Und ewig singen die SachsenEX-DDR

Und ewig singen die Sachsen

Viel war im letzten Jahr nach 20 Jahren der Mauerbeseitigung noch einmal von der alten DDR die Rede. Von ihren Gesängen eigentlich kaum. Und an jene ein Jahrzehnt vor dem Zusammenkrachen des Arbeiter- und Bauernstaates entstandene Sachsenhymne hat schon gar keiner mehr erinnert. Das wollen wir hier nachholen. Und auch gleich noch einiger weiterer sächsischer Hymnen gedenken.

Von Wolf Oschlies

D ie SED erstrebte „Weltniveau“, schaffte aber nur „Welt-Nitschewo“, höhnten die DDR-Bürger. Zweimal im Jahr gab ihnen die Leipziger Messer Recht, denn sie vermittelte Vergleiche, wie konkurrenzfähige Wirtschaft, kundenfreundlicher Service, moderne Produkte etc. auszusehen haben. Dass die Präsentation am ältesten Messestandort Deutschland ablief, war nur gerecht – dass sie eine Hommage an Talent und Findigkeit  der Sachsen war, nahmen die als verdienten Tribut hin.

Alljährlich gab Sender Leipzig unter dem Titel „aMESSEments“ diesem Selbstgefühl Ausdruck. Besonders nachdrücklich im Spätherbst 1979, zu Beginn der Herbstmesse. Damals landeten der Musiker Arndt Braus und der Texter Jürgen Hart einen ohrwurmigen Geniestreich mit dem Lied „Sing, Mei Sachse, sing“. Rückblickend schwer vorstellbar: Anfänglich war es eine zweistimmige Walzerfassung, der erst ein Schwenk zu schmissigem Marschtakt den Weg zum vermutlich „schlagendsten“ deutschen Schlager der Neuzeit öffnete

Ein Glasbläser und ein Volksschullehrer schufen das Werk

Der Glasbläser Bause, geboren 1936, und der Volksschullehrer Hart, Jahrgang 1942, hatten zu diesem Zeitpunkt längst ihren eigentlichen Talenten reüssiert. Bause schrieb seit 1962 attraktive Schlagermelodien, insgesamt weit über 1.300 – Hart gründete 1966 das Leipziger Kabarett „academixer“, das unter den über 400 Kabaretts der DDR bald zu den besten zählte. René Büttner, Chef der Plattenfirma „Amiga“, hatte Bause einige Texte von Hart zum Vertonen gegeben, darunter auch „Sing, mei Sachse, sing“. So begann die Karriere eines Liedes, von dem 600.000 Platten verkauft wurden – und wäre die lahme DDR-Plattenindustrie fixer gewesen, hätten es doppelt so viele sein können. Dennoch machte das Lied seine Schöpfer zu Millionären – D-Mark-Millionären wohlgemerkt! 

Bauses Musik ist wunderbar eingängig, dabei so einfach, dass selbst der bekennende Antisänger Hart sie nicht verhauen konnte. Wunderschön und widerhakig war dessen Text, in dem Hart genialische Ketzereien aneinander reihte. Schon „Sachsen“ zu apostrophieren, war ein Unding, da seit der Veraltungsreform von 1952 die alten deutschen Länder, darunter natürlich auch Sachsen, in der DDR durch 14 „Bezirke“ ersetzt worden waren. Die „Sachsen“ waren danach die „Bürger der Bezirke Dresden, Leipzig und Karl-Marx-Stadt“ (vormals und wieder Chemnitz).

In früheren Jahren hatte die SED mit unsinnigsten Experimenten und Kampagnen („Kader nach Norden“) die Menschen schrecklich durcheinander gewirbelt, was politisch, ökonomisch und sozial enorme Verluste einbrachte. Also legte man das Ruder herum, entdeckte ab der frühen 1970-er Jahre das „Territorium“ wieder und setzte fortan auf „Wohnortgebundenheit“ der Menschen – mit allen Attributen, von Heimatfest bis Dialekt. So kamen die alten Länder zu neuen Ehren, was auch in Harts Lied anklang.

Der Sachse liebt das Reisen sehr

Die klassischen Ländergrenzen waren weithin identisch mit den Abgrenzungen der „großlandschaftlichen Mundartenwörterbücher“, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts in Ostdeutschland bearbeitet wurden. Das „Wörterbuch der obersächsischen Mundarten“ war dabei besonders weit gefasst, denn es schloss ganz Sachsen und den größeren Teil von Sachsen-Anhalt ein. Die dortigen Sprachkonventionen galten als hässlich, aber erst Jürgen Hart machte der nichtsächsischen Welt klar, welche lexikalischen und phonetischen Reize das Sächsische aufweist:

„Der Sachse liebt das Reisen sehr. Nu nee, ni das in'n Gnochen;
drum fährt er gerne hin und her in sein'n drei Urlaubswochen.
Bis nunder nach Bulgarchen dud er die Welt beschnarchen.
Und sin de Goffer noch so schwer, und sin se voll, de Züche,
und isses Essen nich weit her: Des gennt er zur Genüche!
Der Sachse dud nich gnietschen, der Sachse singt 'n Liedschen!
Sing, mei Sachse, sing! Es ist en eichen Ding.
Und ooch a düchtches Glück um d'n Zauber der Musik.
Schon des gleenste Lied, des leecht sich off's Gemüt.
Und macht dich oochenblicklich
- Zufrieden, ruhig und glücklich!“

