„Stalin und die Deutschen“ von Jürgen Zarusky (Hrsg.)GELESEN

„Stalin und die Deutschen“ von Jürgen Zarusky (Hrsg.)

In Russland wird gegenwärtig vieles wiederentdeckt, was mit der Sowjetunion untergegangen schien. Russlands Präsident Putin lässt die Hymne spielen, die schon unter Stalin den Ruhm der Sowjetunion besang. Im russischen Fernsehen läuft gar eine Seifenoper in 40 Folgen, die den Diktator als gütigen und weisen Vater des Sowjetvolkes zeichnet und zum Heilsbringer stilisiert. Da mit der „Archivrevolution“ in Russland viele bislang unbekannte Dokumente über Stalins Wesen und Wirken ans Tageslicht kommen, bleibt es nicht aus, dass nun auch die Frage aufgeworfen wird, was es Neues gibt über Stalin und die Deutschen.

Von Hans Wagner

„Stalin und die Deutschen“, neue Beiträge der Forschung, herausgegeben von Jürgen Zarusky  
„Stalin und die Deutschen“, neue Beiträge der Forschung, herausgegeben von Jürgen Zarusky  

J Jürgen Zarusky bringt es in dem von ihm herausgegebnen Band der Vierteljahreshefte mit dem Titel „Stalin und die Deutschen“ auf den Punkt: „Stalin ist in.“ In Russland gedeiht eine gewisse Nostalgie, die sich möglicherweise im kommenden Jahr, wenn Stalins 130. Geburtstag ansteht, noch ausbreiten und steigern wird.

Zahlen, die in der Einleitung des Herausgebers genannt werden, sprechen für sich. Auf die Frage: „Was für eine Rolle hat Stalin in der Geschichte Russlands gespielt – eine positive oder eine negative?“ antwortete im Februar 2006 fast die Hälfte der befragten Russen (47 Prozent) „eine positive“. Fast 40 Prozent meinten, der Diktator werde in heutiger Zeit verunglimpft.
 
Der Ruf nach der harten Hand gegen Korruption, organisierte Kriminalität, Gesundheitskrise usw. wird auch aus der Erinnerung an Väterchen Stalin gespeist. „Unter Stalin hätte es das nicht gegeben“ – woran erinnert uns das?

Hitler wird ein immer wichtigerer Bezugspunkt

Hitler und die Deutschen – das ist ein ganz besonderes Kapitel. Dazu Zarusky: „Russland und die Länder der ehemaligen Sowjetunion ringen also weiter mit Stalin. Und im Zusammenhang des Jahrestages des Großen Sieges ist Hitler dabei ein immer wichtigerer Bezugspunkt geworden. Die zunehmend deutlicher zutage tretenden historischen Konfliktlinien in einem Ost- und Mitteleuropa, das nach Jahrzehnten des kommunistischen Deutungsmonopols in eine offene Auseinandersetzung über die Geschichte eingetreten ist, sind in beträchtlichem Maße – in der Kooperation wie in der militärischen Auseinandersetzung – von Hitler und Stalin gezogen worden. In vieler Hinsicht ist es unmöglich, vom einen zu reden und vom anderen zu schweigen. Deshalb, aber keineswegs allein deshalb, ist Stalin auch ein deutsches Problem.“

Prominent und raumgreifend wird in dem Vierteljahresheft die Nachkriegspolitik untersucht, insbesondere die Stalinnote von 1952. War es eine Brüskierung und Zurückweisung der östlichen Großmacht, oder hat Adenauer in Bonn durchschaut, dass es sich überhaupt nicht um ein ernsthaftes Angebot handelte?  Als der sowjetische Diktator Josef Stalin 1952 in der berühmten nach ihm benannten Note überraschend die Wiedervereinigung Deutschlands anbot, fand sich die Bonner Regierung jedenfalls nicht einmal zu einer Prüfung dieses Angebots bereit.

Die meisten Historiker gelangten später zu der Auffassung, Adenauer hätte richtig gehandelt.  Moskau habe ernstlich nie daran gedacht, dieses Angebot auch zu verwirklichen. Es sei als Störmanöver gegen die beginnende Westintegration der BRD gedacht gewesen.

Die Schachzüge Stalins - eine Diskussion, die nicht endet

Auch in dem nun  vorgelegten Band der Vierteljahreshefte wird diese Frage nicht  geklärt. Wohl auch deshalb nicht, weil die Stalinnote eine Eintagsfliege geblieben ist, weil es keine Reaktion des Westens gab, nach welcher die Sowjets seinerzeit gezwungen gewesen wären, deutlicher zu reagieren. Es war eine Note - nicht mehr. So scheint es jedenfalls heute.
 
„Eine Diskussion, die nicht endet“, nennt Aleksej Filitov vom Institut für allgemeine Geschichte der Russischen Akademie der Wissenschaften die Untersuchung dieser Frage. Er kommt unter anderem zu dem Schluss, dass diese Note der BRD genutzt, der DDR geschadet und die Wiedervereinigung für lange verhindert habe. Denn je mehr Zeit ins Land gegangen sei, umso stärker habe sich die Position der UdSSR dem Standpunkt angenähert, dass es eine deutsche Frage überhaupt nicht mehr gebe.

