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Staunen in der Steppe – eine Reise zu den Wurzeln der kasachischen Kultur

Schamanen, Felszeichnungen und eine endlos weite Steppe – davon erzählt diese Geschichte junger Leute aus dem Westen. Sie entdecken Gräber und Mausoleen zu denen Kasachen pilgern um ihren Ahnen zu huldigen. Es ist eine Reise zu spirituellen Orten. Sie führt auch zum Ursprung der drei kasachischen Stammesbündnisse, der sogenannten Zhuzes, die bis heute eine wichtige Rolle in der kasachischen Kultur einnehmen.

Von Christina Lokk und Britta Steinwachs
02.10.2011 Drucken Senden Kommentieren

N ach dem Verlassen der befestigten Straße hat unser Fahrer mit dem holprigen Steppenweg zu kämpfen – und er gewinnt den Kampf bravurös. Der erste Halt der Reise: Terekty-Aulie – eine Ansammlung von Felszeichnungen (Petroglyphen) im Herzen Kasachstans. Entstanden in der mittleren bis späten Bronzezeit (ca. 1500–1000 v.Chr.). Diesem Ort kommt eine zentrale Rolle für die muslimisch-kasachischen Glaubenspraktiken zu. In Terekty-Aulie stößt man auf die in Granit gemeißelten Zeugnisse vergangener nomadischer Gesellschaftsformen. Das Wort „Aulie“ stammt von der arabischen Bezeichnung für einen muslimischen Heiligen („wali“) ab und weist auf die besondere Bedeutung dieses Orts für muslimische Pilger hin.

Der heilige Ali und sein treues Pferd Duldul

In der islamischen Mystik heißt es, dass der Cousin und Schwiegersohn des Propheten Muhammads diesen Ort auf seiner Reise durch Zentralasien mit göttlicher Energie („barakah“) gesegnet habe. Vereinzelte Petroglyphen in Terekty-Aulie zeigen der Sage nach Fußabdrücke des heiligen Alis und seines treuen Pferdes Duldul. Der größte Teil der bisher bekannten Zeichnungen (etwa 90Prozent) konstituiert sich jedoch aus Darstellungen der hiesigen Vorfahren des Wildpferdes (mongolisches Takhi- oder Przewalskipferd).

In den meisten indigenen Kulturen Zentralasiens kommt dem Pferd eine enorme religiöse Bedeutung zu. Neben seiner Nutzung zur Ernährung und Herstellung von Alltags- und Zeremoniegegenständen wurden Pferde in schamanischem Ritus auch geopfert. Es ist bekannt, dass nomadische Stämme aus dem Altaigebirge die Tiere opferten, weil sie daran glaubten, dass ihr Geist dem Schamanen den Aufstieg in die höchsten Himmelsebenen ermöglichte. Auf diesem Wege bestand für die Menschen jener Zeit die Möglichkeit, den Schamanen aufzutragen, ihr Schicksal vorherzusehen und mit dem Gott Ulgen über eine eventuelle Abwendung des Unheils zu verhandeln.

Neben der Felsformation erblickt man einen kleinen Friedhof vor der Kulisse der endlosen Weite der Steppe, die einen von der Enge der Stadt und des eigenen Denkens ein Stück weit befreien kann. Die Vorstellung, dass dies so ein heiliger Ort für die Menschen war und immer noch ist, verleiht ihm eine besondere Ausstrahlungskraft.

Der benachbarte Friedhof besteht aus später errichteten Mausoleen der kasachischen Bagnaly- und Baltaly-Klans. Heute noch pilgern Kasachen zu diesen Gräbern, um ihren Ahnen („Ata-Baba“) zu huldigen, welche teilweise auch über die barakah-Gabe verfügten. Der Besuch der Gräber bei Terekty-Aulie gehört bei einigen Pilgern zur ziyarat, der spirituellen Reise zu Orten, die mit Muhammad oder mit dem ihm Anverwandten assoziiert sind. Die Gläubigen verspeisen auch heute noch ein gemeinsames Mahl zu Ehren der Urväter auf dem Friedhof und binden Stofftücher an die Metallzäune der Gräber.

