Sprachen die Nutzer der Himmelsscheibe von Nebra wirklich keltisch?ASTRONOMIE UND SPRACHE

Sprachen die Nutzer der Himmelsscheibe von Nebra wirklich keltisch?

Sprachen die Nutzer der Himmelsscheibe von Nebra wirklich keltisch?

Sie gilt als die erste konkrete Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte und wurde 1999 im Herzen Europas gefunden: Die Scheibe von Nebra. Unbekannte Künstler haben sie vor ca. 3600 Jahren geschaffen. Sie zeigt erstaunlich präzise den Kosmos, so wie er sich auch heute noch darstellt. Über die Volkszugehörigkeit der Menschen, aus deren Mitte das wertvolle Fundstück stammt, herrscht noch Unklarheit. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat man fast alles, was in Europa an Altertümlichem gefunden wurde, den Kelten zugeschrieben. Die keltische Welle hat schließlich auch die Sprachwissenschaft und die Namenkunde erfasst. Das hat dann dazu geführt, dass man sogar im Baltikum keltische Namen zu finden glaubte. Aber welcher Sprache bedienten sich die Astronomen von Nebra?

Von Jürgen Udolph

Prof. Hans Walther (Leipzig) zum 90. Geburtstag (31.1.2011)

  Zur Person: Jürgen Udolph
  Prof. Dr. Jürgen Udolph ist Sprachwissenschaftler und Namenforscher. Bis 2008 war er (der einzige) Professor für Namenforschung in Leipzig. Sein Interesse gilt vor allem den Gewässer-, Orts-, Flur- und Familiennamen und deren Aussagekraft für die Geschichte. Seine Publikationsliste umfasst z.Zt. mehr als 400 Titel (® http://www.uni-goettingen.de/de/109435.html), darunter das über 1.000 Seiten starke Buch Namenkundliche Studien zum Germanenproblem (1994).

Udolph ist Mitglied der Internationalen Kommission für Slawische Onomastik, Leiter der Namenberatungsstelle der Universität Leipzig, korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen und Leiter des von der Akademie getragenen Projektes Ortsnamen zwischen Rhein und Elbe - Onomastik im europäischen Raum, in dem sämtliche Ortsnamen der Länder Westfalen, Niedersachsen und Sachsen-Anhalt untersucht werden sollen. Bisher erschienen sind sieben Bände, u.a. zu den Ortsnamen der Kreise Soest, Hannover, Göttingen, Wolfenbüttel und Northeim.

Hohe Wirkung erzeugen Udolphs namenkundlichen Sendungen im Radio (z.Zt. bei NDR I Niedersachsen, MDR I Radio Sachsen, MDR I Radio Thüringen, hr 4, SWR 1 - Rheinland-Pfalz) und Fernsehen (MDR, SWR Rheinland-Pfalz). – Siehe auch Kasten: „Prof. Udolph auf Sendung“).
Prof. Dr. Jürgen Udolph  
Prof. Dr. Jürgen Udolph  

M an wird sich fragen, ob es nötig ist, der reichen Literatur zur Himmelsscheibe von Nebra noch einen weiteren Beitrag hinzuzufügen. Ich wage es deshalb, weil ein nach meiner Einschätzung wichtiger Aspekt, der mit den Nutzern der Scheibe von Nebra unmittelbar zusammen hängt, bisher nicht erörtert worden ist. Und das, obwohl von Seiten der Journalisten und der Öffentlichkeit durchaus danach gefragt wurde und wird: wer waren die Nutzer der Scheibe und welchem Volk gehörten sie an?

Um gleich übertriebene Hoffnungen zu dämpfen: es wird in diesem meinen Beitrag nicht gelingen, zu der Volkszugehörigkeit dieser Menschen etwas beizutragen, aber – und darin liegt die Absicht dieses Beitrages – wohl doch etwas zu der Sprache der Nutzer und ihrer Mitmenschen. Und das ist durchaus eine Frage, die nicht wenige interessierte Laien und wohl auch Fachleute beschäftigt. Man erkennt es daran, dass schon sehr rasch die Kelten und das Keltische ins Spiel gebracht wurden; ich werde darauf zurückkommen.

