Sprotten mit Hakenkreuz?RUßLAND-LETTLAND

Sprotten mit Hakenkreuz?

Sprotten mit Hakenkreuz?

Zwischen Rußland und Lettland schwelt ein Konflikt über den Umgang mit der Geschichte lettischer SS-Kämpfer. Das russische Revolverblatt „Komsomolskaja Pravda“ hat nun seine Leser zum Boykott lettischer Lebensmittel aufgefordert. 

Von Wolf Oschlies

Illustration aus der Komsomolskaja Pravda  
Illustration aus der „Komsomolskaja Pravda“  

Ein bißchen erinnert er an zeilenschindendes Sommertheater, der bizarre Streit, der zwischen Rußland und Lettland seit Mai andauert. Aber er ist erheblich mehr, wie seine zunehmende Schärfe seit Ende Juli bezeugt. Und wohin er noch ausufern könnte, wenn das EU-Mitglied Lettland und Rußland, als Partner des Westens, dem Konflikt politisches Gewicht beimessen sollten, mag man sich gar nicht erst ausmalen.

Kleine Ursachen

Seit über zehn Jahren gibt es in Ruß­land keinen Komsomol mehr, also keinen „Kommunistischen Jugendverband“. Aber die Tageszeitung „Komsomolskaja Pravda“ erscheint in Moskau nach wie vor. Mit einer Million Exemplare pro Tag ist sie ein auflagenstarkes und wirkungs­mächtiges Presseerzeugnis. Seit Mona­ten führt die KP einen Medienfeldzug ge­gen den Nachbarn Lettland. Warum? KP-Karikaturist Petr Tjagunov hat den Grund ins Bild gesetzt: Öffne eine letti­sche Dose Sprotten, und dir springen lettische SS-Veteranen ins Gesicht, die du mit russischen Rubelchen auch noch finanzierst!

So sahen es auch die zwei KP-Journalisten, die im Mai mit einem Plakat „Wer baltische Sprotten kauft, hilft SS-Veteranen“ durch Moskau paradierten und damit eine Kampagne mit steigendem Zulauf auslösten. Das lauteste Echo kam von den agrarischen Gewerkschaften, deren „Zentralkomitee“ die Weisung ausgab, „die Initiative der ‚Komsomolskaja Pravda’ muß unterstützt werden“. Das wurde sie auch, und zwar vor allem von Kriegsveteranen, die immer noch im geistigen Schützengraben kauern – für sie kann nur ein autarkes Rußland auch ein starkes Russland sein. Und stark muß das Land sein, denn Kriege werden als unausweichlich erachtet.

Krieg gegen Rußland wird es natürlich nicht geben. Aber es gab ihn, und Lettland focht ihn auf deutscher Seite mit aus. So erklärte es die KP einer Fernsehstation aus Riga, die verwundert anfragte, was die Russen plötzlich gegen „unsere Sprotten“ hätten. Gegen Sprotten haben Russen natürlich nichts, aber es verletzt sie im höchsten Maße, daß der kleine Nachbar einen großen Kult um Hitlers lettische Kombattanten betreibt. Diese leisteten den deutschen Verbänden von der Belagerung Leningrads bis zur Niederschlagung des Warschauer Aufstands treue Schützenhilfe und waren mit dem berüchtigten „Läti Arajs Komando“ auch bei der „Endlösung der Judenfrage“ hyperaktiv beteiligt.

Das verstanden die Fernsehjournalisten aus Riga nicht. Aber die Russen verstehen es. Und sie reagieren darauf mit einem Käuferstreik: Keine lettischen Sprotten mehr, überhaupt nichts aus dem Baltikum! Und kein Urlaub an der Ostseeküste! Wenn es nach der Ansicht vieler Russen ginge, dann müßten die „zahnlosen russischen Politiker“ endlich aufwachen und massive Maßnahmen ergreifen – gegen „uns unfreundlich gesinnte Länder“ und, so wörtlich, gegen „Feindwaren“. Oder letztere wenigstens angemessen ausweisen: „Mir scheint, gewisse Dosen sollten allmählich mit einem Hakenkreuz gekennzeichnet werden“, wird ein Käufer in der KP zitiert.

