Tunnel in die VergangenheitBOSNIEN-HERZEGOWINA

Tunnel in die Vergangenheit

Tunnel in die Vergangenheit

Familie Kolar lebt 15 Jahre nach dem Ende des Bosnienkrieges noch immer zwischen Feldkochtöpfen und Militärausrüstung. Unter dem Keller ihres Hauses verläuft das letzte erhaltene Teilstück des 800 Meter langen Tunnels, der im Krieg als Fluchtweg aus dem belagerten Sarajevo diente. „Ohne den Tunnel gäbe es Sarajevo heute nicht mehr“, sagt Edis Kolar. Er hat sein Wohnhaus zu einem Kriegsmuseum umgewandelt und lebt von den Touristen, die täglich durch den Tunnel laufen.

Von Cornelia Kästner

Der „Tunnel der Rettung“ verband vom Stadtteil Dobrinja aus die eingeschlossene Bevölkerung mit dem von der bosnisch-muslimischen Armee kontrollierten Stadtteil Butmir jenseits des internationalen Flughafens.  
Der „Tunnel der Rettung“ verband vom Stadtteil Dobrinja aus die eingeschlossene Bevölkerung mit dem von der bosnisch-muslimischen Armee kontrollierten Stadtteil Butmir jenseits des internationalen Flughafens.  

N eben den frisch verputzten Fassaden seiner Nachbarn sticht das Haus von Familie Kolar heraus wie ein schmutziges Kind auf einer Taufe. Die Fassade ist übersät von Einschusslöchern, der Putz abgeplatzt, Sandsäcke liegen vor dem Kellerfenster. Von einem zerschossenen Balkon weht die blaugelbe bosnische Fahne. Darunter ein Brettervorbau, mit Tarnnetzen behängt: der Eingang zum Tunnelmuseum.

Wer den dunklen Verschlag betritt, reist 18 Jahre zurück in die Zeit, als in Bosnien der Bürgerkrieg tobte, Sarajevo von der bosnisch-serbischen Armee belagert und seine Bevölkerung täglich von Scharfschützen attackiert wurde. Der „Tunnel der Rettung“ verband vom Stadtteil Dobrinja aus die eingeschlossene Bevölkerung mit dem von der bosnisch-muslimischen Armee kontrollierten Stadtteil Butmir jenseits des internationalen Flughafens. Überirdisch liegt zwischen beiden das Rollfeld, 800 Meter offenes Gelände, gut einsehbar für Scharfschützen.

Der Tunnel ist ein Stück Weltgeschichte

„Wer den Tunnel nicht gesehen hat, kennt Sarajevo nicht“, ist Edis Kolar überzeugt. Der selbsternannte Kustos des Museums sitzt auf einer Munitionskiste am Hauseingang. Edis ist ein junger Mann Anfang 30. Er trägt Sonnenbrille und Lederjacke und scherzt mehrsprachig mit den Touristengruppen, die in den dunklen Eingang steigen. „Ohne den Tunnel würde Sarajevo heute nicht mehr existieren. Das ist ein Stück Weltgeschichte.“

Für Kolar ist der Tunnel auch ein Stück Lebensgeschichte: Er wurde in dem Haus im Stadtteil Butmir geboren, in dem sich der Ausgang des Tunnels befand. Der Bau des unterirdischen Ganges begann 1993. Vier Monate lang wurde unter Artilleriebeschuss von zwei Seiten aus gegraben, das steigende Grundwasser mit Eimern herausgetragen und der Aushub an den Schützengräben verteilt. Dann stand die Lebensader der belagerten Stadt, 800 Meter lang und gerade 1,50 Meter hoch. In manchen Nächten durchquerten 4.000 Menschen die niedrige Passage, im oft knietiefen Wasser, sie liefen gebückt zwischen Ölleitungen und Starkstromkabeln.

Der Krieg ist noch immer allgegenwärtig in Bosnien

Das Haus im Stadtteil Butmir, in dem sich der Ausgang des Tunnels befand.  
Das Haus im Stadtteil Butmir, in dem sich der Ausgang des Tunnels befand.  

Edis Kolar war damals 17 Jahre alt und diente zusammen mit seinem Vater Bajro als Soldat in der bosnisch-muslimischen Armee. Die Erinnerung an diese Zeit wach zu halten, ist für ihn notwendig und schwierig zugleich. „Genau hier hat eine Granate neun Menschen getötet, die in den Tunnel wollten“, sagt Kolar und weist auf den Boden vor sich. „Alles war rot und voller Körperteile. Es fällt mir nicht leicht, den Touristen jeden Tag davon zu erzählen.“

Der Krieg ist auch 15 Jahre nach dem Friedensabkommen von Dayton (1995) in Bosnien allgegenwärtig. Zum Beispiel in Bildbänden, Videos und den Kugelschreibern aus Patronenhülsen, die neben traditionellem Kupfergeschirr in der Altstadt von Sarajevo feilgeboten werden. Doch offizielle Gedenkorte sind selten. „Sagen sie es Kolar nicht, aber ich glaube, er hat hier ein Monopol“, sagt der bosnische Jurastudent Senan, der davon lebt, Touristen zum Tunnelmuseum zu führen. Das Haus ist schwer zu finden. Nur ein Schild an Sarajevos Ausfallstraße verweist darauf, danach ist man auf Ortskundige angewiesen. „Das Museum fällt in den Zuständigkeitsbereich  des Kantons“, bescheidet die Sprecherin der Stadt Sarajevo auf Anfrage. Kolar zufolge hat man ihm dort finanzielle Mittel für das Museum verweigert. Er frage inzwischen nicht mehr nach.

Ein Museum auf eigene Kosten

Nach dem Krieg haben die Kolars zahlreiche Militärgegenstände und einen Rest des sonst eingestürzten Tunnels auf eigene Kosten als Museum erhalten. Inzwischen lebt die ganze Familie von den Touristen, verkauft selbst geschriebene Broschüren in mehreren Sprachen und Karten mit Frontstellungen. In ihrem Wohnhaus stellen sie die Militärausrüstung von damals aus: tarnfleckige Liegen auf Schienen und einen gepolsterten Stuhl, in dem Verwundete transportiert wurden. Edis Kolar hat den damaligen bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic darauf zweimal durch den Tunnel geschoben. Bildschirme, die überall an den Wänden angebracht sind, zeigen den Tunnelbau und die Belagerung der Stadt. Während des Rundgangs werden die Schussgeräusche von den Bildschirmen zu einem vertrauten Klangteppich.

In der Ausstellung hängen Bilder von Hollywoodstars, Botschaftern und Politikern, die das Museum besucht haben. Für bosnische Besucher ist der Eintritt frei. „Ich würde mich schämen, von ihnen Eintritt zu verlangen“, sagt Edis Kolar. „Es kommen sowieso wenige, die meisten möchten diese Zeit vergessen.“

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Die Autorin ist Korrespondentin von n-ost. Das Netzwerk besteht aus über 50 Journalisten in ganz Osteuropa und berichtet regelmäßig für deutschsprachige Medien aus erster Hand zu allen Themenbereichen. Ziel von n-ost ist es, die Wahrnehmung der Länder Mittel- und Osteuropas in der deutschsprachigen Öffentlichkeit zu verbessern. Weitere Informationen unter www.n-ost.de.

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