TV-Serie „Güldünya“ – „Rufen Sie an, bevor es zu spät ist!“TÜRKEI

TV-Serie „Güldünya“ – „Rufen Sie an, bevor es zu spät ist!“

Mit einer Fernsehserie, die Fälle von Frauenmisshandlungen dokumentiert, wurde eine Erste-Hilfe-Hotline in der Türkei landesweit bekannt. Auch wenn die Serie mittlerweile abgesetzt wurde, hat sie doch das öffentliche Bewusstsein für die Problematik wecken können.

Von Semiran Kaya

D ie türkische TV-Serie „Güldünya“ hat in der türkischen Gesellschaft zur Sensibilisierung im Umgang mit dem Thema Gewalt gegen Frauen und Familien beigetragen. Gewalt gegen Frauen ist kein Einzelfall in der Türkei. Laut Statistik gehört sie für jede dritte Frau im Land zum Alltag. Wahrgenommen in der Gesellschaft wird sie aber erst, wenn Frauen erstochen oder erschossen werden, in vielen Fällen vom Vater, Ehemann oder Bruder.

Aktuelle Zahlen der türkischen Generaldirektion für Frauen belegen zudem, dass jede vierte Frau durch die Gewalt vom Ehemann oder Partner verletzt und jede zehnte Frau von ihnen während der Schwangerschaft geschlagen wird. Kommen also Frauen „nur“ mit ein paar Brüchen oder Messerstichen davon, haben sie Glück.

Der Fall von Güldünya

Andere, wie Güldünya, überleben die Übergriffe der Männer nicht. Allein in den vergangenen zwei Märzwochen starben zwölf Frauen an zwölf Tagen durch brutale Männer-Attacken, meldet das unabhängige Medienportal „bianet“.

Güldünya, eine 22jährige Türkin aus der südostanatolischen Stadt Bitlis, wurde von ihrem Vetter vergewaltigt und kurz nach der Geburt des Kindes von ihrem 20jährigen Bruder erst auf offener Straße angeschossen, dann in einem Istanbuler Krankenhaus mit einem Kopfschuss niedergestreckt.

Heute, nach fünf Jahren, beschäftigt die Menschen noch immer der Mord an Güldünya. Denn Frauen, die der familiären Gewalt ausgesetzt sind, machen dies zumeist nicht öffentlich. Genau dies aber tat die gleichnamige Fernsehserie „Güldünya“, zu Deutsch „Blumenwelt“, und brach damit ein gesellschaftliches Tabu. Denn Zwangsverheiratungen, Misshandlungen, Vergewaltigungen und Ehrenmorde werden noch immer vertuscht oder nur mit geringen Strafen geahndet.

Ausweg aus der Misere

Weit verbreitet: Die Gewalt von Männern gegen Frauen gehört in vielen Städten der Türkei noch immer zum traurigen Alltag.  Die Initiatoren, die erste Frauennotrufzentrale der Türkei und der bekannte Privatsender Star TV, ließen sich vom Istanbuler Frauenhaus „Mor Cati“ beraten. Entsprechend authentisch wurden denn auch die Fälle von Misshandlungen in der Serie nachgestellt.

Sie alle spielten sich zwar in Istanbul ab, hätten aber genauso gut in jeder beliebigen Stadt in der Türkei stattfinden können. Denn die Notrufnummer, die die Frauen in der Serie wählten, ist die echte.

Wie in der Serie selbst, wurde den Frauen nach jeder Sendung geraten „anzurufen, bevor es zu spät ist“. Somit konnten sich Frauen aus der gesamten Türkei bei der Hotline melden und sich - wie in der Serie - einen Ausweg aus ihrer Misere zeigen lassen - ein Sozialexperiment mit großem Erfolg.

Aufwertung der Frauenarbeit

„Nach der Serie liefen unsere Leitungen heiß. Wir bekamen viel mehr Aufmerksamkeit als wir durch eigene Aktivitäten hätten erreichen können“, resümiert Merve Arbas von der Hotline.

