Strategische Neuausrichtung in der Energiepolitik?SÜDOSTASIEN

Strategische Neuausrichtung in der Energiepolitik?

Nach dem Super-GAU von Fukushima werden Pläne über den Bau von Atomkraftwerken auch im energiehungrigen Südostasien neu überdacht. Dort sehen wachstumsverwöhnte Eliten in steigenden Energiepreisen die Konkurrenzfähigkeit ihrer Länder gefährdet. Im Kontext des globalen Klimawandels wird jedoch deutlich: Umwelt und Klima werden die Zukunft der Region ganz entscheidend mit beeinflussen.

Von Wilfried Arz

D ie Architektur der Weltwirtschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine nachhaltige Schwerpunktverlagerung vom transatlantischen zum asiatisch-pazifischen Raum erfahren. Neben China als neuem Aufsteiger hat auch Südostasien maßgeblich von einem dynamischen Wirtschaftsboom profitiert, der mit anhaltend hohen Wachstumsraten beeindruckt. Jede rasante wirtschaftliche Entwicklung ist jedoch untrennbar verbunden mit einer hohen Nachfrage nach Rohstoffen und Energie. Schätzungen der Internationalen Energieagentur (IEA) zufolge wird die Energienachfrage weltweit bis 2030 um durchschnittlich vierzig Prozent steigen. Eine besonders starke Zunahme des Energiebedarfs ist in China, Indien und den Schwellenländern Südostasiens zu erwarten.

Der globale Wettlauf um Ressourcen hat bereits begonnen. USA und EU, China und Indien stehen seit Jahren in Konkurrenz zu knapper werdenden Rohstoffen und fossilen Energieträgern. Auch vor militärischer Gewalt wird bei Versuchen, sich den Zugang und die Kontrolle zu Ressourcen zu sichern, nicht zurückgeschreckt. Rohstoffreiche Regionen werden zu Schauplätzen gewaltsamer Konflikte.

Wohin steuert die Energiepolitik in Südostasien?

Das durch Erdbeben und Tsunami verursachte Reaktorunglück in Japan hat global ein Überdenken energiepolitischer Konzepte ausgelöst. Atomkraft, lange als eine Alternative zu fossilen Brennstoffen wie Kohle, Erdgas und Erdöl gepriesen, ist auch in Asien in den Mittelpunkt einer neuen, kritischen Bewertung gerückt. Japan, Südkorea, China und Taiwan betreiben seit Jahren Atomkraftwerke. Auch in Vietnam, Indonesien und Thailand halten die politischen Eliten den Bau von AKWs für die Energieversorgung und damit die Funktionsfähigkeit ihrer exportabhängigen Ökonomien für unverzichtbar.

In Teilen der Öffentlichkeit dieser Länder regt sich jedoch Unbehagen und manifestiert sich zunehmend Widerstand gegen diese Pläne. Gleichwohl geht es nicht nur um das kontrovers diskutierte Thema Atomenergie. Es geht um nicht weniger als eine langfristig zukunftsfähige, d.h. umwelt- und sozialverträgliche Versorgung der Region mit Energie schlechthin.

Die Zukunft der Energieversorgung ist auch in Südostasien eine Schlüsselfrage des 21. Jahrhunderts. Nicht nur Importabhängigkeiten bei Energieträgern haben in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Auch Konflikte um Ressourcen haben sich in Südostasien   deutlich verschärft. Ist der Streit um die Spratley- und Paracel-Inselgruppen im Südchinesischen Meer ein erster Vorgeschmack auf künftige geopolitische Rivalitäten um Rohstoffe? In den energiepolitischen Strategieplanungen wurde die Fixierung auf fossile Brennstoffe bislang kaum hinterfragt. Ressourcenkonflikte, globaler Klimawandel und der Super-GAU von Fukushima lassen jedoch an einer Fortsetzung bisheriger energiepolitischer Konzepte zweifeln. Politischer Handlungsbedarf ist gefragt - nicht nur in Südostasien.

