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LEBENSERWARTUNG IN RUSSLAND

Sterblichkeit so hoch wie vor der Revolution

Russland ist heute Mitglied der G8, der Gruppe führenden Industriestaaten. Doch die Lebenserwartung seiner Bevölkerung liegt nach Angaben der russischen Statistik-Behörde auf „vorrevolutionärem Niveau“.

Von Ulrich Heyden
31.01.2008 Drucken Senden Kommentieren

D ie Freude war groß. Am Abend des 26. Dezembers wurden in Moskau zehn Babys geboren. Damit wurde in der Hauptstadt eine Schallgrenze durchbrochen. Das erste Mal seit 1989 gab es in Moskau wieder ein Jahr mit mehr als 100.000 Neugeborenen. Alle zehn Mütter bekamen eine Auszeichnung.

Auch landesweit haben sich die Zahlen verbessert. In den ersten zehn Monaten des vergangenen Jahres wurden 1,3 Mio. Babys geboren. Das war gegenüber dem Vorjahr ein Plus von acht Prozent. Dmitri Medwedjew, der wahrscheinliche Putin-Nachfolger, unter dem in seiner Zeit als Vizeministerpräsident bereits eine Reihe von Sozialprogrammen gestartet wurden, sprach von „ermutigenden Statistiken“.

Fünf Millionen Menschen weniger

Doch dass jetzt wieder mehr Kinder geboren werden, kann nach Einschätzung russischer Experten den rapiden Bevölkerungsrückgang nicht aufhalten. Es sterben mehr Menschen als geboren werden. Die russischen Männer sterben 17 Jahr früher als die Männer in Deutschland. Die durchschnittliche Lebenserwartung der russischen Männer liegt bei 58,9, die der russischen Frauen bei 72,4 Jahren.

Eine Änderung ist bisher nicht abzusehen. Seit 1989 ist die Einwohnerzahl in der Russischen Föderation um fünf Millionen Menschen auf 142 Millionen gesunken und bis 2030 wird sie weiter auf 135 Millionen zurückgehen, meint Andrej Klepatsch, der Direktor für Makroökonomische Prognosen des Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung.

Problemlöser Wodka

Die negative Bevölkerungsentwicklung ist eines der größten Hemnisse bei Putins ehrgeizigen Wirtschaftsplänen. Die Zahlen passen auch schlecht zu einem Land, dass sich als Führungsmacht und stolzes Mitglied der G8 brüstet. Russland verdient als weltweit größter Gasexporteur und zweitgrößter Waffenexporteur nun wirklich nicht schlecht. Doch das Leben der Russen verbessert sich nur in Trippelschritten, in manchen Bereichen ändert sich sogar überhaupt nichts. So ist die Wodkaflasche immer noch ein beliebter Problemlöser.

An der hohen Sterblichkeit hat sich weder in der Sowjetunion noch in den Jahren danach etwas geändert. Die Sterblichkeit der Bevölkerung ab dem 30ten Lebensjahr „blieb praktisch auf vorrevolutionärem Niveau“, heißt es in einer Analyse, die auf der Netzsseite der russischen Statistikbehörde einsehbar ist. Hauptgrund der hohen Sterblichkeit der Männer im erwerbsfähigen Alter ist vor allem der hohe Alkoholkonsum. Unterbrochen wird der seit Ende der 50er Jahre anhaltende Negativtrend bei den Männern nur durch drei kurze Zeit-Fenster, die mit politischen Tauwetter-Phasen zusammenfallen (1959-1965, 1985-87 und 1994-98). In diesen Jahren war die Hoffnung auf ein besseres Leben stärker und der Drang zur Wodka-Flasche offenbar weniger ausgeprägt.

Höchste Selbstmordraten in Sibirien

Dass es einen Zusammenhang zwischen Hoffnung, Lebenswillen und den jeweiligen politischen Verhältnissen gibt, zeigt auch die Selbstmordstatistik. „1965 – in der Tauwetter-Periode von Chruschtschow - war die Selbstmordrate nicht sehr hoch und entsprach den europäischen Durchschnittswerten“, so die Gesundheits-Experten Jakow Gilinskij und Galina Rumjanzewa in einer Analyse. 1984 auf dem Höhepunkt der „Sastoja“ (Stagnationsperiode) erreichte die Selbstmordrate mit 38.700 Fällen einen Höhepunkt. Nachdem Gorbatschow 1985 Glasnost und Reformen verkündet hatte, schöpften die Menschen Hoffnung. 1986 wurden nur 21.100 Suizidfälle registriert. 1994 dann, auf dem Höhepunkt von Jelzins chaotischer Wirtschaftspolitik, wies die Suizid-Statistik den Rekordwert von 41.700 Selbstmordfällen aus. Heute ist die Tendenz rückläufig. Im letzten Jahr wurden noch 30.000 Selbstmorde gezählt.

Ein Suizid kann viele Gründe haben. Aber ist es ein Zufall, dass es die höchsten Selbstmord-Raten in den abgelegenen Gebieten Sibiriens gibt, dort wo die Fabriken still stehen und im Winter die Heizungen einfrieren?

Russland noch hinter Belarus

Angesichts dieser Daten ist es kein Wunder, dass Russland im internationalen Vergleich schlecht abschneidet. In dem letzten UN-Bericht über die menschliche Entwicklung („Human Development Report“) rangiert Russland auf Platz 67. Erfasst wurden 175 Länder. Gemessen wurden die Lebenserwartung, der Zugang zu Bildung und der Lebensstandard. Russland wird heute von zahlreichen ehemaligen Bruderstaaten überrundet. Polen liegt auf Platz 37, die baltischen Republiken belegen die Plätze 43, 44 und 45, Kuba liegt auf Platz 51 und das von Moskau belächelte Weißrussland auf Platz 64.

Rauchen, Trinken, Abtreiben

Schuld an der hohen Sterblichkeit in Russland ist nicht nur der russische Staat, der nicht in der Lage ist, seinen Bürgern einen minimalen sozialen Schutz zu gewähren. Ohne Schmiergeld wird heute in einem russischen Krankenhaus niemand behandelt. Die Renten liegen bei 100 Euro, so als ob es keine Öl-Einnahmen gäbe. Die Verbraucher-Preise aber liegen in weiten Bereichen auf europäischem Niveau.

Schuld an der geringen Lebenserwartung ist auch der russische Lebensstil. Die Russen achten zu wenig auf ihre Gesundheit und ihr Leben. Man fährt riskant, trinkt, raucht und treibt ab. Nur in der großstädtischen Mittelschicht setzten sich langsam neue Werte durch. Man trinkt Wein, liest die Gesundheits-Tipps in den Frauenzeitschriften und besucht Fitness-Zentren. Doch das ist zurzeit noch ein Luxus für die reiche Oberschicht.

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