Überraschungs-Ei von Viktor JuschtschenkoUKRAINE

Überraschungs-Ei von Viktor Juschtschenko

Der scheidende ukrainische Präsident ernannte überraschend Stepan Bandera zum „Held der Ukraine“. In Russland wertet man den Schritt als letzte verzweifelte Attacke des abgewählten Politikers gegen Moskau, um noch einmal Aufmerksamkeit zu erregen.

Von Ulrich Heyden

A ie Ernennung des umstrittenen ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera zum „Held der Ukraine“ sei ein verzweifelter Versuch des ukrainischen Präsidenten Viktor Juschtschenko nach seiner Wahlniederlage noch einmal Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, meinten Moskauer Kommentatoren am Wochenende. Viktor Juschtschenko hatte bei den Präsidentschaftswahlen am 17. Januar nur etwas mehr als fünf Prozent der Stimmen bekommen. Parallel zu der Auszeichnung für Bandera kündigte Juschtschenko an, mit seiner Partei „Unsere Ukraine“, an den nächsten Kommunal- und Parlamentswahlen teilzunehmen.

Die von Janukowitsch geführte „Partei der Regionen“, die in der Ost- und Südukraine stark ist, verurteilte die Auszeichnung in einer Erklärung als „Schritt zur Spaltung des Landes“. In der Zentral- und Ostukraine wird Bandera abgelehnt, in der Westukraine hat der Nationalist jedoch bis heute viele Anhänger. In Lemberg steht ein Bandera-Denkmal. In Kiew gab es im Januar zum hundertsten Geburtstag von Bandera einen Fackelzug mit 2.000 Teilnehmern.

Moskau schweigt

Der Kreml hat die Auszeichnung bisher nicht kommentiert. Offenbar will man dem scheidenden Präsidenten Juschtschenko nicht unnötig Publizität verschaffen. Moskau ist schon zufrieden, dass unter den beiden Präsidentschaftskandidaten bei der Stichwahl am 7. Februar keine Bandera-Fans sind. Julia Timoschenko, die neben Janukowitsch kandidiert, meidet das Thema.

Die Ernennung von Bandera zum „Held der Ukraine“ ist der bisherige Höhepunkt der scharfen Attacken, die Viktor Juschtschenko gegen Moskau führt. So hatte der ukrainische Präsident die Hungersnot in der Ukraine in den 1930er Jahren als von Moskau gesteuerten Genozid gegen das ukrainische Volk bezeichnet. Russische Historiker hatten darauf hingewiesen, dass es in den 1930er Jahren auch in Südrussland und Kasachstan furchtbare Hungersnöte gab.

Bandera arbeitete mit der Wehrmacht zusammen

Wer ist nun Stepan Bandera? Der in der Familie eines griechisch-katholischen Priesters geborene Bandera leitete von 1941 bis zu seinem Tod im Jahre 1959 die Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN), welche mit Sabotage und Terroraktionen für einen unabhängigen ukrainischen Staat kämpfte. Der Terror richtete sich zunächst gegen Vertreter Polens, denn Lemberg und andere Städte der heutigen Westukraine gehörten bis 1939 zu Polen. 1934 wurde Bandera zum Tode verurteilt, weil er in die Ermordung des polnischen Ministerpräsidenten Bronislaw Pieracki verwickelt war. Die Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt.

Als die deutsche Wehrmacht die Sowjetunion angriff, hoffte Bandera mit Hilfe der Nazis einen unabhängigen ukrainischen Staat aufzubauen. Ukrainische Freiwillige wurden von der Wehrmacht in den Bataillonen Nachtigall und Roland rekrutiert. Als das Bataillon Nachtigall im Juni 1941 in Lemberg einrückte, beteiligte es sich an der Vernichtung der Juden in Lemberg, was durch zahlreiche Augenzeugen belegt ist.

Gefangen im KZ Sachsenhausen

Die OUN und die Nazis verband der Hass auf die Juden. In den Strategiepapieren der OUN werden die Juden als die „wichtigste Stütze Moskaus in der Ukraine“ bezeichnet. Am 30. Juni 1941 ließ Bandera einen unabhängigen ukrainischen Staat ausrufen, sehr zum Missfallen der deutschen Militärs. Im September 1941 wurde Bandera nach Berlin gebracht und dort inhaftiert. Von Anfang 1942 bis August 1944 war er Gefangener in einem Sondertrakt des Konzentrationslagers Sachsenhausen.  

Nach dem Ende des Krieges lebte der Chef der OUN in Westdeutschland. Doch der KGB war hinter ihm her, denn Mitglieder der OUN kämpften noch bis in die 1950er Jahre in der Westukraine gegen die sowjetische Macht. In München fiel Bandera dann im Oktober 1959 einem Aufsehen erregenden Mordanschlag zum Opfer. Der KGB-Agenten Bogdan Staschynskij spritzte ihm eine Blausäure-Lösung ins Gesicht. Angeblich war dieser Mord einer der letzten KGB-Aktionen zu gewaltsamen Beseitigung „unerwünschter Elemente“, wie der ehemalige KGB-Chef Wladimir Krjutschkow im Jahre 2005 erklärte.

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