Und sie lässt sogleich die Zahlen sprechen, die die psychologisch geschulten Frauen sowie zwei Anwältinnen sieben Tage die Woche rund um die Uhr in der landesweit ersten „Notrufzentrale gegen innerfamiliäre Gewalt“ seit Oktober 2007 bewältigt haben: 12.900 Anrufe, davon 3.900 verletzte Frauen und Kinder durch familiäre Gewalt, 220 Notfälle und 220 Frauen, die bis ins Frauenhaus begleitet wurden.

Am meisten aber freut sich Arbas über die weitere Sensibilisierung der örtlichen Polizei als Folge der TV-Serie: „Wir haben 96 Polizeibeamte im Umgang mit Gewalt in den Familien geschult und die weit verbreitete Ansicht in der Polizei, 'dein Mann liebt dich, wenn er dich schlägt', hat durch die Serie weiter an Boden verloren.“

Bildung schützt vor Schlägen nicht

Dass Gewalt bildungsunabhängig ist, sprich, Bildung nicht vor Gewalt schützt, ist die wichtigste Erkenntnis, die die Frauen durch Güldünya gewinnen konnten, erklärt Fatma Budak vom Frauenhaus „Mor Cati“. Doch das positive Image der Frauenhäuser, das durch die Serie vermittelt wird - Frauenhäuser, die bis dahin als Gefängnisse verschrien waren -, erleichtere die Arbeit.

Mit „Güldünya“ ist die Hotlinenummer bis in den Osten des Landes vorgedrungen. Hier, in der stark benachteiligten und konservativen Region, erhielten auch die unabhängigen Frauenvereine Anerkennung und Aufwertung ihrer sonst eher müde belächelten Arbeit.

„Hier gibt es noch viele Ehrenmorde, der letzte geschah vor zehn Tagen“, erzählt Emine Baz vom Frauenverein in Van. „Im Osten eine Frau zu sein, ist viel härter und schwieriger. Mit ‚Güldünya’ merkten die Frauen, dass sie mit ihrem Schicksal nicht alleine dastehen und etwas machen konnten. “Lediglich die Tatsache, dass in der Serie ein Mann im Frauenhaus arbeitete, störte sie.

Mangelnde Courage der Frauen?

„Güldünya“-Regisseur Ömür Atay nimmt diese Kritik gelassen auf und verweist auf all die Jugendlichen und jungen Männer, die im Namen der Ehre all die Morde oder Gewalttaten ausüben. Weil aber Öffentlichkeit genau das ist, was die Täter nicht wollen, weiß Atay, warum die Serie trotz großer Resonanz zu wenige Zuschauerzahlen hatte und deswegen schließlich eingestellt wurde:

„Männer sind nicht nur im Alltag dominant, sondern auch im Fernsehen. Sie wollen sich nicht negativ dargestellt wissen. Aber entscheidend ist doch auch, dass sich Frauen nicht durchsetzen können. Ihnen fehlt meist der Mut.“

Eine Frage des Geldes

Auch wenn das gerade eingesetzte Umdenken sowie gesellschaftliche Aufklärung zum Thema familiäre Gewalt durch die Einstellung der Serie nun wieder gestoppt wurde, so hat die Serie doch einiges bewirkt: die Nummer der einzigen Notrufzentrale kennen mittlerweile nicht nur die türkischen Zuschauer. Auch türkischsprachige Migranten aus Deutschland, Muslime aus Frankreich, den USA und dem Iran nutzen das Angebot.

Damit aber nicht auch noch die Hotline eingestellt wird, haben sich 13 berühmte Sängerinnen - wie die Popdiva Sezen Aksu - zusammengetan und die gleichnamige CD „Güldünya - Lieder von Frauen für Frauen“ herausgebracht.

Das Konzert hierzu brachte der Frauennotrufzentrale 50.000 Euro ein. „Mor Cati“, das einzige Frauenhaus Istanbuls aber wird geschlossen. Der Grund: die Finanzierung durch EU-Gelder ist abgelaufen.

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Die „24-Stunden-Notrufzentrale gegen innerfamiliäre Gewalt“  (24 saat acik olan aile ici siddet acil yardim hatti): Tel: 0090-212-596 96 96

© Qantara.de 2009 – dieser Beitrag wird vom Eurasischen Magazin mit freundlicher Genehmigung von Qantara nachveröffentlicht.

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