Die Scheibe von Nebra: Fundort, Datierung, Nutzung

Für die Frage, ob man etwas über die Sprache der Nutzer der Scheibe gewinnen kann, sind vor allem zwei Dinge wichtig: wie alt ist die Scheibe und wo wurde sie genutzt?

Ich stütze mich bei diesen Fragen in erste Linie auf die Informationen des Landesamtes für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt und auf deren Internet-Seiten (http://www.lda-lsa.de/de/himmelsscheibe_von_nebra).

Man darf demnach davon ausgehen, dass die Scheibe auf dem Mittelberg bei Nebra in einem „umhegten heiligen Bezirk niedergelegt worden war.“ Eine zeitliche und kulturelle Bestimmung kann aber nur über die Beigaben (Schwerter, Beile, Meißel und Armspiralen) gewonnen werden. Man schätzt, dass die Scheibe um ca. 1.600 v. Chr. dort vergraben worden ist und dort zuvor auch genutzt wurde. Die Nutzung allerdings ist umstritten, vielleicht diente die Scheibe als Hilfsmittel zur Zeit- oder Jahreseinteilung.

Die Frage nach den Sprechern und der Sprache können wir wie folgt formulieren: welche Sprache wurde an Unstrut und Saale in der Umgebung von Nebra, Naumburg und Querfurt gesprochen?

Kleiner Ausflug in die Keltomanie

Prof. Dr. Jürgen Udolph  
Die Himmelsscheibe von Nebra mit der Darstellung des bronzezeitlichen Himmels vor 3.600 Jahren.
(Foto: Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt.)
 

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde fast alles, was in Europa an Altertümlichem gefunden wurde, den Kelten zugeschrieben. Diese Welle erfasste auch die Sprachwissenschaft und Namenkunde, was dazu führte, dass man sogar im Baltikum keltische Namen zu finden glaubte. Die Wissenschaft hat diese Periode längst überwunden, aber unter interessierten Laien und angesichts der Himmelsscheibe ist die Keltomanie zum Teil wieder auferstanden.

Anders ist die Deklaration in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 11.3.2004 (Feuilleton, S. 42) nicht zu erklären: „Die 3600 Jahre alte keltische ‘Himmelsscheibe von Nebra’ ist restauriert worden“, heißt es da. Die FAZ stand und steht aber keineswegs allein. In einem Bericht in der Zeitung „Die WELT“ vom 2. August 2003 (Feuilleton, S. 28: Die Leiter zum Himmel) antworten Archäologen im Zusammenhang mit dem ca. 25 Kilometer entfernt liegenden, aber viel älteren „Observatorium“ von Goseck auf die Fragen nach der Herkunft der frühen Bewohner („Wer waren sie? Welchem Kulturkreis sind sie zuzurechnen?“): „Über die Völkerschaften jener Jahrtausende in Mitteleuropa wissen wir rein gar nichts; die ersten, die wir mit Namen kennen, waren die Kelten 500 v. Chr.“.

Waren die Germanen Kelten?

Es ist dann kein Wunder, dass Kelten (in den Alpen) auch für die Produktion des Kupfers der Scheibe  verantwortlich gemacht werden und dass Kelten – auch schon vor Entdeckung der Scheibe – im gesamten deutschen Raum gesichtet werden, so etwa in der Zeitschrift Museion 2000, Nr. 5/1995: „Waren die Germanen Kelten?“.

Und so ist auch nicht mehr verwunderlich, dass in einem bizarren Streit um die Verwertungsrechte an der Scheibe behauptet wird: „Zu dieser Zeit lebten im Tal der Unstrut die Kelten, die das Urheberrecht wohl noch nicht kannten“ (Nachzulesen in der ZEIT, 31.03.2005, Nr. 14). In einem Kriminalroman „treten die Arbeiten an dem keltisch-germanischen Sensationsfund auf der Stelle“ und bei e-bay konnte man vor einiger Zeit noch die „keltische Himmelsscheibe Nebra (Nr. 260513665829)“ ersteigern.

Das Internet ist voll von den Kelten als Schöpfer der Scheibe; ein „bronzezeitlicher keltischer Künstler“ schuf demnach das Werk und der Mittelberg bei Nebra „ist seit langem bekannt als keltische Wallanlage und Begräbnisstätte“.

