Tatarisches Grab in Sachsen seit 200 Jahren gepflegt von DeutschenVÖLKERSCHLACHT

Tatarisches Grab in Sachsen seit 200 Jahren gepflegt von Deutschen

Tatarisches Grab in Sachsen seit 200 Jahren gepflegt von Deutschen

Die islamische Ruhestätte bei Kleinbeucha erinnert an den Offizier Mustafa, der in den Napoleonischen Kriegen zur Befreiung Europas sein Leben gelassen hat.

Von Mieste Hotopp-Riecke

Das renovierte Tatarengrab von Kleinbeucha/Sachsen.
Das renovierte Tatarengrab von Kleinbeucha/Sachsen.
Foto: D. Usmanova

A uf einem Hügel im Bornaer Land südlich von Leipzig befindet sich ein besonderes Kulturdenkmal islamisch-christlicher Geschichte: Das Grab vom Offizier „Jussuf, Sohn des Mustafa“, der hier im Jahre 1813 begraben wurde. Angeblich kamen noch einige Jahre nach dem Begräbnis „Verwandte und Bekannte aus dem fernen Rußland, um das Grab zu pflegen“. Wenn auch wahrscheinlicher ist, dass Jussuf ein Tatare aus Polen-Litauen war, steht eines fest: Die Grabstätte würde ohne die liebevolle unermüdliche Betreuung durch die sächsischen Bürger von Kleinbeucha heute nicht mehr Zeugnis ablegen können von der bitteren Zeit der Napoleonischen Kriege.

Damals kämpften auch Tausende Muslime und Buddhisten – Tataren von Wolga und Krim, Baschkiren und Kalmücken aus den eurasischen Steppen - als Soldaten der russischen, preußischen und sächsischen Armee auf allen Seiten der Kriegsgegner. Im November 2011 wurde nun dieses Grab der Öffentlichkeit frisch renoviert übergeben.

Wer war Jussuf, der Sohn des Mustafa?

Durch die Jahrhunderte fand das Grab und die Überlieferung von Jussuf, dem muslimischen Offizier aus dem Osten, Eingang in die Regionalgeschichte, in die sächsische Sagenwelt und die Alltagskultur der Menschen. Eine Überlieferung zum Tatarengrab geht zurück auf Anton August Bonaventura Hofmann, Pfarrer von 1839 – 1879, die besagt: „…Ein Teil dieses Dorfes, Kleinbeucha genannt, hat eine der schönsten Lagen in hiesiger Gegend, und ein aus dem letzten Völkerkriege herstammendes, auf freiem Hügel gelegenes, mit Arabischer und Türkischer Inschrift versehenes, von einem Mufti geweihtes, von der Fränkischen Habsucht 1813, durchwühltes, mit einem erhöhten Sandstein geschmücktes und von vaterländischen Linden umschattetes Türkisches Grabmal…“ (Quelle: Sachsens Kirchengalerie; 6. Band – Verlag Hermann Schmidt, 1840).

In der Regionalgeschichte der lokalen Heimatforscher ist dieser Jussuf mal Baschkire, mal Russe, mal Türke oder Tatar. Er sollte aus den fernen Steppen der Mongolei stammen oder aus den südlichen Weiten Russlands – der Varianten gibt es viele. Auf den Originalgrabsteinen soll gestanden haben: „1813 roku Wachscheff - Jusuph, der Sohn des Mustafa, der Gutmütige und Tapfere“ und „Nichts ist gut außer Gott und Muhammed dem Propheten Gottes“.

Ein tatarischer Reiter aus Polen-Litauen?

Tatarische Soldaten von der Krim und aus dem Wolga-Ural-Gebiet fochten in allen Armeen der damaligen Kriegsgegner: In den diversen Kosaken- und Ulanenverbänden aller Armeen wie auch in den nach Rekrutierungs- und Stationierungsgebieten benannten Einheiten, etwa denen aus Ufa, Simferopol, Perekop usw. Das Verwenden von „roku“ für die Jahresangabe auf dem Originalstein ist Indiz dafür, dass es sich um einen Lipka-Tataren aus Polen-Litauen gehandelt hat. Das polnische rok oder das ukrainische pік (Rık) wäre nicht von Wolga- und Krim-Tataren der russischen Armee verwendet worden.

