Traubenschnaps und WolfsgeheulALBANIEN

Traubenschnaps und Wolfsgeheul

Traubenschnaps und Wolfsgeheul

Sechs Stunden vom Verkehrschaos der albanischen Hauptstadt Tirana entfernt, leben muslimische und christliche Schäfer in der Einsamkeit der Pinienwälder in religiöser Koexistenz. Sie führen einen ständigen Kampf ums Überleben. Im toten Winkel zwischen Ohrid-See und Adria ist die Natur noch allmächtig und die albanische Gastfreundschaft legendär. Ein Ritt mit einem betrunkenen Karawanenführer beschwört Bilder vom Wilden Westen herauf. Nicht umsonst hat man in der Region Shpati mit ersten zaghaften Versuchen begonnen, den ökologischen Tourismus in Albanien zu fördern.

Von Eckehard Pistrick

Rolf Froböse  
Instinktiv findet das Pferd den Weg über die albanischen Berge, selbst wenn der Karawanenführer betrunken ist.
(Foto: Eckehard Pistrick)
 

W enn man von der Schirokko-Wiese durch die dichten Pinienhaine hinab blickt und die Luft vom Klang der Ziegenglocken erfüllt ist, wähnt man sich weit weg von der Großstadt. Wir sind im Herzen von Albanien, 1800 Meter über der Adria, die am Horizont vage silbern schimmert. Hügelketten schichten sich in verblassenden Grautönen wie die Höcker von Dromedaren übereinander. Alles, was man aus den Medien über Albanien, dieses Land der Improvisation, des chaotischen Verkehrs und des unaufhaltsam aufwärts strebenden Betons gehört hat, scheint hier seine Bedeutung zu verlieren. Nur fünf Stunden sind es bis zur Stadt Elbasan, die als Zentrum der maroden Metallurgie Albaniens traurige Berühmtheit erlangt hat. Sechs Stunden sind es bis zur Hauptstadt Tirana über die Todeskurven der Kraba-Berge. Von der Feinstaubbelastung und den Blechlawinen der Hauptstadt zeugt hier nur ein schmaler Streifen am weiten Himmel.

Die Wölfe rücken mit jeder kalten Nacht näher

Der orthodoxe Anastas und der Muslim Arif betreiben in den Schirokko-Bergen seit Jahren einen gemeinsamen Stall mit 300 Schafen und 100 Ziegen – als ob religiöse Koexistenz die natürlichste Sache der Welt sei. Anastas deutet auf die tief eingeschnittenen, bewaldeten Täler: „Hier hausen die Wölfe und sie rücken mit jeder kalten Nacht näher. Vor zwei Wochen erst hat einer vier Schafe gerissen, die wir draußen vergessen hatten. Die Natur ist wild und unberechenbar.“ Wie auf ein Signal preschen die fünf Schäferhunde los, die eher einer Mischung zwischen Wolf und Hund gleichen. „Sie haben eine Spur aufgenommen. Wohl ein wildes Tier.“

Die Wölfe sind die größte Gefahr für die Schäfer und ihre Herde, die von Juni bis Oktober auf der Sommerweide grast. „Zum Glück wissen sie nicht um ihre Macht. Sonst würden wir nicht mehr hier sitzen“, meint Arif. Bären hingegen sind eine Seltenheit geworden, seit 1997 eine Treibjagd in den Bergen begann, die allein im Dorf Kabash sieben Braunbären das Leben kostete. Zu dieser Zeit herrschten in Albanien bürgerkriegsartige Zustände. Die Bevölkerung bewaffnete sich – und die wilden Berge von Schirokko boten Gelegenheit, die Waffen auszuprobieren.

Kaum ein Tourist verirrt sich hierher

 Der Schafstall von Schirokko wird jeden Sommer neu aus frischen Buchenzweigen und Plastikplanen errichtet.  
Der Schafstall von Schirokko wird jeden Sommer neu aus frischen Buchenzweigen und Plastikplanen errichtet.
(Foto: Eckehard Pistrick)
 

Obwohl die Zahl der Touristen in Albanien in diesem Jahr die Vier-Millionen-Marke überschritten hat, verirrt sich kaum ein Tourist in die Höhen der Bergregion Shpati, in diesen Winkel Albaniens zwischen Ohrid-See und Adria-Küste, der als unzugänglich gilt. In der Tat wird man zwei Stunden in einem ebenso robusten wie antiken Ford-Bus durchgeschüttelt, ehe man zu Füßen der Schirokko-Berge aussteigt. In Zavalina beginnt das Abenteuer: ein Schimmel und ein Maulesel erwarten uns – über den hölzernen Sattel ist eine traditionelle schwarz-weiße Schafwolldecke geworfen. Man stellt uns einem Tiertreiber vor, der nebenbei die einzige Dorf-Bar betreibt. Schnell kippt er drei Gläser Traubenschnaps „auf eine sanfte Reise“ hinunter und wir steigen in den Sattel.

