Sprach Eurasien einst mit einer Zunge?LAUTE AUS DER FRÜHZEIT

Sprach Eurasien einst mit einer Zunge?

Wissenschaftler glauben eine gemeinsame Ursprache des Kontinents entdeckt zu haben – zwischen Indien und Anatolien soll das „Boreische“ entstanden sein

Von Hans Wagner

EM – In der Bibel im ersten Buch Mose wird erzählt, die Menschen hätten zur Zeit der „Erschaffung der Welt“ mit „einerlei Sprache und Zunge“ geredet. Dann sei Gott zornig geworden, wegen des Größenwahns beim Turmbau zu Babel, und habe „aller Länder Sprache“ verwirrt.

Wie einheitlich oder zumindest wie eng verwandt die Sprachen auf dem eurasischen Kontinent einmal waren, erforschen Sprachwissenschaftler seit vielen Jahrzehnten. Nachgewiesen ist, daß es eine indogermanische (indoeuropäische) Sprachverwandtschaft gibt, die von Dublin bis zum Ganges reicht.

Sowjetische Wissenschaftler haben in den siebziger Jahren Berichte veröffentlicht, wonach zum Beginn der Jungsteinzeit in Eurasien sogar eine einheitliche Ursprache vorhanden gewesen sei. Aus ihr hätten sich von einem gemeinsamen Zentrum aus Tochtersprachen in alle Richtungen des Kontinents entwickelt und verbreitet, von Nordafrika bis Sibirien und von Korea bis zu den Kanarischen Inseln

Dem Sprachwissenschaftler Wladislaw Illitsch-Switytsch sei es gelungen, ein System der Lautentsprechungen zwischen den indoeuropäischen, den uralischen (z.B. Finnisch und Ungarisch), den altaischen (z.B. Türkisch, Mongolisch und Turgusisch), den kharthwelischen (z.B. Georgisch), den hamito-semitischen (z.B. Ägyptisch) und den drawidischen (Südindien, Sri Lanka) Sprachen zu erkennen. Das schrieb der sowjetische Linguist Aron Dolgopolski 1973 in der deutschen Zeitschrift „Bild der Wissenschaft“.

Die von Wladislaw Illitsch-Switytsch entdeckten Lautentsprechungen bezögen sich auf Hunderte von Wortwurzeln einer eurasischen Ursprache mit der Bezeichnung „nostratisch“ (Synonym für „eurasiatisch“). In seinem Wörterbuch der nostratischen Sprachen habe er mehr als 600 solcher Wortwurzeln aufgeführt. Dies sei schon „recht viel“, schrieb Dolgopolski, denn der Wortschatz eines durchschnittlich geschulten Mitteleuropäers bestünde aus rund tausend Worten.

Die Urheimat des Boreischen

Aron Dolgopolski, wählte statt „Nostratisch“ die Bezeichnung „Boreisch“ für die eurasische Ursprache. Boreisch ist abgeleitet von griechisch Boréas, „Nordwind“, und will sagen, es handelt sich von Griechenland aus betrachtet, um eine Sprache, die in nördlicher Richtung gesprochen wird. Dolgopolski berichtete, er selbst habe nach dem frühen Tod Illitsch-Switytschs auf diesem Gebiet weiter geforscht und dabei eine Reihe zusätzlicher Wortwurzeln der boreischen Ursprache gefunden. Er nimmt an, „daß während des Mesolithikums, in der mittleren Steinzeit, vor mehr als 10 000 Jahren eine große Völkerwanderung Kultur und Sprachen aus Vorder- und Südasien nach Sibirien und Europa brachte.“

Belege dafür gäbe es freilich nicht. Aber, so Dolgopolski: „Es muß die letzte große Verbreitungswelle dieser Art gewesen sein, denn sonst wären auf dem Gesamtterritorium von Eurasien nicht boreische, sondern Ursprungssprachen (gemeint sind „andere, fühere“ d.Vf.) verbreitet. Bei jeder erfolgreichen Ausdehnung einer Sprache in einem Territorium werden die dort zuvor herrschenden Sprachen verdrängt oder vernichtet. Aber die weitverbreiteten boreischen Sprachen zeigen keinerlei Merkmale verdrängter Sprachen“. Deshalb, so folgert Dolgopolski, hätte das Boreische nicht vorher bereits vorhandene Sprachen verdrängt, sondern sei eben selbst die in den sprachlosen leeren Raum eingewanderte Ursprache. Und ausschließlich aus ihr hätten sich dann alle weiteren Sprachen des Kontinents entwickelt.