Indonesien - Tanz auf dem Vulkan

Südostasiens größte Wirtschaft liegt auf dem pazifischen Feuerring, einer seismisch recht unruhigen Region aktiver Vulkane, Erdbeben und Tsunamis. Dennoch sind in Indonesien zwei Atomkraftwerke in Planung. Südkoreas Korean Electric Power Corporation (KEPC) soll die beiden Druckwasser-Atommeiler bis 2025 bauen. Als Standort war bislang Muria an der Nordküste Zentral-Javas auserkoren worden. Allerdings liegt dort ein aktiver Vulkan nur 30 Kilometer vom geplanten Standort entfernt.

Politischer Widerstand gegen Jakartas AKW-Projekte regen sich bei Umweltverbänden (Greenpeace, WWF) und der indonesischen Umweltorganisation WAHLI wie auch auf religiöser Seite: muslimische Geistliche hatten sich 2007 durch eine Fatwa (islamisches Rechtsgutachten) grundsätzlich gegen den Bau des Atommeilers bei Muria ausgesprochen. Anhaltende Proteste zwangen Indonesiens Regierung im April, einen neuen Standort zu bestimmen. An den Atomplänen wird jedoch weiter festgehalten.

Das rohstoffreiche Indonesien ist in Südostasien größter Produzent von Erdgas und Kohle, aufgrund gesunkener Förderquoten jedoch seit 2002 Netto-Erdölimporteur. Der Energiemix des Landes wird von Kohle und Erdgas bestimmt. Indonesien beabsichtigt, sein immenses Potenzial an geothermischer Energie in Zukunft verstärkt zu nutzen. Nach Berechnungen der Weltbank sollen rund 80 Millionen Indonesier noch nicht am Stromnetz angeschlossen sein.

Philippinen - Vorreiter bei alternativen Energien

Ein Leichtwasser-Reaktor (620 MW Leistung) wurde von dem US-Konzern Westinghouse auf der Insel Luzon in der Zeit von Ferdinand Marcos gebaut, 1986 jedoch von Corazon Aquino nach dem Reaktorunfall von Tschernobyl aus Sicherheitsgründen gestoppt. Der Standort Bantaan wird von Vulkanen umrahmt, u.a. dem Pinatubo, der 1991 weite Gebiete durch glühende Lava und Asche zerstörte, zur Evakuierung von zehntausenden Menschen zwang und 875 Todesopfer forderte. Seitdem ist das Thema Atomkraft auf den Philippinen ein politisches Tabu.  

Großprojekte stoßen auf den Philippinen seit Jahrzehnten auf scharfe Kritik bei betroffenen Bevölkerungskreisen. Anhaltender militanter Widerstand indigener Volksgruppen gegen den Bau des Chiko-Staudamms auf der Insel Luzon hatten die Weltbank bereits 1975 veranlasst, sich aus dem Projekt vollständig zurückzuziehen.   

Die Philippinen sind stark von Energieimporten abhängig. Das Energiemix-Profil des Landes: Kohle (27 Prozent), Wasser (21 Prozent), Erdöl (20 Prozent), Erdgas (18 Prozent), Geothermie (12 Prozent) und zu 34 Prozent  regenerierbare Energiequellen. In diesem Sektor nehmen die Philippinen eine führende Rolle in Südostasien ein.

Malaysia - Atomkraft ist vorerst kein Thema mehr

Obwohl im Januar 2011 die Malaysia Nuclear Power Corporation (MNPC) gegründet wurde, scheint das Thema Atomkraft in Kuala Lumpur nach dem Super-GAU von Fukushima vorerst vom Tisch energiepolitischer Optionen. Diskussionen über den Bau von zwei AKWs mit einer Leistung von je 1.000 Megawatt sind bislang nicht in eine konkrete Planungsphase übergegangen. Eine Standortsuche ist bisher nicht in die Wege geleitet worden.

Malaysia ist Südostasiens größter Erdöl-Exporteur und nach Indonesien zweitgrößter Erdgas-Produzent. Neue Erdölvorkommen wurden vor der Küste von Sabah und Sarawak  (Kalimantan) von Royal Dutch Shell (Niederlande/GB) und BHP Billiton (Australien) entdeckt. Der Energiemix des Landes setzt sich zusammen aus Erdgas, Wasserkraft und Öl.