Auf dem Weg, der über verwitterte Kieswege und reißende Gebirgsbäche führt, versucht der Maulesel beständig, seine Last wie eine lästige Fliege abzuwerfen. So störrisch sie sein mögen: Diese Tiere sind eine Wertanlage. Auf dem Freitagsbasar von Zavalina liegt der Kaufpreis für einen Maulesel bei 600 Euro – für einen Albaner ein vierfaches Monatseinkommen.

Am Ortsausgang erblicken wir eine waghalsige Konstruktion aus Buchenholz, die Wasser in die Mühle des Dorfes leitet. „Im Sommer steht die Mühle still, aber ab Oktober kommen die Menschen aus allen Dörfern der Umgebung“, erklärt der Müller. Gespeist vom gleichen Bach arbeiten auch eine Wollschlägerei und eine Wäscherei. Sie werden von der Kraft des natürlich strömenden Wassers angetrieben, das aus zwei Metern Höhe in ein Holzfass fällt. Die Wollschlägerei ist in Familienbesitz. Der Preis für ein Kilo Wäsche: 40 Cent.

Beflügelt vom Traubenschnaps fängt der Tiertreiber an zu singen

Der Blick von 1800 Meter Höhe reicht über die Berge und den Nationalpark von Shpati bis zur Adria am Horizont.  
Der Blick von 1800 Meter Höhe reicht über die Berge und den Nationalpark von Shpati bis zur Adria am Horizont.
(Foto: Eckehard Pistrick)
 

Durch Pinienwälder zieht unsere kleine Karawane steil aufwärts. Falken kreisen. Unser Tiertreiber vertraut auf die Intuition des Schimmels und führt nur den widerspenstigen Maulesel. Beflügelt vom Alkohol fängt er an zu singen. In dieser Bergeinsamkeit bleibt unser Blick fragend an einer Wäscheleine mit bunter Wäsche hängen. „Der Besitzer hat Angst vor den Bären: deshalb versucht er, ihnen menschliches Leben vorzuspielen“, erklärt unser Bergführer.

Hoch über uns thront der „Waisenfels“. Laut einer Legende fand man hier einen ausgesetzten Waisen, der sich bald als Virtuose auf der Hirtenflöte entpuppte. Seine Liebesbotschaften für die schöne Tana verschlüsselte er in der geheimen Sprache der Töne. Als er von Dieben überfallen wurde, die drohten, seine Hände zu verstümmeln, bat er sich als letzten Wunsch aus, auf der Flöte zu spielen. Tana erkannte durch sein Spiel die Gefahr und eilte ihm mit dem ganzen Dorf zu Hilfe. Die von Felsspitzen starrende Landschaft der Schirokko-Berge ist ein Ort, an dem sich Helden und Berg-Feen treffen. Eine geschriebene Geschichte gibt es hier nicht, hier gibt es nur erzählte Geschichten.

Eine Schäferin sorgt für das leibliche Wohl

Noch ganz in Gedanken versunken, hören wir dumpfe Schafs- und helle Ziegenglocken, die unser Ziel, den Schafstall, ankündigen. Kleine Zelte aus Buchenzweigen, mit Plastikplanen bedeckt, dienen den Schäfern als Schutz gegen eine ebenso raue wie allmächtige Natur. Das Bad besteht aus einem trüben Spiegel, einem zahnlosen Kamm und einem Rasierpinsel. Daneben eine Holzpritsche, bedeckt von Schafsfell. Für das Essen sorgt eine Schäferin, die Milch in einem großen Fass zu Butter stampft. Sie produziert Kos-Joghurt und riesige Käseräder.

Anastas, der orthodoxe Schäfer, ist in der ganzen Region als Sänger und Volksdichter bekannt. Bevor seine Zähne ausfielen, war er zudem ein bewunderter Flötenspieler. „Als ich mit meiner Herde auf der Weide saß, nahm ich mir oft eine Glocke zum Vorbild und versuchte, sie mit der Flöte zu imitieren“, erzählt er. Genau wie die anderen Schäfer trägt er einen abgetragenen Anzug – ganz so, als ob er gerade in dieser Einsamkeit die repräsentativen Werte der Zivilisation hochhalten wolle.

