Skythen waren ein Volk nomadischer SteppenreiterEURASIEN HISTORISCH

Die Skythen - Geschichte, Kultur und Geheimnisse des Reitervolks

Skythen waren ein Volk nomadischer Steppenreiter

Die Skythen waren ein Volk nomadischer Steppenreiter. Die Skythen selbst hinterließen keinerlei schriftliche Aufzeichnungen. Die Skythen bildeten keine festgefugten Staatengebilde und es gibt nur wenige Spuren von Siedlungen. Dennoch hat die Steppe vor allem in jüngerer Zeit einige Geheimnisse über die Skythen preisgegeben.

Von Hans Wagner | 01.01.2016

Die Skythen selbst nannten sich „Skoloten“ – doch da alles, was man über sie weiß, in fremder Zunge und Sprache überliefert ist, gingen sie nicht einmal mit ihrem eigenen Namen, sondern als „Skythen“ in die Annalen der Geschichte ein. Skythen wurden sie von den Griechen genannt, deren Geschichtsschreiber über das Leben dieses Volkes in vielen Einzelheiten berichtet haben. Durch sie wissen wir, wo die Skythen herkamen, welche Sitten sie kannten und wie sie kämpften.

Skythen lebten als Reitervolk in den Steppen Eurasiens

Die Skythen waren ein Reitervolk, das in den weiten Steppen Eurasiens lebte. In der Wissenschaft geht man davon aus, dass die Skythen zu jenen Völkern der nordiranischen Sprachgruppe gehörten, die im ersten Jahrtausend v. Chr. aus Mittelasien in die südrussischen Steppengebiete der Turanebene eingeströmt waren.

Die Steppenregion im Süden Russlands ist ungewöhnlich reich an Zeugnissen alter Kulturen. Seine geographische Lage macht dieses Gebiet zu einem Knotenpunkt, an dem sich die Wege vieler historischer Völker kreuzten. Stämme aus dem Kaukasus, Reiternomaden aus den asiatischen Weiten, Griechen und Römer, Iraner und schließlich die Goten – alle waren eine Zeitlang in diesem Gebiet zu Hause, um sich dann im Strom von Neuankömmlingen aufzulösen oder in andere Länder abzuwandern.

Skythen benutzen Pfeil und Bogen Skythen benutzen Pfeil und Bogen

Die skythischen Steppenreiter fanden eine Heimat im Schwarzmeergebiet

Auch die Skythen wurden von anderen Völkerschaften - wie den Awaren zum Beispiel - verdrängt und fanden schließlich um das fünfte Jahrhundert ihre Heimat am Schwarzen Meer. Hier lebten die Skythen in Nachbarschaft zu den Griechen. Dort, wo nach antikem Verständnis die Grenze zwischen Europa und Asien verläuft, am Asowschen Meer und dem Unterlauf des Don, zog das Reitervolk der Skythen zu dieser Zeit durch die Weiten der Steppe.

Die Skythen waren ein Volk, das nach griechischem Verständnis am Ende der Erde lebte. In unserer Zeit führen die Skythen in den Geschichtsbüchern ein Schattendasein – völlig zu Unrecht. Lange vor den anderen Reitervölkern, wie den Hunnen oder den Mongolen, waren die Skythen vor 2500 Jahren die Beherrscher Zentralasiens, unterwarfen fremde Stämme zwischen dem Pamirgebirge und der Oder.

Skythen siedelten auf dem Gebiet der heutigen Ukraine – eine Wallburg am Dnjepr war Hauptstadt Großskythiens

Als sie sich im fünften Jahrhundert v. Chr. in das Gebiet nördlich und östlich des Asowschem Meeres zurückgezogen hatten, tauchten sie bald darauf in den Berichten der benachbarten Griechen auf. Zu dieser Zeit schrieb Herodot sein Geschichtswerk, dessen 4. Buch sich ausführlich mit den Völkerschaften des nördlichen Schwarzmeergebietes und der angrenzenden Steppen befasst.

Damals erstreckte sich der Herrschaftsbereich der Skythen vom Unterlauf des Don im Osten bis zur Donau im Westen – ein Gebiet das etwa der heutigen Ukraine entspricht. Ursprünglich hatten der Aktionsradius und die Kultur der Skythen vom Don bis zum Ural und bis in das nördliche Kasachstan und nach Sibirien gereicht.

