Tschechien: Milliardär Andrej Babis beeinflusst die MedienTSCHECHIEN

Journalisten widersetzen sich politischem Druck von Politiker und Milliardär Babis

Tschechiens Vizepremier und Milliardär Andrej Babis kauft sich Zug um Zug ein Medienimperium zusammen. Um der Selbstzensur und seiner politischen Einflussnahme zu entgehen, gründen prominente Journalisten nun neue Redaktionen. Die tschechische Medienlandschaft befindet sich im Umbruch.

Von Hans-Jörg Schmidt

In der neuen Redaktion des Internet-Portals „Echo24.cz“ herrscht Aufbruchsstimmung. Schon seit Mitte Februar hatte das Team um den früheren Chefredakteur der konservativen „Lidove noviny“, Dalibor Balcinek, vor dem offiziellen Start des Portals erste Artikel auf einer eigenen Facebook-Seite veröffentlicht.

Die junge Truppe hat sich am barocken Kleinseitner Ring in Prag eingemietet. Von da aus kommt man zu Fuß in die Schaltzentralen der tschechischen Politik. Das Abgeordnetenhaus, der Senat, die Burg und auch das Regierungsamt sind nur ein paar Steinwürfe entfernt.
In der Redaktion sitzt nicht nur mit Balsinek ein Bekannter in der journalistischen Szene Tschechiens. Balsinek hat Leute um sich geschart, die jeder tschechische Zeitungsleser kennt, weil sie einst bei der „Lidove noviny“ gearbeitet haben. Kommentatoren vor allem sind es, wie Lenka Zlamalova, Martin Weiss oder Daniel Kaiser.

Milliardär Babis kauft Medien und will Regierungschef werden

Die hatten die „Lidove noviny“ verlassen, als die einst deutschen Besitzer das Land verließen und das traditionsreiche Blatt ebenso wie die auflagenstärkste seriöse Zeitung „Mlada Fronta Dnes" an den Milliardär Andrej Babis verkauften. Babis ist mittlerweile Vizepremier und Finanzminister und kauft sich Zug um Zug ein ganzes Medienimperium zusammen. Dazu gehört auch der meistgehörte private Radiosender „Impuls“. Babis hätte auch gern noch einen eigenen Fernsehsender. Nicht nur die Journalisten wittern, dass Babis sich damit eine einflussreiche Plattform aufbauen will, als Basis für seine weitere politische Karriere. Die soll nicht mit dem jetzigen Posten des Finanzministers enden; Babis strebt nach den nächsten Wahlen das Amt des Regierungschefs an.

Zwar hält sich der Milliardär nach einem anfänglichen bösen Telefonat in die Redaktion mit seiner Einflussnahme zurück. Doch Balsinek und die anderen Leute von „Echo24.cz“ trauten dem Frieden nicht und warfen das Handtuch. Zlamalova sagte in einer Mediendebatte, es gehe gar nicht nur um eine direkte politische Einflussnahme auf die Redaktion. „Schlimmer ist die Selbstzensur in den Köpfen der Redakteure. Jeder hängt an seinem schönen Job und vermeidet es, den Finanzminister zu kritisieren - immerhin ist der ja auch der Herausgeber des Blattes.“ Balsinek und seine Leute wollen „unabhängig“ arbeiten. Obwohl sie natürlich auch Geldgeber haben, die eigene Ziele verfolgen. Aber das sind immerhin keine Leute aus dem politischen Bereich. Medienexperten sagen dem Projekt einen schnellen journalistischen Erfolg voraus. Denn viele Leute seien in der Mannschaft, die seit Monaten in der „Lidove noviny“ schmerzlich vermisst würden.

Neue Internetplattform geplant

Ihr Fehlen hat sich im Übrigen auch schon bemerkbar gemacht - die „Lidove noviny“ hat an Schlagkraft bei den Kommentaren verloren und zudem die täglichen Kommentare auch reduzieren müssen. Ob der neuen Internetplattform auch ein schneller finanzieller Erfolg beschieden ist, muss abgewartet werden. In den ersten drei Monaten soll das Angebot kostenfrei sein. Danach wolle man einige Texte nur gegen Bezahlung zugänglich machen.

