Vertreibung für LuxuswohnungenMOSKAU

Vertreibung für Luxuswohnungen

In den 2.000 Moskauer Wohnheimen, in denen Arbeiter aus der russischen Provinz, Studenten und Flüchtlinge untergebracht sind, geht die Angst um. Grundstücks-Makler wollen die Heime aufkaufen und in teure Immobilien umwandeln.

Von Ulrich Heyden

O leg Deripaska hat es weit gebracht. Der Student für Betriebswirtschaft handelte in den 90er Jahren an der Moskauer Rohstoffbörse mit Aluminium. Heute ist er mit einem Vermögen von 28 Milliarden Dollar Russlands reichster Mann.

Minisa Karamursina, Madina Kentscheschaowa und Rosa Chamsina sind etwa in dem Alter von Deripaska. Auch sie haben sich in den letzten 20 Jahren nicht auf die faule Haut gelegt. Doch reich geworden sind die drei Arbeiterinnen, die in Deripaskas Trjochgornaja Textilfabrik in Moskau arbeiten, nicht. Es reicht gerade, um die Familie zu ernähren. Der Lohn der Textilarbeiterinnen ist trotz Drei-Schichten-Betrieb kümmerlich. Eine Maschinen-Arbeiterin verdient 10.000 Rubel (270 Euro) im Monat. Das einzige Privileg, das die Frauen haben ist, dass sie mit 50 in Rente gehen können. In der Stoffproduktion gibt es viele chemische Dämpfe. Die Arbeit ist gesundheitsschädlich. Das Geld reicht zusammen mit dem Einkommen des Mannes gerade zum Leben. Für das Zimmer im Wohnheim zahlen Frauen 3.000 Rubel (80 Euro) Betriebskosten. 

Nun droht den Frauen der soziale Abstieg. Deripaska will die Textilfabrik in das Moskauer Umland verlagern und das dazugehörige Wohnheim der Textilarbeiterinnen in der Samorenowa Straße Nr. 15, wo 60 Menschen leben, räumen und verkaufen.

Leckerbissen in der Innenstadt

Für die Moskauer Immobilien-Firmen ist das spitzgiebelige Haus nicht weit vom Sitz der russischen Regierung im Zentrum der Hauptstadt ein Leckerbissen. Das im 19. Jahrhundert gebaute Haus soll offenbar modernisiert werden. Dann soll es als Wohn- oder Büroraum verkauft werden.  Ein Leckerbissen für Immobilienfirmen: Der Quadratmeterpreis im Zentrum liegt zurzeit bei 6.000 Dollar und mehr.

Nach Schätzungen der Stadtverwaltung gibt es in Moskau 2.000 Wohnheime. Dort leben 800.000 Fabrikarbeiter, Studenten und Flüchtlinge. Seit die Immobilienpreise in unermessliche Höhe schießen, ist das Schicksal der Bewohner ungewiss. Die Immobilienfirmen suchen nach immer neuen Objekten. Die Fabriken und Universitäten versuchen die Wohnheime jetzt auf dem freien Wohnungsmarkt abzustoßen, obwohl das gesetzlich nicht zugelassen ist.

Gewaltsame Vertreibung

Die Methoden, mit denen Wohnheime geräumt werden, sind oft brutal. Letzte Woche stürmten 100 Mitarbeiter der russischen Gefängnisverwaltung das Wohnheim der Fabrik „Smena“ in der Jasnyi Projesd-Straße im Nordosten Moskaus. Dort wohnen nicht nur Fabrikarbeiter sondern auch Flüchtlinge aus Abchasien und Baku, die Anfang der 90er Jahre nach Moskau gekommen sind. Unter Einsatz von Tränengas wurden 30 Personen aus den Wohnungen getrieben. Der Vorsitzende der liberalen Jabloko-Partei, Sergej Mitrochin, der den Einsatz miterlebte und selbst verletzt wurde, erklärte, alle Personen, die aus ihren Wohnungen vertrieben wurden, hätte eine Registrierung in Moskau und lebten sein mehreren Jahren in dem Wohnheim. Auf die Wohnungen der 30 Ausgewiesenen erheben Mitarbeiter der Moskauer Gefängnisverwaltung Anspruch. Nachdem die „Smena“-Fabrik pleite ging, wurde der Wohnraum in einer umstrittenen Gerichtsentscheidung der Moskauer Gefängnisverwaltung überschrieben.

