„Terrorbasis Deutschland – die islamistische Gefahr in unserer Mitte“ von Berndt Georg ThammGELESEN

„Terrorbasis Deutschland – die islamistische Gefahr in unserer Mitte“ von Berndt Georg Thamm

Diederichs Verlag, München 2004, 320 Seiten, 19,95 Euro, ISBN 3-7205-2525-2.

Von Eberhart Wagenknecht

„Terrorbasis Deutschland – die islamistische Gefahr in unserer Mitte“, von Berndt Georg Thamm  
„Terrorbasis Deutschland – die islamistische Gefahr in unserer Mitte“, von Berndt Georg Thamm  
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ie Wurzeln der Terrororganisation Al-Qaida reichen zurück bis ins 9. Jahrhundert. Für diese Information ist man als Leser wirklich dankbar. Sie macht das Buch sympathisch von Anfang an. Denn gemeinhin wird Al-Qaida mit Bin Laden gleichgesetzt, jenem reichen Immobilienbesitzer aus Saudi Arabien, der sich vor Jahren auch schon mal im Dunstkreis der Bush-Familie bewegt hatte. Bernd Georg Thamm dagegen zieht die Terror-Linie von der islamistischen Geheimsekte der Ismailiten, die vor tausend Jahren gegründet wurde, bis in die Gegenwart: Damals hatten schiitische Fanatiker unter konspirativen Bedingungen die Welt des Islams mit einem Netz revolutionärer Zellen überzogen, mit dem sie ein Gottesreich auf Erden verwirklichen wollten. Sie konnten sogar eine eigene Kalifendynastie gründen und eine Palaststadt in Ägypten errichten: al-Qahia, „die Siegreiche“, die heutige ägyptische Hauptstadt Kairo.

Die seinerzeit im Orient herrschenden Seldschuken, Urväter der späteren Osmanen und Türken (siehe EM 11-03 DIE OSMANEN ) setzten schließlich militärische Mittel gegen die radikalen Islamisten ein. Die Schiiten ihrerseits begingen zahlreiche Meuchelmorde unter ihren Gegnern und erdolchten schließlich den mächtigen Großwesir des Seldschukenreiches, Nizam al-Mulk. Thamm nennt diese Tat den „11. September des Mittelalters“. Schon damals wurden Selbstmordattentäter ausgebildet, die man „fidaj“ nannte, was soviel heiße wie „Geweihter“. Ein mit dem Attentat verbundener Märtyrertod habe dem Kämpfer den Eintritt ins Paradies zugesichert.

Sinn und Zweck des Terrors: Errichtung des Kalifats als globaler Gottesstaat

Aus der Zeit der Ismailiten stamme die erste straff geführte Terrororganisation einer islamistischen Verschwörung. Zwischen ihr und den Nachfolgeorganisationen habe es allerdings einen wesentlichen Unterschied gegeben: Im Mittelalter trachteten die Attentäter stets mächtigen Herrschern wie Nizam al-Mulk nach dem Leben, die ihre Lehre behinderten und verfolgten. Die Attentäter der heute tätigen Terrororganisation Al-Qaida suchten dagegen möglichst viele „kleine Leute“ mit anonymen Sprengstoffanschlägen zu treffen.

Sinn, Zweck und Ziel des Terrors aber sei wie vor tausend Jahren die Errichtung des Kalifats als Gottesstaat, nun allerdings nicht mehr auf den Orient beschränkt, sondern „global“, wie der Autor ausführt. „Der Verwirklichung dieses Ziels dient der weltweite Dschihad. Wer dieses Ziel ablehnt und sich der Zielverwirklichung verweigert, galt und gilt als Ungläubiger, eben als Feind des Islams.“ Was mit ungläubigen Feinden zu geschehen habe, sei im „Al-Qaida-Handbuch“ aus der zweiten Hälfte der neunziger Jahre festgelegt. Sie gälte es auszuforschen, zu entführen, in die Luft zu sprengen und zu verleumden. Orte der Unmoral, des Vergnügens und der Sünde müßten ebenso zerstört werden wie Botschaftsgebäude und Wirtschaftszentren.

Der Führer der ehemaligen afghanischen „Nordallianz“, Achmed Schah Massud sei es gewesen, der im Jahr 2001 die Europäer aufgefordert habe, zu ihrem eigenen Schutz Afghanistan zu „befrieden“. Er habe damit vorgegeben, was der deutsche Verteidigungsminister Peter Struck später in die Formel gegossen hat, „Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt.“ Daß diese Verteidigung ausreichen würde, behauptet Thamm nicht. Im Gegenteil: er legt die Schwachpunkte der „Terrorbasis Deutschland“ offen, deren Lage mitten in Europa sich als besonders „guter Standort“ für die Dschihadisten des Al-Qaida-Netzwerkes erwiesen hätte. Vom Balkan aus seien sie in den „Ruhe- und Aktionsraum“ BRD eingesickert und wären hierzulande bis zu den Anschlägen vom 11. September 2001 „mehr oder weniger ungestört“ geblieben.

Kein Ratgeber zum persönlichen Schutz

Der Autor, Jahrgang 1946, ist freiberuflicher Publizist. Er war Lehrbeauftragter an Universitäten und Fachhochschulen, ist beratend für die Gewerkschaft der Polizei und für Politiker tätig. Seine Feststellung, daß es „Keine Sicherheit, nirgends“ gibt, teilt Berndt Georg Thamm mit so gut wie allen Sicherheitsexperten der Welt – und wohl auch mit Osama Bin Laden.

Thamm hat kein Buch für den U-Bahnfahrer geschrieben oder den Reisenden im Flugzeug, keinen Ratgeber mit Handlungsanleitung für den persönlichen Schutz. Er liefert einen Überblick über Strukturen und Strategien des „modernen Dschihad-Terrorismus“. Unüberhörbar ist seine Kritik an den Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland. „Die eigentliche Misere“, schreibt er, „ist der Mangel an Gespür für die Nähe und das Ausmaß der islamistischen Bedrohung“, und er zitiert dazu den Bundesvorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei, Konrad Freiberg, der vermutet, daß wir „erst aufwachen, wenn bei uns etwas Schreckliches passiert ist“.

Diese Lebenserfahrung ist allerdings älter als der Islam, und sie konnte schon lange vor den Ismailiten des 9. Jahrhunderts zitiert werden. Die Liste der wichtigsten dschihadistischen Organisationen und Bewegungen, die Thamm am Ende des Bandes anführt und die fast ausnahmslos Aktionsbasen in Deutschland unterhalten, zeigt allerdings auch, wie unheimlich präsent dieses Schreckliche ist.

Deutschland Rezension

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