Diese Überbewertung des Keltischen ist mit Sicherheit verfehlt. Wenn man als Sprachwissenschaftler an das Keltische herangeht und fragt, welche sprachlichen Spuren dem Keltischen zuzurechnen sind und wo Kelten gesiedelt haben, so bleibt immer noch ein großer Bereich Europas übrig (die Britischen Inseln, Frankreich, weite Bereiche der Iberischen Halbinsel, Süddeutschland, Teile der Schweiz und Norditaliens; von eher vereinzelten Nachweisen auf dem Balkan und in Kleinasien [Briefe an die Galater] abgesehen), aber es scheiden auch beträchtliche Bereiche Nord- und Mitteldeutschlands und das östliche Europa aus.

Schon von hieraus ist mit keltischen Namen in Sachsen-Anhalt und Thüringen nicht zu rechnen. Zudem sind die festlandkeltischen Ortsnamen in Deutschland von sehr typischer Gestalt, etwa Komposita mit –dunum (Kambodunum/Kempten, Lopodunum/Ladenburg), -briga (Boudobriga/Boppard, Bupprich), -magus (Borbetomagos/Worms, Noviomagos/Neumagen),   -durum (Boiodurum/Beiterbach) (Greule 1985; Rix 1954).

Wo und wann entstand das Keltische?

Aber es kommt noch etwas Anderes, viel Wichtigeres hinzu: Seit wann kann man mit einer keltischen Sprache und keltisch sprechenden Menschen rechnen? Außerhalb der Sprachwissenschaft wird immer noch verkannt, dass keine Sprache Europas irgendwann „auf einmal da ist“, sondern sich in einem langen, mit Sicherheit über Jahrhunderte hinweg verlaufenden Prozess erst entwickelt hat. Für das Keltische heißt das: wo und wann fand dieser Prozess statt?

Man glaubt mit Sicherheit annehmen zu können, dass die so genannten Inselkelten auf den Britischen Inseln nicht immer dort siedelten, sondern vom europäischen Festland aus übersetzten. Als Bereich, der in hohem Maße verdächtig ist, die Keimzelle der keltischen Sprachen gewesen zu sein, lässt sich anhand der Gewässernamen der Westalpenraum und das Rhône-Gebiet wahrscheinlich machen (Busse 2007; Udolph 2010a). Die Zeit kann nur geschätzt werden: Es hat einiges für sich, die ersten Jahrhunderte des letzten Jahrtausends v. Chr. anzunehmen.

Damit ergibt sich für das Gebiet an Unstrut und Saale: zum einen sind hier keltische Namen nicht nachweisbar, zum anderen kann es diese um 1.600 v. Chr. noch gar nicht gegeben haben, denn das Keltische war – als Sprache – noch gar nicht entstanden. Erst allmählich hat sich diese Sprache aus einer indogermanischen Grundlage heraus entwickelt und Eigenheiten angenommen, durch die sie sich von den übrigen indogermanischen Sprachen abgegrenzt hat. Gleiches gilt für das Germanische: dieses hat sich wahrscheinlich noch ein wenig später entfaltet, so dass die Sprache, die die Nutzer der Scheibe vor 3.600 Jahren gesprochen haben, weder Germanisch noch Keltisch gewesen sein kann. Beide Idiome gab es noch gar nicht.

Namen als Zeugen der Geschichte

Aus dem Gesagten geht hervor, dass es sich bei dieser Sprache nur um eine Vorstufe des Keltischen und Germanischen gehandelt haben kann oder aber um eine andere, unbekannte Sprache. Da sowohl Keltisch wie Germanisch als indogermanische (außerhalb des deutschen Sprachgebietes: indoeuropäische) Schwestersprachen erkannt worden sind, kann man die Alternative präzisieren:  sprach man an der Unstrut einen indogermanischen Dialekt oder eine fremde, vielleicht nichtindogermanische Sprache?

