Stars und RucksacktouristenTSCHECHIEN

Stars und Rucksacktouristen

Stars und Rucksacktouristen

Das Karlsbader Filmfestival öffnet zum 40. Mal seine Pforten. Nach der langjährigen politischen Vereinnahmung durch die Kommunisten träumt man in dem tschechischen Kurort davon, mit Cannes, Berlin oder Venedig gleichzuziehen.

Von Renate Zöller

Plakat für das Karlsbader Filmfestival von Ales Najbrt  
Plakat für das Karlsbader Filmfestival von Ales Najbrt  

Robert Redford, Sharon Stone, Liv Ullmann und Alexander Payne – illustre Gäste werden in diesem Jahr auf dem Karlsbader Filmfestival (1. bis 9. Juli) erwartet. Mit besonders prominenten Gesichtern wolle das Festival sein Jubiläum feiern, erklärt Programmdirektorin Julietta Zacharova. Und mit einer neuen Wettbewerbskategorie, „Im Osten des Westens“, in der speziell Filme aus Mittelosteuropa und den GUS-Staaten vorgestellt werden. Das Budget von rund 120 Millionen Kronen entspricht allerdings mehr oder weniger dem der vergangenen Jahre. Und auch die Zuschauerzahl wird sich wohl kaum vergrößern. „Unsere Kinosäle sind sowieso immer heillos überfüllt. Noch mehr geht einfach nicht“, erklärt Zacharova schlicht.

Tatsächlich platzt der westböhmische Kurort am Fuße des Erzgebirges alljährlich Anfang Juli aus den Nähten. Dann pilgern die Kinohungrigen nach Karlsbad (tschechisch: Karlovy Vary). Sie nehmen alle möglichen Unannehmlichkeiten in Kauf, um eine Woche lang rund 200 Filme anzuschauen, die Stars vor dem Eingang des Thermal-Hotels zu begrüßen und nach den Filmen mit Regisseuren und Schauspielern über das Gesehene zu sprechen. Der tschechische Regisseur Jiri Menzel rühmt das Filmfest genau deshalb: „Es ist gut, daß das Festival nicht nur für Händler und Filmsnobs gemacht ist, sondern einfach für Menschen, die Filme gerne mögen. Da kommen eine Menge Batuzkari (tschechisch für Rucksacktouristen), die zwar kein Geld für die Hotels, aber dafür großes Interesse am Film haben.“

Das war nicht immer so. „Eine große Veränderung nach der Samtenen Revolution war, daß in den 1990er Jahren besonders junge Leute anfingen, das Festival zu besuchen. Sie machen heute wahrscheinlich 80 Prozent der Besucher aus“, erklärt Milos Fikejz. Er ist seit 20 Jahren Fotograf für „Festival Daily“, eine Art Tagebuch, das das Festival alljährlich begleitet.

Einstmals streng auf kommunistischem Kurs

Als Fikejz mit dem Fotografieren begann, lockten die nach den Maßstäben des „sozialistischen Realismus“ ausgesuchten Filme kaum Schaulustige an. In den Zuschauerrängen saßen hauptsächlich politische Delegationen. „In den 80er Jahren wurden bewußt Filme gezeigt, die politisch konform waren. Und aus dem Westen wurden möglichst nur gesellschaftskritische Filmemacher eingeladen,“ erzählt Fikejz.

Die Kommunisten trimmten das Festival systematisch auf Kurs. Als es 1946 als eines der ersten Filmfeste überhaupt gegründet wurde, war die Idee eigentlich revolutionär: Das Ministerium für Information und Kultur habe die soziale Bedeutung des Films erkannt, erklärt die heutige Festivalorganisation. Vor allem aber profitierte die damalige Tschechoslowakei von der „Nationalisierung“ der Filmindustrie nach 1945. Nach der Machtübernahme der Kommunisten 1948 nahm die politische Vereinnahmung allerdings ihren Lauf, das Festival wurde zu einem Propagandainstrument der KP. Um auf Nummer Sicher zu gehen, daß sich kein sozialistischer Machthaber oder Filmemacher übervorteilt fühlte, wurde die Vergabe von Preisen – seit 1948 gab es Wettbewerbskategorien – recht inflationär gehandhabt.