Die Skythen waren kein einheitliches Volk, sondern ein Stammesverband, der ein Territorium beherrschte, auf dem sowohl nomadische als auch seßhafte Gruppen lebten und zu dem auch nichtskythische Stämme gehörten.

Ein Troß filzbespannter Wagen folgte den reitenden Männern der Skythen

Die dominierende Stellung unter diesen Stämmen kam laut Herodot königlichen Skythen zu. Sie standen an der Spitze der skythischen Stämme. Ihr Status war erblich. Einer von ihnen, König Ateas, schuf im 4. Jh. v. Chr. ein Großreich, das die Stämme der Skythen vom Asowschen Meer bis zur Donau vereinte. Zum Verwaltungs-, Handels- und Wirtschaftszentrum Großskythiens wurde eine Wallburg am unteren Dnjepr bestimmt.

Lebensweise und Kultur der Skythen werden u.a. in einem Bericht geschildert, der dem griechischen Arzt und Gelehrten Hippokrates zugeschrieben wird. Darin heißt es: „Die sogenannte skythische Einöde ist eine Ebene, reich an Gras, doch ohne Bäume und mäßig bewässert. Sie ist durchflossen von großen Flüssen, die das Wasser von den Steppen wegführen. Hier also leben die Skythen. Nomaden nennt man sie, weil sie keine Häuser haben, sondern in Wagen leben, von denen die kleinsten vierrädrig, andere sechsrädrig sind. Diese Wagen sind vollständig mit Filz überdeckt und wie Häuser konstruiert.“

Diese Wagen der Skythen würden von hörnerlosen Rindern gezogen. In den Filzzelten auf den Wagen wären die Frauen untergebracht, die Männer, schreibt Hippokrates, ritten auf den Pferden. Weiter schreibt der berühmte griechische Gelehrte: „Es folgen ihnen das Kleinvieh, das sie besitzen, die Rinder und die Pferde. Sie bleiben nur so lange an einem Ort, wie das Gras für das Vieh reicht, wenn es zu Ende geht, ziehen sie an einen anderen Ort. Sie selbst essen gekochtes Fleisch, trinken Stutenmilch und essen hippake, das ist Käse aus Stutenmilch. So sind die Lebensweise und die Bräuche der Skythen.“

In den Augen der Griechen waren die Skythen eine versoffene Horde

Zwei Skythen trinken BruderschaftZwei Skythen trinken Bruderschaft

Die Skythen wurden von den griechischen Geschichtsschreibern als unmäßige Trinker bezeichnet. Den Griechen fiel vor allem auf, dass sie den Wein pur tranken, nicht mit Wasser gemischt, wie es griechischer Sitte entsprach. Skythen importierten diesen Wein offenbar in großen Mengen über die griechischen Städte an der Schwarzmeerküste. Sein Besitz galtals ein Zeichen von Reichtum und Macht.

Wein wurde hochgestellten Toten der Skythen zusammen mit kostbarem Trinkgeschirr ins Grab gegeben. Die Trinksitten der Skythen scheinen teilweise auch auf die zeitgenössischen Griechen abgefärbt zu haben. So ermahnte der griechische Lyriker Anakreon wohl aus gegebenem Anlaß vor einer Veranstaltung seine Landsleute mit den Worten: „Heute wollen wir nicht wieder mit Geschrei und lautem Johlen wie die Skythen uns bezechen, wollen nur behaglich trinken und die schönsten Lieder singen.“

Herodot berichtet vom spartanischen König Kleomenes, er sei durch den Umgang mit den Skythen deren Sitte verfallen, unverdünnten Wein zu trinken. Man habe ihn schließlich der Trunksucht angeklagt. Seither hätten die Spartaner vom „skythischen Zechen“ gesprochen, wenn sie puren Wein becherten.

Die Liebe zum Wein hatten die Skythen mit ihren Verwandten, den Iranern gemein. Auch über sie hatte Herodot geschrieben, dass sie gewaltige Zecher seien: „Sie pflegen im Rausch die wichtigsten Angelegenheiten zu verhandeln. Den Beschluß, den man so gefaßt hat, trägt der Hausherr, in dessen Hause die Beratung stattfindet, am nächsten Tage, wenn die Beratenden nüchtern sind, noch einmal vor. Ist man auch jetzt damit einverstanden, so führt man das Beschlossene aus. Auch ein Gegenstand, den sie nüchtern vorberaten haben, wird in der Trunkenheit noch einmal erwogen.“

Hippokrates beschreibt die skythischen Amazonen

Die Andersartigkeit der Steppenreiter beschäftigten das Interesse und nicht zuletzt auch die Phantasie der Griechen. Dass man wirklich jedes Wort für bare Münze nehmen kann, das sie über die Skythen verloren, bleibt zumindest zweifelhaft. Aber da sie die einzige Quelle über die Skythen sind, kommt man an ihren Berichten nicht vorbei.