Britta Steinwachs (vorn) und Christina Lokk
Zur Person: Britta Steinwachs (vorn) und Christina Lokk
Britta Steinwachs und Christina Lokk leben und reisen für drei Monate in Kasachstan im Rahmen eines Freiwilligendienstes für die historisch-geografische Gesellschaft AVALON in Karaganda. AVALON engagiert sich in den Bereichen Umweltschutz, Jugendbildung und Ökotourismus in Zentralkasachstan. Zudem verfolgt die Organisation das Ziel, das historische und kulturelle Erbe dieser geschichtsträchtigen Region zu bewahren.

Alasha Khan –  Vater der Nation

Weiter geht es auf dem steinigen und unebenen Weg durch die Steppe, der immer weiter weg von der asphaltierten Landstraße an einen mythischen Ort am rechten Ufer des Flusses Karakengir am Fuße des Ulytau Gebirges führt. Der Legende nach liegt hier der Ursprung der drei kasachischen Stammesbündnisse, der sogenannten Zhuzes, die bis heute eine wichtige Rolle in der kasachischen Kultur einnehmen. Es ist das Mausoleum für Alasha Khan, einer bedeutsamen Figur kasachischer Ahnengeschichten und Mythen. “Улы Жуз, Орта Жуз, Киши Жуз” (Großer Zhuz, Mittlerer Zhuz, Kleiner Zhuz) steht davor in Stein eingraviert. Es befindet sich inmitten eines alten Friedhofes.

Das Mausoleum wurde ungefähr im elften bis zwölften Jahrhundert zu Ehren Alasha Khans errichtet, der als Ahnenvater der drei kasachischen Zhuzes gilt. Ob dieser wirklich existierte und in dieser Grabstätte ruht oder ob es nicht doch ein anderer oder gar, wie manche glauben, Dschingis Khan selbst ist, wird man hier nicht herausfinden. Aber man kommt als Tourist vielleicht nicht immer an solche bedeutenden Orte, um Tatsachen zu erfahren, sondern viel mehr, um in die Welt der Mythen und Legenden einzutauchen und sich auf frühere Ahnengeschichten einzulassen.

Als Einheimischer kommt man an diesen Ort wiederum aus anderen Gründen. Am Zaun des Mausoleums findet man auch hier zahlreiche Tücher und Bändchen von Gläubigen, die in der Hoffnung hierher pilgern, einen kranken Verwandten zu heilen oder den Kinderwunsch erfüllt zu bekommen. Auf den Gräbern liegen oft die Betttücher von kranken Menschen, die von ihren Familienangehörigen ins Mausoleum gebracht werden und für deren Heilung gebetet wird.

Das von der Regierung restaurierte und behütete Mausoleum aus roten Backsteinen eröffnet uns vielleicht nicht die volle Wahrheit über Alasha Khan, aber es gewährt uns einen Einblick in die Vergangenheit, die frühere Lebenswelt der Nomaden und die Bedeutung von solchen Orten für die kasachische Kultur. Steigt man die enge Treppe im Inneren des Mausoleums hinauf, befindet man sich auf dem Dach direkt neben der Kuppel. Von dort aus hat man einen wunderbaren Ausblick auf die restlichen vorgeschichtlichen Grabstätten dahinter. Hier findet man altertümliche Mausoleen direkt neben Gräbern und Mausoleen aus der Gegenwart. Die älteren Grabstätten erinnern uns an riesige Bienenstöcke und ihnen fehlt immer die Kuppel, die für gewöhnlich als erstes der Witterung und der Zeit zum Opfer fällt.

Mausoleen lassen die Ahnenkultur lebendig werden

Wir fahren weiter Richtung Dombauyl: Der Weg dorthin führt durch eine kleine Ansammlung von einfachen Hütten an einem Fluss, in denen ein paar Tiere und Menschen leben. Nach kurzer Abwägung wird entschieden, den Karakengir -Fluss, der momentan nicht so viel Wasser hält, mit dem Auto überqueren. Auf einmal finden wir uns in einem fruchtbaren Landstreifen wieder, der sich im deutlichen Gegensatz zu der kargen Steppe angenehm grün gegen den blauen Himmel abzeichnet.