Vor 20 Jahren nach Moskau gelockt

Vor über 20 Jahren wurden die Baschkirin Minisa Karamursina, die Tscherkessin Madina Kentscheschaowa und die Tatarin Rosa Chamsina zur Arbeit in der Trjochgornaja Textilfabrik angeworben. „Wir produzieren hochwertigen Baumwollstoff“, erzählt eine der Frauen. „Auf einer Ausstellung in Dresden haben wir eine Goldmedaille bekommen.“ In der Stoffproduktion kennen sie sich aus. Man produziert Tuch für Bettwäsche, ausgefallene Kleider, Unterwäsche und Uniformen. Die Frauen sind stolz auf ihre Maschinen – viele kommen aus Deutschland -, auf ihre Kenntnisse und die internationalen Auszeichnungen, die die Fabrik schon bekommen hat.

Vor 23 Jahren versprach man den Frauen, dass sie nach zehn Jahren Arbeit in der „Trjochgornaja Manufaktura“ eine eigene Wohnung bekommen. Doch auf die eigene Wohnung warten die Arbeiterinnen seitdem vergeblich. Noch schlimmer: Jetzt sollen sie in ein Wohnheim umgesiedelt werden, wo die sanitären Bedingungen noch schlechter sind als in der Samorenowa Straße Nr. 15. Hier gibt es auf jeder Etage ein Gemeinschaftsbad, in dem anderen Wohnheim müssen sich alle Bewohner ein Gemeinschaftsbad teilen. Die Frauen fürchten, dass sie mit dem Umzug in das andere Wohnheim ihre „Propiska“ – ihre Aufenthaltsgenehmigung für Moskau - verlieren und zurück in die Provinz müssen.

Heizen mit Backsteinen

Die Fabrik fährt eine Nadelstich-Taktik. Im November letzten Jahres ließ die Direktion plötzlich morgens um zehn, als alle auf der Arbeit waren, Wasser und Strom abstellen. Abends zündeten die Frauen Kerzen an und legten Backsteine auf den Gasherd. Mit denen heizten sie dann ihre Zimmer. Sie suchten Kontakt zu anderen Wohnheimen, denen das gleiche Schicksal droht. Zusammen mit „DOM“, der „Bewegung der Wohnheime in Moskau und Umgebung“, organisierten sie auf einer nahe gelegenen Hauptverkehrsstraße eine Blockade mit Transparenten. Die Öffentlichkeit reagiert mit Verständnis. Die regionalen Fernsehsender berichten wohlwollend. Als auch das noch nichts half, besetzten die Frauen das Büro des zuständigen Staatsanwaltes. Der Staatsanwalt ließ Wasser und Strom wieder anstellen. Den Strom bekommen die Bewohner des Hauses jedoch jetzt nicht mehr von der Fabrik, sondern aus einem Nachbarhaus, was dem Staat gehört. Dafür müssen die  Bewohner des von Räumung bedrohten Hauses mit einem gefährlichen Provisorium leben. Das Starkstromkabel, welches sie mit Strom versorgt, läuft vom Verteilerkasten über die Stufen im Treppenhaus direkt in die Wohnungen.

Kakophonie der Musik-Studenten

Doch bei den Wohnheimen gab es auch schon Erfolge. Im März wollte man die 500 Studenten des Gnesin-Musik-Instituts aus ihrem Wohnheim auf die Straße setzen. Die Studenten schlugen Krach. Sie veranstalteten ein Kakophonie-Konzert in der Innenstadt. Die Medien berichteten. Die Aussiedlung wurde bis zum Sommer ausgesetzt.  

Russland Wirtschaft

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