Die Antwort auf diese Frage und damit auch nach der Sprache der Nutzer der Scheibe kann man nur auf einem einzigen, allerdings immer noch unterschätzten Weg gewinnen: es geht um die geographischen Namen, in erster Linie um die Gewässernamen. Deren Wert ist schon längst erkannt worden, es genügt, auf ein bekanntes Wort des – wie man sagt – letzten Universalgelehrten hinzuweisen. G.W. Leibniz, der nicht weit von Nebra entfernt in Leipzig und Jena studiert hat, konstatierte bereits vor mehr als 300 Jahren: „Ich bemerke nebenbei, dass die Flussnamen, da sie gewöhnlich aus der ältesten Zeit stammen, am besten die alte Sprache und die alten Bewohner bezeichnen, weswegen sie eine besondere Untersuchung verdienten.“

Wenn man dieser Empfehlung nachgeht, wird man zu Erkenntnissen geführt, die nicht nur zur Klärung der Ortsnamen des Unstrut- und Saalegebietes beitragen, sondern auch die Siedlungsgeschichte dieses Landstriches beleuchten. Dabei spielt der Name Nebra selbst keine geringe Rolle. Die Antwort auf die Frage, welche Sprache die Nutzer der Himmelsscheibe gesprochen haben dürften, liegt auch im Ortsnamen Nebra selbst verborgen. Versuchen wir, diesen Schatz zu heben.

Geographische Namen geben wertvolle Hinweise

Unter Einbeziehung historischer Erkenntnisse werden die geographischen Namen nach Auffassung der Sprachwissenschaft und Namenforschung folgenden Sprachschichten zugeordnet (Bischof 1967; Greule 2005, 2009a; Walther 1971):

Innerhalb der einzelnen Gruppen lassen sich noch Untergruppen herausarbeiten, vor allem im Germanischen (was noch gezeigt werden soll).

Bei der Behandlung der einzelnen Namen muss ich mich sehr beschränken. Ich biete historische Belege nur in einer Auswahl, wobei allerdings auf die ältesten besonderer Wert gelegt wird, und diskutiere die Etymologie nur eingeschränkt. Es geht vor allem darum zu erkennen, aus welcher Sprache der jeweilige Ortsname geschaffen worden ist.
(Vergleichen Sie bitte hierzu auch die pdf-Langfassung).

Germanisch geprägte Namenlandschaft an der Unstrut

Die Untersuchung der geographischen Namen am Unterlauf der Unstrut erlaubt es, erste Schlussfolgerungen für die Siedlungsgeschichte zu ziehen. Ausgehend von den jüngeren und jüngsten Namenschichten, die aus hoch- und niederdeutschem Sprachmaterial gewonnen worden sind, muss man östlich von Nebra auch mit slawischen Namen und slawischer Besiedlung rechnen. Darunter findet sich im gesamten Einzugsgebiet der Unstrut eine germanisch geprägte Namenlandschaft, deren älteste Vertreter in den suffixalen Bildungen zu sehen sind, wir behandelten Namen mit  ing-, -r- und  st-Suffix.

Mit diesen Namen kommen wir in eine Zeit um Christi Geburt und können mit germanischen Relikten – ich betone nochmals, es geht ausschließlich um die sprachliche Seite – im Tal der Unstrut rechnen. Damit sind wir von den Nutzern der Scheibe noch ca. 1.500 Jahre entfernt. Aus namenkundlicher Sicht sind wir bisher aber nur andeutungsweise in denjenigen Bereich vorgestoßen, der die ältesten sprachlichen Elemente in Europa enthält: es sind die Gewässernamen. Zu deren Entstehung und Datierung gebe ich im Folgenden einige allgemeine Hinweise.

Was Gewässernamen verraten

Gewässernamen entstehen und entstanden zu allen Zeiten (zum folgenden s. auch J. Udolph, Eurasisches Magazin, Ausgabe 03-04 „Eurasische Frühzeit: Ortsnamen als Geschichtsquelle“). In Europa können wir im Bereich der jeweiligen indogermanischen Einzelsprachen auch mit entsprechenden Namen rechnen, d.h. mit keltischen in Frankreich, in Süddeutschland, in Norditalien, in weiten Bereichen der Iberischen Halbinsel sowie auf den Britischen Inseln; mit germanischen in Nord- und Mitteldeutschland, in den Niederlanden und in Skandinavien; mit slawischen in weiten Teilen Osteuropas; mit baltischen im Baltikum; mit thrakischen, dakischen, griechischen und illyrischen auf dem Balkan. Die außereuropäischen Verwandten, etwa Indo-Iranisch, Indisch, Tocharisch und Hethitisch lasse ich beiseite.

