„Versteckte Stimmen“ von Eckehard PistrickGELESEN

„Versteckte Stimmen“ von Eckehard Pistrick

Wer ein „normales Buch“ über Albaniens Sprache oder Kultur erwartet, wird sich wundern. Das merkt der geneigte Leser schon bei den ersten Zeilen: „Flugtag. Langeweile bis das blaue Band der Donau auftaucht. Dann Berge bis zum Horizont. In einem Talkessel Sarajevo- im satten Zementgrau – sich selbst belagernd. Ich beschließe Tagebuch zu schreiben. Links Albanien, rechts Nebel. Dann wie ein Wunder eine Ahnung von der Küste Italiens. Ein gelobtes Land.“

Von Hans Wagner

„Versteckte Stimmen“ von Eckehard Pistrick  
„Versteckte Stimmen“ von Eckehard Pistrick  

D er Stil bleibt sich gleich auf all den gerade mal 46 Seiten des Büchleins. „Frühstücksgespräch über Blutrache. Fahrt mit den Schwestern quer über die Ebene. Kontakt mit griechischer Landschildkröte.“ Oder: „Frühstückswanderung mit leerem Magen. Noch sind die Schatten lang genug, um die Moschee auf dem Felsgrat lebend zu erreichen.“

Aus Agia Maria berichtet der Autor am 15.09.2004: „Das ganze Gasthaus duftet nach Oregano. Eine kleine weiße Katze schläft, die Beine von sich gestreckt, im Schatten eines Holzklotzes.“

Waren Sie schon mal in einem Lokal, das vollkommen nach Oregano duftet? Na ja, wahrscheinlich waren die wenigsten bisher überhaupt in Albanien. Ich habe die Lektüre der Begebenheiten unter den Klängen der beigefügten CD mit den 19 Liedern darauf vorgenommen. Verstanden habe ich die Texte nicht – wer kann schon Albanisch – aber die Klänge mit den Titeln „Ich küsse deine Lippen sanft“ und „Improvisiertes Trinklied“, „Partisanenlied“ und „Totenklage“ haben einen durchaus albanischen Eindruck vermittelt. Irgendwie konnte ich mir diese Reise nahezu vorstellen.

Pistrick berichtet u. a. von der Besichtigung einer Raki-Destillerie und einer Taxifahrt. Letztere schildert er so: „Im Zickzack jagen wir über den steinigen Pfad ins Tal, euphorisiert von einer bis zum Anschlag aufgedrehten Klarinettenmusik. Die Melodien drehen sich und drehen sich, Der Taxifahrer zückt ein Fläschchen Raki, trinkt sie in einem Zug und wirft sie gegen seine Frontscheibe. Bin ich in einem Kusturica-Film? Aber alles ist echt.“

Mehrere Forschungsreisen haben den Autor und halleschen Musikethnologen Eckehard Pistrick in eine fremde, nahe Welt geführt: in die Berge Albaniens, wo in manchen Dörfern noch ein Teil alter mediterraner Musikkultur lebendig ist. Die zum Buch gehörende Musik-CD enthält Original-Aufnahmen des traditionellen mehrstimmigen Gesangs, der zum mündlich überlieferten UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

In seinem Buch zeigt Pistrick das menschliche Gesicht des Balkans, berichtet von der Suche nach alternden Sängern, Gastfreundschaft und ausschweifenden Hochzeiten unter Olivenbäumen. Gleichzeitig blickt er in das Kaleidoskop alltäglicher Absurditäten, die das langsame Sterben der albanischen Dorfkultur hervorbringt. So dokumentiert „Versteckte Stimmen“ das Verschwinden eines kulturellen Erbes, des polyphonen Singens.

Pistrick wurde 1980 in Quedlinburg/Harz geboren, studierte Musikwissenschaft, Geschichte und Kunstgeschichte an der Universität Halle. Seit 2004 unternimmt er Reisen wie die nach Albanien und musikethnologische Feldforschungen in Kambodscha, Albanien, Griechenland, Mazedonien und Bulgarien.

Wer mal schnell die noch bis zu einem gewissen Grad unverfälschte Welt einer Region in sein Wohnzimmer holen möchte, die knapp 1.000 Kilometer entfernt ist, weniger als Berchtesgaden von Flensburg, und die doch so unendlich fremd wirkt, der dürfte hier auf seine Kosten kommen.

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„Versteckte Stimmen“ von Eckehard Pistrick, edition deus, 2008, 46 Seiten, 18,00 Euro, erhältlich nur über den Verlag www.destinatio.de oder www.versteckte-stimmen.de.

Rezension

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