Vietnam - an Atomkraft wird festgehalten

In Vietnam ist der Bau von zwei Druckwasser-Reaktoren in der Küstenprovinz Ninh Thuan im Süden des Landes in Planuing. Bis 2020 sollen diese mit einer Leistung von 4.000 Megawatt ans Netz gehen. Der staatliche Konzern Rosatom (Russland) konnte sich den Auftrag 2010 sichern. Eine Machbarkeitsstudie ist in Arbeit. Zwei weitere AKWs sollen von einem japanischen Konsortium unter Führung von Toshiba, Hitachi und Mitsubishi errichtet werden. An den Bauplänen wird in Hanoi festgehalten. Vietnams staatliche Presse meldete „große Zustimmung“ unter der Bevölkerung an den Standorten der geplanten Atomkraftwerke.

Wasserkraft steht in Vietnam als Energieträger mit 38 Prozent Anteil  an erster Stelle, gefolgt von Erdgas (30 Prozent), Kohle (18 Prozent) und Erdöl (5 Prozent). Vietnam verfügt über  Anthrazitkohle (ca. fünf Milliarden Tonnen) und sehr ergiebige Offshore-Erdölvorkommen im Golf von Bac Bo sowie vor der Küste Südvietnams. Weitere Erdöl- und Erdgaslagerstätten werden im Gebiet der Paracel- und Spratley-Inseln im Südchinesischen Meer vermutet. Allerdings verhindern dort überlappende Territorialansprüche zwischen China, Vietnam und anderen ASEAN-Staaten noch deren Erschließung und Förderung.

Kambodscha - Ein neues Erdöl-Dorado?

Atomare Ambitionen bestehen in Phnom Penh derzeit nicht. Bislang wird der Energiebedarf des Landes fast vollständig durch Erdölimporte aus Vietnam abgedeckt. Kambodschas Stromproduktion erfolgt weitgehend durch Dieselgeneratoren. Die Strompreise des Landes gelten als die höchsten aller ASEAN-Staaten. Fast sechzig Prozent der Bevölkerung hat noch keinen Stromanschluss. Um die hohe Abhängigkeit von Energieimporten zu vermindern, setzt die Regierung verstärkt auf Wasserkraft: einige Staudämme sind in Kambodscha bereits im Bau, weitere in Planung. China und Vietnam haben die Finanzierung übernommen.  

Kambodschas Chancen, sich künftig zu einem Selbstversorger bei Erdöl und Kohle zu entwickeln, werden im Land optimistisch eingeschätzt. Im Golf von Siam war ein Konsortium unter Führung des US-Konzerns Chevron bereits 2005 bei Probebohrungen fündig geworden. Die dortigen Erdölvorkommen werden auf eine Größenordnung zwischen 500 Millionen und zwei Milliarden Barrel geschätzt. 2012 soll die Förderung in Angriff genommen werden. Im Norden Kambodschas wurden zudem Kohlevorkommen (150 Millionen Tonnen) entdeckt.

Laos - Die Batterie Südostasiens

Atomkraft ist in Laos kein Thema. Das kleine Land mit nur knapp sechs Millionen Einwohnern wird gern als „Batterie Südostasiens“ bezeichnet, weil dessen Energiepotenzial  seine Nachbarländer ausreichend mit Strom versorgen könne. Laos nutzt Wasserkraft zur Energieproduktion, die durch eine Reihe von Staudämmen an den Zuflüssen zum Mekong erzeugt wird, der Laos auf einer Länge von über 2.000 Kilometern durchfließt. Die Wasserkraftprojekte werden u.a. von der Weltbank (USA), EGAT (Thailand) und EDF (Frankreich) finanziert und sind ganz auf die Bedürfnisse des energiehungrigen Thailand zugeschnitten, das den größten Teil des Stroms aufkauft. In Laos selbst ist nur rund ein Drittel der Bevölkerung an das Stromnetz angeschlossen.

Die Mega-Dammprojekte in Laos standen und stehen auch heute im Mittelpunkt scharfer Kritik. Deren Umwelt- und Sozialverträglichkeit wird von internationalen Umweltverbänden in Zweifel gezogen. Trotzdem sind in Laos weitere große Staudammprojekte in Planung. Die Eingriffe in das Mekong-Fluss-System haben bereits zu erheblichen Veränderungen des Wasserhaushaltes geführt. Betroffen sind nicht nur der Fischfang in Laos und dem Tonle Sap-See in Zentral-Kambodscha, der in der Regenzeit durch den Mekong gespeist wird. Gefahren drohen auch dem Reisanbau im Mekong-Delta Südvietnams durch reduzierte Wasserzufuhr.