Die Arbeit beginnt in den Bergen früh am Morgen. Während die Schäferin die Kühe mit Stockhieben auf die nahen Wiesen treibt, melken Anastas und Arif Schafe und Ziegen. Dann setzt sich ihre Herde in Richtung der tief hängenden Wolken in Bewegung. Vor Sonnenuntergang kehren die beiden erschöpft zurück. „Wenigstens rosten wir hier nicht“, meint Arif und zwinkert der Schäferin zu. Lediglich Schuhe und Hosen wechseln die Schäfer nach getaner Arbeit, dann kann der Abend beginnen.

Für die Gäste wird ein Lamm geschlachtet

Der Moslem Arif (links) und der orthodoxe Anastas (rechts) singen am Lagerfeuer traditionelle, mehrstimmige Lieder.  
Der Moslem Arif (links) und der orthodoxe Anastas (rechts) singen am Lagerfeuer traditionelle, mehrstimmige Lieder.
(Foto: Eckehard Pistrick)
 

Heute muss ein Lamm für die Gäste geschlachtet werden. Der ehrwürdige Codex albanischer Gastfreundschaft wird hier unter schwierigsten Bedingungen besonders in Ehren gehalten. Nur ein Problem gibt es: Es fehlt Rakia, der Traubenschnaps. Als er das erfuhr, hatte sich unser Pferdetreiber augenblicklich in Bewegung gesetzt und die sechs Stunden Ritt ins Dorf selbst in der hereinbrechenden Nacht auf sich genommen. Mit einer Salve von Schüssen kehrt er nun zurück.

Das runde Holztablett wird mit einem üppigen Dreigänge-Menü gedeckt: Joghurt, geröstete Kartoffeln, Schafsleber und als Höhepunkt für die Gäste ein Schafskopf. Ein Stück Schafshirn abzulehnen, wäre eine Beleidigung für unsere Gastgeber. Ein solches Mahl lässt einen vergessen, unter welchen Opfern man hier mit der Natur um das blanke Überleben kämpft. Vor drei Jahren erst starb ein Schäfer in einer Sturmnacht durch einen Blitz, mit ihm sein treuer Hund und sieben Ziegen.

Der Gesang der Hirten gehört zum Weltkulturerbe

Eine halbe Stunde lang werden nun Trinksprüche ausgebracht, die nicht nur den Respekt füreinander zeigen, sondern auch Freundschafts- und Familienbande festigen. Mit steigendem Raki-Genuss steigt auch die Lust, zu singen, wobei man die Lieder meist zu zweit anstimmt. Diesen mehrstimmigen Gesang erklärte die UNESCO 2005 zum mündlich überlieferten Weltkulturerbe. Obwohl man ihn oft auf der Bühne zu hören bekommt, entfaltet er hier, begleitet vom nächtlichen Ruf der Eulen, eine ganz eigene Magie. Der einzige Ton, der diese Einsamkeit stört, ist das Klingeln eines Handys – die einzige Verbindung zur Außenwelt.

Am Morgen brechen wir auf. Unser Tierführer ist noch betrunken, obwohl man ihm nachsagt, er könne zweieinhalb Liter Rakia trinken ohne zu wanken. Heute jedenfalls nimmt er zum Ausnüchtern auf dem Pferd Platz, während seine burschikose Tochter uns hinunter begleitet. Auf die Frage, wann sie reiten gelernt habe, lacht sie nur und sprengt in wildem Galopp über die Schirokko-Wiesen. Dann greift sie zur Flinte des Vaters und zielt auf imaginäre Hasen. Wir fühlen uns wie im Wilden Westen und haben Tage später, als wir auf einem Stuhl sitzen, immer noch das Gefühl zu reiten.

Das kulturelle und ökologische Potential von Shpati haben mittlerweile auch Nichtregierungsorganisationen erkannt. Schließlich bietet die Gegend neben Naturschönheiten und traditioneller Lebensweise auch denkmalgeschützte Kirchenbauten wie die vom Maler Onufri ausgemalten Kirchen von Valesh und Shelcan. Mit englischsprachigen Broschüren versucht etwa die Organisation „Opportunity Albania“, abenteuerlustige Touristen zu locken. In Gjinar, das bereits zu kommunistischen Zeiten als Luftkurort für Arbeiter aus allen Teilen des Landes bekannt war, können Gäste dank privater Initiativen bereits in 20 traditionellen Häusern mit mehr als 80 Betten übernachten. Auf einem Schafsfell ruhen sie sich von Kräfte zehrenden Bergtouren aus – und manch einer träumt davon, wie Gjinar, der größte Ort in den Schirokko-Bergen, zur Wiege des albanischen Ökotourismus wird.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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