Angekommen am Dombauyl Mausoleum, erblicken wir ein jurtenförmiges Grab, dessen unzählige Steinschichten mit Beton zusammengehalten werden. Mit einer Höhe von sechs Metern trägt das Mausoleum im Herzen der Steppe eines der ältesten Zeugnisse des vorislamischen Lebens in Zentralkasachstan zur Schau. Wann genau dieses – mittlerweile restaurierte – Mausoleum entstand, lässt sich schwer sagen. Einige Archäologen datieren es auf das Hunnenzeitalter (ca. 8. bis 9. Jhd.) und es kursiert die Legende, dass hier der Krieger und Musiker Dombauyl begraben ist, der an Dschingis Khans Hofe beschäftigt war. Dombauyl repräsentiert ein typisches Steingrab (kasachisch: uitasami, dynami), wie es in Zentralkasachstan weitverbreitet ist.

Nachdem wir alle wieder ins Auto geklettert sind, steuern wir auf ein ganz besonders wichtiges Ziel unserer Tour zu: das berühmte Grab des Dzhutschi Khans. Sobald wir das Monument aus der Ferne erblicken, fällt uns die türkisfarbene Kuppel vor dem monotonen Farbton der Steppe ins Auge. Das Mausoleum überragt innerhalb des größeren Friedhofs erhaben die anderen Grabmäler. Und nicht ohne Grund: Denn hier liegt der Legende nach der älteste Sohn Dschingis Khans begraben. Obwohl nicht geklärt ist, ob er tatsächlich der Sprössling des mächtigen Herrschers war, ist jedoch unbestritten, dass er von ihm als solcher anerkannt wurde und ihm eine immense Macht im Zentrum der heutigen Republik Kasachstan zukam.

Die genaue Todesursache Dzhutschi Khans ist nicht bekannt. Es wird jedoch erzählt, dass Dzhutschi während der Jagd von seinem Pferd stürzte und von einem lahmen Onager (asiatischer Pferdeesel) attackiert wurde, der ihm die rechte Hand abbiss. Andere Theorien ziehen sogar in Betracht, dass Dzutschi Khan im Auftrag seines vermeintlichen Vaters Dschingis Khan getötet wurde. Das Mausoleum Dzhutschi Khans ist in jedem Fall ein wichtiges Monument der kasachischen Geschichte und seiner Volkskultur.

Am Fuße des heiligen Bergs

Der vorbeirauschende Landschaftsfilm ändert beständig, wenn auch punktuell kaum merkbar, seine Farben und Konturen. Nach langer Fahrt und dem Gefühl in der weiten Ebene seine Gedanken immer wieder ungewohnt, gar befremdlich und doch wohltuend in die Leere laufen zu lassen, wächst am Horizont eine immer größer werdende Felslandschaft auf. Als der Wagen stoppt, erwartet uns am Fuße des heiligen Berges Ulytau ein kleines Dorf, das etwas verschlafen aus den Augen schaut.

Wir werden vom einheimischen Guide empfangen und in das Museum vor Ort geführt. Das neu errichtete Museum enthält eine Fülle an Informationen: Sowohl die Geschichte nomadischen Lebens in Kasachstan als auch Darstellungen der traditionellen kasachischen Kultur, der natürlichen Umgebung und des kasachischen Kunsthandwerks werden hier thematisiert. Für uns ist das alles sehr spannend, da wir bisher noch nicht viel von der kasachischen Kultur kennen. Die Jurten gefallen uns sehr und die bunten Stoffe und Holzschnitzereien erfüllen den kleinen Innenraum des „Zeltes“ mit unerwarteter Pracht und Leben.

Es darf auch die obligatorische Nasarbajew-Sektion im Museum nicht fehlen: Im Ulytaumuseum findet man einen Stuhl, auf dem der beliebte Staatsmann bei seinem Besuch in der Bergregion gesessen habe.

Bergquellen und Zeugnisse schamanischer Riten

Um noch tiefer in die Welt der Ahnen einzutauchen, ist das Ulytau Gebirge ein Muss für jeden, der auf den Spuren von Nomaden und Schamanen unterwegs ist. Der wahrscheinlich magischste und sagenhafteste Ort in Zentralkasachstan ist der Berg „Aulie“. Für nomadische Turkvölker und Khane Zentralasiens war dieser Berg ein Ort besonderer Energie und Heilkraft. Der Weg zum höchsten Punkt führt an einer Bergquelle vorbei. Hier kann man seinen Vorrat an frischem und kühlem Quellwasser für den steilen und etwas abenteuerlichen Aufstieg auffüllen. Man sagt, das Wasser habe heilende Kräfte und viele Heilkünstler nutzen es, um damit Kranke zu behandeln. Seine Wirkung soll sogar über die Grenzen Kasachstans hinaus bekannt sein.