Große Wirkungen

Daß die Letten in ihrer Freude über Souveränität und EU-Mitgliedschaft ihr Heldengedenken gewaltig übertreiben, hat auch in Polen Mißfallen ausgelöst: Denn nicht alle Letten, die in den Jahren 1942 bis 1945 auf deutscher Seite gegen Stalin kämpften, müssen gleich Nationalhelden sein! Besonders dann nicht, wenn ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen, Pogromen etc. längst nachgewiesen ist. Ungeachtet dessen eilen lettische Politiker in diesem Sommer leichtfüßig von einer Einweihung eines Partisanendenkmals zum nächsten SS-Veteranentreffen. Ein russischer Schubs könnte also angebracht sein.

Fast unbemerkt ändern die Russen ihre individuellen Kauf- und Konsumstrategien. Wie die Agentur „Inomarket“ herausfand, sind ausländische Produkte auf russischen Einkaufzetteln bislang gut vertreten (Angaben in %):

Produkte heimische Produktion Import

Fleischwaren

100,0

 0,0

Fischprodukte

 94,0

 6,0

Milchprodukte

 93,8

 6,2

Brot, Backwaren

 94,4

 5,6

Konditoreierzeugnisse

 59,1

40,9

Tee, Kaffee, Gewürze u.ä.

 35,3

64,7

Gemüse

 70,6

29,4

Obst

 34,8

65,2

Bleibt das so? Vermutlich nicht, denn der Boykott lettischer Sprotten hat sich längst auf andere Produkte ausgeweitet: Preisgünstige Weine aus Moldawien und Georgien werden plötzlich als „burda“ ausgemacht, als „Brühe“, die nicht in russisch Kehlen gehört. Auch der weißrussische Präsident Lukaschenko hat die Russen erzürnt. Denn er hat ein Gesetz erlassen, wonach die Geschäfte in Weißrußland zwar jedwede Importware verkaufen dürfen, allerdings nur, „wenn in den Schaufenstern heimische Analogprodukte ausliegen“. Das in einem Staat wie Weißrußland, welcher zwischen 50 und 80 Prozent seiner Waren aus Rußland bezieht!

Politik, Handel und Emotionen

Im Grunde spricht aus den Russen einmal mehr ihr „Verliererkomplex“: Gerade haben sie den 60. Jahrestag „unseres großen Sieges“, wie das Kriegsende von 1945 in Rußland genannt wird, gefeiert, und nun das: „Ein Staat, auf dessen Straßen SS-Männer marschieren, ist ein Feindstaat und verhält sich uns gegenüber wie ein Feindland. Dagegen sind alle Methoden berechtigt, darunter auch wirtschaftliche“, befand der Politologe Michail Leontev, als die KP ihn zu Lettland befragte.

Daß es in Lettland entsprechende Aufmärsche gegeben hat, daß Veteranenverbände weitere planen, das alles ist bekannt. Noch schweigt Brüssel zu den Eskapaden des EU-Jungmitglieds Lettland, wohl davon überzeugt, daß man nicht Äpfel und Birnen addieren, also Politik und Warenverkehr nicht vermengen sollte. So oder so ähnlich sehen es auch russische Liebhaber von Importprodukten: Daß diese eine indirekte Hilfe zur „Wiedergeburt des Faschismus“ seien, interessiert sie wenig, solange sie besser sind als russische Pendants. Sie sind frischer, hygienischer verpackt, strenger kontrolliert und entsprechen soliden Westnormen. Nur das zählt!

Zählt es auch für alle? Oder bahnt sich hier eine milde Massenpanik an, die vielleicht einmal einen rationalen Ursprung hatte, derzeit aber dabei ist, aus dem Ruder zu laufen und russischen Demagogen und Populisten entgegen zu arbeiten? Und was wird erst, wenn sich russische Irrationalität mit antirussischen Emotionen bei den Nachbarn wechselseitig potenziert? Michail Leontev hat diese Gemengelage in böser Übertreibung, aber nicht völlig aus der Luft gegriffen, beschrieben: „Wir mißfallen unseren baltischen Nachbarn allein deshalb, weil wir auf der Welt sind. Und eine Bereinigung könnte man nur auf einem einzigen Weg erreichen – wenn Rußland kollektiven Selbstmord beginge.“

Baltikum Russland

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