Aron Dolgopolski glaubt auch, die „Urheimat der boreischen Ursprache“ gefunden zu haben. „Nach allem, was wir heute wissen“, argumentiert er, käme dafür der „Raum von Indien bis Anatolien und von Kaukasien bis zum Persischen Golf in Frage.“ Dafür spräche „die Tatsache, daß in diesem Gebiet die ersten boreischen Tochtersprachen“ anzutreffen seien. Er nennt dafür „die kharthwelischen Sprachen Kaukasiens, das Urindoeuropäische, das vermutlich aus dem anatolischen Raum“ stamme, „das Etruskische, die hamo-semitischen Sprachen, die elamischen und die verwandten drawidischen.“ Hypothetisch sei nur die Zeit, in der die „boreische Sprachengemeinschaft beziehungsweise deren letzte Periode“ bestanden habe. Sehr wahrscheinlich liege sie aber mehr als 12 000 Jahre zurück.

In der Fachwelt fanden weder Aron Dolgopolski noch Wladislaw Illitsch-Switytsch Anerkennung. Sie blieben bis auf den heutigen Tag Außenseiter. Dies muß allerdings in der Wissenschaft noch nichts heißen, denn nicht selten machen Außenseiter phantastische Entdeckungen. Eines der berühmtesten Beispiele ist der Handelsgehilfe Heinrich Schliemann aus Neubukow (Mecklenburg). Nachdem er als Kaufmann zu Reichtümern gekommen war, finanzierte er damit sein Hobby, die Archäologie. Schließlich grub Schliemann das sagenumwobene Troja in Kleinasien aus. Die Schulwissenschaft hatte ihn stets als Spinner eingestuft.

Zu den von Aron Dolgopolski und Wladislaw Illitsch-Switytsch vorgelegten Berichten über das Boreische als Ursprache Eurasiens schreibt der Sprachforscher Helmut Stumfohl aus Graz 1973 in einer Erwiderung auf die Veröffentlichung in „Bild der Wissenschaft“: „Es ist an sich ein legitimes Unterfangen, Urzustände zu rekonstruieren; so hat auch die linguistische Archäologie ihre Berechtigung. Sie hat es freilich schwer: sie arbeitet nicht mit Scherben, Knochen, Sedimenten, Felsbildern etc., sondern mit der Sprache schriftloser und oft auch geschichtsloser Kulturen. Dabei haben auch Analogieschlüsse, Hypothesen und Spekulationen ihren Platz, wenn sie von tragfähigen Prämissen ausgehen.“

Diese hält Helmut Stumfohl im Fall der Berichte von Aron Dolgopolski und Wladislaw Illitsch-Switytsch nicht für gegeben. Die sowjetischen Linguisten gingen „von der romantisch bestimmten Überzeugung“ aus, „daß es eine gradlinige Volks- und Sprachentwicklung gäbe, die sich nach Art genealogischer Stammbäume darstellen ließe.“ Dies sei aber für die Entwicklung der Sprachen in Eurasien nicht zutreffend, vor allem nicht für eine derart frühe Datierung. Die linguistische Archäologie könne im allgemeinen nur bis zu den Anfängen von Hochkulturen (zwischen dem 6. und 5. vorchristlichen Jahrtausend) vordringen. Tiefere Einzelvorstöße seinen nur lokal möglich „ohne daß ein systematischer Vergleich auf einer Zeitebene möglich wäre.“

Das Resümé des Grazer Linguisten: „Unsere gegenwärtigen Materialien reichen nicht aus, so weitreichende Beziehungen zu rechtfertigen. Dolgopolskis Aufstellungen sind nichtsdestoweniger anregend, sie werfen mehr Probleme auf als sie zu lösen vorgeben.“