Unter diesen einzelsprachlichen Namen liegt ein Substrat von älteren Relikten. Während man diese früher als keltisch, illyrisch oder venetisch bezeichnete, hat sich seit den Untersuchungen von H. Krahe (1949-1965/1966) die Auffassung durchgesetzt, dass man diese alten Reste keiner indogermanischen Einzelsprache zurechnen darf, sondern einer älteren, voreinzelsprachlichen, indogermanischen Schicht, die man „Alteuropäische Hydronymie“ nennt (grundlegend: Schmid 1994, vgl. auch Udolph 1990, 2010).

Zala und Saale, Nidda und Nida

Es war schon früher aufgefallen, dass es Gewässernamen gibt, die ein Netz bilden, das sich über weite Bereiche Europas spannt, und immer wieder wurde gefragt: Inwieweit sind Zala in Ungarn mit der Fränkischen oder Thüringischen Saale in Deutschland zu verbinden? Kann die Nidda bei Frankfurt/Main von der Nida bei Krakau getrennt werden? Was haben Drewenz in Ostpreußen und Durance in Südfrankreich gemeinsam und besteht wirklich kein Zusammenhang zwischen Flussnamen in Polen wie Mienia, Minia und in Weißrussland (Minica, Minia [dazu Minsk]) und dem Main (alt Moenus), der Möhne (Nfl. d. Ruhr), aber auch mit Maín/Maoin in Irland, Minho in Spanien und Mignano bei Vicenza in Italien?

Trotz heftiger Kritik (vgl. dagegen Udolph 2003) bleibt dieses Faktum unbezweifelbar: es gibt eine Schicht von Gewässernamen in Europa, die aus keiner der späteren indogermanischen Einzelsprachen erklärt werden kann und die aus voreinzelsprachlicher Zeit stammen muss. Dass dabei das nur durch (Re)Konstruktion zu gewinnende Indogermanische die entscheidende Rolle spielt, haben vor allem die Untersuchungen von W.P. Schmid (1994) deutlich gemacht.

Die Flussnamen in der Umgebung von Nebra

Damit stehen wir vor zwei Fragen:
(1)       Gibt es entsprechende Namen in der Umgebung von Nebra?
(2)       Wie alt sind diese Namen?

Die Untersuchung und Analyse ausgewählter geographischer Namen am Unterlauf der Unstrut und im Bereich der mittleren Saale hat zu folgenden Ergebnissen geführt:
Unter einer Schicht von hoch- und niederdeutschen Namen, die mit ihren ältesten Spuren in die Zeit bis ca. 500 n. Chr. datiert werden können, lassen sich östlich von Nebra slawische Relikte erkennen, die aus der Zeit der slawischen Besiedlung, etwa seit dem 8. Jh., stammen; westlich davon fehlen sie.

Mit Suffixen gebildete germanische Namen sind ein wichtiger Bestandteil dieser Region. Bei einigen von ihnen ist deutlich geworden, dass sie in gemeingermanischer Zeit entstanden sein müssen; man darf annehmen, dass die ältesten in den letzten Jahrhunderten v. Chr. entstanden sind.

Unter den germanischen Namen liegt ein Substrat voreinzelsprachlicher Relikte, bei denen es unmöglich ist anzugeben, aus welcher indogermanischen Sprache sie stammen. Dazu gehören vor allem Gewässernamen, darunter auch der Ortsname Nebra, eigentlich ein alter Flussname (Teilabschnittsname der Unstrut). Er darf daher weder als germanisch oder keltisch, auch nicht als illyrisch oder venetisch bezeichnet werden. Zur Zeit der Entstehung dieser Namen waren die indogermanischen Sprachen noch nicht in die später bekannten Einzelsprachen differenziert. H. Krahe bezeichnete diese Schicht der Namen als „alteuropäisch“ und als „alteuropäische Hydronymie“.

