Tod eines Terroristen?DAS ABGRÜNDIGE

Tod eines Terroristen?

Er sagte, er heiße Dima und kämpfe für Georgien. Um Abchasien, die ewige Heimat. Er sagte es beim ersten Zusammentreffen in einer Kaschemme – und immer wieder, wenn er meinen Zweifel spürte. Als er starb, war er nur noch eine verunsichernde Erinnerung.

Von Andrea Jeska

E r hieß Dima oder nannte sich so. Seine Nase war typisch kaukasisch: lang und gebogen. Abgesehen davon war er einer der schönsten Männer, die ich je getroffen habe. Frauen achten auf Hände. Er hatte wunderschöne Hände. Und große Augen, einen sensiblen Schwung um den Mund. Für einen Georgier hoch gewachsen, er überragte mich um mehr als einen Kopf. Er sagte, er sei ein Terrorist.

Wir trafen uns in einer ungemütlichen Kaschemme in Tiflis, der Hauptstadt von Georgien. Ich reiste durchs Land, wie man in Georgien so reist. Von einer gastfreundlichen Seele an die nächste weiterempfohlen, heute in diesem, morgen in jenem Bett. Nur in Tiflis wohnte ich fest. In einem Apartment nahe der Innenstadt. Die eigentliche Bewohnerin hatte mir ihre Räume vermietet und war zu ihrer Mutter gezogen. Jeden Abend schlüpfte ich unter ihre Decken, klimperte, wenn mir einsam war, ein wenig auf ihrem Klavier und  besah das alte Porzellan in ihren Schränken. Es war, als trüge ich einen geliehenen Mantel, der mir nicht passte, der mich aber so wärmte, dass ich ihn gerne behalten hätte.

Hervorgegangen aus einem Krieg, der dem Westen verborgen blieb

Damals hatte ich schon einige Freunde in Tiflis, und einer von ihnen kannte Dima und als wir ihm begegneten, hieß es, Dima müsse mir unbedingt von Abchasien erzählen und darüber, wie den Georgiern dort mitgespielt wurde.

Zehn Jahre war es her, dass Abchasien sich von Georgien losgesagt hatte, beide Völker im Krieg gegeneinander gezogen waren und am Ende viele Millionen Menschen flohen. Die Umstände dieser Flucht, sie blieben dem Westen verborgen. Keine internationalen Beobachter wurden Zeuge dieses Krieges und notierten, wer wem unrecht tat.

Für die Georgier blieb Abchasien Traum und Wunde zugleich. Alles was gut und rein ist, hat mit Abchasien zu tun, und alles, was in Georgien schief geht, liegt an dem Verlust von Abchasien. Sie können es nicht loslassen. Sie können es nicht wiederhaben. Damals glaubte ich, dass Dima aufschnitt. Nicht log. Dafür war er zu melancholisch, ernst und traurig. Er sagte, er kämpfe um seine Heimat, er sagte, er sei im Recht. Nur Leute wie ich, die keine Ahnung hätten, würden diesen Kampf Terrorismus nennen.

Für ihn war es eine Frage der Ehre

„Du hast dich Terrorist genannt“, sagte ich. - „Ich habe es gesagt, um der westlichen Terminologie entgegenzukommen.“

Dima erzählte vom Kindheitshaus, den Obstbäumen im Garten, der Freiheit eines Lebens am Meer. Von einem Pferd und vielen Hühnern, einer Ziege, alle im Garten des Stadthauses. Eine kaukasische Villa Kunterbunt. So beschrieb er es. Und dann sagte er, es sei eine Frage der Ehre, sich wieder zu holen, was einem gehöre. „Ach, mit neuer Gewalt“, fragte ich, es sollte zynisch klingen. „Mit Auge um Auge“, sagte Dima.

Er kämpfe vom Kodori-Tal aus, dem letzten verbliebenen georgischen Teil Abchasiens. Ich hatte von dem Tal gehört, eher eine Schlucht, unzugänglich, von der aus eine Handvoll Hasardeure ohne Moral, genannt die Monadire, nach Abchasien einfielen und Menschen abknallten.

Mir schien die Vorstellung seltsam, ein so schöner Mann könne Gewalt anwenden und ich sagte, er töte doch aber gewiss keine Menschen. Er lächelte. Spöttisch und traurig. Das sei kein Thema für Frauen.

Ich sah das anders, hätte gerne mehr erfahren und auch Widerspruch gegen seine Sätze eingelegt, aber er wollte darüber nicht reden. Lieber über Musik. Er spiele Klavier, sagte er, und bekundete seine Bewunderung für Bach und Haydn. Ich war wütend über die Vereinnahmung „meiner“ Kultur durch einen, der zugibt, ein Mörder zu sein. Ich hätte gerne gesagt, ich glaubte ihm nicht, denn wer Bach liebt, kann nicht töten, aber dann dachte ich an die Nazis und Mitläufer und schwieg.