Thailand - Die Regierung zieht AKW-Pläne zurück

Prognosen erwarten im Königreich bis 2022 eine Verdoppelung des Energiebedarfs und begründen damit den Bau von fünf Atomreaktoren. Diese sollen mit einer Gesamtleistung von 5.000 Megawatt ab 2020 ihren Betrieb aufnehmen. Machbarkeitsstudien des US-Unternehmens Burns & Roe liegen vor. Nach dem Fukushima-GAU in Japan kündigte Thailands Regierung eine Überprüfung der AKW-Projekte an. Als Alternative liegen Pläne für den Bau von zwei erdgasbetriebenen Kraftwerken mit je 800 MW-Leistung in der Schublade bereit. Sollten sich die Atompläne Bangkoks in absehbarer Zeit politisch nicht durchsetzen lassen, sollen weitere Kohlekraftwerke folgen.

Politischer Widerstand gegen Staudämme, Kraftwerke und Erdgasleitungen hat in Thailand eine lange Tradition und verursachte in der Vergangenheit wiederholt Projektverzögerungen und Kostensteigerungen. Energie-Großprojekte werden von der Regierung künftig als politisch nur schwer durchsetzbar eingeschätzt. Thailand importiert deshalb auf Grundlage langfristiger Lieferverträge Erdgas aus Burma und Malaysia sowie Strom aus Wasserkraft aus dem Nachbarland Laos.   

Thailands Energiemix wird derzeit zu knapp 70 Prozent von Erdgas dominiert. An zweiter und dritter Stelle folgen Kohle mit 18 Prozent und Wasserkraft (3,4 Prozent). Braunkohle-Vorkommen im Norden des Landes dienen dem Eigenverbrauch. Nach Regelung der strittigen maritimen Grenzziehung mit Kambodscha ist zu erwarten, dass auch Thailand Nutznießer der Erdölvorkommen im Golf von Siam werden wird.

Myanmar - Rohstoffreiches Land am Irrawaddy

Meldungen über Pläne des burmesischen Militärregimes, einen Leichtwasser-Reaktor (zehn MW Leistung) zu Forschungszwecken mit russischer Unterstützung zu bauen, hatten 2007 weltweit für Aufsehen gesorgt. Von exilburmesischen Oppositionsgruppen gestreute Informationen, Burmas Militärs strebten mit Unterstützung Nord-Koreas die Entwicklung von Atomwaffen an, haben sich bislang nicht bestätigt. 

Burma gilt als eines der rohstoffreichsten Länder Asiens. Unter dem Meeresboden seiner maritimen Wirtschaftszone schlummern riesige Erdgas- und Ölvorkommen. Wirtschaftlichen Sanktionen zum Trotz sind westliche Energiekonzerne, u.a. Chevron (USA) und Total (Frankreich), aber auch PTT (Thailand), Daewoo International (Süd-Korea) und Petronas (Malaysia) seit vielen Jahren groß im Geschäft. Im Golf von Martaban wird Erdgas gefördert, das via Pipeline nach Ratchaburi in Thailand transportiert wird. Bangkok überweist den burmesischen Militärs dafür jährlich rund eine Milliarde US-Dollar. Die Röhren der Erdgasleitung wurden von der Mannesmann AG in Deutschland geliefert.

Die Erdölvorkommen Burmas werden auf eine Größenordnung von 3,2 Milliarden Barrel geschätzt. Aktiv im Fördergeschäft sind bereits China National Petroleum (CNPC) und Sarubesneft (Russland). Eine Erdöl-Pipeline von Burma nach Yunnan in Südwest-China ist im Bau. China und Thailand wollen in den kommenden Jahren zudem Wasserkraftwerke am Salween-Fluss bauen, dessen Strom in ihre eigenen Netze eingespeist werden soll.

Singapur - Importe sichern Energieversorgung

Der dichtbesiedelte Stadtstaat Singapur mit knapp 4,6 Millionen Einwohnern besitzt keine eigenen Rohstoffvorkommen. Erdgasimporte aus Malaysia und Indonesien stellen die Versorgung  Singapurs mit Energie zu achtzig Prozent sicher. Weitere fünfzehn Prozent werden durch Erdölimporte abgedeckt. 2010 ließ die Regierung eine Machbarkeitsstudie für den Bau eines Atomkraftwerkes in Auftrag geben. 

