Trauer im Reich der GartenzwergePOLEN

Trauer im Reich der Gartenzwerge

Trauer im Reich der Gartenzwerge

Der starke Zloty hält die deutsche Kundschaft von polnischen Grenzmärkten fern. Die Händler bangen um ihre Existenz.

Von Melanie Longerich

Absatzflaute – Andrzej Mrozek hinter seinem Stand für Schönheitsprodukte auf dem Markt von Gubin  
Absatzflaute – Andrzej Mrozek hinter seinem Stand für Schönheitsprodukte auf dem Markt von Gubin (Foto: Melanie Longerich)  

Wer soll die alle kaufen?“, Adam Baglajewski steht vor seinem kleinen Laden auf dem Gubiner Markt und deutet mit einer müden Kopfbewegung auf die Scharen kleinkindgroßer Plastikgartenzwerge. Daneben hoffen originalgetreue Schäferhunde, Schwäne und griechische Säulen aus Gips auf Abnehmer. Doch die kommen nicht. Nicht nur heute. Baglajewski zündet sich eine Zigarette an. Er steht seit zehn Jahren auf dem Markt direkt hinter der Grenze zum brandenburgischen Guben, doch so schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen.

Im Reich der Gartenzwerge herrscht Trauer. Die goldenen Zeiten für den polnischen Grenzhandel scheinen unwiederbringlich vorbei. In der Doppelstadt Guben/Gubin an der Neiße sorgte erst die Abwanderung der Deutschen in westliche Bundesländer und die immer klammer werdenden Geldbeutel der zurückbleibenden Arbeitslosen und Rentner für einen gewaltigen Umsatzeinbruch. Jetzt macht den Händlern auch noch der starke Zloty zu schaffen: Viele der Waren sind mittlerweile zum gleichen Preis auch in deutschen Läden zu haben.

„Die Anfahrt lohnt sich nicht mehr.“

Früher seien die Menschen aus dem Nachbarland sogar aus dem 50 Kilometer entfernten Cottbus angereist und hätten ihm nach dem Tanken seine Waren aus den Händen gerissen, erinnert sich Gartenzwerghändler Baglajewski. Doch bereits mit der Einführung des Euros sei die deutsche Kundschaft vorsichtiger geworden. Und jetzt macht den Händlern auch noch der starke Stand der Landeswährung zu schaffen: „Bei einem Preisunterschied von nur noch wenigen Cent lohnt sich die Anfahrt nicht mehr.“ Seit März 2004 haben sich der Zloty und mit ihm die Waren auf den polnischen Märkten für die Deutschen um 20 Prozent verteuert.

Krzysztof Jurczuk, der neben Baglajewski eine Wechselstube betreibt, ist frustriert. Die Zahl der Deutschen, die ihre Euro in Zloty eintauschen wollten, sei um etwa 40 Prozent zurückgegangen – und die Tauschbeträge würden immer geringer. „Das wundert mich allerdings nicht – früher bekamen sie für 100 Euro 490 Zloty ausgezahlt, jetzt sind es nur noch 380.“

„Die Deutschen fangen an zu rechnen.“ Alina Oleszko verkauft seit zehn Jahren auf dem Gubiner Markt frische Backwaren. Von morgens früh um sechs bis abends spät. Vor ihr aufgetürmt liegen frische Brote, Brötchen und Pfannkuchen. Die waren sonst schon gegen Mittag aus. Jetzt packt sie die Hälfte der Ware am Abend wieder ein. Bemerkt hat sie das Ausbleiben der deutschen Kundschaft schon im vergangenen Oktober. Woran das liegt? Alina Oleszko meint nicht nur am schlechten Wechselkurs. „Die Gründe werden nicht anders sein als bei uns: keine Arbeit und kein Geld.“ Der Hauptteil ihrer Kundschaft stammte aus Guben, die sei eindeutig weniger geworden: „Gerade die Jungen ziehen wegen der Arbeit weg, wie bei uns. Und die Rentner schauen mittlerweile auch genau auf den Preis“ Die Marktfrau hofft auf bessere Zeiten: „Bald beginnt wieder die Saisonarbeit, dann haben die Leute wieder mehr in der Tasche.“

50 Prozent weniger Umsatz

Die Lokalzeitung „Wiadomosci Gubinskie“ zeigt sich über den Kundenschwund besorgt. Im Vergleich zum Vorjahr wären die Umsätze auf dem Markt um die Hälfte zurückgegangen. Aus dem deutschen Einkaufstourismus werde langsam ein „Spaziertourismus“.

Daß nicht alle so denken, zeigt eine Gubener Familie, die mit gefüllten Taschen den Markt verläßt. Einen neuen Briefkasten trägt der Vater, neue Gläser die Tochter und die Mutter allerhand Geschenke für die Verwandtschaft. „Wir kommen nicht mehr regelmäßig nach Gubin, aber wenn, muß sich der Einkauf lohnen“, sagt sie. Auf den Kauf von Lebensmitteln allerdings verzichtet die Familie. Die seien mittlerweile so teuer wie in deutschen Supermärkten. „Umgerechnet kostet hier ein Stück Butter 1,20 Euro. Dafür muß ich nicht nach Polen fahren. Da kann ich auch die deutsche Wirtschaft unterstützen.“

Eine junge Cottbuserin dagegen kommt mit leeren Taschen zurück über die Grenze. Ihre Suche nach neuen Vorhängen verlief ergebnislos. 23 Euro kostet umgerechnet der Meter Stoff. Die Frau ist enttäuscht: „Ich habe gedacht, das wäre günstiger.“ Aber die Preise hätten generell stark angezogen seit dem polnischen EU-Beitritt.

Die Werbetrommel rühren

Lech Kiertyczak, Bürgermeister von Gubin, treibt der Schwund der deutschen Kundschaft um. Vor einem Jahr noch hätte diese im Schnitt 34 Euro auf dem Markt gelassen, heute seien es nur noch knapp 20 Euro. „Wir wollen für ökologische Produkte werben, vielleicht rettet das unseren Handel“, überlegt der Bürgermeister. Außerdem plant er eine massive Marketingkampagne: In der lokalen Presse und auf großen Bannern entlang der Straße nach Cottbus und Frankfurt/Oder.

Für eine Kampagne ist es höchste Zeit, denn immer mehr Händler überlegen, den Gubiner Markt zu verlassen und sich nach anderen Standorten umzusehen. Andrzej Mrozek beispielsweise zieht es mit seinen Schönheitsprodukten auf den Markt nach Legnica bei Bad Muskau. Dorthin kämen noch ganze Autobusladungen aus Deutschland.

Adam Baglajewski überlegt derweil ernsthaft, sein Figurensortiment zu verkleinern. Vielleicht sind Plastikgartenzwerge und Gipsfiguren nicht mehr zeitgemäß? „Besonders der Schäferhund verkauft sich schlecht“, klagt er und will stattdessen in Zukunft vielleicht Korbwaren ins Programm nehmen. Das, so glaubt er, sei bei den Deutschen noch gefragt.

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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