Tatarische Reiter aus Polen-Litauen waren sowohl in der Napoleonischen Armee als auch in den Armeen der Alliierten zu finden. Gesichert ist etwa, dass die Eskadron der Lipka-Tataren unter Hauptmann Sultan Ulan und Leutnant Hassan Aleb-imam an den Schlachten von Großgörschen, Bautzen, Dresden und Leipzig teilnahmen und nach Beendigung des Krieges in die Dienste Alexanders I. traten. Aber auch in der sächsischen Armee dienten seit der polnisch-sächsischen Doppelmonarchie August des Starken polnische Tataren und sogar der preußischen Armee gehörten um 1800 einige tausend muslimische Tataren an. Legendär ist ihr General von Günther und dessen enge Beziehung zu diesen muslimischen Lanzenreitern. Sicher scheint also bisher: Es war kein Baschkire, Russe oder Türke, sondern sehr wahrscheinlich ein Tatare aus Polen-Litauen. Allerdings bleiben Fragen offen: Wer war damals fähig, arabische Schrift in die Grabsteine zu meißeln, wer übersetzte die Grabinschriften ins Deutsche, in welcher Einheit diente der Offizier Jussuf und welcher Mufti weihte das Grab?

Die Sage vom Tatarengrab
Am Waldrande bei Kleinbeucha liegt das Tatarengrab. Zwei Porphyrplatten mit fremden Schriftzeichen bedecken es; zwei Linden, eine zu Häupten, die ändere zu Füßen, beschatten den Hügel. Hier ruht der tote Hetmann der Tataren. Wahrlich ein schöner Ort, an dem er ungestört von Rossgewieher und Schlachtengetöse von seiner fernen Heimat träumen kann. Tapfer kämpfte er in der Schlacht bei Leipzig. In einem Gefecht bei Kleinbeucha wurde er schwer verwundet. Seine Getreuen brachten ihn in das Dietrichsche Gut, wo er starb.

Jahre sind vergangen. Wieder ist Herbst. Goldener Sonnenschein lagert über den Feldern, wo der Schäfer mit seinem treuen Wolf die Schafe hütet. Da stört auf einmal etwas Sonderbares die Stille. Die furchtsamen Schafe drängen sich zusammen. Wolf, der mutige, allzeit kampfbereite Kumpan verkriecht sich ängstlich hinter seinem Herren. Da kommt ein kleines Männlein mit langem weißen Barte auf den Schäfer zugetrippelt. Der schaut auf, lässt den Strickstrumpf fallen und blickt mit großen verwunderten Augen den Zwerg an. „Nimm dies“, spricht der Zwerg, „es ist ein Zauberbuch, wodurch du dir großen Reichtum verschaffen kannst. Greife schnell zu, denn nur einmal aller hundert Jahre darf ich meinen Schatz einem Menschen anbieten.“

Der fromme Schäfer aber wendet sich ab. Redliche Arbeit ist sein Leben lang seine Freude gewesen. Darum mag er nichts mit Zauberei zu tun haben. Da geht das Männlein wieder davon. Beim Tatarengrab verschwindet es im Walde. Dort, wo noch heute Mauerreste eines verschwundenen Dorfes zu sehen sind, muss es nun wieder hundert Jahre schlafen.

(Quelle: Heimatblätter aus dem Bornaer Land. Borna: Heimatverein des Bornaer Landes e.V., 7, 1998, S. 73).

Gemeinsame deutsch-tatarische Forschung und Gedenkfeier 2013

Diesen Fragen solle die Wissenschaft nachgehen, so der Ehrenvorsitzende des Heimatvereins Bornaer Land, Helmut Hentschel. Er ist hauptsächlich verantwortlich für die Renovierung des Grabes. Er ist hauptsächlich verantwortlich für die Renovierung des Grabes und hatte Kontakte zur „Landsmannschaft der Krimtataren in Deutschland e.V.“  und zu Turkologen in Berlin geknüpft. Der Zufall wollte es, dass auch zwei tatarische Historiker zu einem Forschungsaufenthalt in Berlin weilten: So kamen zur Neueinweihung des Tatarengrabes zusammen mit Dr. Mieste Hotopp-Riecke vom ICATAT Berlin auch Frau Prof. Dr. Dilyara Usmanova und Herr Prof. Dr. Iskander Gilyazov vom Institut für Geschichte der Föderalen Staatsuniversität in Kasan, der Hauptstadt der Republik Tatarstan sowie der tatarische Journalist Nassur Juruschbaejew aus Leipzig. Zusammen mit tatarischen Philologen und Historikern von der Halbinsel Krim, aus Polen und Litauen wolle man das Rätsel um Offizier Jussuf lüften, so Gilyazov.