Hippokrates beispielsweise schreibt über die Skythen am Asowschen Meer, das die Griechen seinerzeit als „Mäotis-See“ bezeichneten: Dort gäbe es einen Skythenstamm, der sich von den übrigen Stämmen unterscheidet [...]. Ihre Frauen reiten, schießen mit dem Bogen, schleudern den Wurfspeer vom Pferd herab und kämpfen, solange sie Jungfrauen sind, gegen die Feinde. Sie geben ihre Jungfrauschaft nicht auf, bevor sie drei Gegner getötet haben [...]. Ihnen fehlt die rechte Brust. Wenn sie noch ganz klein sind, drücken ihnen die Mütter ein spezielles heißes Bronzegerät auf die Brust, durch diese Verbrennung wird das Wachstum der Brust verhindert; Kraft und Fülle gehen ganz in die rechte Schulter und den rechten Arm.“

Hippokrates schildert in diesem Bericht offenbar die geheimnisvollen Amazonen, die zu jener Zeit immer wieder „Schlagzeilen“ machten. Ihren Ruhm begründeten sie vor allem durch kriegerische Glanztaten gegen das damalige Weltreich der Perser. Ihr größter Triumph war der Sieg über den Perserkönig Kyros d.Gr. Er hatte um 530 den Fluß Jaxartes (heute Syrdar‘ya) in Mittelasien überschritten und war mit seinen Truppen in das Reich von Tomyris, der Königin des Skythenstammes der Massageten, eingedrungen. Um einen Krieg zu verhindern, hielt Kyros zuerst um ihre Hand an. Doch Tomyris lehnte ab und forderte den persischen König zum Kampf heraus.

Perserkönig Kyros d. Gr. fiel im Kampf mit dem Heer der Skythenkönigin Tomyris

Im Vorfeld des folgenden Krieges gelang es dem Perserkönig zwar, ein Drittel des Massageten-Heeres in eine Falle zu locken und aufzureiben. Doch in der darauffolgenden Schlacht - nach dem griechischen Geschichtsschreiber Herodot „die Größte, die die Perser je geführt hatten“ – wurde das überlegene persische Heer von den Kriegern der Skythen, unter denen viele Frauen waren, vernichtet. Kyros d. Gr. fiel in der Schlacht. Er wurde von den Skythen erschlagen.

Das Nomadenvolk der Skythen, ohne eigene Schrift und ohne echtes Staatsgebilde, hinterließ keine eigenen Chroniken, die über seine Taten berichtet hätten. Sie hatten keinen Felix Dahn, wie die Goten, der ihre Taten und ihre Geschichte heroisiert, keinen Äschylos wie die Perser, der ihr Schicksal und ihren Niedergang in Dramen besungen hätte. Kaum jemand beruft sich heute auf sie, möchte skythischer Abstammung sein.

Den Kampf vom Pferderücken aus entwickelten die Skythen zur Perfektion

Skythen kämpften perfekt vom Pferd ausSkythen kämpften perfekt vom Pferd aus

Wie konnte es angehen, dass ein nomadisierendes Volk von Steppenreitern wie die Skythen der Großmacht Persien derart zusetzen konnte? Auf diese Frage suchte bereits in der Antike Herodot in seinem ethnographischen Exkurs über die Skythen eine Antwort. Er schrieb: „Muss nicht ein Volk unüberwindlich und unnahbar sein, das weder Städte noch Burgen baut, seine Häuser mit sich führt, Pfeile vom Pferd herab schießt, nicht vom Ackerbau, sondern von der Viehzucht lebt und auf Wagen wohnt?“

In der Neuzeit war es vor allem der britische Militärhistoriker John Keegan in seinem Buch „Die Kultur des Krieges“, der sich mit Fragen der Kampfesweise von Steppenreitern und Nomaden wie den Skythen auseinandersetzte. Seine These lautet: „Sie haben gelernt sich zu entziehen“. Dies sei eines der Geheimnisse ihrer Überlegenheit. Der nomadische Krieg sei die Fortsetzung der Jagd mit anderen Opfern.