Zu diesen ältesten sprachlichen Spuren in Europa können noch einige Aussagen, vor allem zum Alter, gemacht werden. Da diese Namen älter sind als die zu unterschiedlichen Zeiten überlieferten indogermanischen Einzelsprachen, müssen sie älter sein als:

  Prof. Jürgen Udolph auf Sendung
  Auf folgenden Kanälen ist der Namenforscher in Deutschland mit Sendungen zumeist über Familiennamen, aber gelegentlich auch zu Ortsnamen zu empfangen:

Radiostationen:
Radio Eins (RBB)                         Mo. und Fr. 11.20 Uhr

NDR I Niedersachsen                   Mo bis Fr., 10.20  Uhr      

MDR I Radio Thüringen               2-mal monatlich, 11-12 Uhr

SWR I Rheinland-Pfalz                 Mo. bis Sa., (wechselnde Zeiten)

MDR I Radio Sachsen                   So., 16 bis 17 Uhr

HR 4                                             Einmal monatlich

Fernsehsender:
MDR-Fernsehen (MDR um Zwölf) Di., 11.45 bis 12.30, 14-tägig

 Ab April gibt es zwei Änderungen:

NDR I Niedersachsen verlässt die Familiennamen und widmet sich den Ortsnamen, fünfmal in der Woche, was für 2010 ca. 150 Sendungen über Ortsnamen ausmacht. Das gab es in der deutschen Radiolandschaft noch nie. Sie finden Näheres auf dieser Seite.

Ebenfalls im April startet das Fernsehprogramm von SWR - Rheinland-Pfalz eine neue Serie, jeweils am Donnerstag um 18.15 (Wir in Rheinland-Pfalz).

Hier ein Auszug aus dem Konzept der Sendung mit Prof. Udolph:

Die Konzeption sieht - in aller Kürze - so aus: Es wird ein Moderator losgeschickt in ein Dorf oder Städtchen in Rheinland-Pfalz (eines, das einen interessanten Namen hat). Dort „sammelt“ der Reporter Namen: Er klingelt einfach an Türen, spricht Menschen auf der Straße oder beim Einkaufen an und fragt nach den Nachnamen und verwickelt die Menschen in Gespräche. Er stellt zusammen mit ihnen Vermutungen an, woher der Name wohl stammen könnte: Das sind aber nur witzige unterhaltsame Mutmaßungen. Nebenbei versucht er, vor allem mit Hilfe von Straßennamen oder dem Ortsnamen, etwas über die Geschichte des Dorfes herauszufinden. – Namenforschung auf eine unterhaltsame und dennoch lehrreiche Weise.

Als Menschen die Himmelsscheibe auf dem Mittelberg benutzten

Die komplizierte Frage des Verhältnisses zwischen dem Hethitischen (seit ca. 1.600 v. Chr. überliefert) und weiterer altanatolischer indogermanischer Sprachen zum postulierten „Indogermanischen“ lasse ich hier beiseite. Aber auch ohne Berücksichtigung dieser am frühesten überlieferten indogermanischen Sprachen in Kleinasien ist klar, dass die europäischen Gewässernamen Europas in das 2. vorchristliche Jahrtausend datiert werden müssen, also ziemlich genau in die Zeit, als Menschen die Himmelsscheibe auf dem Mittelberg bei Wangen nutzten.

Dafür spricht eine Erscheinung, die in der Diskussion um die Besiedlung Europas durch indogermanische Stämme viel zu kurz kommt: ich meine die Beobachtung von W.P. Schmid (1994, 128ff.), dass es europäische Gewässernamen gibt, die Beziehungen zum Indischen und Iranischen enthalten. Er hat nachgewiesen, dass in zahlreichen Hydronymen Europas Wortschatzelemente verborgen sind, die nur in den ostindogermanischen Sprachen, etwa Indisch, Tocharisch, Iranisch, nachgewiesen werden können. Zum Beispiel altind. sindhu- „Fluß“, das sich wiederfindet in Sinn, Nebenfluss d.  Main, Shannon (Irland), Shin (England), San Weichsel.

Das bedeutet, dass die Sprache der Sprecher, die die Namen gegeben haben, keine indogermanische Einzelsprache gewesen sein kann, sondern das Ostindogermanische noch einbezogen war, oder, mit anderen Worten: die Sprecher sprachen voreinzelsprachliche, der indogermanischen Gemeinsprache sehr nahe stehende Dialekte.

