Unruhen in Kondopoga - die Lunte am Pulverfass?RUSSLAND

Unruhen in Kondopoga - die Lunte am Pulverfass?

Tausend Kilometer nördlich von Moskau haben Russen und Kaukasier sich eine blutige Straßenschlacht geliefert. Läden gingen in Flammen auf und es gab zwei Tote. In der Teilrepublik Karelien, zu der Kondopoga gehört, fordern Menschen die Ausweisung aller Kaukasier. Sicherheitskräfte befürchten eine Ausbreitung der gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Russen und Kaukasiern auf andere Städte.

Von Ulrich Heyden

A nfang September war es in der karelischen Kleinstadt Kondopoga, 1.000 Kilometer nördlich von Moskau, zu einer Straßenschlacht zwischen Russen und Kaukasiern gekommen. Zwei Russen wurden getötet, mehrere Läden von Kaukasiern wurden angesteckt. Am Sonnabend forderten 1.000 Menschen auf einer Kundgebung „Kaukasier raus“. Obwohl in der Kleinstadt mit ihren 40.000 Einwohnern nachts jetzt eine Ausgangssperre gilt und 600 Polizisten die Innenstadt bewachen, hat sich die Situation noch nicht beruhigt. In der Nacht auf Mittwoch steckten Unbekannte eine Sportschule an. Dort war zeitweise eine Familie aus Mittelasien untergebracht. Der Brand konnte gelöscht werden. Am Dienstag forderten in Petrosawodsk, der Hauptstadt der russischen Teilrepublik Karelien, auf einer Kundgebung 200 Menschen die Ausweisung aller Kaukasier.

Kann der Funke aus Karelien auf weitere Städte überspringen?

Beobachter fürchten, der Funken aus Karelien könne auf weitere Städte überspringen. Gewalttätige Konflikte zwischen Russen und Kaukasiern gab es bereits im letzten Jahr in der Stadt Jandiki in der südrussischen Teilrepublik Kalmykien und in diesem Jahr in Salsk am Don.
Besorgt registrierten Beobachter, dass der Leiter der in Moskau ansässigen rechtsradikalen „Bewegung gegen illegale Immigration“, Aleksandr Below, extra zu den Unruhen in Kondopoga aus Moskau angereist war. Below erklärte, er habe den örtlichen „Aktivisten“ geraten, ihre Forderungen so zu formulieren, dass sie nicht im Widerspruch zum Gesetz stehen. Die Ausweisung aller Kaukasier sei mit dem Gesetz nicht vereinbar, wohl aber die Ausweisung „aus Sicherheitsgründen“.

Erst ging es bei dem Streit nur um Wodka

Angefangen hatte alles mit einem Streit in einer Bar von Kondopoga. Dort hatte nach Augenzeugenberichten eine Gruppe örtlich bekannter russischer Banditen gefeiert. Wie der stellvertretende Staatsanwalt Kareliens, Pjotr Klemeschow gegenüber der Zeitung „Kommersant“ erklärte, hätten sich drei Personen geweigert, ihren Wodka zu bezahlen. Der Barkeeper, ein Kaukasier, habe daraufhin mehrmals vergeblich nach der Polizei gerufen. Als die Sicherheitskräfte nicht eintrafen, rief der Barkeeper eine Gruppe Tschetschenen. Nach ihrem Eintreffen begann eine brutale Straßenschlacht, bei der zwei Russen – offenbar unbeteiligte Passanten – getötet wurden. Sechs Kaukasier wurden wegen Mordverdacht verhaftet. 30 Aufrührer, die Häuser von Kaukasiern angesteckt und andere Gewalttaten begangen hatten, wurden zu mehrtägigen Haftstrafen verurteilt. 30 kaukasische Familien aus Kondopoga wurden in ein Pionierlager evakuiert. Von offizieller Seite hieß es, man habe die Kaukasier aus „Sicherheitsgründen“ evakuiert.

Viel Verständnis für den „Volkszorn“

Der Gouverneur von Karelien, Sergej Katanandow, äußerte Verständnis für den „Volkszorn“ gegen die Kaukasier. Gegenüber der Zeitung „Kommersant“ erklärte der Gouverneur, „eine Gruppe von Vertretern eines anderen Volkes verhält sich frech und herausfordernd“. Diese Gruppe ignoriere „die Mentalität unseres Volkes.“ Die „aggressiv eingestellten“ kaukasischen Jugendlichen müsse man ausweisen. Sie würden die einheimische Bevölkerung demütigen, indem sie sich z.B. beim TÜV nicht in die Schlange stellen, sondern vordrängeln. Das vom Gouverneur Kareliens beklagte Verhalten ist in Russland jedoch nicht typisch für Kaukasier, sondern typisch für kriminelle Autoritäten, die gerade in Kleinstädten über viel Macht verfügen. Unter den kriminellen Autoritäten findet man sowohl Russen als auch Kaukasier.

Angespannte soziale Situation

Kondopoga ist eine typische russische Kleinstadt. Der einzige Arbeitgeber ist ein Holzverarbeitungsunternehmen. Der Markt ist unter Kontrolle zugereister Händler aus Aserbaidschan. In vielen Gebieten des Kaukasus herrscht eine Arbeitslosigkeit von über 80 Prozent. Nicht nur deshalb ist für Kaukasier die Ansiedlung in der russischen Provinz verlockend. In den russischen Provinzstädten gibt es auch nicht das in Großstädten wie Moskau und St. Petersburg übliche, aufwendige Registrierungsverfahren.

Die Russen sind auf Zugereiste nicht gut zu sprechen. Die russische Bevölkerung empfindet sie als Störenfriede in ihrer vertrauten Umgebung. Mit Misstrauen verhalten sich die Russen nicht nur gegenüber Kaukasiern und Asiaten, sondern auch gegenüber Russen, die lange in Mittelasien gelebt haben und von dort andere Sitten mitbringen.  Die Kaukasier – vor allem Aserbaidschaner und Georgier -  waren schon zu Sowjetzeiten als Gemüsehändler in Russland unterwegs. Als  die Marktwirtschaft kam, waren sie besser vorbereitet als viele Russen, die es gewohnt waren, dass sich der Staat um alles kümmert. 

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