Nomadische Jagd und Krieg basieren demnach auf derselben Grundlage: dem berittenen Bogenschützen. Das Pferd werde durch den Bogenschützen, der freihändig schießt, zur Grundlage nomadischer Macht. Sein Pfeil mit dreiflügeliger Metallspitze, vergiftet mit Leichengift und mit Widerhaken versehen, könne selbst noch in der bereits beginnenden Fluchtbewegung mit einer Frequenz von zwanzig Pfeilen pro Minute auf den Feind abgeschossen werden.

Der skythische Bogen wurde dieser Kampfweise angepaßt und war deshalb von relativ kleiner Größe. Einem normalwüchsigen Reiter der Skythen reichte der Bogen nur vom Kopf bis etwa zur Hüfte. Damit war das Kriegsgerät der Skythen gut auf dem Pferd zu transportieren und auch bei den wildesten Ritten nicht zu sperrig.

Vor der großen Zeit der Skythen waren die Streitwagen die überlegene Militärtechnik gewesen. Bei den Persern waren sie im Gebrauch. Persische Pferde waren noch zu schwach, um einen Reiter zu tragen. Reiten war erst im Laufe des ersten Jahrtausends n. Chr. durch gezielte Züchtung möglich geworden. Sobald die Pferde dies aber zuließen, war den europäischen Kulturvölkern für Jahrtausende eine neue Gefahr aus dem Osten erwachsen: die der Reitervölker. Ihre Krieger stachen die vergleichsweise schwerfälligen Wagenlenker mit leichter Hand aus.

Der Prophet Jeremia hatte ihr Kommen vorhergesagt als er dem alten Testament zufolge schrieb: „Siehe ein großes Volk wird sich erheben vom Ende der Erde Sie führen Bogen und Speer, sind grausam und ohne Erbarmen. Sie reiten auf Rossen, gegen dich, du Tochter Zion.“

Die Skythen - ein Gegner, der nicht zu stellen ist

Ein unglaublich modernes Prinzip: Fernwaffen, die den Gegner auf Distanz halten. Bogenschußentfernung gegen Speerwurfweite– das lässt sich in etwa vergleichen mit der Situation der irakischen Armee im Krieg mit den USA. Die veralteten Panzer des Iraks erreichten gegen die weitreichenden US-Panzerkanonen und Cruise Missiles tatsächlich lediglich Speerwurfweite.

Die Fernwaffe Bogen ist nach Einschätzung von Keegan auch darum so durchschlagend gewesen, weil die Ferne selbst, die permanente Abwesenheit, zur unüberwindlichen nomadischen Waffe der Skythen wurde. Auf seinem Feldzug gegen die Skythen geriet der Perserkönig Dareios in die Falle der skythischen Fernwaffen und der damit verbundenen Kampfesweise. Die Skythen zogen immer einen Tag vor den Persern her. Das Heer des Dareios folgte und erlebte stets neue Überraschungen. Mal hatten die Skythen ihnen fette Herden überlassen, ein anderes Mal nur verbrannte Erde. Von der Donau durch die Ukraine, durch ganz Südrussland bis in die endlose Steppe jenseits der Wolga folgten die entnervten Perser ihrem Gegner. Sie bekamen nur höchst selten einen ihrer Krieger überhaupt zu Gesicht.

2.500 Jahre später wurde der Funkspruch eines deutschen Panzergenerals des Zweiten Weltkriegs aus den Weiten der Kubansteppe aufgefangen. Er lautete: „Vor mir kein Feind, hinter mir kein Nachschub.“ Die Kampfesweise der Steppenkrieger der Skythen hatte anscheinend noch immer Gültigkeit.

Dareios hatte seinerzeit in seiner Not befohlen, Festungen zu bauen, als er glaubte den Gegner an der Wolga doch einmal gestellt zu haben. Die Skythen aber wandten sich heimlich zurück nach Westen. Dareios verließ die halbfertigen Bauten, um dem Feind wiederum mitten durch alle Stämme Südrußlands hindurch zu folgen. Er tobte und schickte dem Skythenkönig Idanthyrso seinen Boten. „Wunderlicher!“, sprach er ihn an, „warum fliehst Du immer? Wenn Du mir gewachsen zu sein glaubst, so laß das Wandern, steh und kämpfe!“

Der Skythenkönig anwortete: „Ich bin nie aus Furcht vor einem Menschen geflohen, auch jetzt nicht vor Dir. Ich tue nichts anderes als das, was ich auch im Frieden zu tun pflege.