Eine Taschenbuch-Reihe voller Fakten

Dr. Siegbert Hummel, von 1947 bis 1955 Leiter des Völkerkundemuseums in Leipzig, kam zu einem anderen Ergebnis. Der promovierte Sinologe, war bis zu seinem Tod Mitglied vieler wissenschaftlicher Institute im Ausland und hat rund 200 Abhandlungen zur Religionswissenschaft, Archäologie und Kunstgeschichte Ost- und Zentralasiens verfaßt. Der in Orientalistik, in Ägyptologie, Tibetologie, Japanologie und Mongolistik bewanderte Fachmann veröffentlichte im Ulmer Fabri Verlag eine fünfbändige Taschenbuchreihe, die sich vorwiegend mit der Ursprache Eurasiens befaßt. In der Einführung zum Band IV (erschienen 1997) stellt Hummel fest: „Mit den Ergebnissen der sprachwissenschaftlichen Untersuchungen, insbesondere von Aron Dolgopolski und Illitsch-Switytsch, sind wir heute in der Lage, auf der Basis eines Systems der Lautentsprechungen von Wortwurzeln in den indogermanischen, uralischen, kharthwelischen, hamitosemitischen und drawidischen Sprachen eine eurasische Ursprache zu rekonstruieren, die man boreisch oder auch nostratisch nennt.“

Mit der Sprache hat das Menschsein begonnen, davon ist die Wissenschaft heute überzeugt. Und mit dem Menschen hat sich die Sprache weiterverbreitet. Wie sich Sprache verbreitet, hat kürzlich Luc Steels, Leiter des Sony-Labors für Computerwissenschaften, sehr eindrucksvoll dargestellt. Steels experimentiert an Rechnern mit künstlicher Intelligenz, um herauszufinden, wie die Evolution der Sprache abgelaufen sein könnte. Ihm geht es zwar nicht um räumliche Ausbreitung, aber was er zum Phänomen Sprache herausgefunden hat, ist dennoch eine anschauliche Fußnote dazu: „Sprache ist wie ein Lebewesen“, hat Steels in seinen Versuchen herausgefunden. Sie organisiere sich im sozialen Austausch wie von selbst und breite sich aus wie eine Virusepidemie.

In einem Gespräch mit dem Nachrichtenmagazin SPIEGEL (43/2002) stellte der Linguist Derek Bickerton (Universität Hawai) kürzlich fest, die menschlichen Sprachen seien weit weniger unterschiedlich, als es den Anschein habe. Bickerton: „Sicher, sie haben ein unglaublich unterschiedliches Vokabular. Aber wenn man ihre Struktur tiefer analysiert, dann merkt man, daß alle Unterschiede eher oberflächlicher Art sind. Die Ähnlichkeiten sind viel frappierender als die Unterschiede.“ Das betreffe vor allem die Komplexität der Sprachen. Sie sei heute in unserer vielschichtigen Welt nicht wesentlich größer als in archaischen Zeiten. Zum Beispiel ließen sich zwischen der Sprache der griechischen Hochkultur und einem isoliert lebenden Stamm aus der Steinzeit, keine wesentlichen Komplexitätsunterschiede feststellen.

Mit der Frage, was dies alles für die Möglichkeit einer gemeinsamen Ursprache auf dem Kontinent zwischen Sibirien und den Kanaren bedeuten könnte und wie wahrscheinlich sie ist, wird sich das EURASISCHE MAGAZIN in weiteren Ausgaben befassen.

Die Forschungen Dolgopolskis, Switytschs und Hummels sind möglicherweise nicht ausreichend, um ein abschließendes Urteil treffen zu können. Dr. Peter-Arnold Mumm vom Zentrum für Vergleichende und Indogermanische Sprachforschung an der Universität München erklärte dazu gegenüber dem EURASISCHEN MAGAZIN: „In der historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, also z.B. der Indogermanistik, der Uralistik oder der Kaukasistik geht man so vor, daß man systematische Entsprechungen zwischen den einzelnen Sprachen sammelt und ordnet und auf dieser Grundlage versucht, die jeweils gemeinsame Vorläufersprache zu erschließen, mehr oder weniger fragmentarisch, so gut es eben geht.“

