Streit um Koffer von Louis Vuitton in MoskauMOSKAU

Der Koffer vom Roten Platz

Streit um Koffer von Louis Vuitton in Moskau

Die französische Modefirma Louis Vuitton musste das riesenhafte Modell eines Reisekoffers vom Roten Platz entfernen. Nach Kritik der Öffentlichkeit wollte im Kreml plötzlich niemand die Genehmigung für den Aufbau des Monstrums gegeben haben.

Von Ulrich Heyden

Der Koffer vom Roten Platz, der die Moskowiter schockte. So zeigte ihn der Fernsehsender mir24.tv.
Der Koffer vom Roten Platz, der die Moskowiter schockte. So zeigte ihn der Fernsehsender mir24.tv.

Der Koffer sah eigentlich ganz passabel aus. Bloß etwas groß war er geraten. Um genau zu sein, neun Meter hoch und 30 Meter lang. Doch nachdem das Riesenteil zwei Wochen auf dem Roten Platz stand, kam von der Kreml-Verwaltung am Mittwoch überraschend die Anweisung, „sofort abbauen“. Der Koffer habe wegen seiner Ausmaße unter den Moskauer „zweifelnde Reaktionen ausgelöst“, gesteht das berühmte Kaufhaus GUM in einer Erklärung ein. Das Kaufhaus hatte die PR-Aktion des französischen Modehauses aus Anlass des 120jährigen GUM-Jubiläums organisiert. Das Kaufhaus hatte bei städtischen und föderalen Behörden die nötigen Genehmigungen besorgt, erklärte der für die strategische Entwicklung des GUM zuständige Manager, Michail Kusnirowitsch. Doch aus dem Kreml gab es für diese Behauptung keine Bestätigung, sondern betretenes Schweigen. 

Ein Schock für die Moskauer

Nach den Plänen der Veranstalter sollte in dem Riesen-Koffer in den nächsten zwei Monaten eine Ausstellung von besonderen Vuitton-Taschen zu sehen sein. Das Eintrittsgeld von fünf Euro sollte einer Stiftung für Kinder übergeben werden. Doch daraus wird nun nichts.
Die Riesenhaftigkeit des Koffers war für viele Moskauer ein Schock. Russische Wahrzeichen, wie die Basilius-Kathedrale, waren nun plötzlich nicht mehr zu sehen. Um den Koffer in die russische Realität einzupassen und Kritikern den Wind aus den Segeln zu nehmen, hatten die PR-Leute der Modefirma den Koffer mit Bändchen in den Farben der russischen Trikolore verziert. Zudem erklärte die Firma, das viereckige Modell sei die Kopie eines Reise-Koffers von Fürst Wladimir Orlow, einem engen Vertrauten des letzten russischen Zaren, Nikolaus II.

Für Ruslan, einen Moskauer Rentner, war die Sache klar. „Das ist eine Beschämung für unser Land. Wir verkaufen uns an jeden. Wir denken nur noch an Business, Business, Business“, erklärte der Pensionär gegenüber der englischsprachigen Moscow Times. Dabei habe der Mann „verzweifelt mit den Armen gerudert“, vermerkte das Blatt.

Weltkulturerbe als Werbeplattform

Unklar ist bisher, warum hat sich gerade an dem Koffer so viel Kritik entzündete. Seit Jahren schon ist die Stadt voller riesiger Werbeflächen für teure Autos, Uhren und Parfüms aus dem Westen. Der Rote Platz verliert immer mehr sein traditionelles Gesicht, weil dort westliche Rock-Größen aufspielen, Eishockeyspiele stattfinden und für die Firma Dior geworben wird.  Es gäbe Kritik von den Bürgern und Abgeordneten der Kommunistischen Partei am Riesenkoffer, berichteten Moskauer Zeitungen Anfang der Woche. Der Rote Platz gehöre seit 1990 immerhin zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Die Stadtverwaltung erklärte Anfang der Woche, man werde prüfen, ob es sich bei dem Koffer um Reklame handelt. Diese Erklärung erstaunte, ist doch den Russen das Design der Firma Vuitton durchaus ein Begriff und das nicht erst seit 2007, als sich ein gewisser Michail Gorbatschow mit einer Tasche des französischen Modehauses für Werbefotos ablichten ließ.
Wer jedoch denkt, Louis Vuitton sei in Russland nur eine Edelmarke, täuscht sich. Viele Russinnen, die auf Chic Wert legen, kaufen Louis-Vuitton-Imitate aus China auf russischen Freiluftmärkten.

Schließlich war es soweit, der Volkszorn hatte gesiegt. Bau-Arbeiter begannen mit Hilfe großer Kräne, den Riesen-Koffer auf dem Roten Platz abzubauen. Michael Berg, Louis-Vuitton-Generaldirektor machte aus seiner Enttäuschung gegenüber dem Kommersant keinen Hehl, erklärte aber, die guten Beziehungen zum Kaufhaus GUM – dort werden hauptsächlich Luxuswaren westlicher Firmen verkauft - wolle man auf jeden Fall aufrechterhalten. Dass der Koffer abgebaut werden muss, findet Berg rätselhaft. „Ich verstehe ehrlich gesagt überhaupt nicht, was in den letzten zwei Tagen in Moskau passiert ist“, erklärte der Manager gegenüber dem Blatt.

„Pseudo-patriotische Hysterie und anti-westliche Gefühle“

Und was sagen die liberalen Politologen in Moskau? Wladimir Slatinow vom Institut für Humanitäre und politische Forschung glaubt der Grund für den Koffer-Abbau sei die „pseudo-patriotische Hysterie und die anti-westlichen Gefühle in der russischen Gesellschaft“. Tatsächlich ist es aber wohl so, dass Russland zwischen westlichem Kommerz und der Suche nach nationaler Identität zerrissen ist und sich nicht entscheiden kann, was immer wieder zu komischen Situationen führt, weil die politische Führung mit verschiedenen Zungen spricht oder sich vor eindeutigen Stellungnahmen drückt.

Weil die Ausstellung von Louis-Vuitton-Taschen im Riesenkoffer nun nicht stattfinden kann, hat die Verwaltung des GUM der Wohltätigkeits-Stiftung, welche die Eintrittsgelder der Ausstellung bekommen sollte, Ersatz versprochen. Alles Geld, welches die Eislaufbahn auf dem Roten Platz im Dezember einbringt, solle der Stiftung für bedürftige Kinder übergeben werden.

So kann sich eigentlich Niemand beschweren. Bürger können wieder über den Roten Platz spazieren ohne sich zu ärgern, Louis Vuitton bleibt im Gespräch und ein paar Kinder bekommen soziale Unterstützung.

Russland Wirtschaft

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