Wir Skythen haben nicht Städte, nicht Ackerland; so drängt uns keine Furcht, dass jene erobert, dieses verwüstet werden könnte, zur Schlacht.“

Die Erkenntnis des Perserkönigs Dareios über die Skythen: „O dies Volk verachtet uns tief!“

Wie der ungleiche Kampf ausgegangen ist zwischen den Skythen und dem Perserkönig Dareios, schildert Herodot: Am Schluß seien sich die skythischen Reiter und die erschöpften Perser dann doch einmal gegenübergestanden. Die aufgestellten Heere warteten auf das Zeichen zur Schlacht. Plötzlich sei ein Hase durch die Reihen der Skythen gelaufen. Und ohne weiter auf die Perser zu achten, hätten die Steppenreiter begonnen, unter großem Gejohle und Gelächter dem Hasen nachzujagen. Den Persern sei es ob dieses Verhaltens eiskalt über den Rücken gelaufen und ihr König habe ausgesprochen, was alle dachten: „O dies Volk verachtet uns tief - jetzt wird es mir klar.“ Nach diesem Auftritt der Skythen und nach den monatelangen Strapazen zuvor, sind die Perser unverrichteter Dinge in ihre Heimat abgezogen.

Das Gold der Steppe

Die kriegerischen Skythen unternahmen Raubzüge über den Kaukasus nach Armenien und Kleinasien und brachten Angst und Schrecken über die orientalischen Reiche dieser Zeit. Ein Lied davon singen die alttestamentarischen Propheten Jesaja und Jeremia, die im späten 8. Jh. v. Chr. über das „Volk aus der Ferne“ schreiben, als das sie die Skythen bezeichnen: „Seine Pfeile sind geschärft und alle seine Bogen gespannt; die Hufe seiner Rosse sind wie Kiesel zu achten und seine Wagenräder wie der Sturmwind. Sein Brüllen ist wie das der Löwin, es brüllt wie junge Löwen und knurrt, packt den Raub und schleppt ihn fort, und niemand rettet.“ (Jesaia 5,26)

„Sie skalpierten ihre Opfer und tranken Blut aus den Schädeln getöteter Feinde, selten stellten sie sich dem offenen Kampf, attackierten lieber aus dem Hinterhalt. Als Waffen benutzten sie neben dem Kurzschwert Pfeil und Bogen, den sie wie kein anderes Volk zu dieser Zeit vom Rücken ihrer Pferde ausbedienten. Schnell, effizient und tödlich waren ihre Angriffe, sie überrannten alles, was sich ihnen in den Weg stellte. Selbst die Frauen waren furchtlose Krieger bei den Skythen - Herren von Eurasien zwischen Oder und Baikal.“ So charakterisiert der Archäologe und Autor Kristian Büsch das nomadische Reitervolk zusammenfassend auf seiner Netzseite unter dem Titel „Skythen – Barbaren mit Stil.“

Die Skythen haben zwar keine Chroniken hinterlassen, statt dessen aber einen riesigen Goldschatz, mit dem sie unsterblich geworden sind. Aus 2.500 Jahre alten Gräbern holten Archäologen unserer Zeit zuhauf Schmuck und andere Grabinhalte ans Tageslicht.

Aus diesen Beigaben für ihre Toten, die sie in gewaltigen Grabhügeln, den sogenannten Kurganen, bestatteten, erfahren wir unmittelbar etwas über die Kultur der skythischen Reiter. Diese Grabschätze der Skythen sind beinahe ihre einzige eigene Überlieferung. Es handelt sich um Schmuck, edle Gefäße, prachtvolle Kleidung. Faszinierend ist der den nomadischen Steppenvölkern Eurasiens eigene Tierstil mit Hirschen, Panthern, Greifen und Schlangen – naturalistisch dargestellt und zu Ornamenten gefügt.

Sibirisches „Tal der Könige“

Die vielleicht größte archäologische Entdeckung der letzten Jahre gelang Forschern in Arschan in der autonomen russischen Republik Tuva. Die Fundstätte liegt hinter dem Altai-Gebirge an der russischen Grenze zur Mongolei. Hier fanden Archäologen aus Deutschland und Russland den noch unberührten Grabkurgan eines skythischen Herrschers. Anlage und Reichtum des Hügelgrabes überraschten selbst die Archäologen, die in den Skythen schon immer mehr sahen als nur die in antiken Quellen geschilderte „wilde Horde“.

