen gewissen Schauder eingejagt habe. Vielleicht empfanden den auch die bäuerlichen Nachfahren der eurasischen Eiszeitjäger und haben deshalb den riesigen Grabhügel für die alten Götter aufgeschüttet.

Das Buch, das Klaus Schmidt geschrieben und reich bebildert hat, ist viel mehr als ein Grabungsbericht. Es ist eine Reportage, die jahrtausendealte Riten einer Kultur lebendig werden lässt, vor der wir heute „voller Erstaunen und Respekt“ stehen, wie Schmidt bekennt.

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Rezension zu: „Sie bauten die ersten Tempel – das rätselhafte Heiligtum der Steinzeitjäger – die archäologische Entdeckung am Göbekli Tepe“  von Klaus Schmidt, C.H. Beck Verlag, München, 2006,  282 Seiten mit Karten und vielen teils mehrfarbigen Abbildungen, 24,90  Euro, ISBN 3-406-53500-3.

Geschichte Rezension

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