Süße Erinnerungen an den Roten OktoberMOSKAUER SCHOKOLADENFABRIK

Süße Erinnerungen an den Roten Oktober

Süße Erinnerungen an den Roten Oktober

Russen lieben Schokolade. Ausgerechnet ein Deutscher war es, der Mitte des 19. Jahrhunderts die kakaohaltige Süßigkeit nach Russland brachte. Noch heute führt Moskaus bekannteste Schokoladenfabrik „Krasnyj Oktjabr“ ihren Gründer Theodor Ferdinand von Einem im Namenszug. In diesem Jahr jedoch soll der historische Betrieb am Moskwa-Ufer abgerissen werden - und noblen Appartements wie Einkaufspassagen weichen.

Von Dana Ritzmann

Eine Zugbegleiterin überprüft eines der Luxusabteils – im „Grand Express“ muß alles stimmen.  
Museumsmitarbeiterin Marina Schdanowitsch zeigt alte Werbeplakate und Postkarten aus der Zeit, als die Moskauer Schokoladenfabrik der Firma Einem Hoflieferant des Zaren wurde.
(Foto: Dana Ritzmann)
 

D ass die Menschen zwischen Moskau und Wladiwostok ein süßes Volk sind, das gezuckerten Tee genauso liebt wie klebriges Beerenmus, Pralinen und Schokolade, ist bekannt. Dabei war es ausgerechnet ein Deutscher, der Mitte des 19. Jahrhunderts die kakaohaltige Süßigkeit nach Russland brachte. Noch heute führt Moskaus bekannteste Schokoladenfabrik „Krasnyj Oktjabr“ (Roter Oktober) auch ihren Gründer im Namenszug.

Theodor Ferdinand von Einem, ein gebürtiger Württemberger, war 24, als er beschloss, sein Glück in Moskau zu versuchen. 1851 eröffnete er eine kleine Konditorei am Arbat, wo er fünf Arbeiter mit der Zuckerherstellung und Schokoladenfabrikation beschäftigte. 1867 baute von Einem seine erste Schokoladenfabrik, am Sophienufer direkt gegenüber vom Kreml, und stellte 100 Leute ein.

Nach von Einems Tod 1876 expandierte die Firma weiter. Eine Fabrik für kandierte Früchte und andere Köstlichkeiten entstand in Simferopol. In Moskau selbst errichtete von Einems Nachfolger Julius Heuss die für damalige Verhältnisse größte und modernste Süßwarenfabrik des Landes an der Südspitze der Jakimanka-Insel. Der mächtige Backsteinbau steht bis heute, produziert bis zu 60.000 Tonnen Schokolade und Pralinen im Jahr. 2500 Leute sind in der 1992 in eine Aktiengesellschaft umgewandelten Fabrik beschäftigt.

Das Fabrikmuseum erinnert an die Gründerzeit durch einen schwäbischen Konditor

  St. Petersburg – Moskau. Der „Grand Express“ pendelt täglich zwischen den beiden großen Metropolen Russlands.
  Arbeiterinnen in der Produktion der berühmten Schokoladenfabrik „Krasnyj Oktjabr“.
(Foto: Dana Ritzmann)

Inzwischen ist der Betrieb hochmodernisiert, die Atmosphäre ist von hektischer Aktivität erfüllt. Dutzende weißbeschürzte Arbeiterinnen kontrollieren den Gang der Maschinen, die fingerkuppengroße Karamellpralinen in bedruckte Folienhüllen wickeln oder Schachteln falten, die die  legendären Mischka-Waffeln beinhalten – jenen Konfekt-Klassiker, den schon Heuss vor hundert Jahren produzieren ließ.

Dokumentiert wird dies in dem 1994 eingerichteten Fabrikmuseum. Voller Stolz zeigt die passionierte Museumsmitarbeiterin Marina Schdanowitsch ein altes Rezeptbuch von Einems, Postkarten und Plakate, die zu Werbezwecken eingesetzt wurden, sowie Pappschachteln und Blechkisten mit historischen Motiven aus der russischen Geschichte. „Diese Pralinenschachtel war damals so viel wert wie eine Kuh auf dem Markt“, erklärt sie und verdeutlich damit gleichzeitig, dass sich zur Zeit der Jahrhundertwende nur die Reichen und Adligen die von Hand gefertigten Leckereien leisten konnten.

„Hier steht geschrieben, dass die Arbeiterinnen keine Nadeln in der Kleidung tragen sollen, weil dies zu Verletzungen bei den Kontrolleuren führen kann.“ Mit einem Lächeln zeigt die Museumsmitarbeiterin Schdanowitsch auf das alte Schild am Fabrikausgang. Das Unternehmen „Einem“ galt schon lange vor dessen Verstaatlichung 1917 als eine Art Arbeiterparadies. Zusätzlich zu ihrer Ausbildung bekamen die jungen Leute Unterricht im Lesen und Schreiben, lernten ein Instrument zu spielen oder im Chor zu singen. Gleichzeitig herrschte strenge Disziplin. Es war bei Strafe verboten, Süßigkeiten unerlaubt aus der Fabrik mit nach Hause zu nehmen.

Auf der „goldenen Insel“ entstehen Luxus-Appartements

Heute müssen zumindest die Besucher ihre Taschen gleich vor der Besichtigung abgeben. Allerdings gibt es dann zum Tee nach Abschluss der Schokotour, die insgesamt 530 Rubel (16 Euro) kostet, auch eine Tüte voll Pralinen und Schokolade zum Mitnehmen. Für besondere Anlässe kann man direkt in der Fabrik handgearbeitete Schokoladenfiguren bestellen – einen Geschäftsmann, der im Geld badet, eine Schale Erdbeeren, einen Fußball oder das Logo der eigenen Firma aus Schokolade.

Bleibt nur zu hoffen, dass das kunstvolle Kakaorelief von „Krasnyj Oktjabr“ nicht bald alles ist, was von der Traditionsfirma übrig bleibt. Noch im Laufe dieses Jahres soll die Schokofabrik aus ihren alten Gemäuern am Ufer der Moskwa wegziehen, in den Norden der Stadt. Dort produziert „Babajewskij“ - eine der 13 weiteren russischen Süßwarenhersteller, mit denen „Krasnyj Oktjabr“ seit vier Jahren in einer Holding zusammenarbeitet. Von dem historischen Firmensitz gegenüber der Erlöserkathedrale soll nur das zentrale Gebäude mit dem alten Kontor, dem historischen Arbeitszimmer von Julius Heuss und dem Museum inklusive einer Vorführanlage erhalten bleiben. Auf der „Goldenen Insel“, wie die Jakimanka von Moskaus Bürgermeister Jurij Luschkow betitelt wurde, sollen Luxusappartements, Einkaufszentren und großzügige Parks entstehen. Für eine Fabrik von sechs Hektar Fläche ist dann kein Platz mehr.

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Dana Ritzmann ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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