Von den anderen dort entdeckten 25 Gräbern hatte keines so kostbare Beigaben wie das des Fürsten. Trotzdem sind die ebenfalls unzerstörten Gräber von unschätzbarem Wert für die Wissenschaft. Sie verraten endlich etwas über Religion und Gesellschaft der Skythen. Über 9000 Goldobjekte wurden entdeckt. Eine solche Pracht, einen derartigen Reichtum im Grab eines Nomadenherrschers hatte niemand erwartet. Die eigentliche Sensation ist dabei nicht einmal die Menge, sondern vor allem die Qualität der Goldschmiedearbeiten.

Seit gut zwei Jahren laufen die Ausgrabungen in Tuva. Einige Forscher vermuten hier die Urheimat der Skythen. Von dort sind sie der Theorie zufolge Anfang des ersten vorchristlichen Jahrtausends gen Westen gezogen, um ihren Lebensmittelpunktschließlich an die Nordufer des Schwarzen Meeres zu verlagern.

Die Beispiele skythischer Goldschmiedekunst sind atemberaubend in ihrer Kunstfertigkeit und Liebe zum Detail. Um den Hals trug einer der Herrscher einen zwei Kilogrammschweren, scheinbar ziselierten Halsreifen aus massivem Gold. Bei genauerem Hinsehen stellte sich heraus, dass diese Ziselierung aus winzigen, ineinander verschränkten Tieren bestehen.

Die Gemahlin des Skythen-Herrschers ist im selben Kurgan beigesetzt. Die Gewänder des Paares sind reich verziert – Hirsche, Panther, Eber, goldene Pfeile in goldenen Köchern, Tausende Goldperlen, sogar die Schuhbänder sind mit Gold geschmückt. Die Fürstin trug am Gürtel zusätzlich noch einen goldenen Kelch. Die mit den Herrschern begrabenen Pferdeskelette weisen bronzenes Zaumzeug auf und Goldverzierungen an Schweif und Mähne. Die Pracht dieser Grabausstattung ist einmalig

Waren die Skythen also doch mehr als nur wilde Horden?

Arschan ist eine der östlichsten skythischen Fundstätten, die westlichsteliegt bei Vettersfelde an der polnischen Oder, wo im Jahre 1882 ein reich verziertes, 41 Zentimeter langes goldenes Emblem in Form eines Fisches entdeckt wurde.

Auch in in Cica, mitten in Sibirien, wurden Funde aus der Skythenzeit ausgegraben. Hier fanden Geophysiker sogar Überreste einer Stadt, die es in ihren Dimensionendurchaus mit westeuropäischen Städten des Mittelalters aufnehmen kann. Die Datierung weist sie als rund 2500 Jahre alt aus. Damit stammt sie aus der Hochzeit skythischer Macht. Auch in ihrem Siedlungsgebiet am Schwarzen Meer wurden Spuren fester Siedlungen gefunden, und schon in den 1950er Jahren wurden skythische Bergwerke entdeckt. Man hat sie im zentralasiatischen Hochland gefunden. Offenbar lagen dort die Rohstoffquellen für die kunstvollen Artefakte. – So fügt sich langsam ein Mosaik zusammen, das nicht mehr dem alten Skythenbild entspricht, das von den Griechen übermittelt wurde. Anscheinend hat Herodot nicht die ganze Wahrheit über die Skythen gewusst – oder hat sie zumindest nicht erzählt. Die Vorstellung von den wilden Reiterhorden der Skythen, die einfach nur mit ihrem Vieh durch die Steppe zogen und sich gelegentlich Scharmützel lieferten, ist wohl falsch.

Die Räusche der skythischen Reiter sind verflogen, die Amazonen ausgestorben. Den Ruhm der Steppenreiter sollten erst tausend Jahre später Dschingis Khan und seine Söhne unauslöschlich machen. Sie waren die letzten großen Figuren der nomadischen Steppenreiter aus den Weiten Asiens. Mit ihnen ging die Geschichte der Reiterstürme zu Ende, die sich von den Skythen über die Sarmaten, Hunnen, Awaren, Chasaren, Petschenegen, Komanen und Mongolen durch die Jahrhunderte und Jahrtausende zogen und erst im europäischen Mittelalter endeten.

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