Zu den Erfolgsaussichten solcher Forschungen sagt Dr. Mumm: „Die Ähnlichkeiten, die man beobachtet, sind natürlich um so signifikanter, je größer der Wortkörper ist. Wenn der Wortkörper dagegen sehr klein ist, sagen wir bei einem hinweisenden Pronomen der Form ‚to‘ oder ‚ti‘, dann ist die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Ähnlichkeit viel größer als bei einem umfänglichen Wort.“

Darauf hat auch der Sprachforscher Helmut Stumfohl aus Graz hingewiesen. Zu den Forschungen Dolgopolskis brachte er unter anderem auch einen statistischen Einwand vor: „Bestimmte Wortgruppen, so Pronomina, Numeralia, die in der Vergleichung eine große Rolle spielen, sind meist relativ kurze Gebilde – damit steigt die Wahrscheinlichkeit zufälliger Übereinstimungen rasch an.“

Die gesicherten Erkenntnisse der Forschung

Dr. Mumm von der Uni München führt zur Möglichkeit, eine gemeinsame eurasische Ursprache beweisen zu können, an: „Im Rahmen der Indogermanistik oder der Uralistik verfügt man über einen hinlänglichen Fundus an guten, materialreichen Ähnlichkeiten, und die Verwandtschaft der indogermanischen Sprachen untereinander bzw. der uralischen Sprachen untereinander unterliegt daher auch keinem vernünftigen Zweifel. Anders steht es mit unter der Bezeichnung 'nostratisch' zusammenfaßbaren Rekonstruktionsversuchen, die noch weiter in die Vergangenheit zurückstoßen und einen gemeinsamen Vorfahren z.B. der Urindogermanischen Sprache und des Uralischen ermitteln wollen.“

Für solche Versuche nennt Sprachforscher Dr. Peter-Arnold Mumm zwei Schwachpunkte. Erstens gingen sie nicht von bezeugten Sprachen aus, sondern ihre Ausgangspunkte seien bereits Rekonstrukte, z.B. das rekonstruierte Urindogermanische oder Uralische.
Zweitens enthielten die beobachteten Ähnlichkeiten zu wenig Material, kaum ganze Wörter, sondern nur sehr kurze Wortwurzeln, deren Bedeutung oft nicht sicher angegeben werden könne.

Man sei zwar niemals in der Lage, zu beweisen, daß zwei Sprachen nicht miteinander verwandt seien, weil die Verwandtschaft ja schon so lange zurückliegen könne, daß sie inzwischen völlig unkenntlich wäre. Aber im positiven Sinne sichergehen könne man eben auch nicht.

Die Spuren einer frühen Verwandtschaft von Indogermanisch und Uralisch, aber auch von Indogermanisch und Nordostkaukasisch seien immerhin vorhanden und ernstzunehmen; hier müsse aber noch weiter geforscht werden; das Nordostkaukasische sei bislang nicht zur eurasischen Grundsprache gerechnet worden. Behauptungen über eine Globalverwandtschaft aller Sprachen seien dagegen „nur lächerlich.“

Einen besonderen Hinweis für alle, die sich für Forschungen über sprachliche Zusammenhänge auf eurasischem Gebiet interessieren, hat Peter-Arnold Mumm auch noch parat: „Man ist gar nicht ausschließlich auf Szenarien gemeinsamer sprachlicher Abstammung angewiesen. Es hat auch zahllose Sprachkontakte gegeben, die sich zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Sprachen in Lehnwörtern und Lehnprägungen niedergeschlagen haben. Demnächst wird es eine Veröffentlichung geben über die ältesten indo-iranischen Lehnwörter im Finnougrischen. Auch das gesamte nordasiatische und nord- bis mitteleuropäische Sprachareal von Tschuktschen bis Ungarn – ganz zu schweigen von Westeuropa – ist tief von Sprachkontakten durchzogen. Hier ist ein fruchtbareres Feld für die Erforschung eurasischer Sprachbeziehungen gegeben, als es das rein rekonstruktive Verfahren bieten kann.“

Eurasien Sprache

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