Welche Schachzüge Stalin ins Kalkül zog, enthüllt Filitov mit dem folgenden Zitat zu den Memoiren von Vladimir Semenov. Dieser war einer der führenden Deutschlandpolitiker im sowjetischen Außenministerium. Als „größte Sensation“ der Erinnerungen dieses Zeitzeugen bezeichnet Filitov „eine Aussage, die nicht im Text selbst enthalten war, sondern im Nachwort von Julij Kvinzinskij. Er schreibt, dass, als Semenov bei Stalin das Projekt der Note vom 10. März 1952 vortrug, dieser Semenov gefragt habe: ‚Und Sie garantieren, dass der Westen unsere Vorschläge ablehnen wird?’ Erst auf Semenovs bejahende Antwort hin habe er die Note genehmigt. Wenn dem wirklich so war, dann kann man schwerlich von einer ernsthaften Absicht Stalins sprechen, einen Kompromiss in der deutschen Frage zu erzielen.“

Schlechte Revolver ohne Patronen

Interessant und erhellend sind die Protokolle über Gespräche zwischen Stalin und den SED-Funktionären der ersten Jahre. Sie erinnern bisweilen fast ein wenig an die Funksprüche der Münchner Räterepublik an Moskau, dass es im Quartier nicht einmal einen Kloschlüssel gäbe. Beim Besuch einer SED-Delegation vom 31. März bis zum 8. April 1952 in Moskau trug der Genosse Wilhelm dem Genossen Josef Stalin „wegen der Bedrohung aus dem Westen“ vor: „Gegenwärtig gibt es in der DDR die Volkspolizei, doch das ist kein militärischer Schutz. Die Polizei ist schlecht bewaffnet und hat schlechte Revolver ohne Patronen.“ – Stalin erklärt, dann rüsten Sie ihre Polizei eben aus. Stellen Sie Maschinengewehre, Gewehre, Revolver und Patronen her. Pieck fragt nach, „ob es nötig ist, Schritte zur Schaffung deutscher Streitkräfte in der Deutschen Demokratischen Republik zu unternehmen“ und wird von Stalin mit folgenden Worten abgebürstet: „Sie sollen nicht Schritte unternehmen, sondern Streitkräfte schaffen. Was heißt hier Schritte?“

Und wenn man Sie schlägt – werden Sie sich dann verteidigen?

Als sich der Genosse Walter Ulbricht bei dieser Anhörung über die „Verbreitung pazifistischer Stimmungen in der DDR“ auslässt, fragt Stalin: „Und wenn man Sie schlägt – werden Sie sich dann verteidigen? Das nennt man dem Bösen nicht mit Gewalt widerstehen. Tolstoi hat das gepredigt. Das ist kein Pazifismus – das ist noch schlimmer.“

Eher nebenbei wird im Teil über die der Geschichte der Beziehungen von KPD und Stalin in der Zeit der Weimarer Republik auf 14 Seiten die Rolle des damaligen Kommunisten und späteren SPD-Politikers Herbert Wehner abgehandelt. Reinhard Müller vom Hamburger Institut für Sozialforschung kommt zu dem Ergebnis, dass Wehner 1937 mit seinem Bericht über die „trotzkistische Wühlarbeit in der deutschen antifaschistischen Bewegung“ viele seiner Genossen bei Stalins Geheimdienst ans Messer geliefert habe. Wehner hat zeitlebens versucht diese Rolle zu verschweigen und zu vertuschen.

Den vorgelegten Sammelband über das besondere Verhältnis von Stalins Sowjetunion zu Deutschland, haben deutsche und russische Wissenschaftler gemeinsam erarbeitet. Das macht ihn nicht nur besonders informativ, sondern es ist auch wohltuend zu erfahren, wie unvoreingenommen viele der jüngeren russischen Historiker an das Kapitel Stalin und die Deutschen herangehen.

So kommt auch zur Sprache, dass Stalin in den dreißiger Jahren sehr konziliant gegenüber Adolf Hitler war, dass er ihn regelrecht umwarb, Rüstungsgüter in Deutschland kaufte und schließlich sogar einen Pakt mit dem deutschen Führer schloss, um Mitteleuropa unter sich aufzuteilen und Polen verschwinden zu lassen. Diese Epoche der deutsch-russischen Beziehung durchleuchtet Sergej Slutsch vom Institut für Slawenkunde an der Russischen Akademie der Wissenschaften und liefert damit eines der interessantesten Kapitel dieses empfehlenswerten Sonderbands.

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Rezension zu: „Stalin und die Deutschen“, neue Beiträge der Forschung, herausgegeben von Jürgen Zarusky, Oldenbourg Verlag, München 2006, 276 S.,  44,80 Euro, ISBN 3-486-57893-6.

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