„Ein launischer Sommer“ als Höhepunkt

Trotzdem gelang es dem Karlsbader Filmfestival, sich zu behaupten. Und in den 60er Jahren gewann es, gleichzeitig mit dem Aufstieg des tschechischen Films, wieder an Gewicht. 1968, zur Zeit des Prager Frühlings, gewann dann Jiri Menzel den Hauptpreis für seinen Film „Ein launischer Sommer“. Heute erinnert sich Menzel: „Das war ein ziemlich bedeutsamer Preis – es wurden nur drei vergeben in diesem Jahr, und einen davon bekamen wir. Zur damaligen Zeit war der tschechische Film auf seinem Höhepunkt angelangt und das Festival war sehr gut besucht.“

Die kurzfristig durchgesetzte Umstrukturierung des Filmfestes währte allerdings nicht lange. „Paradoxerweise war ich schon auf dem nächsten Festival im Jahr 1970 nicht mehr dabei – denn in der Zwischenzeit marschierten die Russen ein, es wurde ein neues Regime errichtet“, erzählt Menzel. Es begann die „Normalisierung“ und damit die Eiszeit für das Festival.

Klar, die Veranstalter bemühten sich auch weiterhin um gute Filme und große Namen. „Es gab außerhalb der Wettbewerbe teilweise wirklich gute Filme zu sehen – aber das waren Ausnahmen“, sagt Fikejz. Auch kamen durchaus internationale Stars nach Karlsbad, gleich zweimal etwa Bob Hoskins („ Duell - Enemy at the Gates“) , an den sich der Fotograf noch gut erinnert. Autogramme waren auch damals schon begehrt, sogar mehr als heute, so Fikejz. Und: man habe sie einfacher ergattern können. Noch in den 80ern konnte man gleich vor dem Thermal-Hotel die Stars um Unterschriften auf Fotos oder Andenken bitten, täglich gab es Autogrammstunden. Heute verschwinden die Stars gleich über den roten Teppich ins Innere des Hotels. Hartnäckige Fans können höchstens vor dem Saal für Pressekonferenzen ihr Glück versuchen.

Weltbühne für den tschechischen Film

Richtig erfolgreich ist das Festival in Karlsbad erst in den letzten Jahren geworden, seit Jiri Bartoska sein Präsident ist. Menzel sagt gar: „Ich meine, daß das Karlsbader Filmfest genau so bedeutsam ist, wie die anderen großen Festivals, Cannes, Berlin oder Venedig. Es hat noch an seiner Vergangenheit als Propagandaforum zu knabbern, seine Bedeutung wächst jedoch.“ Fikejz ist zurückhaltender, aber in einer Hinsicht ist er sich mit Menzel einig: Für den tschechischen und überhaupt für den osteuropäischen Film ist das Festival ungeheuer wichtig und notwendig. Karlsbad macht „die Welt auf die tschechischen Produktionen aufmerksam“, schwärmt Menzel. Und da denkt er an die Batuzkari mit ihren Rucksäcken ebenso wie an die Filmsnobs.

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Renate Zöller leitet das Feuilleton der deutschsprachigen Prager Zeitung. Sie hat osteuropäische Geschichte, Germanistik und Slawistik in Köln, St. Petersburg und Prag studiert und während des Studiums unter anderem für die Verlage Wienand und Brockhaus sowie am Historischen Seminar der Kölner Universität gearbeitet. Nach dem Studium war sie anderthalb Jahre in Moskau bei der Kunst-Spedition Hasenkamp angestellt. Seit Februar 2003 arbeitet sie bei der Prager Zeitung. E-Post: kultur@pragerzeitung.cz

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