Die Renovierung 2011 umfasste das Erstellen eines neuen Grabsteines, die Aufstellung einer Stahlstele mit Informationen zur Geschichte des Grabes und eine Gedenkplakette am ehemaligen Siechenhaus des Ortes, wo der Tatarenoffizier verstarb. Möglich wurde dies vor allem durch das Engagement der deutschen Vereine vor Ort und der finanziellen Unterstützung von Seiten der „Kultur- und Umwelt-Stiftung Leipziger Land“ der Sparkasse Leipzig. Der Festverein Beucha, das Kultursekretariat des Zweckverbandes „Kulturraum Leipziger Raum“ und der Heimatverein Bornaer Land wollen auch in Zukunft dem Gedenken an die muslimischen Soldaten der Napoleonischen Kriege Raum geben, indem sie sich um das Tatarengrab kümmern. Wie die Wirtin des Gasthofs Beucha, Iris Rische, betonte sei dies eine schon längst völlig normale Tradition der Anwohner: „Für uns ist die Pflege des Tatarengrabes schon immer Teil unseres Alltags. Schon meine Mutter schrieb 1943 einen Schüleraufsatz über das Grab. Lehrer wie Christian Gottlieb Winkler (von1808-1827, d. Verf.) und Mitte des 20. Jahrhunderts Herr Thomalla motivierten ihre Schüler immer zu Respekt und Pflegearbeiten dort.“

Unter der Bevölkerung hat sich schon seit dutzenden Jahren eingebürgert „bei Jussuf“ einen Kaffee zu trinken und wenn ein Liebespaar spazieren geht, heißt es „wir gehen mal zum Jussuf“. Der lichte Waldessaum auf der Anhöhe mit Blick über Felder und Wiesen als auch der exotische Hintergrund des Ortes stimme eben melancholisch…

Großer Festakt geplant mit Nachkommen der Herrscherhäuser

Wie der Direktor der Stiftungen der Sparkasse Leipzig und geschäftsführende Vorstand der „Kultur- und Umwelt-Stiftung Leipziger Land“, Stephan Seeger, in seiner Festrede bekannt gab, wird auch für die Jahre 2012/2013 ein Budget für die Förderung von Aktionen im Zusammenhang mit dem Tatarengrab im Kontext der Gedenkfeiern zum 200. Jubiläum der Völkerschlacht Leipzig bereit gestellt werden. Für dieses Jahr ist an ein Symposium zur multiethnischen Militärgeschichte am Beispiel des Tatarengrabes und eine entsprechende Publikation gedacht. Die Wissenschaftler aus Berlin und Tatarstan erklärten sich freudig bereit, an diesem Projekt mitzutun. Für das große Jubiläum am 11.-20. Oktober 2013 ist dann ein großer Festakt geplant. Eingeladen werden dazu die jeweiligen Nachkommen der kriegsteilnehmenden Herrscherhäuser, also die entsprechenden Prinzen und Fürsten aus den Linien der Habsburger, Romanows, Hohenzollern, Wittelsbacher und anderer europäischer Adelsfamilien. Ob auch die Mitglieder der tatarischen Adelshäuser von der Krim, aus Tatarstan und von der Szlachta Polen-Litauens ausfindig gemacht werden können, deren Vorfahren an den Schlachten von 1813 teilnahmen, bleibt abzuwarten.

Ihre Unterstützung haben auf jeden Fall die entsprechenden Vereine aus Deutschland zugesagt, die in die alte Heimat gute Verbindungen pflegen und zur Neueinweihung ihre Grußworte schickten: Die „Landsmannschaft der Krimtataren in Deutschland e.V.“ sendete Grüße aus Bayern, die Union „Tatarlar Deutschland e.V.“ aus Frankfurt am Main, der deutsch-tatarische Integrationsverein „TAMGA e.V.“ aus Berlin-Brandenburg, der Tatarisch-Baschkirische Kulturverein aus Weiler am Rhein und Berlin sowie die Gesellschaft für Osteuropa-Förderung und das ICATAT Berlin schickten herzliche Dankesgrüße an die sächsischen Vereine und Sponsoren.

„Vorurteilsfreier Umgang mit anderen Religionen ist möglich“

Einigkeit herrschte darüber, dass die Menschen in Kleinbeucha eine hervorragende Arbeit leisten und die Zusammenarbeit zwischen den Muslimen, Atheisten und Christen weitergehen sollte, denn diese zeige „dass ein vorurteilsfreier Umgang mit anderen Religionen möglich ist. Gerade in unserer heutigen Zeit aufgeheizter Auseinandersetzungen ist dies ein beispielhaftes Signal“ so Stephan Seeger. Dementsprechend hieß es auch im Grußwort der krimtatarischen Landsmannschaft, der ältesten Migrantenorganisation von Muslimen in Deutschland überhaupt: „Möge das Grab unseres vor 200 Jahren hier ums Leben gekommenen Landsmanns zum Keim einer neuen deutsch-tatarischen Freundschaft werden“.

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