Brunei - Ein Sultan schwimmt in Erdöl

Das kleine Sultanat Brunei an der Westküste der Insel Kalimantan ist Energieselbstversorger. Die reichen Erdgas- und Erdölvorkommen werden von einem Gemeinschaftsunternehmen unter Beteiligung von Royal Dutch-Shell (Niederlande/Großbritannien) gefördert und nach Japan, Süd-Korea, Taiwan und die USA exportiert. Trotz sinkender Förderquoten seiner fossilen Rohstoffe ist Kernenergie in Brunei (noch?) keine Option.

Timor-Leste - Kleines Land mit großen Energievorkommen

Vielversprechende Perspektiven für das nach Afghanistan zweitärmste Land in Asien: die Erdöl- und Erdgasvorkommen unter dem Meeresboden im Gebiet zwischen Timor-Leste (Ost-Timor) und Australien zählen zu den größten im asiatisch-pazifischen Raum. Ein Streit um konkurrierende Souveränitätsansprüche scheint zwischen beiden Ländern vorerst beigelegt zu sein. Die Förderung ist von Royal Dutch-Shell in Angriff genommen worden. Gewinne aus dem Verkauf sollen zwischen beiden Staaten aufgeteilt werden. Noch erfolgt die Stromproduktion auf der kleinen Insel durch Dieselgeneratoren. 2008 wurde ein erstes von Norwegen erbautes Wasserkraftwerk in Betrieb genommen. Das Stromnetz befindet sich im Aufbau.

Tendenzen in der Energiepolitik

Eine kurze Bestandsaufnahme verdeutlicht: die Länder Südostasiens sind unterschiedlich mit fossilen Brennstoffen ausgestattet. Einem steigenden Energiebedarf steht eine tendenziell sinkende Eigenförderung (bei Erdöl und Kohle) gegenüber. Noch konzentrieren sich Energieexporte auf nachfragestarke Märkte in Japan, Südkorea und Taiwan, zunehmend auch China. In zehn Jahren schon könnte ganz Südostasien jedoch zum Netto-Erdölimporteur werden. Regenerierbare Energieträger (Wasser, Geothermie, Sonne, Wind) spielen eine insgesamt untergeordnete Rolle. Nur Indonesien und die Philippinen nutzen Dank ihrer vulkanischen Geologie bereits in nennenswertem Umfang geothermische Energie.

Derzeit sind in Südostasien keine energiepolitischen Strategien erkennbar, die sich mit der Energieversorgung jenseits des Kohle- und Ölzeitalters befassen. Eine zumindest schrittweise Ablösung fossiler Energieträger ist nicht in Sicht. Energiepolitik bleibt auf den Einsatz von Erdöl, Kohle und Gas fixiert. Das Geschäftsmodell der Energiekonzepte beruht weiterhin auf zentralisierten Großkraftwerken. Eine Subventionspolitik hält die Energiepreise künstlich niedrig und belastet die Staatshaushalte. In Indonesien absorbierten Subventionen im Energiebereich 2010 fast 13 Prozent des Budgets. Gleichwohl können hohe Treibstoffpreise auch soziale Unruhen auslösen (Indonesien 1998, Burma 2007). In Thailand sind die gegenwärtigen Subventionen für Diesel und Benzin eindeutig innenpolitisch motiviert: im Juli 2011 sollen im Königreich Parlamentswahlen erfolgen. Energiesparsamkeit gilt bei konsumverwöhnten Städtern zudem als unpopulär.

Konflikte um knappe Rohstoffe

Eine sichere Energieversorgung ist schon lange nicht mehr nur eine Frage wirtschaftlicher  Wettbewerbsfähigkeit, sondern vielmehr auch eng verbunden mit nationaler Sicherheit. Der Wettlauf um den Zugriff und die Kontrolle von Rohstoffen hat bereits begonnen und in Ost- und Südostasien erste Spannungen und zwischenstaatliche Konflikte ausgelöst: im Ostchinesischen Meer um die Senkaku/Daioyu-Inseln (China/Japan), im Südchinesischen Meer um die Inselgruppen von Spratley und Paracel (China/Vietnam und weitere ASEAN-Staaten), im Golf von Bac Bo (China/Vietnam), im Golf von Siam (Thailand/Kambodscha) und schließlich in der Timor-See (Timor-Leste/Australien). Das Objekt der Begierde? Fossile Energierohstoffe!