In DDR-Filmen spielten Sachsen grundsätzlich die Deppenrollen

Diesen Text muss man laut lesen, um ihn zu goutieren! Und dann noch ein paar Vokabeln pauken: „beschnarchen“ (beschnuppern), „gniedschen“ (meckern, klagen) etc. Und so eine schöne, ja poetische Sprache wurde in der DDR und damit in ganz Deutschland verachtet. Die Sachsen wehrten sich – gegen Ulbrichts Fistel-Sächsisch, gegen die reale Gefahr, dass dem rapide zerfallenden Leipzig der internationale Messestatuts aberkannt würde, gegen das  Gerede von „Sachsen als 5. Besatzungsmacht“, gegen den Usus, in DDR-Filmen Deppenrollen grundsätzlich mit Sachsen zu besetzen. Das störte Sachsen gewaltig, wie Jürgen Hart anklingen ließ:

„Der Sachse is der Welt bekannt als braver Erdenbircher,
und fährt er ringsum durch es Land, dann macht er geenen Ärcher.
Dann braucht er seine Ruhe und ausgelatschte Schuhe.
Doch gommt der Sachse nach Berlin, da gönn' se ihn nich leiden.
Da wolln s'ihm eene drieberziehn, da wolln se mit ihm streiten!
Und dud ma'n ooch verscheißern, sein Liedschen singt er eisern!
Sing, mei Sachse, sing . . .“

Als einer über den Dialekt lachte...

Er war das Hohelied der wiederentdeckten Liebe zu Heimat und Landsleuten, die herausgesungene Überwindung von geistiger und räumlicher DDR-Enge. Gerade darin steckte die heimliche Brisanz der „Sachsenhymne“, wie das Bause-Hart-Lied umgehend hieß, und die sie umfassend von vergleichbaren Vorgängern unterschied. Sächsische Trutzgesänge waren immer weise, wütend und witzig, ganz besonders einer des  Dresdeners Erich Kästner:

„Als einer über den Dialekt lachte

Ich habbs nicht gerne, wennse driewer lachn.
Da bin ich komisch, weil ichs gar nich bin.
Sie denkn bloß, mit uns, da kennses machn.
Kommse nur hin.

Wenn Sie da nur nich irchendwas verwechseln!
Daß Sie uns kenn' das is noch längst nich raus.
Sie denkn, daß wir Ihretwähjn sächseln!
So sehn Sie aus. 

Wir sinn nich so gemiedlich, wie wir schprechen.
Wir hamm, wenns sein muß, Dinnamit im Bluhd.
Da kennse Gift droff nähm, daß wir uns rächen!
Na, Ihr Gesichtde merkt sich ja ganz gud.
Wir wärn Ihn' schon noch mal de Knochen brechn.
Nur Muhd!“

Laut lesen, auch hier! Kästners klamaukiges „Sächsisches Sonett“ war im November 1982 Glanzpunkt des Programms „D’r Saggse – Mänsch und Miedos“, das den erzgemütlichen Academixer-Keller im Leipziger Zentrum vor Lachen beben ließ, dabei ob seiner Anti-Berlin- und Anti-Ulbricht-Witze so brisant ausfiel, das man die entsprechende Langspielplatte eigentlich nur in den DDR-„Kulturzentren“ von Warschau und Prag ergattern konnte.

Brillt, ihr Breißn, brillt

Sächsisch war plötzlich „in“. Mundartenklassiker wie Walter Appelt, Lene Voigt (1891-1962) und andere, seit Jahrzehnten vergessen, wurden von den Stars der Leipziger Kabarettszene wieder entdeckt, von Bernd-Lutz Lange, Gunter Böhnke, Gisela Oechelhaeuser etc. Selbst im so preußischen und anti-sächsischen Ost-Berlin wurde gesächselt, vor allem von Renate Holland-Moritz, beliebteste Filmkritikerin der DDR, die mit ihren witzigen Miniaturen „Die schwatzhaften Sachsen“ Triumphe auf Platte und in dem Satireblatt „Eulenspiegel“ feierte.
Bause-Hart hatten, im Unterschied zu anderen Sachsen-Fans, mit Ost-Berlin den Erzfeind der DDR-Bevölkerung namhaft gemacht. Und weil das manchen wohl noch zu zahm war, tauchte in Sachsen umgehend eine aggressive Neufassung von Harts Text auf:

„An Arroganz und Größenwahn
erkennste de Berliner,
doch wennst se mal in Hintern trittst,
gleich machen se en Diener.
Sie ham nisch auf der Blauze
und bloß ne große Schnauze.
(Refrain) Brillt, ihr Breißn, brillt,
bloß habt euch ni so wild,
denn euer Spree-Athen
kann nicht ohne uns bestehn.
Euer Dorf Berlin
könnte ihr so groß offziehn,
weil wir eich unterstützen,
regieren und beschützen.
Das meiste Gute, was ihr fresst,
dis kommt ja doch aus Sachsen,
weil in dem märk’schen Wiestensand
bloß Krippelkiefern wachsen.
Daß eich die Pol’n beneiden,
wolln wir gern Hgunger leiden.
(Refrain)
Da seid’r stolz off eire Spree,
die Schnelle und die Melle -
Nu, warum isse denn so helle?
In sachsen liescht de Quelle!
Wir müssen, kaum zu fassen,
für eich ooch Wasser lassen.
(Refrain)
Da breist’er eiren Fernsehturm,
als wär’ er dord gewachsen,
un woher stammt der Architekt?
Na, siehste wohl, aus Sachsen.
Er konnte Hochdeutsch reden,
drum hielt’ ihr’n für en Schweden.
(Refrain)
Ooch den Ballast der Republik
ham Sachsen hochgezogen,
denn was so ihr Berliner baut,
wird bröcklich un vereboochen.
Da sauft’r zu viel Weiße
und nachher baut’r Scheiße!
(Refrain)
Berlin soll unsre Hauptstadt sein?
Von uns aus! Aber gerne!
Wir sehn e Ministerium
ooch lieber aus der Ferne.
Und machen als ganz Kleene
ähm unsern Dreck alleene!
(Refrain). 

Texter Hart wusste: Sachsen machen gemeinhin keinen „Ärcher“, sind aber böse, wenn jemand ihnen „Ärcher“ macht: Am 18. Oktober 1813 wurde Napoleon in der Völkerschlacht von Leipzig geschlagen – am 18. Oktober 1989 trat SED-Chef Honecker zurück, zermürbt von wochenlangen Leipziger Montags-Demonstrationen. War alles das nicht schon in der „Sachsenhymne“ angeklungen? Die ganze „Dramaturgie“ des Leipziger Sommers und Herbstes 1989, vom Kirchentag im Juli bis zur Berliner Maueröffnung im November und darüber hinaus, zeigte zwei Momente. Zum einen, dass das 40 Jahre lang von der SED ökonomisch vernachlässigte, ökologisch devastierte und infrastrukturell zerstörte Leipzig jeden Grund hatte aufzubegehren: „Sachsen war einst ein blühendes Land!“ lautete ein hintergründiger Plakattext bei den Montags-Demonstrationen. Zum zweiten konnte nur „Leipzig Heldenstadt der DDR“ einen Proteststil demonstrieren, der umso wirkungsvoller war, als ihm jede gewaltsame Aggressivität abging.

Visafrai bis Hawai

Eines der erfolgreichsten Bücher zu Leipzig in der Wendezeit trug den vertrackten Titel „Leipziger Demontagebuch“, in dem sich die Wörter „Demo, Montag, Tagebuch und Demontage“ verbargen. In diesem wunderbaren Buch sind hundertfach die Losungen vermerkt, die bei den Montagsdemonstrationen artikuliert wurden und die oft eine geistige und/oder stilistische Verwandtschaft zur Sachsenhymne offenbarten: „Erich, lass die Faxen sein, hol die Perestrojka rein“, „Visafrei bis Hawai“, „Schnitzler weg von Bild und Ton – der besudelt die Nation“, „Rechtssicherheit ist die beste Staatssicherheit“, „Leipzigs Luft ohne Schwefelduft“, „Vorwärts zu neuen Rücktritten“, „Die Mauer beibt da, die baun wir ums ZK“, „Sächsische Perestojka – die Quelle ist Leipzig“, „Mir Sachsen sin friedlich/ das wern wir Eich zeigen/ drum tun wir auch zuhörn/ und nicht immer gleich geigen“, „Freistaat Sachsen und der Wohlstand wird wachsen“, „Nur solche Stadtväter – Leipzig wäre nicht 825 Jahre alt geworden“, „Wer hat Leipzig nach 1945 zerstört?“, „Berlin erscheint im neuen Glanz, in Sachsen zerfallen die Städte ganz“ - und so weiter, Montag für Montag neue Pointen im Stil von Harts Sachsentext. Wolfgang Schaller, langjähriger Chef des Dresdener Kabaretts „Herkuleskeule“, sagte einmal, dass die Menschen von vielen „Jahrhundertdichtern“ keine Zeile behalten haben, dass aber Jürgen Hart mit „Sing, mei Sachse, sing“ ein echtes und unvergängliches Volkslied geschrieben habe.
 
Jürgen Hart wurde im März 2002 mit dem sächsischen Verdienstorden geehrt. Im Oktober 2001 erkrankte er an Knochenkrebs, woran er am 9. April 2002 starb. Auf dem Leipziger Südfriedhof wurde er bestattet – an seinem „Wunschplatz“, neben dem Grab von Lene Voigt. Arndt Bause überlebte ihn um wenige Monate und verstarb am 13. Februar 2003. Hart hatte die  Wende von 1989 herbeigesehnt, weil sie (wie er mir einmal an der Bar des Academixer-Kellers sagte) das Ende der „Sklavensprache“ in der DDR-Kultur brachte.

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