„Nichts an Dima war böse – er bewegte zu seinen Sätzen seine langen Klavierhände in eleganten Kurven.“

Später stießen wir nach georgischer Art auf die Heimat an, auf die Frauen, auf die Liebe, die Trauer und so weiter, wir alle tranken zuviel. Dima bezahlte für den Abend und auch für die zwei weiteren, zu denen er mich und meine georgischen Freunde einlud, in teure Restaurants, doch nie mit generöser Geste, sondern stets still und bescheiden. Abende, zu denen ich mit einem Grusel im Bauch ging. Ich kann nicht einmal behaupten, es sei die Faszination des Bösen gewesen, denn nichts an Dima war böse. Wenn er redete, dann leise. Er bewegte zu seinen Sätzen seine langen Klavierhände in eleganten Kurven. Er kannte die georgischen Dichter und auch manchen deutschen. Ich gestand ihm Gottfried Benn zu, das passte zu seiner weltschmerzlichen Aura und dem ideologischen Irrsinn, aber Heine konnte ich ihm nicht erlauben. Der sei für Menschenrecht gewesen, sage ich. Den könne er nicht im Mund tragen.
Einmal zeigte er mir Fotos. Er und die anderen Männer, die sich Partisanen nennen, im Kodori-Tal. In Uniformen, die aussahen wie aus der Theaterrequisite und mit russischen Automatikwaffen behängt. Man habe auch Panzerabwehrraketen, sagte Dima. Woher?, wollte ich wissen. Von Freunden.

Weil er merkte, dass ich ihm den Terroristen dennoch nicht glauben wollte und seine Ansichten über Rache und Ehre absurd fand, zeigte er mir auch Fotos von Leichen. Erst die von georgischen Toten. Mit ausgestochenen Augen, aufgeschlitzten Bäuchen , durchgeschnittener Kehle. Manche schon aufgedunsen, mit Maden übersät, die Gedärme hingen heraus, das Gehirn floss aus skalpierten Köpfen. Andere noch frisch in ihrem Blut liegend. Männer und Frauen, die Frauen mit nach oben geschobenen Röcken. „Propaganda“, sagte ich, und sah Wut über sein Gesicht fliegen und wieder verschwinden. - „Von den Abchasen getötet!“

Er wollte nur, dass ich ihm glaubte

Dann zeigte er mir, wie ein Abchase aussieht, den die georgische Rache ereilt. Die von Dima und den anderen Männern vom Kodori-Tal.  Ich sagte, er erwarte jetzt hoffentlich weder Mitleid noch Bewunderung, und er schüttelte den Kopf. Er wolle nur, dass ich ihm glaube.
Einmal nahm er mich mit zu „seinen Freunden“. Es waren aufgeblasene Angeber, die in Tarnanzügen herumliefen und damit prahlten, welche Waffen sie besitzen. Ständig fuhren sie sich mit der Hand an die Kehle, wenn sie verdeutlichen wollten, was sie mit diesem oder jenem machen würden, wenn dieser ihnen unter die Finger käme. Mir schienen sie wie ungezogene Kinder, die mal kräftig was an die Ohren bräuchten.

Als der Tag meiner Abreise kam und ich in der Nacht Marinas Wohnung ein letztes Mal zuschloss, mir ein Taxi zum Flughafen nehmen wollte, stand Dima mit seinem Auto im Hof. Ich war zu müde, um zu protestieren. Am Flughafen wimmelte es von Polizei und Sicherheitskräften. Ich betete, man möge Dima nicht suchen.

Bis zum Abflug hatten wir noch Zeit, die wir für einen frühmorgendlichen Kaffee in der trostlosen Cafeteria des Flughafens nutzten. Dima schwieg und um das Schweigen zu unterbrechen, fragte ich ihn, ob er schon mal mit dem Flugzeug verreist sei. Das könne er nicht, das sei für einen wie ihn nicht möglich, antwortet er.

Und jetzt, wo Dima tot ist, wieder jene Unsicherheit…

Ich war noch viele Male in Tiflis und sah ihn nicht wieder. Wenn ich nach ihm fragte, dann überschlugen sich die Geschichten und es war unmöglich, zwischen Gerücht und Wahrheit zu unterscheiden. Dima sei einfach nur ein Geschäftsmann, der mit seinem Geld den Kampf gegen Abchasien unterstütze, sagten die einen. Dima sei der Kopf  einer privaten Truppe, die in Abchasien Kehlen durchschnitten. Dima sei nach Kabardino-Balkarien geflohen. Er zöge von dort  aus die Fäden der georgischen Resistance. Resistance? fragte ich. Gegen wen? Gegen die Russen natürlich. 

Kürzlich las ich, dass sich die georgische Regierung mit den Kämpfern aus dem Kodori-Tal überworfen hat. Jahrelang waren diese aus Tiflis finanziert worden, nun war der Anführer nach Abchasien übergelaufen und der georgische Präsident Saakaschwili wollte die Monadire  am liebsten mit Stumpf und Stil ausrotten. Da fiel mir Dima wieder ein.

Zwei Wochen nach diesem Ereignis traf ich einen von jenen, die damals dabei waren. Dieser arbeitet inzwischen in Hamburg. Wir redeten über gemeinsame Bekannte. Und Dima?, fragte ich schließlich? Ach, ob ich das nicht wüsste. Dima sei tot. Im Juni in Dagestan bei einer Schießerei umgekommen, in der Nähe der Hauptstadt Machatschkala.

„Dann war er doch ein Terrorist?“, fragte ich. Schulterzucken war die Antwort. Nein, kein Gefühl der Trauer. Nur wieder jene Unsicherheit wie bei der ersten Begegnung. Die plötzliche Erkenntnis, dass auch das Abgründige keine eindimensionale Zuordnung verträgt.

Kaukasus Russland Zentralasien

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