Ein entsprechendes Modell existiert seit einigen Jahren bereits in der benachbarten Slowakei. Dort haben die großen Zeitungen alle ihre Kommentare im Internet verschlüsselt. Wer lesen will, muss zahlen - oder die ganze Zeitung am Kiosk kaufen. Das Modell funktioniert, zumal das Jahres-Abo nicht so wahnsinnig teuer ist. Dafür hat man beispielsweise die Kommentare der liberalen Tageszeitung „Sme" schon am Vorabend gegen 22 Uhr im Netz.

Politischer Druck auf öffentlich rechtliches Fernsehen

Einem noch größeren politischen Druck als die Zeitungen ist das öffentlich-rechtliche Fernsehen „Ceska televize“ ausgesetzt. Der amtierende Generaldirektor hatte die nicht eben sinnvolle Idee gehabt, wichtige Politiker zu fragen, welche Moderatoren der Nachrichtensendungen gut oder weniger gut ankommen. Danach begannen „Säuberungen“. Als erste traf es die überaus kritisch fragende Moderatorin des Kanals „CT24“, Daniela Drtinova. Die moderierte über Jahre die Sendung „Udalosti, komentare“, die mit den deutschen „Tagesthemen“ oder dem „Heute-Journal“ vergleichbar ist.

Drtinova verlor ihren Job, wurde aber immerhin mit einer Interviewsendung mit ihrem Namen vor der abendlichen Hauptnachrichtensendung abgefunden. Drtinova ließ sich aber nicht „kaufen“. Sie stand an der Spitze unzufriedener Leute aus der Nachrichtenredaktion, die immer wieder monierten, wenn etwa kritische Beiträge über Präsident Milos Zeman aus fadenscheinigen Gründen nicht ausgestrahlt wurden.

Moderatorin Daniela Drtinova organisiert den Widerstand

Drtinova erzwang mit Gleichgesinnten, dass eine Untersuchungskommission eingesetzt wurde, die dem Verdacht der politischen Einflussnahme nachgehen sollte. Der Kommission sollten auch ausländische Korrespondenten in Prag angehören, die aus ihren westlichen Heimatländern andere Bedingungen für journalistische Arbeit gewohnt sind, als in Prag herrschen. Nach einigen Problemen aber kam diese Kommission nicht zustande. Der Fernseh-Generaldirektor nahm dies zum Anlass, das ganze Projekt abzubrechen. Er, der indirekt mit angeklagt war, schwang sich zum Richter auf und erklärte die Vorwürfe von Drtinova und Co kurzerhand für unbegründet.

Drtinova hat jetzt die Konsequenzen gezogen und die Kündigung eingereicht. Der langjährige Spitzen-Moderator von „Udalosti, komentare", Martin Veselovsky tat es ihr gleich. Veselovsky arbeitete als freier Mitarbeiter beim Fernsehen, ist eigentlich Radio-Moderator beim öffentlich-rechtlichen "Cesky rozhlas - Radiozurnal". Drtinova und Veselovsky wollen dem Vernehmen nach beim Verlag Economia anheuern, der unter anderem das Wirtschaftsblatt „Hospodarske noviny“ und das Wochenblatt „Respekt“ verantwortet. Economia-Chef Zdenek Bakala - ebenso wie Babis ein überaus erfolgreicher tschechischer Unternehmer, aber ohne politische Ambitionen - plant schon länger ein Internet-Fernsehen.
Beide Moderatoren, Drtinova und Veselovsky, sollen dort die „Gesichter“ werden. Im Hintergrund sollen allesamt frühere Redakteure von „Udalosti, komentare“ die Fäden ziehen, die aus Protest gegen die politische Ausrichtung den Sender verlassen hatten.

Noch gibt es über das Projekt nur verschwommene Informationen. Sollte es tatsächlich in die Tat umgesetzt werden, bekäme „Ceska televize“ einen harten Konkurrenten. Und die Politiker in Tschechien, die traditionell die Journalisten fürchten wie der Teufel das Weihwasser, hätten wieder harte Widerparts, die ihre Arbeit sehr genau unter die Lupe nähmen.

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Der Autor ist Korrespondent von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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