Heilige und rituelle Orte sind meist an Quellen oder Brunnen zu finden. Sie sind oft der Schauplatz religiöser Praktiken und Riten. Quellwasser symbolisiert Reinigung und Erneuerung, steht aber auch für Heilung, Verwandlung und Erlösung. Quellgöttinnen bescheren Leben und Fruchtbarkeit. Gleichzeitig sind Brunnen und Quellen auch Orte der Begegnung und sozialen Austausches. Selbst wenn man nicht an die heilende Wirkung des Wassers glaubt – gesund und erfrischend ist das kühle Quellwasser allemal.

Der Aufstieg ist anstrengend, aber auch auf eine ganz eigene Art befreiend. Man hat Zeit nachzudenken und die besondere Aura dieser Gegend zu spüren. Auf dem Gipfel angekommen, hat man eine wunderschöne Aussicht und kann die Größe des Gebirges, sei diese physischer oder spiritueller Natur, auf sich wirken lassen.

Oben findet man eine Grotte und viele alte Gräber aus verschiedenen Jahrhunderten, in denen bedeutende Heilkünstler und Schamanen aus der Gegend begraben sind. Man glaubt, der Berg sei der Wohnort vieler Götter und Ahnengeister und dies verleihe ihm seine außergewöhnliche Energie. Hier oben hat der Mensch Zeit, sich mit der Natur auseinander zu setzten und mit ihr eins zu werden.

Den Zusatz „Aulie“ findet man in vielen Bezeichnungen berühmter religiöser Orte und Stätten in Kasachstan. Plätzen, die so genannt werden, wird meist eine besondere kosmische Energie und heilende Kraft zugesprochen. Sie sind früher wichtige Orte des Kultes und der Riten für Nomadenvölker gewesen und sind es oft auch heute noch. Menschen und Menschengruppen kommen immer noch auf diesen Berg und vollziehen hier ihre religiösen Bräuche und Rituale – jeder hat hier seine eigenen Gesetze. Sie kommen hierher, um an diesem heiligen Ort der Ahnen neue Hoffnung zu schöpfen und Hilfe von den Göttern zu bekommen. Unter Muslimen ist es üblich, sich eine ruhige Minute zu nehmen und zu beten, bevor man den Aufstieg wagt. Für den, der glaubt, sagen sie, ist der Weg, den heiligen Mutter-Berg zu besteigen, auch nicht anstrengend.

Zeugnisse nomadischen Lebens in Baskamyr

Auf dem Rückweg aus den Bergen machen wir noch einen kurzen Zwischenstopp bei den Ruinen der mittelalterlichen Stätte Baskamyr. Diese kleine Siedlung war von einem Graben umgegeben und lässt noch die Überreste von vier Außentürmen erkennen. Heutzutage kann man in erster Linie Fragmente von Räumen sehen, die vermutlich für die Lagerhaltung von Nutzen waren. Die Entstehungszeit wird zwischen dem 8. und 11. Jahrhundert datiert. Es ist eine Besonderheit, Zeugnisse nomadischen Lebens in dieser Region zu finden, das sich nicht nur in Gräbern manifestiert.

Nach diesen tollen Eindrücken halten wir zuletzt beim „Mahnmal der Einheit des Volkes von Kasachstan“, bevor wir die lange Heimfahrt beginnen. Die große Skulptur überzeugt nicht gerade mit außerordentlicher Schönheit. Dennoch lohnt sich ein kleiner Zwischenstopp an dieser Figur, die das geografische Zentrum Kasachstans markiert. Die Beschaffenheit der „Plastik aus Plastik“ ist dabei eine unerwartete Entdeckung. Nachdem alle Fotoapparate wieder in die Taschen gewandert und alle müden Reisenden sich wieder im Bus versammelt haben, rauschen wir wieder lange Stunden durch die Steppe bis wir erschöpft und voller neuer Eindrücke in unserem derzeitigen Zuhause ankommen – in Karaganda.

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