Klimawandel soll Südostasien besonders treffen

Modellberechnungen zufolge werden Indonesien, die Philippinen, Thailand und Vietnam die  Folgen des globalen Klimawandels ganz besonders stark zu spüren bekommen. Sollte es zu einem prognostizierten Anstieg des Meeresspiegels kommen, dann würden dichtbesiedelte Küstengebiete langfristig zunehmend unter Wasser gesetzt und Millionen von Menschen zur Umsiedlung gezwungen werden. Klimaforscher sehen jedoch nicht nur Millionenmetropolen wie Bangkok, Jakarta, Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) und Manila im Wasser versinken. Auch das Mekong-Delta in Süd-Vietnam, heute das bedeutendste Reisanbaugebiet für 90 Millionen Vietnamesen, wird dann nicht mehr die Bevölkerung versorgen können. Schon heute nimmt im Delta eine Versalzung zu, ganz abgesehen von dem schleichenden ökologischen Kollaps durch den massiven Einsatz chemischer Input-Leitungen. Ernteausfälle, Hungersnöte und soziale Unruhen würden die Folge sein. Trotz dieser (langfristig!) dramatischen Prognosen ist Klimawandel in Südostasien kein Thema.

Indonesien (Bevölkerung 2010: 240 Millionen Menschen) ist mit fast 400 Millionen Tonnen  Südostasiens größter CO2-Produzent. Der Grund dafür liegt insbesondere im Raubbau seiner tropischen Regenwälder. Diese dienen eigentlich als Kohlendioxid-Speicher, da sie Treibhausgase filtern und CO2-Emissionen binden. Mit Abholzung und Brandrodung gelangt gespeichertes Kohlendioxid jedoch wieder in die Atmosphäre und verstärkt den globalen Treibhauseffekt. Vor diesem Hintergrund ist somit auch der weiträumige Anbau von Ölpalmen auf der Insel Sumatra zur Gewinnung von Biosprit als ein Schritt in die falsche Richtung zu bewerten. Gleichwohl verlagern auch Emissionshandel, unterirdische CO2-Deponierung & andere scheinbar kreative Ideen ein globales Problem, das einschneidende Veränderungen verlangt - im Denken und in der politischen Praxis.       

Energie, Sicherheit und Klima - Problemfelder der Zukunft

Trotz medienwirksam begleiteter UN-Klimakonferenzen von Kyoto, Bali und Kopenhagen findet ein öffentlicher Diskurs über den Zusammenhang von Energiepolitik, Klimawandel und einer neu zu definierenden Sicherheitspolitik in Südostasien nicht statt. 

Fast alle Länder Südostasiens haben das Kyoto-Protokoll zum internationalen Klimaschutz (1997) der UN-Klima-Rahmenkonvention von 1992 zwar ratifiziert, sich aber nicht zu einer verbindlichen Reduzierung ihrer CO2-Emissionen verpflichtet. Einigkeit bestand darin, einen globalen Temperaturanstieg von maximal zwei Prozent zuzulassen. „Es bleibt zu hoffen, dass sich auch das Klima daran hält“ - so Harald Welzer, Verfasser des Buches „Klimakriege“.  Eine strategische Neuausrichtung in der Energiepolitik ist in Südostasien nicht in Sicht.

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Literatur:

Claus Leggewie/Harald Welzer: Das Ende der Welt, wie wir sie kennen - Klima, Zukunft und Chancen der Demokratie.

Frankfurt/Main: Fischer Verlag, (3. Auflage) 2009. 278 Seiten. ISBN 3100433114.

Harald Welzer: Klimakriege. Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird.

Frankfurt/Main: Fischer Verlag, 2008. 300 Seiten. ISBN 3100894332.

Michael T. Klare: Resource Wars. The New Landscape of Global Conflict.

New York: Henry Hott, 2002. 304 Seiten. ISBN 978-0805055764.

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