Die alteuropäische Hydronymie und das Indogermanische

Zum einen ergibt sich daraus, dass eine indogermanische Zuwanderung aus dem Osten kaum angenommen werden darf (aus archäologischer Sicht wird dieses auch von Häusler 2004 betont). Und zum Andern – und das ist für unsere Frage wichtig – erfordert diese Erscheinung zwingend, das Alter der indogermanischen Gewässernamen in Europa nicht zu niedrig anzusetzen. Nach wie vor scheint die folgende Schätzung von H. Krahe (1964a, 33) die richtige zu sein: „Die alteuropäische Hydronymie ist strukturell und semasiologisch von hoher Altertümlichkeit. Sie muss bereits in der ersten Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrtausends voll ausgebildet gewesen sein“.

Gewässernamen wie Saale, Unstrut, Nebra und Jena gehören dieser Schicht an. Sie erhielten ihre Namen aus dem Wortschatz ihrer Schöpfer – und diese sprachen zweifellos einen indogermanischen Dialekt.

Damit können wir auf die eingangs gestellte Frage, welche Sprache die Nutzer der Scheibe von Nebra gesprochen haben, zurückkommen. Es war, wie hoffentlich deutlich geworden ist, weder Germanisch noch Keltisch. Diese Idiome gab es 1.600 v. Chr. noch nicht. Es kann sich nur um eine Vorstufe dieser Sprachen gehandelt haben und dafür bietet sich allein das nur durch Vergleich und Konstruktion in Fragmenten zu gewinnende Indogermanische an.

Diese Ergebnisse finden auch ein starkes Interesse der Öffentlichkeit. Es wurde und wird immer wieder die Frage nach den Menschen gestellt, die die Scheibe genutzt haben. Aufgefallen sind mir z.B. Bemerkungen in der Internet-Ausgabe von pm history (Juli 2004), in der unter den Titeln: „Was die magische Himmelscheibe den Forschern verrät“ und „Goseck, 25 Kilometer östlich von Nebra: Hier lag das Stonehenge Deutschlands“, u.a. die folgenden Fragen, Bemerkungen und Aussagen zu finden sind:

„Was waren das für Menschen, die in der frühen Bronzezeit im Raum des heutigen Deutschland siedelten? Sie lebten nicht in Städten, hatten keine Schrift, und Stammesnamen sind auch nicht bekannt … Diese Menschen waren irgendwann eingewandert, viele von ihnen am Ende der Steinzeit und zu Beginn der Bronzezeit. Sie kamen von überall her. Vielleicht aus der russischen Steppe, vom Balkan, aus Skandinavien oder von der Iberischen Halbinsel … Spricht man Archäologen auf frühe Kelten und Germanen an, winken sie entsetzt ab … Eigenartig – man weiß nichts Konkretes über die Menschen der hiesigen Bronzezeit. Aber dass es keine Kelten und Germanen waren, weiß man genau“.

Flussnamen belegen: Die Himmelsscheibe wurde von Menschen benutzt, die indogermanische Wurzeln hatten

Greift man diese Bemerkungen aus Sicht der Sprachwissenschaft und Namenforschung auf, so kann man in einigen Punkten durchaus zu Ergebnissen kommen. Ich stelle sie zum Abschluss meiner Gedanken hier zusammen:

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Lesen Sie dazu die ausführliche Darstellung des Sachverhalts als PDF-Dokument von Prof. Jürgen Udolph.

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Lesen Sie dazu auch:
Von Prof. Jürgen Udolph EM 03-2004 „Eurasische Frühzeit  - Ortsnamen als Geschichtsquelle“ und EM 03-2004 „Eurasische Ursprachen – Anatolien war nicht Ur-Heimat der indogermanischen Stämme“. Außerdem: EM 02-2008 „Astronomie – Eurasiens Himmel vor 3.600 Jahren“ und EM 12-2003 „Das große Rätsel der indogermanischen Sprache – neuer Disput um Alter und Herkunft“ und EM 10-2003 „Laute aus Eurasiens Frühzeit - Die sprachlichen Fossilien der Uralier und der Indoarier fuhren wir noch heute im Mund“ sowie EM 03-2003 „Eurasische Ursprache – die „Die Sprachforschung hätte mehr Aufmerksamkeit verdient“.

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